Mittwoch, 28. Juni 2017

Prinz William & Kate Middleton

Als der BBC-Moderator, der die Zuschauer zum Bericht des Senders über die Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton begrüsste, dem Publikum erklärte: "Sie werden sich für den Rest ihres Lebens daran erinnern, wo Sie an diesem Tag waren", brach das Auditorium von Süchtigen und Depressiven im Patientenzuschauerraum in einen Chor sarkastischen Gelächters und erfinderischer, an den Bildschirm gerichteter Beleidigungen und Beschimpfungen aus.

Tom Burgis
Der Fluch des Reichtums

Mittwoch, 21. Juni 2017

Die Macht der Psychotherapie im Neoliberalismus

"Macht und Psychotherapie in einem Atemzug zu nennen, erscheint möglicherweise abwegig", lautet der erste Satz in diesem Buch. Hoffentlich wird das jetzt nicht so etwas Übervorsichtiges, wo man sich auf alle Seiten absichert, denkt es so in mir. Schliesslich heisst es doch im Untertitel, dies sei eine Streitschrift! Ich muss zugegeben, dass ich mir darunter etwas Heftigeres vorgestellt hatte, als diese hoch differenzierte, akademische Auseinandersetzung mit den mir (weitestgehend) nicht zugänglichen Gedanken Michel Foucaults.

Angelika Grubner, geboren 1967, ist eine wissensdurstige Frau. Nicht nur ist sie Psychotherapeutin, diplomierte Sozialarbeiterin und akademische Referentin für feministische Bildung und Politik, darüberhinaus studiert sie derzeit an der Universität Wien auch noch Philosophie. Sie denkt also über ihre psychotherapeutische Tätigkeit hinaus, ist in grösseren Zusammenhängen unterwegs und steht den Bestrebungen, die Psychotherapie "als institutionalisierte Lösung sozialer Probleme insgesamt" zu installieren, skeptisch gegenüber.

Einmal, weil psychische Erkrankung und soziale Lage oft nicht voneinander zu trennen sind, dann aber auch, weil es eine beobachtbare Tendenz gibt, "eine soziale Notlage automatisch als persönliche zu verstehen, welche die Menschen dazu zwingt, sich mit ihrer psychischen Verfasstheit als auslösendes Moment oder Prädisposition ihrer Krise zu beschäftigen."

Unter Neoliberalismus versteht Angelika Grubner einen Kapitalismus ohne wohlfahrtsstaatliche Beschränkung, in dem alles einer marktorientierten Logik zu folgen hat, auch die Psychotherapie. Das zeigt sich bereits in der Art und Weise der Psychotherapie-Ausbildung, die nach Angebot und Nachfrage funktioniert und privat finanziert werden muss.

Neoliberalismus bedeutet eigentlich immer das Recht des von Gier und Selbstvermarktung angetriebenen Rücksichtslosen, verkauft wird uns das Ganze natürlich ganz anders, als individuelle Freiheit und Eigenverantwortung. Unsere Alltagssprache hat sich daran angepasst. "Mit einer Selbstverständlichkeit reden wir davon, dass wir uns 'gut verkaufen', möglichst gut 'präsentieren' und 'vermarkten' sollten. Auch in der psychotherapeutischen Sprache wird der neoliberale Jargon bemüht: 'Zahlt sich das für sie aus?' oder 'Welchen Preis müssen sie dafür zahlen?', 'Wo liegt da ihr Gewinn?', 'Welcher Nutzen ergibt sich aus diesem Tun?'".

Unsere Lebensbereiche sind nicht nur geprägt von der gewinnorientierten Marktlogik, wir haben sie verinnerlicht. "Deutlich ist dies im alltäglichen Sprachgebrauch, wenn wir davon sprechen, wie viel Gefühl in die eine oder andere Beziehung investiert wird."

Der Neoliberalismus stellt den Einzelnen in den Mittelpunkt, alles dreht sich um ihn: wenn es dem Einzelnen gut geht, geht es allen gut, so diese recht primitive Ideologie. Man denke etwa an Steuererleichterungen für die Reichen, die angeblich allen zugute kommen. Da stimmt zwar nachgewiesenermassen nicht, bestimmt aber nach wie vor den gesellschaftlichen Diskurs. Genauso wie Margaret Thatchers Überzeugung, dass es keine Gesellschaft gebe. Angelika Grubner kommentiert die gegenwärtige Lage so: "Da Einzelinteressen oder Bedürfnisse keine Schablonen eines gerechten, tugendhaften oder gar solidarischen gemeinschaftlichen Zusammenlebens kennen, ist umfangreiches Konfliktpotenzial evoziert."

Wir alle unterstehen der herrschenden Gesellschaftsrealität, wir tragen sie mit. Wer aus dem System fällt, wird wieder fit gemacht (oder versorgt) und auch die Psychotherapie hilft da mit, verhält sich also auch politisch und das meint hier: systemerhaltend. Wie es dazu hat kommen können, zeigt die Untersuchung von Angelika Grubner detailliert auf. Darüber hinaus weist sie auf Möglichkeiten hin, wie man sich aus der verinnerlichten neoliberalen Gehirnwäsche befreien könnte. Etwa mit einer Gegenerzählung, "die sich gegen die Verherrlichung des autonomen Subjekts wendet und stattdessen die ko-konstitutive Verstrickung von Subjekt und Gesellschaft hochhält – mit dem Ziel das wirkmächtige Individualitätspositiv der Gegenwart zu erschüttern." Oder, wie Ann Cvetkovich in Depression – a public feeling ausführt, indem man anfängt "to think about depression as a cultural and social phenomenon rather than a medical disease."

Solch hilfreicher Anregungen wegen lese ich Bücher.

Angelika Grubner
Die Macht der Psychotherapie im Neoliberalismus
Eine Streitschrift
Mandelbaum kritik & utopie, Wien 2017

Mittwoch, 14. Juni 2017

Principles before Personalities

Having written a biography of Bill — that is, Bill Wilson, one of the founders of A.A. — Ms. Cheever is in a position to say what the idea of anonymity was intended to do as few are. First and foremost, anonymity was meant to shield those struggling to become sober from the stigma of being an alcoholic, a stigma far more marked 75 years ago when there was little research on alcoholism as a medical condition over which its sufferers had little control.

These are the most common considerations when weighing the reasons for anonymity. But the second part of the ideal, spelled out in A.A.’s 12th Tradition, makes the case for observing anonymity within A.A. itself — and it’s worth noting that there’s little, if any, dissension on this subject.

Unlike the more practical 11th Tradition, aimed at the outer world, the 12th Tradition takes a crack at our far more problematic inner world. Stating (somewhat obliquely) that “anonymity is the spiritual foundation of all our traditions, ever reminding us to place principles before personalities,” it’s about cultivating the often overlooked idea of humility, an excellent means for quieting the now-me-more urges that bedevil addictive people more than their peers.

David Colman: Challenging the Second 'A' in A.A.
The New York Times, May 6, 2011

Mittwoch, 7. Juni 2017

Was uns bei der spirituellen Suche unterstützt

"Die meisten westlichen Menschen haben kein Interesse daran, als traditionelle Priester, Mönche oder Nonnen zu leben; doch viele von uns möchten das Leben in unserer Welt mit einer echten spirituellen Praxis verbinden. Dieses Buch handelt von dieser Möglichkeit", leitet Jack Kornfield seinen Klassiker Frag den Buddha und geh den Weg des Herzens ein.

Jack Kornfield trat nach dem Studium der Asienkunde in ein thailändisches Kloster ein. "Als ich ins Kloster ging, hatte ich gehofft, den Qualen meines Familienlebens und den Schwierigkeiten der Welt zu entkommen, aber natürlich folgten sie mir, wohin ich auch ging. Es dauerte viele Jahre, bis mir klar wurde, dass diese Schwierigkeiten Teil meiner Praxis waren."

Kornfield schlägt vor, unser Dasein als Test zu sehen. Oder anders gesagt: Mit einer Geisteshaltung der Bereitschaft zu Abenteuer und Forschung. Konkret: Unangenehme Erfahrungen gehören zum Leben. Wir können lernen, ihnen konstruktiv zu begegnen, wir brauchen nicht zu ihren Opfern zu werden. Folgende fünf Prinzipien können uns dabei helfen: Loslassen. Die Energie umwandeln. Bei Seite legen. In der Vorstellung ausagieren. Achtsam inszenieren.

Nehmen wir das Loslassen. Das klingt leichter als es ist, denn oft sind wir viel zu stark in etwas verstrickt beziehungsweise haften viel zu sehr an einer Geschichte. Es kann auch sein, dass wir etwas nicht mögen und es deshalb weghaben wollen, doch das ist Abwehr und kein Loslassen. "Nur wenn der Geist im Gleichgewicht und unser Herz von Mitgefühl erfüllt ist, ist echtes Loslassen möglich."
Und was macht man, wenn Geist und Herz von diesem Idealzustand weit entfernt sind? Eine sanftere Version versuchen, das Geschehenlassen. "Lassen Sie zu, dass das, was da ist, kommt und geht wie die Wellen des Meeres."

Frag den Buddha und geh den Weg des Herzens ist voller solcher Hinweise, Anregungen und Ermunterungen. Sie verspüren heftige Wut? Und Sie lassen sie zu, versuchen in sie hineinzuspüren, doch sie geht nicht weg, holt Sie immer wieder ein? Gehen Sie in den Wald und schreien Sie sie raus, hacken Sie Holz oder ziehen Sie sich Turnschuhe an und rennen los. Oder verdrängen Sie die Wut, unterdrücken Sie sie für den Moment, vielleicht ist es besser, sich zu einem späteren Zeitpunkt mit ihr zu befassen.

Anstatt der Wirklichkeit davonzulaufen, können wir lernen, uns mit ihr zu konfrontieren. Und das meint unter anderem, nicht vor unserer eigenen Gier, dem Gefühl von Wertlosigkeit und Grössenwahn davonzulaufen, sondern "uns unserer Langeweile, Ungeduld und Angst zu stellen", damit wir "in Berührung mit uns selbst" kommen.

Sein thailändischer Lehrer Achaan Cha hatte Jack Kornfield in jungen Jahren die Richtung vorgegeben. "Er bot eine Lebensweise, einen lebenslänglichen Pfad des Aufwachens, der Aufmerksamkeit, der Hingabe und der inneren Verpflichtung. Er bot ein Glück, das nicht von irgendwelchen der sich ständig verändernden Bedingungen der Welt abhängig war, sondern allein der eigenen mühsamen und bewussten inneren Verwandlung entsprang."

Der spirituelle Weg ist kein einfacher, er verlangt kontinuierliches Üben. Und dieses hört nie auf, für niemanden, auch nicht für Zen-Meister, was dieser Satz eines weisen Praktizierenden treffend auf den Punkt bringt: "Wenn du wirklich etwas über einen Zen-Meister erfahren willst, dann rede mit seiner Frau."

Frag den Buddha und geh den Weg des Herzens ist ein ungemein hilfreiches, ja, ein wertvolles Buch. Das liegt einmal an den vielen praktischen Ratschlägen, dann aber auch an den zahlreichen  Geschichten, die Jack Kornfield von sich selber und von anderen erzählt. Eine meiner liebsten handelt von Mullah Nasrudin und seiner frustrierenden Suche nach Vollkommenheit.

Ob er nie erwogen habe zu heiraten, wurde Nasrudin von einem Freund gefragt. Doch, doch, erwiderte dieser, vor Jahren habe er in Damaskus eine überaus schöne Frau getroffen, die jedoch keinerlei Sinn für das Spirituelle gehabt habe. Später dann sei er in Isfahan auf eine wiederum sehr schöne, zutiefst spirituelle Frau gestossen, doch bei ihr klappte es leider mit der Kommunikation nicht. "In Kairo schliesslich fand ich sie", erzählte er. "Sie war die ideale Frau, spirituell, reizvoll, gelassen im Umgang mit der Welt, einfach in jeder Himsicht vollkommen." "Ja, und hast du sie geheiratet?", fragte der Freund. "Nein", entgegnete der Mullah, "leider suchte sie den vollkommenen Mann."

Jack Kornfield
Frag den Buddha und geh den Weg des Herzens
Was uns bei der spirituellen Suche unterstützt
Kösel Verlag, München 2017