Mittwoch, 26. April 2017

Raymond Carver on Drinking

INTERVIEWER
Could you talk a little more about the drinking? So many writers, even if they're not alcoholics, drink so much.
CARVER
Probably not a whole lot more than any other group of professionals. You'd be surprised. Of course there's a mythology that goes along with the drinking, but I was never into that. I was into the drinking itself. I suppose I began to drink heavily after I'd realized that the things I'd wanted most in life for myself and my writing, and my wife and children, were simply not going to happen. It's strange. You never start out in life with the intention of becoming a bankrupt or an alcoholic or a cheat and a thief. Or a liar.
INTERVIEWER
And you were all those things?
CARVER
I was. I'm not any longer. Oh, I lie a little from time to time, like everyone else.
INTERVIEWER
How long since you quit drinking?
CARVER
June second, 1977. If you want the truth, I'm prouder of that, that I've quit drinking, than I am of anything in my life. I'm a recovered alcoholic. I'll always be an alcoholic, but I'm no longer a practicing alcoholic.

From: The Paris Review, Issue 88, Summer 1983

Mittwoch, 19. April 2017

Eine gewisse Balance finden

Die Depression hatte aus Jessica J. Lee einen Menschen gemacht, der sie nicht sein wollte: "entleert und verhärtet." Sie suchte einen Weg, um mit ihrer Verletzung zu leben. "Schwimmen wäre eine Möglichkeit, mit meinen Ängsten zu leben, meinen Alltag zu bestehen. Vor allem hoffte ich, eine gewisse Balance zu finden."

Sie ist streng mit sich, schämt sich für ihr mangelhaftes Deutsch, reagiert immer mal wieder unwirsch, ist ungehalten, ja, wütend über sich selber. "Ich war eine Planerin; der Plan bestimmte, was als Nächstes passierte." Kein Wunder, verliert sie ziemlich regelmässig ihr inneres Gleichgewicht.

Jessica stammt aus dem kanadischen Ontario, ist 28 und geschieden, als sie nach Berlin kommt, um an ihrer Dissertation zu schreiben. Sie will von all den Seen in Stadtnähe zweiundfünfzig durchschwimmen, einen pro Woche, zu jeder Jahreszeit. "Wenn ich arbeite, bin ich langsam und geistesabwesend, in einem anderen Land. Breche ich hingegen zu den Seen auf, bin ich ganz im Hier."

Dann lernt sie Jacob kennen, schwimmt mit ihm und entdeckt in sich "eine Art Wagemut, eine Furchtlosigkeit, nach der ich mich gesehnt hatte." Sie hat Angst vor dieser neuen Liebe, will die Selbstbestimmtheit, die sie nach ihrer Ehe gewonnen hat, nicht aufgeben. "Aber ich tat es. Und danach war ich wütend."

Mit Fahrrad, Zug und Theodor Fontane entdeckt sie das Berliner Umfeld. Und schwimmt schliesslich auch im Wannsee, denn so recht eigentlich hatte sie sich entlegenere und weniger bekannte Seen vorgenommen.

Man lernt Einiges übers Wasser in diesem "Tagebuch einer Schwimmerin". Etwa, dass es sich verändert, dass es sich überall anders anfühlt, dass es unterhalb des Eises die Temperatur von vier Grad hält und "kalt" nach wissenschaftlichen Standards unter elf Grad meint.

Fast noch mehr erfährt man jedoch von Jessicas Vergangenheit. Von ihrem Aufwachsen, von ihrer Ehe, von ihren Stimmungen. Eines Tages stösst sie in der Bibliothek auf einen Satz, den man in einer Studie über Pilze wohl kaum erwarten würde und der sie innehalten lässt: "Freiheit ist die Überwindung der Gespenster einer Spuklandschaft; sie vermag den Spuk nicht auszutreiben, sondern hilft, ihn zu überleben und mit Geschmeidigkeit zu überwinden", schreibt die Anthropologin Anna Tsing. Und Jessica notiert: "Vielleicht war es genau das. Jedes Mal, wenn ich an einen neuen Ort gezogen war, in ein neues Land oder in eine neue Stadt, hatte ich bald schon nur Vergangenes in der Gegenwart gefunden. Es gab eine Wahl: Ziehe weiter oder lerne, mit den Gespenstern zu leben."

Die mir liebste Szene ereignete sich am Gross Glienicker See. Es regnet leicht an diesem Tag, ausser ihr ist niemand am See. Der nasse Sand ist kalt und gibt unter ihren Füssen nach, sodass sie Abdrücke hinterlässt. Der Strand, wo sie steht, gehört zu Berlin, die andere Seite des Sees zu Brandenburg. "Etwas an diesem See, vielleicht die Klarheit des Wassers, vielleicht die Art, wie er so still und bescheiden daliegt am Rand der Stadt, gibt mir die Gewissheit, dass ich ihn liebe. Ich suche den Horizont nach Begründungen oder Zeichen ab, sehe aber nur das dichte Schilf am Ufer – goldene Glanzlichter vor mattbraunem Hintergrund – und das Grau des Wassers. Weder der Tag noch der Ort ist aussergewöhnlich, aber der See mit seinem stillen Ufer ist stoisch und löst so etwas wie Respekt in mir aus."

Jessica J. Lee
Mein Jahr im Wasser
Tagebuch einer Schwimmerin,
Berlin Verlag, München / Berlin 2017

Mittwoch, 12. April 2017

Alcoholism is a terrible disease

The grandfather of a thirteen-year-old boy I'd taken care of since he was a baby asked if he could talk to me before I saw his grandson.
"His mother hung herself last Friday."
The grandfather was bringing up the boy because the mother, whom I had never met, couldn't stop drinking.
"Was she ever able to get any sobriety? Was she ever able to take care of him?" I asked.
"Not really. It's probably a blessing for her that it's over." He never mentioned that the mother his grandson just lost was his daughter.
The boy was very small and said to be retarded because of fetal alcohol syndrome. As soon as I figure out what you should say to thirteen-year-old boy whose mother has just hung herself, I'll let you know.
"I'm sorry about your mom."
"......................................................."
"Alcoholism is a terrible disease."
"..........................................................."
"It's a terrible disease that killed your mother."
"Yeah Doc. That and the rope around her neck."

Prescribing a pill is far and away the quickest way to bring closure to a patient encounter. No prescription hangs in the air begging. Often the patient says, "So, are we done?"
I had no pills for the boy with the hung mother.

Mark Vonnegut, M.D.
Just Like Someone Without Mental Illness Just More So

Mittwoch, 5. April 2017

Kokainmeere

Thomas Fuller berichtete während zehn Jahren für die New York Times aus Südostasien. Zurück in Nordamerika dachte er immer mal wieder an diese Zeit zurück und fragte sich, was er als besonders typisch, ja, als geradezu die Region kennzeichnend empfunden hatte. Die Straflosigkeit. In Asien ist es nämlich oft kein Geheimnis, wer für illegale Abholzungen verantwortlich ist oder wer im Drogenhandel sein Geld macht. Liest man Ana Lilia Pérez' Kokainmeere. Die Wege des weltweiten Drogenhandel, hat man den Eindruck, dass das weltweit gilt.

Die mexikanische Journalistin hat eine beeindrückende Fülle von Informationen über den weltweiten Drogenhandel zusammengetragen. Da werden Schlüsselfiguren von Kartellen namentlich erwähnt, da werden grausamste Praktiken beschrieben, da werden Rauschgifthäfen benannt etc. etc.. Woher weiss die Frau das alles?

Weil ihr "Seeleute und andere Kenner der Materie Zugang zu ihren Kreisen verschafften. Weil sie gegen die omertà, die Schweigepflicht verstiessen, um die Öffentlichkeit wissen zu lassen, wie lang der Arm der Mafia tatsächlich ist." Auch vom Zoll, der Polizei und der Marine hat sie Informationen erhalten.

Kokainmeere. Die Wege des weltweiten Drogenhandels ist ein höchst aufschlussreiches Buch. Sicher, von Kolumbien und Mexiko hat in Sachen Rauschgift jeder (und jede) schon mal gehört. Von Panama ebenso. Doch von Costa Rica? Mit seinem Zugang zum Atlantik und zum Pazifik sei das Land "zu einem wichtigen Umschlagsplatz des weltweiten Drogenhandels geworden", schreibt Ana Lilia Pérez.

Mehr noch: Costa Rica ist offenbar auch "ein Paradies für Zuhälter. Man nennt das Land auch das 'Taiwan Amerikas', weil hier insbesondere der berüchtigte Kindersex-Tourismus blüht. Zu seinen Hauptkunden gehören neben Schweizern und Österreichern vor allem betagte US-Amerikaner, die sich die Reisekosten nach Taiwan sparen wollen."

Die grösste Nachfrage nach Kokain herrscht in den Vereinigten Staaten. An zweiter Stelle steht Brasilien, das gleichzeitig auch Produktionsland und Durchgangsstation ist. "Belém und Manaos, die stark von der Mafia unterwandert sind, spielen wegen ihrer geografischen Lage eine Schlüsselrolle für die Narco-Routen."

Die Drogenindustrie im Amazonasbecken wächst und wächst. Die Grossgrundbesitzer, die den Eingeborenen einst ihr Land raubten, sind heute auch die Rauschgiftbarone. "Erst sind die Fremden in Brasilien eingefallen und nun die Rauschgifthändler", sagt die Nonne und Theologin Mercedes de Budalles Diez.

In weiten Teilen des Amazonasgebiets ist der Fluss der einzige Verkehrsweg. Der Drogenschmuggel ist umso leichter, je mehr Schiffe unterwegs sind. "Meist sind es keine riesigen Mengen, doch sie werden überall versteckt, sogar unter den Bänken der Fahrgäste. Obwohl jeder Bescheid weiss, wird nur höchst selten etwas beschlagnahmt, denn wegen des hohen Schiffsaufkommens ist es unmöglich. alle Schiffe zu kontrollieren."

90 Prozent des globalen Warenaustausch erfolgt heutzutage per Schiff. über die Weltmeere. Die Kontrollen seien geradezu lax, meint Ana Lilia Pérez, was es den bestens organisierten Kartellen erlaube, mehr oder weniger ungehindert ihren Geschäften nachzugehen.

Das Drogengeschäft ist nicht nur eine Wachstumsbranche, sondern auch eine recht sichere Einnahmensquelle. Gewiss, den Anti-Drogen-Einheiten gelingen immer mal wieder spektakuläre Coups. Und ja, die auf Plünderung von Rauschgifttransporten spezialisierten Piraten sind alles andere als ungefährlich. Doch auf das grosse Ganze bezogen, sind das lediglich kleinere Betriebsunfälle.

Dem riesigen Drogengeschäft mit Polizeimassnahmen beizukommen, ist eine Illusion. Viel zu viele Menschen sind darin involviert, freiwillig oder durch Armut, Gewalt und Erpressung gezwungen. Solange Drogen nicht entkriminalisiert werden, wird sich daran nichts ändern.

Ana Lilia Pérez
Kokainmeere
Die Wege des weltweiten Drogenhandels
Pantheon Verlag, München 2016