Mittwoch, 22. November 2017

Eine Reise ins Leben

Ich gehe dieses Buch voreingenommen an. Einerseits kommt es mir vor, dass es zur Zeit gerade gar viele Bücher zum Thema 'Wie uns die Angst vor dem Tod zu leben lehrt' gibt, andererseits kann ich mir nicht recht vorstellen, was mir eine (im Vergleich zu meinen fortgeschrittenen Alter) noch recht junge (1981 geborene) Frau über das Leben und den Tod beibringen soll. Doch waren diese Bedenken bereits nach den ersten paar Seiten von Eine Reise ins Leben oder wie ich lernte, die Angst vor dem Tod zu überwinden wie weggeblasen. 

"Alle meine Lebensjahre hindurch habe ich gelernt, mir Dinge angeignet, mich weitergebildet, ich habe mich aufgerappelt, nach jedem Schicksalsschlag und jedem Schmerz, immer wieder, und das soll das Ergebnis sein? Der Tod? Nein, damit finde ich mich nicht ab. Ich kann nicht. Und das ist ein Problem. Ich kann nämlich nicht mehr schlafen. Ich kann mich nicht entspannen. Ich kann mich nicht loslassen."

Sie tut, was sie tun kann und beginnt, "sich mit dem eigenen Sterben zusammenzudenken." Sie besucht das Leichenschauhaus, den Vortrag eines Kriminalbiologen und setzt sich mit der Beerdigung von Helmut Schmidt auseinander. Sie tut, was Journalisten eben so tun – sie recherchiert. 

Dabei stösst sie auch auf die Top-Ten-Liste der gefragtesten Lieder bei Beerdigungen. 2015 stand 'Time  To Say Goodbye' von Sarah Brightman auf Platz 1 und 'Air Suite Nr. 3 von Johann Sebasian Bach auf Platz 10. Saskia Jungnikl kommentiert: "Ein paar davon kann ich nachvollziehen, so wie Bach, die meisten davon nicht. Ich finde ja 'Here comes the Sun' von George Harrison schön oder auch 'Happy days are here again' von Charles King. Doch beide höre ich lieber jetzt gleich und lebend, als zu wissen, dass sie dann alle anderen hören, während ich tot bin."

Da die meisten Menschen an einer Krankheit sterben, beschliesst Saskia Jungnikl etwas für ihre Gesundheit zu tun. Sie  geht ins Fitnesscenter und merkt, Sport kann gut tun. Auch überlegt sie sich, reich zu werden sowie einen Wohnortswechsel vorzunehmen, denn ihre Internet-Recherchen haben ergeben, dass Reiche länger leben und die Lebenserwartung geografisch variert.

Ich fühlte mich sofort in dieses mit viel Witz und Humor geschriebene Buch hineingezogen, doch so gelungen der Einstieg ist, die Autorin verliert sich leider bald und immer mal wieder, erzählt vom Geburtstag der Mutter auf der Rax, einem Berg in Österreich, von ihrer Heirat und vom Umziehen, gibt Tipps für Trauernde und äussert allerlei Allerweltsgedanken, die uns allen hin und wieder durch den Kopf gehen und nicht weiter bringen. "Die schönen und glücklichen Momente muss man sich selbst schaffen. Es gibt keine ausgleichende Gerechtigkeit, die sich von selbst einstellt."

Glücklicherweise findet sie immer wieder zurück, setzt sich mit Philosophen auseinander, zitiert Studien, sie sie alle ernst zu nehmen scheint, listet skurille Todesfälle auf, plädiert dafür, sich zu öffnen und über das zu reden, was einen wirklich beschäftigt und und und ... mir gefällt diese wunderbare vielfältige Mischung aus Banalem, Durchdachtem und manchmal wenig Durchdachtem. So zitiert sie etwa eine Studie der Mayo-Klink, gemäss welcher "vor allem die 65- bis 80-jährigen Teilnehmer von einem Intervalltraining profitiert hatten", woraus Saskia Jungnil schliesst: "In Sardinien etwa werden die Menschen auch deswegen so alt, weil sie in Bergdörfern oft auf und ab steigen müssen – Intervalltraining wie aus dem Lehrbuch." Anzufügen wäre: Im bolivianischen La Paz (Höhenlage zwischen 3 200 bis 4 100 Meter) ist das hingegen nur zu empfehlen, wenn man den Schwindel nicht scheut.

Eine Reise ins Leben oder wie ich lernte, die Angst vor dem Tod zu überwinden thematisiert auch, wie aus der Angst vor dem Tod ein Geschäft gemacht wird: "Die medizinische Überversorgung von Menschen am Lebensende ist ein Milliardenmarkt. Ein Drittel der Gesundheitskosten entsteht allein im letzten Lebensjahr. Ein Drittel!" Und überhaupt: "Wenn eine Gesellschaft das Altern als Krankheit versteht, wie soll sie dann gelassen und würdevoll altern?"

Meine persönlichen Highlights sind das Kapitel "Lebe", eine starke, intensive Schilderung vom Laufen, sowie diese ganz unspektakuläre Schilderung (bei der es nicht um den Champagner geht!), die schön illustriert, dass sich Zeit zu nehmen das wohl beste Mittel gegen die laufend weniger werdende Lebenszeit ist. "Ich nehme eine Flasche Champagner, die seit Monaten im Kühlschrank liegt, und mache sie auf. Ich habe keinen Anlass. Nur den Moment. Ich sitze auf der Couch, ohne Handy, ohne Fernsehen, ohne Buch oder Zeitschrift. Ich trinke und sitze und schmecke und spüre in mich hinein."

Saskia Jungnikl
Eine Reise ins Leben oder wie ich lernte, 
die Angst vor dem Tod zu überwinden 
Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2017

Mittwoch, 15. November 2017

Die Weisheit eines Yogi

Sadhguru, geboren im südindischen Mysore als Sohn eines Arztes und einer Hausfrau, war ein neugieriges Kind, das die Schule öde fand, und lieber auf eigene Faust die Welt erkundete. Und sich wohl nicht zuletzt deswegen zu einem sehr eigenständigen Denker entwickelt hat.

Die Frage nach dem Was und Warum hat ihn nie interessiert, ihn beschäftigte immer nur das Wie. Er lernte, "einfach ohne jedes Motiv hinzuschauen", eine Fähigkeit, die heute in der Welt fehlt. Und er begriff, dass wie er sein Leben leben wollte, in seiner Hand lag.

Ursprung und Basis jeder menschlichen Erfahrung liegt in unserem Inneren. "Jede menschliche Erfahrung ist zu hundert Prozent von uns selbst geschaffen." Und das bedeutet, das wir unser Schicksal selber gestalten.

Als ein Teilnehmer einer internationalen Konferenz über Armut auf der Erde, provokativ fragte: "Wieso versuchen wir überhaupt, solche Probleme zu lösen? Ist das nicht alles der göttliche Wille?" antwortete Sadhguri: "Tja, wenn jemand anders stirbt oder hungrig ist, muss es wohl der göttliche Wille sein. Aber wenn Ihr eigener Magen leer ist, wenn ihr eigenes Kind an Hunger stirbt, werden Sie doch etwas unternehmen, oder etwa nicht?"

Sadhguru ist praktisch unterwegs, theoretische Überlegungen hält er für wenig relevant, persönliche Verantwortlichkeit ist ihm zentral. "Bei Verantwortlichkeit geht es schlicht um deine Fähigkeit, bewusst zu reagieren. Wenn du beschliesst: 'Ich bin verantwortlich', dann besitzt du diese Fähigkeit; wenn du beschliesst: 'Ich bin nicht verantwortlich', dann besitzt du sie nicht."

Das ist nicht einfach eine Wort- oder Gedankenspielerei, das ist eine Realität, denn: "Sobald du dich verantwortlich fühlst, wirst du unweigerlich Möglichkeiten erkunden, mit der Situation umzugehen. Du wirst nach Lösungen suchen. Wenn du diese Haltung häufig einnimmst, verbessert sich kontinuierlich deine Fähigkeit, deine Lebenslage zu gestalten."

Jeder Mensch, so Sadhguru, lebe ständig in einem Zustand des Mangels. Nichts sei ihm genug, immer wolle er mehr. Sein wahres Bedürfnis sei jedoch grenzenlose Ausdehnung. "Die meisten Menschen sind sich der Natur ihrer Sehnsucht nicht bewusst. Wenn diese einen unbewussten Ausdruck annimmt, sprechen wir von Gier, Bestreben, Ehrgeiz. Findet unsere Sehnsucht hingegen einen bewussten Ausdruck, nennen wir das Yoga."

Im Yoga geht es um Selbstharmonisierung. Wie man diesen bewussten Weg der Selbstentdeckung und Selbstfindung geht, erläutert Sadhguru im zweiten Teil dieses Buches. Dabei stellt er auch Sadhanas (Übungen) vor, die ich wunderbar hilfreich finde. Hier ein Beispiel:

"Setze dich einige Minuten vor eine Pflanze, zum Beispiel einen Baum. Erinnere dich daran, dass du das einatmest, was er Baum ausatmet, und das ausatmest, was der Baum einamet. Auch wenn das keine bewusste Erfahrung darstellt, kannst du so eine geistige Verbindung zu diesem Baum herstellen. Du kannst das mehrmals täglich wiederholen. Nach einigen Tagen wirst du dich allmählich mit allem, was dich umgibt, auf eine neue Weise verbinden. Das wird nicht auf einen einzelnen Baum beschränkt sein."

Die Weisheit eines Yogi ist nicht nur ein eindrücklicher Augenöffner, sondern auch eine überzeugende praktische Anleitung für ein bewusstes und selbstbestimmtes Leben.

Sadhguru
Die Weisheit eines Yogi
Wie innere Veränderung wirklich möglich ist
O.W. Barth, München 2017

Mittwoch, 8. November 2017

Death of a Policeman

On Tuesday, 26 January 2010, one day before the opening of the World Economic Forum (WEF) in Davos, Switzerland, Markus Reinhardt, 61, the head of police of the Swiss canton of Graubünden and chief of security at the WEF, was found dead in his hotel room. He had killed himself with his service weapon.

Markus Reinhardt had had "an alcohol problem" for quite some years, his superiors knew about it. His direct boss, the director of the Department of Justice, Barbara Janom Steiner, stated during a press conference: "His alcohol problems never affected his work".

Now the media became active in their typical fashion.

The Tages-Anzeiger in Zurich interviewed Roberto Zalunardo, the Secretary General ad interim of the Association of Swiss Police Chiefs, who said that these chiefs are under a lot of pressure, that it is very lonely at the top and that they need of course to be able to deal with all that. The reader was left with the impression that the ones who were not able to deal with this kind of pressure might turn to alcohol.

Then, the Aargauer-Zeitung interviewed the former chief of police of the Canton Aargau, Léon Borer, who said that Reinhardt's "alcohol problem" had been known for several years and that "the man could have been saved". How this could have been accomplished, he did not elaborate on.

And then, on 19 February 2010, the Tages-Anzeiger ran a story that challenged the view of Reinhardt's boss, Janom Steiner, that his alcoholism had not affected his job performance by citing several incidences - he had shown up intoxicated at work, had driven his car under the influence of alcohol, he was involved in a car accident and had seen to it that there were no offical records etc. etc.

But let me stop here. For we all know this kind of story, don't we? The government officials give you their lines, some brave journalists make efforts to unmask what they perceive to be a cover-up, and sometimes the truth does prevail ...

For more, go here

Mittwoch, 1. November 2017

Der Natur und sich selbst begegnen

Amy Liptrot ist auf den Orkneyinseln aufgewachsen, einer vom Meer umtosten, windgepeitschten Inselgruppe im Norden von Schottland zwischen Nordsee und Atlantik. Der Hof der Eltern liegt auf der Hauptinsel, auf demselben Breitengrad wie Oslo und Sankt Petersburg. Der Vater leidet an Depressionen und landet zeitweise in der Psychiatrie, die Mutter rettet sich in den Glauben, sie selber flüchtet nach London und in den Alkohol. "Ich trank, bis ich wie tot vor mich hin stierte."

Ihr Trinken wird von Jahr zu Jahr schlimmer. "Das Trinken ergriff von mir Besitz. Während andere arbeiteten und auf Pubabende verzichteten, um die nächste Stufe hinaufzuklettern, leerte ich Bierdosen am Telefon und unterdrückte das Geräusch beim Öffnen, während ich von unerfüllten Ambitionen erzählte."

Sie unternimmt ernsthafte Versuche mit dem Trinken aufzuhören, jedes Mal hält sie etwa einen Monat durch. Schliesslich beschliesst sie, das Trockenwerden an die erste Stelle zu stellen. Sie gibt  ihren Job auf, geht zum Arzt und wird an die örtliche Drogenberatung weiterverwiesen. In der Therapie, die auf dem Programm der Zwölf Schritte der Anonymen Alkoholiker (AA) basiert, lernt sie unter anderem: "Ich werde meine Leben lang anfällig bleiben für Rückfälle und andere Formen von Sucht."

Das Entzugsprogramm ist hart, die wenigsten schaffen es. Sie lernt: Jedes Verlangen ist temporär, immer geht der Drang zu trinken vorüber. Die Gruppengespräche sind hilfreich. "Zu hören, wie Leute im Gefängnis gelebt hatten, in Krankenhäusern, unter fahrendem Volk, in Grossfamilien in Russland oder in Stepney Green zeigte mir Erfahrungswelten, die Lichtjahre entfernt waren von denen mediengesättigter Hochschulabsolventen und ihrem Genörgel auf Twitter."

Sie schafft den Entzug, doch das ist nicht das Ende, sondern erst der Anfang, denn wirklich schwierig ist es, trocken zu bleiben. Sie merkt, dass London nicht mehr richtig ist, sie geht zurück nach Orkney, dahin, wo sie sich nie zugehörig gefühlt hat – und wird wieder zum mürrischen Teenager. Doch sie trinkt nicht und weiss, dass jedes Mal, wenn sie darauf verzichtet, obwohl ihr danach ist, sie neue Nervenbahnen im Gehirn stärkt.

 Sie beschliesst, einen Winter auf Papay zu verbringen, einer der kleinsten bewohnten Inseln im äussersten Norden von Orkney, sechseinhalb Kilometer lang, gut anderthalb Kilometer breit, 70 Einwohner. "Es ist ein Trugschluss zu glauben, Insulaner könnten 'allem entfliehen': An einem so kleinen Ort müssen wir mit unseren Nachbarn mehr Kontakt pflegen als in der Stadt. Im Grossen und Ganzen kommen wir gut miteinander aus."

Die Nachrichten auf der Insel drehen sich ums Wetter, nicht um Politik. Auch wenn sie es gelegentlich vermisst, "zu sehen und gesehen zu werden, und das Gefühl, dicht am Zentrum des Geschehens zu sein", gibt es in Papay jeden Tag einen Moment, an dem ihr das Herz aufgeht. "Wenn ich mich umdrehe zum Beispiel, das Gesicht in den Nordwind halte und den Küstensaum betrachte, an dem ich gerade entlanggelaufen bin. Ich sehe Schwärme von Stärlingen, Hunderte einzelne Vögel, die sich zu fliessenden geometrischen Gebilden formieren und umformieren, um ihre Feinde auszturicksen, und einander folgen, um einen sicheren Platz für die Nacht zu finden."

Von einer Sucht zu genesen, bedeutet mit sich und seiner Umwelt ins Gleichgewicht zu kommen. Dafür ist innere Sammlung nötig und diese ist nicht für alle gleich, den einen helfen AA-Treffen, anderen Meditation und Amy Liptrot tut es vor allem gut, sich in der Natur zu bewegen (man kann das natürlich auch alles abwechselnd tun). "In Bewegung zu sein, beruhigt mich. Mein Körper ist beschäftigt und mein Geist frei."

Sie beginnt sich für Astronomie zu interessieren, geht nachts raus um Sterne zu gucken, lernt Dinge, die ihr gefallen, zum Beispiel, "dass sich peripheres Sehen am besten dazu eignet, in weite Ferne zu sehen – weil ein Gegenstand mitunter verschwindet, wenn man ihn direkt ansieht." Indem sie die Welt kennenlernt, lernt sie sich selber kennen. Es ist eine echte Bereicherung, an Amy Liptrots vielfältigen Entdeckungen teilhaben zu dürfen.

Sie setzt sich auch intensiv mit den Zwölf Schritten der AA auseinander, obwohl sie sich hauptsächlich auf ihre eigenen Therapieformen  Wandern und Schwimmen – verlässt. Sie weiss jetzt, dass Trinken keine Probleme löst und dass 'trocken zu werden' kein Moment ist, "nach dem alles besser wird, sondern ein andauernder, langsamer Prozess des Wiederaufbaus, mit regelmässigen Rückschritten, Schwankungen und Versuchungen." 

Sich dem Leben zu stellen, erfordert Mut. Nachtlichter ist ein höchst eindrückliches Dokument dieses Mutes.

Amy Liptrot
Nachtlichter
btb Verlag, München 2017

Mittwoch, 25. Oktober 2017

CLEAN: Sucht verstehen und überwinden

"Ein revolutionärer Erklärungsansatz und neue Chancen für die Therapie", verspricht der Untertitel von CLEAN: Sucht verstehen und überwinden und natürlich bin ich skeptisch, wenn der behauptete revolutionäre Erklärungsansatz dann auch noch auf der New York Times-Bestsellerliste landet, denn die New York Times und ihre Leser sind eher dem Bewahren (dem Establishment) und weniger der Revolution zuzurechnen.

Neugierig machte mich hingegen die Autorin, denn diese war früher selbst heroin- und kokainabhängig – und für Menschen, die ihre eigene Sucht zum Stillstand gebracht haben, habe ich ein offenes Ohr. Zudem: CLEAN: Sucht verstehen und überwinden erzählt nicht einfach die Geschichte von Maia Szalavitz, sondern berichtet auch von vielfältigen Erkenntnissen aus mehr als 25 Jahren Suchtforschung.

Wer versuche, Sucht präzise zu beschreiben, entdecke schnell, dass die meisten Erklärungen unwissenschaftlich seien, schreibt sie  mir selber ist solche Wissenschaftsgläubigkeit fremd. Maia Szalavitz versteht unter Sucht "ein fehlangepasstes Bewältigungsverhalten, das trotz andauernder negativer Folgen beibehalten wird" und führt aus: "Das Problem mit der heutigen Einstellung zur Sucht besteht darin, dass wir die Bedeutung des Lernens ignorieren und versuchen, die Sucht als medizinische Störung oder moralisches Versagen abzustempeln, obwohl das unpassend ist, und dass wir den runden Pflock ignorieren, den wir in das quadratische Loch getrieben haben."

Es ist beeindruckend, wie viel Wissen (nicht nur über Sucht, sondern über ganz viele seelische Schwierigkeiten) Maia Szalavitz zusammengetragen hat. So erfährt man unter anderem, dass es in Ungarn und Finnland mehr Depressive (inklusive hoher Suizidraten sowie viel Alkoholmissbrauch) gibt als anderswo, aus genetischen Gründen. Zudem ist ungemein berührend, wenn sie von ihrem eigenen Aufwachsen berichtet. "Das Wort 'intensiv' beschrieb nicht nur äusserst genau, wie ich die Welt wahrnahm; es war zudem eines der Adjektive, die andere am häufigsten benutzten, um mich oder mein Verhalten zu beschreiben. Als Teenager kämpfte ich ständig um mehr Lockerheit."

In den USA bildet das 12-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker (AA) den Kern der Therapie der meisten Drogenprogramme. Obwohl die 12-Schritte, die Maia Szalavitz als christliche Suchttherapie charakterisiert, ihr halfen, die ersten fünf Jahre ihrer Genesung durchzustehen, ist sie keine Befürworterin des Programms. "Es gefiel mir nicht, dass Menschen gezwungen wurden, 'ganz unten' zu landen, und dass Moral und Medizin vermischt wurden." Nun ja, die Lösung findet sich im AA-Spruch, den sie auch selber zitiert: "Nimm, was dir gefällt, und lass den Rest liegen."

CLEAN: Sucht verstehen und überwinden richtet sich hauptsächlich an nordamerikanische Leser, denn nur dort gibt es die institutionalisierte 12-Schritte-Therapie, zu der auch Straftäter von Richtern verdonnert werden können. Solcher Zwang dürfe weder Mittelpunkt des Entzugs noch Teil einer professionellen Behandlung sein, meint die Autorin. Recht hat sie, obwohl man sich fragen kann, weshalb denn Zwang einen so ausschliesslich schlechten Ruf hat  ohne inneren oder äusseren Druck (das verstehe ich unter Zwang) wird wohl kaum jemand sein Verhalten ändern.

Maia Szalavitz' Hochachtung vor Studien und Experten, die das ganze Buch durchzieht, finde ich befremdlich. "Niemand würde einem Gehirnchirurgen trauen, dessen einzige 'Ausbildung' darin bestand, dass ihm ein Tumor entfernt wurde. Ebenso dürfen wir nicht glauben, dass ein ehemaliger Süchtiger ein Experte ist." Derart Äpfel mit Birnen zu vermischen (eine Operation, die auch ausgeprägte handwerkliche Fähigkeiten verlangt, ist wohl kaum mit einem Beratungsgespräch zu vergleichen), ist schon recht abstrus, nicht zuletzt, da die Autorin selber mit Hilfe ehemaliger Süchtiger genesen ist. Auch scheint sie die Medizin für eine Wissenschaft zu halten, doch obwohl diese mit wissenschaftlichen Methoden arbeitet, ist sie es nicht (siehe auch: Gesetze der Medizin).

CLEAN: Sucht verstehen und überwinden wehrt sich gegen Stigmatisierung und plädiert für neurologische Vielfalt. Neurologische Unterschiede, die etwa zu Autismus oder anderen diagnostizierbaren 'Störungen' führen, verdienen genauso unseren Respekt wie alle anderen Unterschiede zwischen Menschen. "Wenn wir das Verlangen und den Drang, die bei Süchtigen fehlgeleitet werden, in die richtige Richtung lenken, sind die Ergebnisse erstaunlich."

Maia Szalavitz
CLEAN: Sucht verstehen und überwinden
Ein revolutionärer Erklärungsansatz
und neue Chancen für die Therapie
mvgverlag, München 2017.

Mittwoch, 18. Oktober 2017

"Heute setz ich mir den Todesschuss"

Sieberts haben einen Sohn, der ihnen Ehre macht, und einen, der für den Vater "auf deutsch gesagt: gestrauchelt ist". Als eine erträgliche Balance können Sieberts das nicht empfinden. Herr Siebert hat als Kabelverleger in Postschächten angefangen und wurde dann Beamter im Telegraphenamt.

Sein durch diese Steigerung angehobenes Selbstgefühl und das Behagen an seinem Ältesten, der Medizin studiert, sind versickert in dem Kummer um Manfred. Manfred, der Manni genannt wird und in den Erzählungen seiner Mutter "mein Jenner" heißt, ist heroinsüchtig.

Sieberts wohnen jetzt im Kadettenweg in Berlin-Lichterfelde. Aus der Afrikanischen Straße im Wedding sind sie weggezogen, weil sie sich wegen Manni schämten. Anfang der Siebziger, sagt der Vater, gab's ja noch kein Massensterben in den U-Bahn-Toiletten, da stand noch nicht der Tote des Tages in der BZ.

Manni, fanden seine Eltern, war als Schande einzig. "Herr Siebert", haben welche aus dem Haus gesagt, "so 'n Neubau hat Ohren, wie wär's denn mit Dämmplatten?" Der Manni, sagt Siebert, hat ja infernalisch kotzen müssen. Der ist laut gestorben; und damit er nicht wegmacht, haben wir die Feuerwehr gerufen. Und die Feuerwehr hat sich ihre Wichtigkeit auch nicht nehmen lassen. Die machte aus dem Retten eine Veranstaltung, welche Zuschauer anzieht, damit sie die vertreiben kann.

Wenn der Manni die Etagen runtergetragen wurde, waren die Wohnungstüren schon um jenen Spalt geöffnet, den das eingeklinkte zweite oder dritte Glied der Sicherungskette noch so diskret macht wie ein Astloch.

Einmal, als die Trage auf die Schiene des Feuerwehrwagens gesetzt wurde, schrie jemand aus einem unerleuchteten Parterrefenster: "Schade um jede Mark, die der Staat für deine Erhaltung ausgibt!"

Frau Siebert glaubte, die Katastrophe sei ihr auf die Stirn geschrieben. Sie fühlte sich immer zwischen einem Spalier aus Blicken. Sie geriet in einen Beziehungswahn, in dem jedes Wort, welches die Kassiererin von Bolle mit einer Kundin wechselte, von Manni handelte. Frau Siebert mied dann die angestammten Läden in den umliegenden Blocks. Für ein Brot fuhr sie schließlich zwei Stationen mit der U-Bahn.

Einer von Frau Sieberts Brüdern ist mit zwanzig in Rußland gefallen. Ihre Mutter habe dessen Sterben bildlich immer vor sich gehabt. Sie habe Jahre später plötzlich beim Sonntagskaffee noch geweint, weil sie den Jungen liegen sah. Damals sind aber viele so geendet, sagt Frau Siebert, das war ja Krieg für alle. Das waren Mütter von Soldaten, was für Frau Siebert ein schuldfreies Unglück ist. Es ist ein Unglück, mit dem Frau Siebert manchmal würde tauschen wollen, obwohl Manfred Siebert nicht gestorben ist, sondern über sieben Jahre dem Tod nur öfters nahe war.

Die Fortsetzung findet sich hier

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Innehalten

So recht eigentlich sagt der Titel "Innehalten" schon alles, denkt es so in mir, bevor ich das Buch überhaupt aufgeschlagen habe, und bin dann positiv überrascht, wie viel man dazu noch sagen kann.

Von Martin Heidegger habe ich einmal gelesen, dass er darüber gestaunt habe, dass es tatsächlich etwas gibt und nicht vielmehr nichts. Daran fühlte ich mich erinnert, als ich bei Fleur Sakura Wöss auf diese Sätze stiess: "... dass das Konkrete, Materielle, das, was ist, nur eine Seite darstellt. Das, was nicht ist, kann jedoch genauso wichtig, manchmal sogar wichtiger sein. Heute, in der Zeit des 'Alles ist möglich', sind wir an einem Punkt angelangt, an dem wir für unser Überleben dem Leeren und den Zwischenräumen unsere Aufmerksamkeit schenken sollten. Wir brauchen eine Revolution der Leere."

Warum können wir so schwer innehalten?, fragt die Autorin. Es ist dies keine abstrakte Frage, sie stellt sie sich selber, denn sie tanzt auf allen Hochzeiten, funktioniert, macht Karriere, ist vom selben Anerkennungsbedürfnis getrieben wie wir alle. "Ich konnte nicht mehr stehen bleiben. Irgendwo sind mir die Zischenräume abhanden gekommen, in denen ich Zeit gehabt hätte, mich zu fragen: 'Werde ich von meinen Bildern und Vorstellungen getrieben, und habe ich tatsächlich noch die Zügel in der Hand?'"

"Immer wieder innehalten: täglich, wöchentlich, jährlich, lebenslang" ist ein Kapitel überschreiben und das fasst so recht eigentlich zusammen, worum es in diesem Buch geht. Fleur Sakura Wöss führt diesen Gedanken an ganz vielen konkreten Beispielen aus. Die Anleitungen reichen von "Einmal um den Block gehen" über "Büro-Yoga" zu "Eine Woche 'Almhütte'", zu der sie notiert:

"Ich hatte kein Programm und keinen Plan, und doch hatte mein Tag eine Form. Ich sass im Schaukelstuhl und sah stundenlang in die Natur hinaus. Es entwickelte sich ein Gefühl des Bei-mir-Seins, des Im-Moment-Seins, einer tiefen inneren Stille, die durchwegs eine Art Meditation war – 24 Stunden lang. Aus dem Nichtstun hatte sich ein vollkommen anderes Lebensgefühl gebildet. Ich überliess mich völlig dem Moment und dem, was sich von selbst anbot."

Was Fleur Sakura Wöss hier beschreibt, ist so recht eigentlich das Gegenteil des hyper-aktiven Lebens, das unsere Zeit kennzeichnet. Keine Karriereziele sind hier gefragt, niemand muss wissen, wo er sich in fünf Jahren sieht, nur die Gegenwart gilt es zu erfahren.

Es geht nicht um Spektakuläres in diesem Buch, es geht um Alltägliches. Den wahren Rhythmus wiederzufinden, zum Beispiel, wozu gehört, Pausen zu machen. Doch was offensichtlich scheinen mag, ist vielen Menschen eben doch nicht wirklich klar. "Gerade Menschen in der Wirtschaft, die an Schaltstellen sitzen und für das (Arbeits-)Leben vieler Menschen verantwortlich sind, sollten zuerst ihr eigenes Leben in den Griff bekommen."

Das scheint mir allerdings etwas arg idealistisch gedacht. Sicher, das Coaching von Führungskräften ist in Mode und auch populär, doch Manager, die ihr eigenes Leben im Griff haben, funktionieren nicht mehr so gierig und rücksichtslos wie Manager im kapitalistischen System eben zu funktionieren haben. Zugespitzt gesagt: Zen zu üben (oder zu unterrichten), um des wirtschaftlichen Erfolges Willen, verkennt, worum es im Zen geht.

Nichtsdestotrotz: Innehalten ist ein gelungenes und hilfreiches Buch, reich an praktischen Hinweisen, die uns anleiten, gegenwärtiger und damit wesentlicher zu werden. 

Fleur Sakura Wöss
Innehalten
Zen üben, Atem holen, Kraft schöpfen
Kösel Verlag, München 2017.

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Eine gleichgültige Gegenwart ertragen

Gewiß, du hast recht, Bester, der Schmerzen wären minder unter den Menschen, wenn sie nicht – Gott weiß, warum sie so gemacht sind! – mit so viel Emsigkeit der Einbildungskraft sich beschäftigten, die Erinnerungen des vergangenen Übels zurückzurufen, eher als eine gleichgültige Gegenwart zu ertragen.
Johann Wolfgang von Goethe
Die Leiden des jungen Werther 

Mittwoch, 27. September 2017

Niemand ändert sich freiwillig

Die Leser, die dieses Buch (Hans Durrer: Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung, Neobooks 2017) als Philippika gegen betreutes Denken begreifen, verstehen den Text richtig. Es könnte den Untertitel tragen ‚Diätetik der Sinnerwartung‘, was dem Anliegen des Autors sehr wohl entspräche, denn es geht ihm um eines: begreiflich zu machen, dass der Mensch, wenn er sich nicht endlich zum Nachdenken über die Um- und Missstände in seiner Vita aufrafft, er sich immer und immer wieder selbst ein Bein stellt, stolpert oder hinschlägt.

Dass es Durrer in aller Authentizität gelingt, dies zu verdeutlichen, liegt daran, dass die Form des elektronischen Publizierens gottlob etwas ausschaltet, nämlich das selbstverliebte lektorale Hineinredigieren in Autorentexte, die, entweder dem eigenen Weltbild diametral sind oder Dinge zur Sprache bringen, die Verlagsvorgaben nicht verantworten zu können glauben. Solche subtile Form der Zensur ist gang und gäbe, weshalb die ‚political correctness‘ immer weiter ausufert und vom Massenkonsumenten nicht einmal mehr bemerkt wird. Inwieweit dies ‚diplomierte Experten für die Seele‘ (S.23) infiziert hat, dürfte jeder Ratsuchende dann erfahren, wenn ihm verbale Injektionen verabreicht werden, die eine Einstellungsänderung bewirken sollen. Überhaupt dieses diplomierte Herumexperimentieren, welches auf der seelisch einfachen Wirkung beruht, nämlich der der Unterordnung des Probanden:‚Paradoxerweise erwarten wir von denen die Erlösung, die von unserem Gehorsam am meisten profitieren‘ meint Durrer auf Seite 51 und deutet damit auf die Angst vor Sanktionen hin. Recht hat er! Im Kontext mit dem, was er aus seiner Lebens- und Berufserfahrung im Umgang mit der fatalen Influenz von manifesten oder volatilen Süchten herleitet, stellt sich diese Unterordnung ebenfalls als eine Form der Sucht dar: der Sucht nach Gefallenwollen und einer Anleitung zum Ausweg aus einem seelischen Dilemma. Sei es das diffuse Leiden an der Welt, früher Weltschmerz genannt, oder ein ganz konkretes, gegenwärtiges Drama - egal wie, es nagt an den seelischen und körperlichen Kräften.

Durrer zeichnet die Situation folgerichtig so: ‚Niemand ändert sich freiwillig, denn das würde bedeuten, ein anderer Mensch zu werden. Und niemand will ein anderer Mensch werden, es sei denn, er muss‘ (Seite 6). Und darin liegt das große Pré seines Buches: Es leitet an, sich selbst zu akzeptieren, basierend auf der Erkenntnis, eine hilfreiche Hand auch zu ergreifen und nicht aus Angst vor dem eigenen Scheitern zurückzuweisen. In unprätentiöser Sprache aufbereitet und dem Leser ohne erhobenen Zeigefinger nahegebracht, wird dies zur echten Hilfestellung. Auch wenn der Autor es nicht wahrhaben sollte: Ihm ist ein Ratgeber geglückt, der dem Menschen Beine macht, so dieser in die richtige Richtung laufen lernen will, und der ihn dabei nicht als unwissenden Dummkopf dastehen lässt. Auch wenn es streckenweise mit vielen Zitaten eher essayistisch zugeht, so bleibt sein Grundanliegen doch unangetastet. Gut so!

J. Michael Baerwald
www.deutscher-buchmarkt.de

Mittwoch, 20. September 2017

Die grossen Kränkungen des menschlichen Grössenwahns

Schopenhauer hat die grossen Kränkungen des menschlichen Grössenwahns zusammen- und zu Ende gedacht.

Die kosmologische Kränkung: Unsere Welt ist eine der zahllosen Kugeln im unendlichen Raum, auf dem ein"Schimmelüberzug lebender und erkennender Wesen" existiert.

Die biologische Kränkung: Der Mensch ist ein Tier, bei dem die Intelligenz lediglich den Mangel an Instinkten und die mangelhafte organische Einpassung in die Lebenswelt kompensieren muss.

Die psychologische Kränkung: Unser bewusstes Ich ist nicht Herr im eigenen Hause.

Rüdiger Safranski
Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie

Mittwoch, 13. September 2017

Addicts are absolutists

Addicts – and I include alcoholics in the term – are absolutists. It's all-or-nothing with them. Indeed, their principal flaw is their inability to cope with a world that refuses to comply  with the picture of order or perfection toward which we basically all aspire. For an addict, it's Eden or nothing.

Lee Stringer: Grand Central Winter

Mittwoch, 6. September 2017

Mit dem Rauchen aufhören

Mit dem Rauchen aufhören, wie geht das?

„Ganz einfach so. Sie, Kriminalkommissarin Bettina Boll, hatte gedankenlos eine Kippe nach der anderen geplotzt, seit sie zwölf war, denn da waren ihre Eltern gestorben. Jetzt rauchte sie nicht mehr. Das war alles. Einen Entschluss dazu hatte sie nicht gefasst. Es war nur einfach nicht mehr notwendig.“

Monika Geier: Alles so hell da vorn

Mittwoch, 30. August 2017

Was ist die "Seele"?

Wie schreibt man über etwas, das man weder sehen noch hören, weder anfassen noch riechen kann? Der übliche Weg ist der in die Geschichte (Was meinten die alten Ägypter dazu?), fast genauso gängig ist es, gelehrte Zeitgenossen heranzuziehen. Psychiatrieprofessor Achim Haug, ein breit gebildeter Mann, der Jean Paul, Platon und andere mehr anführt, äussert sich zur Frage: "Was also ist die Seele?", wie folgt: "Auch in diesem Buch werden wir diese Grundsatzfrage nicht endgültig klären können. Wir werden uns ihr aber nähern, indem wir uns mit den Auswirkungen der Seele, insbesondere ihren Störungen beschäftigen."

Was also ist eine Störung? Oder eine Krankheit? Oder einfach nur ein Problem? Aber Probleme sind doch normal, jedenfalls die meisten, oder etwa doch nicht? Klar definierbare Antworten gibt es dazu nicht, doch es gibt Annäherungen, intelligentere und weniger intelligentere. Es hilft, wenn man auch den Zeitgeist und die kulturellen Verhältnisse mit einbezieht, denn was einstmals als krank (etwa die Homosexualität) gegolten hat, gilt heutzutage (jedenfalls in einigen Kulturen und  Gesellschaftsschichten) als normal.

Die heutige Psychiatrie geht davon aus, dass es sich "bei so gut wie allen psychischen Erkrankungen" um komplexe Zusammenhänge handelt, "also nicht nur eine identifizierbare Ursache vorliegt." So recht eigentlich würde das einem ja auch der gesunde Menschenverstand nahelegen. Wie auch diese Erkenntnis: "Patienten müssen ihre Belastungs- und Schutzfaktoren kennen lernen, die Belastungen in ihrem Leben so gut wie möglich vermindern und die Schutzfaktoren gleichzeitig systematisch stärken." 

Am Ergiebigsten ist Das kleine Buch von der Seele, wenn der Autor Beispiele aus seiner Praxis anführt. Da erfährt man Konkretes und Nützliches über ganz unterschiedliche psychische Erkrankungen wie etwa Schizophrenie, Depression, Manie, Angst-, Zwangs- und Belastungsstörungen, Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Persönlichkeitsstörungen.

 Erläutert wird auch, was es mit dem Vulnerabilitäts-Stress-Coping-Modell auf sich hat, "mit dem den Betroffenen die Entstehung von psychischen Krankheiten sehr einleuchtend erklärt werden kann" und was mit Patienten in psychiatrischen Kliniken geschieht. Bewusst wird einem dabei unter anderem, dass Psychiater (das Wissen um die Wirkungen und Nebenwirkungen der Medikamente ausgenommen) auch nur mit Wasser kochen. 

Professor Haug sieht das dezidiert anders und trommelt in eigener Sache – als "Experte für die Seele" wird er im Klappentext vorgestellt. "Die Einstellung, jeder gute Mensch könne doch ein wenig helfend mitmischen, möchte ich Ihnen gerne gründlich austreiben." Bei mir ist ihm das zwar nicht so ganz gelungen, denn einiges für das Seelenheil Grundlegende, an dem sich jede Therapie orientieren sollte, ist neugierigen, reflektierenden und empathischen Menschen auch ohne psychiatrische Fachkenntnisse geläufig. "Zwei Prinzipien können wir also formulieren, die in ihrem Zusammenspiel grundlegende Lebensprinzipien sind. Die ständige Bewegung alles Lebendigen und die ständige Bemühung um ein Gleichgewicht der Kräfte."

Aufgeklärt wird man zudem über die psychotherapeutische Behandlung. "Alle drei von mir hier kurz beschriebenen Theorien – Psychoanalyse, Verhaltenstherapie und Systemtherapie – sind jede für sich überzeugend und, was noch viel wichtiger ist, in der Praxis immer wieder erfolgreich." Da, wie bereits erwähnt, bei psychischen Erkrankungen meist komplexe Zusammenhänge vorliegen, erstaunt eine solch eindeutige Erfolgsmeldung.

Das kleine Buch von der Seele regt auch immer wieder zum Schmunzeln an. Etwa wenn der Autor der unpräzisen Medizin das Präzisionshandwerk Psychiatrie gegenüberstellt, wobei die Darstellung der nicht exakten Körpermedizin weit ausführlicher und exakter ausfällt als die eher allgemeinen Ausführungen zur präzisen Psychiatrie. Oder wenn er darauf aufmerksam macht, dass die Vorgängerin der heute allgegenwärtigen Evidenz-basierten Diagnostik die Eminenz-basierte Diagnostik war. "Natürlich ist das verkürzt, denn die Diagnosen meines Chefs haben auch auf Fakten beruht und waren sicher nicht seltener richtig als heute."

Achim Haug ist es darum zu tun, negative Vorurteile über psychisch Kranke zu relativieren. Das ist ihm gelungen. Das kleine Buch von der Seele ist eine differenzierte, höchst ausgewogene, gut geschriebene und lehrreiche Lektüre.

Achim Haug
Das kleine Buch von der Seele
Ein Reiseführer durch unsere Psyche und ihre Erkrankungen
C.H.Beck, München 2017

Mittwoch, 23. August 2017

Mindfulness-Based Cognitive Therapy (MBCT)

The idea is you focus on one of your senses; listening, seeing, tasting, smelling, touching or breathing, and when your mind wanders, which all minds do, you notice where your mind has gone and then, without any criticism, take or escort your focus back to one of the senses. When you give your full attention to any of these, your autopilot switches off, your mind stops ricocheting from past to future because you don't have to think about a sense, you just experience it. If you pay close attention to what you're immediately experiencing, you're right there in the present; the mind-wandering mode switches off. The brain of someone who is totally focused on one point (someone who has practised mindfulness even for a few days) has lowered amygdala activity (fear button is 'off'), he also has a steady heartbeat and normal blood pressure. He is in a state of well-being.

Ruby Wax: Sane New World

Mittwoch, 16. August 2017

Mit Achtsamkeit gegen die Sucht

"Die Buddhisten gehen davon aus, dass der menschliche Geist, das Gehirn, falsch eingestellt ist – etwa so wie ein Uhrwerk, das zu schnell oder zu langsam läuft. Egal wie vernünftig oder geistig fit wir sind: Wir beschäftigen uns viel zu viel mit unserer gesellschaftlichen oder beruflichen Stellung, mit Gedanken an Krankheit und Alter, verzehren uns nach allen möglichen materiellen Dingen oder ärgern uns über unsere Fehler und Schwächen oder die anderer Leute", schreibt der englische Wissenschaftsjournalist James Kingsland in Die Hirnforschung auf Buddhas Spuren. Wie Meditation das Gehirn und das Leben verändert.

Doch was tut man, wenn einen das nicht befriedigt, man da raus will? Zuallerst gilt es, zuzugegeben, dass der Satz "Das Leben ist kein Ponyhof und am Ende bist du tot", nicht nur stimmt, sondern wahr ist. Solch illusionslose Grundehrlichkeit befreit, denn es sind die Illusionen, die uns gefangen nehmen.

Dass das Gehirn formbar ist, ist für Neurowissenschaftler heute ein Gemeinplatz – ihre Forschungen haben bestätigt, was meditierende Buddhisten schon lange wussten. Man spricht von der Plastizität des Gehirns und das meint die Fähigkeit des Gehirns "sich durch Lernprozesse, Erfahrungen und den Erwerb neuer Fähigkeiten immer wieder neu zu vernetzen und seine Strukturen umzugestalten." Anders gesagt: Wer glücklich sein will, kann das lernen.

Charakteristisch für den Menschen ist sein zerstreutes Gehirn. Auch wenn wir uns auf sogenannt Wichtiges zu konzentrieren versuchen, schweifen unsere Gedanken oft ab. Eine Studie von Psychologen der Harvard University ergab, "dass sich erstaunliche 47 Prozent bei dem, was sie gerade tun, ablenken lassen – mit einer einzigen Ausnahme: Beim Sex beträgt die Ablenkungsrate lediglich 10 Prozent."

Solche Ablenkungen tragen dazu bei, dass wir uns unzufrieden fühlen. Anders gesagt: Zerstreuung ist die Ursache für Unglücklichsein. Regelmässiges Meditieren sowie das Einhalten einer strikten Verhaltens- und Denkdisziplin können dem entgegenwirken und dem Wohlbefinden förderlich sein.

Besonders einleuchtend fand ich James Kingslands Ausführungen zum Achtsamkeitstraining, bei dem es wesentlich darum geht, die Menschen neugierig zu machen. So sollen Drogensüchtige ihre Neugier darauf richten, wie sich Sucht und Gier anfühlen. "Dieser Wechsel der Betrachtungsweise, die Dinge nicht mehr 'persönlich zu nehmen', sondern sie leidenschaftslos zu betrachten und sich nicht davon vereinnahmen zu lassen, ist das Grundlegende am Achtsamkeitstraining."

Vom Zerstreuungsmodus in den Achtsamkeitsmodus zu wechseln (und damit stress- und angstfreier zu leben), lässt sich üben. Vielfältige Anregungen dazu finden sich in diesem gut geschriebenen und informativen Buch, das nicht zuletzt überzeugend aufzeigt, dass je realistischer und nüchterner man die Welt wahrzunehmen bereit ist, desto eher das Leben gelingen kann.

James Kingsland
Die Hirnforschung auf Buddhas Spuren. 
Wie Meditation das Gehirn und das Leben verändert
Beltz Verlag, Weinheim Basel 2017

Mittwoch, 9. August 2017

Say how we really feel

I do know that we all want to be happy and we spend a great deal of our lives hunting for the key. No matter how powerful or successful we get, we still can't figure out how to deal with a mind that keeps us up at night, driving us to exhaustion. This isn't just for those who are considered mad, it's for all of us. I wish we could just come out and say how we really feel; I know I'd be so relieved.

Ruby Wax: Sane New World

Mittwoch, 2. August 2017

Ich atme ein, ich atme aus

Es gibt Bücher, die kann man schlecht besprechen. Im Sinne von kritisch würdigen, meine ich. Jedenfalls geht es mir so. Doch man kann solche Bücher vorstellen. Vor allem, wenn sie einem gefallen. Und das möchte ich hier mit Danny Penmans Ich atme ein, ich atme aus tun.

So recht eigentlich sagen der Titel Ich atme ein, ich atme aus und der Untertitel Das Geheimnis der Achtsamkeit schon ziemlich alles, dachte es so in mir, als ich den Buchumschlag anschaute. Doch das war, bevor ich mich damit befasste.

Der Meditationslehrer Danny Penman beginnt sein Büchlein (122 Seiten, kleinformatig, grosse Schrift, wenig Text, zahlreiche Illustrationen) mit der Schilderung eines Gleitschirmflugs, bei dem er abstürzte und nur überlebte, weil er es unter Aufbietung aller Willenskräfte schaffte, zu atmen und deswegen wach zu bleiben.

Doch weshalb soll atmen eine Kunst sein? Wir tun es doch alle, und ständig, und ohne uns gross darum zu kümmern. Weil es etwas anderes ist, wie eine Maschine zu funktionieren, als bewusst zu funktionieren. "Wir atmen 22 000 Mal am Tag. Wie viele dieser Atemzüge nimmst du bewusst wahr?"

"Die Kunst des Atmens besteht darin, auf ganz bestimmte Weise der Atmung Aufmerksamkeit zu schenken. Das ist das Geheimnis der Achtsamkeit und so alt wie die Meditation selbst."

Ich habe das schon oft versucht, häufig unter Anleitung, und fühlte mich meist innert kürzester Zeit gelangweilt. Ich vermute, ich habe nie wirklich verstanden, worauf es dabei ankommt. Als ich jetzt bei Danny Penman lese – "Es geht darum, sich zu verbinden und das Leben in all seiner chaotischen Schönheit zu umarmen – mit all den Fehlern und Macken, die du eben mitbringst." – , geht mir für einen Moment ein Licht auf. Es komme darauf an, solche Momente länger werden zu lassen, habe ich mit vor Jahren aufnotiert.

Wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Und so sehr uns Gewohnheiten helfen, viele Dinge automatisch zu machen und dafür Zeit für Nützlicheres und Interessanteres zu haben, sie können auch zu Fallen und wir zu Automaten werden. "Aber Gewohnheiten sind keine Frage des Schicksals, es sei denn, wir erlauben ihnen, genau das zu sein."

Ich atme ein, ich atme aus ist ein hilfreiches Büchlein, das auch Meditationsanleitungen und nützliche Ratschläge gibt. "Vermutlich bist du heute 36 Minuten damit beschäftigt, dir Sorgen zu machen (das tun die meisten Menschen). Warum gehst du stattdessen nicht lieber an die frische Luft und nimmst ein paar iefe Atemzüge?" Kaum hatte ich dies gelesen, habe ich genau das gemacht. Ntürlich hat es gut getan.

Vor allem aber ist Ich atme ein, ich atme aus eine Aufforderung zum Staunen. Es gilt, die Neugier, die wir als Kinder empfunden haben, wieder hervorzuholen. Spielerische Anregungen dazu bietet dieses grafisch schön gestaltete Werk.

Danny Penman
Ich atme ein, ich atme aus
Kösel Verlag, München 2017

Mittwoch, 26. Juli 2017

Was Sie schon immer über Sucht wissen wollten

Der Titel ist unserem Marketing-Zeitalter geschuldet, soll also nicht wörtlich genommen werden. Er suggeriert, dass man in diesem Buch so recht eigentlich alles zum Thema Sucht finden wird – und so ist es denn auch. Was Sie schon immer über Sucht wissen wollten ist überaus inhaltsreich und informativ, ein umfassendes Nachschlagewerk zu so ziemlich allen denkbaren Aspekten rund um die Sucht.

Der Autor Werner Gross ist niedergelassenener Psychotherapeut und Coach und beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit dem Thema Sucht. Mit diesem Buch, so die Verlagsinformation, wendet er sich an Betroffene, Angehörige und Freunde, Selbsthilfegruppen, Berater in Suchtberatungsstellen und -kliniken, Psychotherapeuten, Berater und Ärzte. Schwer vorstellbar, wer da noch fehlen könnte. 

Im Vorwort lese ich, wovon das Buch handelt: "Aber was genau ist eigentlich Sucht? Was für Auswirkungen hat sie auf die Betroffenen? Wie und in welchen (Lebens-)Bereichen zeigt sie sich? Was sind die wichtigsten Suchtkriterien? Wie entwickelt sich Sucht – und wo sind die Übergänge vom normalen zum süchtigen Verhalten? Ab wann spricht man von Missbrauch? Wo beginnt die Abhängigkeit, die Sucht? Was ist die Gemeinsamkeit zwischen den veschiedenen Formen der Sucht – und wo sind die Unterschiede?"

Doch es geht auch noch um andere Fragen. "Wo finde ich (oder mein süchtiger Angehöriger) Hilfe? Welche Hilfssysteme gibt es überhaupt? Welche Berufsgruppen beschäftigen sich mit dem Thema Sucht? Wie steht es um Selbsthilfe und welche Selbtshilfegruippen im Bereich Sucht gibt es?"

 Ich habe Was Sie schon immer über Sucht wissen wollten nicht von der ersten bis zur letzten Seite gelesen, sondern darin geblättert und mich dann immer wieder in einen Abschnitt hineingelesen. Und bin dabei ständig von Neuem angeregt worden, selbständig weiter zu denken (und das ist einer der wesentlich Gründe, weshalb ich mich in Bücher vertiefe).

Nehmen wir den Abschnitt mit dem Titel "'Infoholics' oder: Leben im Zeitraffer". Werner Gross geht das Thema (wie überhaupt alle Themen) unaufgeregt und sachlich an, macht darauf aufmerksam, dass in unseren hektischen Zeiten immer weniger Menschen Stille und Ruhe aushalten. "So ist auch der Griff nach dem Smartphone ein Schutzmechanismus, um nicht über sich selbst und etwaige aktuelle Probleme nachdenken zu müssen. Durch die ständig verfügbare Ablenkung muss ich mich nicht mit tieferliegenden u.U. schmerzhaften Themen beschäftigen." Gleichzeitig weist er darauf hin, dass es jeder Generation aufgegeben ist, mit neuen technischen Errungenschaften klar zu kommen – was auch den meisten gelingt.

"Ist das wirklich Sucht?" ist ein anderes Thema, mit dem sich der Autor befasst. Wonach man süchtig wird, ist irreleveant, denn: "Letztendlich kann jede Tätigkeit süchtig entgleisen." Werner Gross sieht die Sucht als ein Grundproblem unserer Konsumgesellschaft, denn deren Leitsatz sei: "Noch mehr, noch grösser, noch besser, noch bequemer." Die Folge davon ist, dass wir uns nicht mehr nach unseren Grundbedürfnissen ausrichten, sondern nach dem, "was uns angeboten oder eingeredet wird." Was nottut, ist "eine gesellschaftliche Rückbesinnung auf Lebenswerte, die ein sinnvolles und lustvolles Leben auch ohne Drogen oder süchtige Verhaltensweisen möglich macht" sowie "eine eindeutige, von allen Experten akzeptierte Begriffsbestimmung der Sucht zu finden." Letzteres ist deswegen nötig, da auch stoffungebundene Süchte das Alltagsleben beeinträchtigen und als Krankheiten anerkannt gehören. 

Beeindruckend an diesem Buch fand ich insbesondere die Fähigkeit des Autors auf knappem Raum Wesentliches darzustellen, denn das ist eine Kunst, wie jeder weiss, der selber schreibt. Und ganz besonders gefallen hat mir, dass in diesem Buch auch viel Witz Platz gefunden hat. So sind den einzelnen Themen jeweils zum Schmunzeln einladende Zitate vorangestellt. Eines meiner liebsten stammt von Wilhelm Busch und leitet die Rubrik "Legale Drogen" ein: "Es ist so mit Tabak und Rum: Erst ist man froh, dann fällt man um."

Werner Gross
Was Sie schon immer über Sucht wissen wollten
Springer-Verlag, Berlin Heidelberg 2016

Mittwoch, 19. Juli 2017

Der Selbstheilungscode

Selbstheilungscode, das klingt nach Wunderheilmittel, doch damit hat das Buch des Neurowissenschaftlers Tobias Esch wenig zu tun. Und mit mysteriösem oder esoterischem Geheimwissen schon gar nicht. Auch ist es kein klassischer Ratgeber oder gar ein medizinisches Nachschlagewerk. Also was ist Der Selbstheilungscode denn dann? "Der Versuch, die Schulmedizin, die Naturheilverfahren und die Komplenetämedizin miteinander zu verknüpfen. Wichtig zu betonen ist, dass es mir um eine erweiterte Perspektive geht, nicht um eine gänzlich andere oder gar konträre beziehungsweise 'alternative'."

Selbstheilung ist ein biologisches Prinzip, denn unser Körper will leben. Und dafür tut er alles, was ihm möglich ist und zumeist automatisch, also ohne unser Dazutun. Doch wir können diese Selbstheilungskräfte auch ganz bewusst unterstützen. Wie das gehen kann, davon (und noch von vielem mehr) handelt dieses Buch.

Der Selbstheilungscode bietet eine ungeheuere Fülle an Informationen. Ich will mich hier auf zwei Aspekte beschränken, über die ich zwar schon einiges gelesen habe, aber eben nicht so. Ich rede von der Achtsamkeit und vom Placebo-Effekt.

"Falls Sie morgens quasi mit den Kollegen duschen, weil Sie beim Shampoonieren schon die Arbeit im Kopf haben, anschliessend die Zähne gemeinsam mit der Klassenlehrerin Ihrer Kinder beim nächsten oder noch einmal beim letzten Elternabend putzen und Ihr Frühstück mit den Kriegs- und Panoramanachrichten aus Radio, Smartphone oder Zeitung vermischen – dann sind Sie eigentlich schon mittendrin im Thema Achtsamkeit." Anders gesagt: "Das Hier und Jetzt ist zwar da – nur wir nicht."

Was also ist zu tun? Am sinnvollsten wäre wohl, Achtsamkeit zu einer Lebenshaltung zu machen. "Was wir sehen und wahrnehmen, hängt von unseren Erfahrungen ab, und die wiederum von dem, worauf wir zu achten gelernt haben. Energy flows, where attention goes. Dabei sind wir nicht einfach nur Opfer der äusseren Umstände, wir können den Fokus immer wieder bewusst neu ausrichten." Dafür ist etwas Disziplin und Geduld vonnöten. Und Übung, viel Übung, möglichst unangestrengte.

Was es auch braucht, ist das Gefühl des Zusammenhangs und der Verstehbarkeit. Anders gesagt: die Überzeugung, der Glaube, dass alles irgendeinen Sinn hat. Tobias Esch nennt es Kohärenzgefühl und Kohärenzsinn, andere nennen es Spiritualität. Sicher, man kann auch ohne auskommen, doch wehe, es kommen grosse Krisen oder grosser Stress auf uns zu.

"Achtsamkeit ist Weg und Ziel zugleich." Genauso wie ein gesunder Lebensstil. ausreichend Bewegung, genügend Entspannung sowie eine gute Ernährung. Dabei gilt: tun kommt von tun. Doch werden wir praktisch, nehmen wir den Atem. "Den Atem als Instrument oder Hilfsmittel zu mehr Achtsamkeit zu benutzen ist deshalb so unschlagbar geeignet, weil er grundsätzlich autonom, aber eben doch auch steuerbar und somit eine Schnittmenge aus unbewussten und bewussten, aus körperlichen und geistigen Anteilen in uns bildet. Ausserdem ist er normalerweise immer und überall verfügbar."

Gemäss dem Dalai Lama sind die drei wichtigsten Grundsätze der tibetischen Medizin: der Glaube des Arztes, der Glaube des Patienten sowie das Karma zwischen den beiden. In der westlichen Welt wird das "Placeboeffekt" genannt und meint, dass unsere Erwartungen und unsere Vorstellungskraft wesentlich vielfältiger wirken als uns bewusst ist. Tobias Esch erläutert das an der berühmt gewordenen Studie des US-amerikanischen Orthopäden Bruce Moseley, bei der dieser die eine  Hälfte einer Patientengruppe operierte und bei der anderen nur so tat als ob.

"Während bei der ersten Gruppe zerstörter Knorpel abgetragen, die Oberfläche geglättet und das Gelenk gespült wurde, bekam die zweite Gruppe lediglich zwei Schnitte am Knie. Stattdessen wurden ihnen auf einem Monitor Bilder von echten Operationen gezeigt, sodass sie davon ausgingen, wirklich operiert zu werden. Beim Heilungserfolg gab es keinen Unterschied zwischen beiden Gruppen, auch zwei Jahre nach der Operation nicht."

Wer nun glaubt, der Placeboeffekt bedürfe der Täuschung, irrt. "Placebos können auch wirken, wenn man sie als solche benennt ...". Es ist die Erwartungshaltung, auf die es ankommt. Und die können wir beeinflussen. "Die Kunst liegt darin, die Sinnhaftigkeit – so offensichtlich sie auch sein mag – dauerhaft in den Alltag zu integrieren, damit sie nicht nach anfänglicher Euphorie vom diebisch grinsenden Schweinehund wieder einkassiert wird."

 Der Selbstheilungscode ist ein engagiertes Plädoyer für die aktive Verknüpfung von Körper und Geist, für eine ganzheitliche Sicht auf den Menschen – ein praktisches, pragmatisches und wunderbar hilfreiches Buch.

Prof. Dr. Tobias Esch
Der Selbstheilungscode
Die Neurobiologie von Gesundheit und Zufriedenheit
Beltz Verlag, Weinheim und Basel 2017

Mittwoch, 12. Juli 2017

Mentally not right

If you're checking out whom to do business with, ask what they do to relax on the weekends. If they say helicopter skiing, walk away, they are mentally not right. The most cognitively brilliant people usually had to sacrifice their emotional selves. They live in a fog of facts rarely creating a new one, just regurgitating everything they've ever learnt and we're supposed to think that's smart. That's a walking Wikipedia not a human being. This also might mean they're not top of the class on the morals front. They feel nothing so they can squeeze you dry without a wisp of remorse.

Ruby Wax: Sane New World

Mittwoch, 5. Juli 2017

Wie geht das eigentlich, das Leben?

Sucht und andere psychische Störungen sind im Grunde nichts anderes als destruktive Antworten auf die Frage: Wie geht das eigentlich, das Leben? Dass Lebensverweigerung keine angemessene Antwort ist, das weiss ich. Und das weiss auch jeder Süchtige.

Um möglichen Missverständnissen gleich vorzubeugen: Das ist kein Buch über Sucht, das ist auch kein Buch über psychische Störungen, denn süchtig und krank sind wir so recht eigentlich alle, nur nicht im selben Ausmass. Und das meint: Hilfe brauchen wir alle. Treffend hat es der Psychiater Mark Vonnegut, der als Jugendlicher mit Schizophrenie diagnostiziert worden war, in einem Brief an seinen Vater, den Schriftsteller Kurt Vonnegut, das war 1985, auf den Punkt gebracht: „We are here to help each other get through this thing, whatever it is.“

Viele Süchte und andere seelische Leiden erledigen sich von selbst, denn das Grundprinzip allen Lebens ist das Streben nach Aufrechterhaltung eines Gleichgewichts. Geist und Seele werden ihr Gleichgewicht finden, wenn sich unser Ego ihnen nicht in den Weg stellt.

In Sachen Therapie meint das: der Süchtige steht sich meist selbst im Wege. Und er hat Mühe, sich helfen zu lassen. Gegen diesen Widerstand, sich helfen zu lassen, hat ein Therapeut ohne eigene Suchterfahrung kaum eine Chance, da viele Süchtige Nicht-Süchtige als Helfer ablehnen, denn, so sagen sie, die wissen ja eh nicht wovon sie reden. Ob diese Süchtigen damit recht haben oder nicht, spielt keine Rolle, es reicht, dass sie es glauben. Denn was sie glauben, bestimmt ihr Tun. Und auch ihr Nicht-Tun.

Das ist ein Buch darüber, dass Therapien oft eher Teil des Problems, als Teil der Lösung sind. Das heisst nicht, dass Therapien nichts nützen. Einerseits bringen sie den Therapeuten Arbeit und Verdienst und machen die Pharmaindustrie reich, andrerseits stabilisieren sie die Gesellschaft, indem sie es gelegentlich schaffen, Patienten wieder funktionstüchtig zu machen und dazu sehen, dass die, bei denen das nicht gelingt, in speziellen Einrichtungen betreut werden.

Wer in einem System, das der seelischen Gesundheit wenig zuträglich ist, nicht funktioniert, ist möglicherweise gesünder, als jemand, der darin floriert. Das meint nicht, dass die Insassen psychiatrischer Kliniken alle gesund sind, das meint, dass es mehr als eigenartig ist, diejenigen als gesund gelten zu lassen, die mithelfen, ein System aufrechtzuerhalten, das viele krank macht. 

Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein“, schreibt Flore Vasseur in Kriminelle Bande. Und: „Absurder könnte es nicht sein: Die Zukunft ganzer Länder wird Leuten anvertraut, die auf den Begriff des Gemeinwohls am allergischsten reagieren.“

Hans Durrer
Wie geht das eigentlich, das Leben?
Anregungen zur Selbst- und Welterkundung

Mittwoch, 28. Juni 2017

Prinz William & Kate Middleton

Als der BBC-Moderator, der die Zuschauer zum Bericht des Senders über die Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton begrüsste, dem Publikum erklärte: "Sie werden sich für den Rest ihres Lebens daran erinnern, wo Sie an diesem Tag waren", brach das Auditorium von Süchtigen und Depressiven im Patientenzuschauerraum in einen Chor sarkastischen Gelächters und erfinderischer, an den Bildschirm gerichteter Beleidigungen und Beschimpfungen aus.

Tom Burgis
Der Fluch des Reichtums

Mittwoch, 21. Juni 2017

Die Macht der Psychotherapie im Neoliberalismus

"Macht und Psychotherapie in einem Atemzug zu nennen, erscheint möglicherweise abwegig", lautet der erste Satz in diesem Buch. Hoffentlich wird das jetzt nicht so etwas Übervorsichtiges, wo man sich auf alle Seiten absichert, denkt es so in mir. Schliesslich heisst es doch im Untertitel, dies sei eine Streitschrift! Ich muss zugegeben, dass ich mir darunter etwas Heftigeres vorgestellt hatte, als diese hoch differenzierte, akademische Auseinandersetzung mit den mir (weitestgehend) nicht zugänglichen Gedanken Michel Foucaults.

Angelika Grubner, geboren 1967, ist eine wissensdurstige Frau. Nicht nur ist sie Psychotherapeutin, diplomierte Sozialarbeiterin und akademische Referentin für feministische Bildung und Politik, darüberhinaus studiert sie derzeit an der Universität Wien auch noch Philosophie. Sie denkt also über ihre psychotherapeutische Tätigkeit hinaus, ist in grösseren Zusammenhängen unterwegs und steht den Bestrebungen, die Psychotherapie "als institutionalisierte Lösung sozialer Probleme insgesamt" zu installieren, skeptisch gegenüber.

Einmal, weil psychische Erkrankung und soziale Lage oft nicht voneinander zu trennen sind, dann aber auch, weil es eine beobachtbare Tendenz gibt, "eine soziale Notlage automatisch als persönliche zu verstehen, welche die Menschen dazu zwingt, sich mit ihrer psychischen Verfasstheit als auslösendes Moment oder Prädisposition ihrer Krise zu beschäftigen."

Unter Neoliberalismus versteht Angelika Grubner einen Kapitalismus ohne wohlfahrtsstaatliche Beschränkung, in dem alles einer marktorientierten Logik zu folgen hat, auch die Psychotherapie. Das zeigt sich bereits in der Art und Weise der Psychotherapie-Ausbildung, die nach Angebot und Nachfrage funktioniert und privat finanziert werden muss.

Neoliberalismus bedeutet eigentlich immer das Recht des von Gier und Selbstvermarktung angetriebenen Rücksichtslosen, verkauft wird uns das Ganze natürlich ganz anders, als individuelle Freiheit und Eigenverantwortung. Unsere Alltagssprache hat sich daran angepasst. "Mit einer Selbstverständlichkeit reden wir davon, dass wir uns 'gut verkaufen', möglichst gut 'präsentieren' und 'vermarkten' sollten. Auch in der psychotherapeutischen Sprache wird der neoliberale Jargon bemüht: 'Zahlt sich das für sie aus?' oder 'Welchen Preis müssen sie dafür zahlen?', 'Wo liegt da ihr Gewinn?', 'Welcher Nutzen ergibt sich aus diesem Tun?'".

Unsere Lebensbereiche sind nicht nur geprägt von der gewinnorientierten Marktlogik, wir haben sie verinnerlicht. "Deutlich ist dies im alltäglichen Sprachgebrauch, wenn wir davon sprechen, wie viel Gefühl in die eine oder andere Beziehung investiert wird."

Der Neoliberalismus stellt den Einzelnen in den Mittelpunkt, alles dreht sich um ihn: wenn es dem Einzelnen gut geht, geht es allen gut, so diese recht primitive Ideologie. Man denke etwa an Steuererleichterungen für die Reichen, die angeblich allen zugute kommen. Da stimmt zwar nachgewiesenermassen nicht, bestimmt aber nach wie vor den gesellschaftlichen Diskurs. Genauso wie Margaret Thatchers Überzeugung, dass es keine Gesellschaft gebe. Angelika Grubner kommentiert die gegenwärtige Lage so: "Da Einzelinteressen oder Bedürfnisse keine Schablonen eines gerechten, tugendhaften oder gar solidarischen gemeinschaftlichen Zusammenlebens kennen, ist umfangreiches Konfliktpotenzial evoziert."

Wir alle unterstehen der herrschenden Gesellschaftsrealität, wir tragen sie mit. Wer aus dem System fällt, wird wieder fit gemacht (oder versorgt) und auch die Psychotherapie hilft da mit, verhält sich also auch politisch und das meint hier: systemerhaltend. Wie es dazu hat kommen können, zeigt die Untersuchung von Angelika Grubner detailliert auf. Darüber hinaus weist sie auf Möglichkeiten hin, wie man sich aus der verinnerlichten neoliberalen Gehirnwäsche befreien könnte. Etwa mit einer Gegenerzählung, "die sich gegen die Verherrlichung des autonomen Subjekts wendet und stattdessen die ko-konstitutive Verstrickung von Subjekt und Gesellschaft hochhält – mit dem Ziel das wirkmächtige Individualitätspositiv der Gegenwart zu erschüttern." Oder, wie Ann Cvetkovich in Depression – a public feeling ausführt, indem man anfängt "to think about depression as a cultural and social phenomenon rather than a medical disease."

Solch hilfreicher Anregungen wegen lese ich Bücher.

Angelika Grubner
Die Macht der Psychotherapie im Neoliberalismus
Eine Streitschrift
Mandelbaum kritik & utopie, Wien 2017

Mittwoch, 14. Juni 2017

Principles before Personalities

Having written a biography of Bill — that is, Bill Wilson, one of the founders of A.A. — Ms. Cheever is in a position to say what the idea of anonymity was intended to do as few are. First and foremost, anonymity was meant to shield those struggling to become sober from the stigma of being an alcoholic, a stigma far more marked 75 years ago when there was little research on alcoholism as a medical condition over which its sufferers had little control.

These are the most common considerations when weighing the reasons for anonymity. But the second part of the ideal, spelled out in A.A.’s 12th Tradition, makes the case for observing anonymity within A.A. itself — and it’s worth noting that there’s little, if any, dissension on this subject.

Unlike the more practical 11th Tradition, aimed at the outer world, the 12th Tradition takes a crack at our far more problematic inner world. Stating (somewhat obliquely) that “anonymity is the spiritual foundation of all our traditions, ever reminding us to place principles before personalities,” it’s about cultivating the often overlooked idea of humility, an excellent means for quieting the now-me-more urges that bedevil addictive people more than their peers.

David Colman: Challenging the Second 'A' in A.A.
The New York Times, May 6, 2011