Mittwoch, 20. September 2017

Die grossen Kränkungen des menschlichen Grössenwahns

Schopenhauer hat die grossen Kränkungen des menschlichen Grössenwahns zusammen- und zu Ende gedacht.

Die kosmologische Kränkung: Unsere Welt ist eine der zahllosen Kugeln im unendlichen Raum, auf dem ein"Schimmelüberzug lebender und erkennender Wesen" existiert.

Die biologische Kränkung: Der Mensch ist ein Tier, bei dem die Intelligenz lediglich den Mangel an Instinkten und die mangelhafte organische Einpassung in die Lebenswelt kompensieren muss.

Die psychologische Kränkung: Unser bewusstes Ich ist nicht Herr im eigenen Hause.

Rüdiger Safranski
Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie

Mittwoch, 13. September 2017

Addicts are absolutists

Addicts – and I include alcoholics in the term – are absolutists. It's all-or-nothing with them. Indeed, their principal flaw is their inability to cope with a world that refuses to comply  with the picture of order or perfection toward which we basically all aspire. For an addict, it's Eden or nothing.

Lee Stringer: Grand Central Winter

Mittwoch, 6. September 2017

Mit dem Rauchen aufhören

Mit dem Rauchen aufhören, wie geht das?

„Ganz einfach so. Sie, Kriminalkommissarin Bettina Boll, hatte gedankenlos eine Kippe nach der anderen geplotzt, seit sie zwölf war, denn da waren ihre Eltern gestorben. Jetzt rauchte sie nicht mehr. Das war alles. Einen Entschluss dazu hatte sie nicht gefasst. Es war nur einfach nicht mehr notwendig.“

Monika Geier: Alles so hell da vorn

Mittwoch, 30. August 2017

Was ist die "Seele"?

Wie schreibt man über etwas, das man weder sehen noch hören, weder anfassen noch riechen kann? Der übliche Weg ist der in die Geschichte (Was meinten die alten Ägypter dazu?), fast genauso gängig ist es, gelehrte Zeitgenossen heranzuziehen. Psychiatrieprofessor Achim Haug, ein breit gebildeter Mann, der Jean Paul, Platon und andere mehr anführt, äussert sich zur Frage: "Was also ist die Seele?", wie folgt: "Auch in diesem Buch werden wir diese Grundsatzfrage nicht endgültig klären können. Wir werden uns ihr aber nähern, indem wir uns mit den Auswirkungen der Seele, insbesondere ihren Störungen beschäftigen."

Was also ist eine Störung? Oder eine Krankheit? Oder einfach nur ein Problem? Aber Probleme sind doch normal, jedenfalls die meisten, oder etwa doch nicht? Klar definierbare Antworten gibt es dazu nicht, doch es gibt Annäherungen, intelligentere und weniger intelligentere. Es hilft, wenn man auch den Zeitgeist und die kulturellen Verhältnisse mit einbezieht, denn was einstmals als krank (etwa die Homosexualität) gegolten hat, gilt heutzutage (jedenfalls in einigen Kulturen und  Gesellschaftsschichten) als normal.

Die heutige Psychiatrie geht davon aus, dass es sich "bei so gut wie allen psychischen Erkrankungen" um komplexe Zusammenhänge handelt, "also nicht nur eine identifizierbare Ursache vorliegt." So recht eigentlich würde das einem ja auch der gesunde Menschenverstand nahelegen. Wie auch diese Erkenntnis: "Patienten müssen ihre Belastungs- und Schutzfaktoren kennen lernen, die Belastungen in ihrem Leben so gut wie möglich vermindern und die Schutzfaktoren gleichzeitig systematisch stärken." 

Am Ergiebigsten ist Das kleine Buch von der Seele, wenn der Autor Beispiele aus seiner Praxis anführt. Da erfährt man Konkretes und Nützliches über ganz unterschiedliche psychische Erkrankungen wie etwa Schizophrenie, Depression, Manie, Angst-, Zwangs- und Belastungsstörungen, Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Persönlichkeitsstörungen.

 Erläutert wird auch, was es mit dem Vulnerabilitäts-Stress-Coping-Modell auf sich hat, "mit dem den Betroffenen die Entstehung von psychischen Krankheiten sehr einleuchtend erklärt werden kann" und was mit Patienten in psychiatrischen Kliniken geschieht. Bewusst wird einem dabei unter anderem, dass Psychiater (das Wissen um die Wirkungen und Nebenwirkungen der Medikamente ausgenommen) auch nur mit Wasser kochen. 

Professor Haug sieht das dezidiert anders und trommelt in eigener Sache – als "Experte für die Seele" wird er im Klappentext vorgestellt. "Die Einstellung, jeder gute Mensch könne doch ein wenig helfend mitmischen, möchte ich Ihnen gerne gründlich austreiben." Bei mir ist ihm das zwar nicht so ganz gelungen, denn einiges für das Seelenheil Grundlegende, an dem sich jede Therapie orientieren sollte, ist neugierigen, reflektierenden und empathischen Menschen auch ohne psychiatrische Fachkenntnisse geläufig. "Zwei Prinzipien können wir also formulieren, die in ihrem Zusammenspiel grundlegende Lebensprinzipien sind. Die ständige Bewegung alles Lebendigen und die ständige Bemühung um ein Gleichgewicht der Kräfte."

Aufgeklärt wird man zudem über die psychotherapeutische Behandlung. "Alle drei von mir hier kurz beschriebenen Theorien – Psychoanalyse, Verhaltenstherapie und Systemtherapie – sind jede für sich überzeugend und, was noch viel wichtiger ist, in der Praxis immer wieder erfolgreich." Da, wie bereits erwähnt, bei psychischen Erkrankungen meist komplexe Zusammenhänge vorliegen, erstaunt eine solch eindeutige Erfolgsmeldung.

Das kleine Buch von der Seele regt auch immer wieder zum Schmunzeln an. Etwa wenn der Autor der unpräzisen Medizin das Präzisionshandwerk Psychiatrie gegenüberstellt, wobei die Darstellung der nicht exakten Körpermedizin weit ausführlicher und exakter ausfällt als die eher allgemeinen Ausführungen zur präzisen Psychiatrie. Oder wenn er darauf aufmerksam macht, dass die Vorgängerin der heute allgegenwärtigen Evidenz-basierten Diagnostik die Eminenz-basierte Diagnostik war. "Natürlich ist das verkürzt, denn die Diagnosen meines Chefs haben auch auf Fakten beruht und waren sicher nicht seltener richtig als heute."

Achim Haug ist es darum zu tun, negative Vorurteile über psychisch Kranke zu relativieren. Das ist ihm gelungen. Das kleine Buch von der Seele ist eine differenzierte, höchst ausgewogene, gut geschriebene und lehrreiche Lektüre.

Achim Haug
Das kleine Buch von der Seele
Ein Reiseführer durch unsere Psyche und ihre Erkrankungen
C.H.Beck, München 2017

Mittwoch, 23. August 2017

Mindfulness-Based Cognitive Therapy (MBCT)

The idea is you focus on one of your senses; listening, seeing, tasting, smelling, touching or breathing, and when your mind wanders, which all minds do, you notice where your mind has gone and then, without any criticism, take or escort your focus back to one of the senses. When you give your full attention to any of these, your autopilot switches off, your mind stops ricocheting from past to future because you don't have to think about a sense, you just experience it. If you pay close attention to what you're immediately experiencing, you're right there in the present; the mind-wandering mode switches off. The brain of someone who is totally focused on one point (someone who has practised mindfulness even for a few days) has lowered amygdala activity (fear button is 'off'), he also has a steady heartbeat and normal blood pressure. He is in a state of well-being.

Ruby Wax: Sane New World

Mittwoch, 16. August 2017

Mit Achtsamkeit gegen die Sucht

"Die Buddhisten gehen davon aus, dass der menschliche Geist, das Gehirn, falsch eingestellt ist – etwa so wie ein Uhrwerk, das zu schnell oder zu langsam läuft. Egal wie vernünftig oder geistig fit wir sind: Wir beschäftigen uns viel zu viel mit unserer gesellschaftlichen oder beruflichen Stellung, mit Gedanken an Krankheit und Alter, verzehren uns nach allen möglichen materiellen Dingen oder ärgern uns über unsere Fehler und Schwächen oder die anderer Leute", schreibt der englische Wissenschaftsjournalist James Kingsland in Die Hirnforschung auf Buddhas Spuren. Wie Meditation das Gehirn und das Leben verändert.

Doch was tut man, wenn einen das nicht befriedigt, man da raus will? Zuallerst gilt es, zuzugegeben, dass der Satz "Das Leben ist kein Ponyhof und am Ende bist du tot", nicht nur stimmt, sondern wahr ist. Solch illusionslose Grundehrlichkeit befreit, denn es sind die Illusionen, die uns gefangen nehmen.

Dass das Gehirn formbar ist, ist für Neurowissenschaftler heute ein Gemeinplatz – ihre Forschungen haben bestätigt, was meditierende Buddhisten schon lange wussten. Man spricht von der Plastizität des Gehirns und das meint die Fähigkeit des Gehirns "sich durch Lernprozesse, Erfahrungen und den Erwerb neuer Fähigkeiten immer wieder neu zu vernetzen und seine Strukturen umzugestalten." Anders gesagt: Wer glücklich sein will, kann das lernen.

Charakteristisch für den Menschen ist sein zerstreutes Gehirn. Auch wenn wir uns auf sogenannt Wichtiges zu konzentrieren versuchen, schweifen unsere Gedanken oft ab. Eine Studie von Psychologen der Harvard University ergab, "dass sich erstaunliche 47 Prozent bei dem, was sie gerade tun, ablenken lassen – mit einer einzigen Ausnahme: Beim Sex beträgt die Ablenkungsrate lediglich 10 Prozent."

Solche Ablenkungen tragen dazu bei, dass wir uns unzufrieden fühlen. Anders gesagt: Zerstreuung ist die Ursache für Unglücklichsein. Regelmässiges Meditieren sowie das Einhalten einer strikten Verhaltens- und Denkdisziplin können dem entgegenwirken und dem Wohlbefinden förderlich sein.

Besonders einleuchtend fand ich James Kingslands Ausführungen zum Achtsamkeitstraining, bei dem es wesentlich darum geht, die Menschen neugierig zu machen. So sollen Drogensüchtige ihre Neugier darauf richten, wie sich Sucht und Gier anfühlen. "Dieser Wechsel der Betrachtungsweise, die Dinge nicht mehr 'persönlich zu nehmen', sondern sie leidenschaftslos zu betrachten und sich nicht davon vereinnahmen zu lassen, ist das Grundlegende am Achtsamkeitstraining."

Vom Zerstreuungsmodus in den Achtsamkeitsmodus zu wechseln (und damit stress- und angstfreier zu leben), lässt sich üben. Vielfältige Anregungen dazu finden sich in diesem gut geschriebenen und informativen Buch, das nicht zuletzt überzeugend aufzeigt, dass je realistischer und nüchterner man die Welt wahrzunehmen bereit ist, desto eher das Leben gelingen kann.

James Kingsland
Die Hirnforschung auf Buddhas Spuren. 
Wie Meditation das Gehirn und das Leben verändert
Beltz Verlag, Weinheim Basel 2017

Mittwoch, 9. August 2017

Say how we really feel

I do know that we all want to be happy and we spend a great deal of our lives hunting for the key. No matter how powerful or successful we get, we still can't figure out how to deal with a mind that keeps us up at night, driving us to exhaustion. This isn't just for those who are considered mad, it's for all of us. I wish we could just come out and say how we really feel; I know I'd be so relieved.

Ruby Wax: Sane New World

Mittwoch, 2. August 2017

Ich atme ein, ich atme aus

Es gibt Bücher, die kann man schlecht besprechen. Im Sinne von kritisch würdigen, meine ich. Jedenfalls geht es mir so. Doch man kann solche Bücher vorstellen. Vor allem, wenn sie einem gefallen. Und das möchte ich hier mit Danny Penmans Ich atme ein, ich atme aus tun.

So recht eigentlich sagen der Titel Ich atme ein, ich atme aus und der Untertitel Das Geheimnis der Achtsamkeit schon ziemlich alles, dachte es so in mir, als ich den Buchumschlag anschaute. Doch das war, bevor ich mich damit befasste.

Der Meditationslehrer Danny Penman beginnt sein Büchlein (122 Seiten, kleinformatig, grosse Schrift, wenig Text, zahlreiche Illustrationen) mit der Schilderung eines Gleitschirmflugs, bei dem er abstürzte und nur überlebte, weil er es unter Aufbietung aller Willenskräfte schaffte, zu atmen und deswegen wach zu bleiben.

Doch weshalb soll atmen eine Kunst sein? Wir tun es doch alle, und ständig, und ohne uns gross darum zu kümmern. Weil es etwas anderes ist, wie eine Maschine zu funktionieren, als bewusst zu funktionieren. "Wir atmen 22 000 Mal am Tag. Wie viele dieser Atemzüge nimmst du bewusst wahr?"

"Die Kunst des Atmens besteht darin, auf ganz bestimmte Weise der Atmung Aufmerksamkeit zu schenken. Das ist das Geheimnis der Achtsamkeit und so alt wie die Meditation selbst."

Ich habe das schon oft versucht, häufig unter Anleitung, und fühlte mich meist innert kürzester Zeit gelangweilt. Ich vermute, ich habe nie wirklich verstanden, worauf es dabei ankommt. Als ich jetzt bei Danny Penman lese – "Es geht darum, sich zu verbinden und das Leben in all seiner chaotischen Schönheit zu umarmen – mit all den Fehlern und Macken, die du eben mitbringst." – , geht mir für einen Moment ein Licht auf. Es komme darauf an, solche Momente länger werden zu lassen, habe ich mit vor Jahren aufnotiert.

Wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Und so sehr uns Gewohnheiten helfen, viele Dinge automatisch zu machen und dafür Zeit für Nützlicheres und Interessanteres zu haben, sie können auch zu Fallen und wir zu Automaten werden. "Aber Gewohnheiten sind keine Frage des Schicksals, es sei denn, wir erlauben ihnen, genau das zu sein."

Ich atme ein, ich atme aus ist ein hilfreiches Büchlein, das auch Meditationsanleitungen und nützliche Ratschläge gibt. "Vermutlich bist du heute 36 Minuten damit beschäftigt, dir Sorgen zu machen (das tun die meisten Menschen). Warum gehst du stattdessen nicht lieber an die frische Luft und nimmst ein paar iefe Atemzüge?" Kaum hatte ich dies gelesen, habe ich genau das gemacht. Ntürlich hat es gut getan.

Vor allem aber ist Ich atme ein, ich atme aus eine Aufforderung zum Staunen. Es gilt, die Neugier, die wir als Kinder empfunden haben, wieder hervorzuholen. Spielerische Anregungen dazu bietet dieses grafisch schön gestaltete Werk.

Danny Penman
Ich atme ein, ich atme aus
Kösel Verlag, München 2017

Mittwoch, 26. Juli 2017

Was Sie schon immer über Sucht wissen wollten

Der Titel ist unserem Marketing-Zeitalter geschuldet, soll also nicht wörtlich genommen werden. Er suggeriert, dass man in diesem Buch so recht eigentlich alles zum Thema Sucht finden wird – und so ist es denn auch. Was Sie schon immer über Sucht wissen wollten ist überaus inhaltsreich und informativ, ein umfassendes Nachschlagewerk zu so ziemlich allen denkbaren Aspekten rund um die Sucht.

Der Autor Werner Gross ist niedergelassenener Psychotherapeut und Coach und beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit dem Thema Sucht. Mit diesem Buch, so die Verlagsinformation, wendet er sich an Betroffene, Angehörige und Freunde, Selbsthilfegruppen, Berater in Suchtberatungsstellen und -kliniken, Psychotherapeuten, Berater und Ärzte. Schwer vorstellbar, wer da noch fehlen könnte. 

Im Vorwort lese ich, wovon das Buch handelt: "Aber was genau ist eigentlich Sucht? Was für Auswirkungen hat sie auf die Betroffenen? Wie und in welchen (Lebens-)Bereichen zeigt sie sich? Was sind die wichtigsten Suchtkriterien? Wie entwickelt sich Sucht – und wo sind die Übergänge vom normalen zum süchtigen Verhalten? Ab wann spricht man von Missbrauch? Wo beginnt die Abhängigkeit, die Sucht? Was ist die Gemeinsamkeit zwischen den veschiedenen Formen der Sucht – und wo sind die Unterschiede?"

Doch es geht auch noch um andere Fragen. "Wo finde ich (oder mein süchtiger Angehöriger) Hilfe? Welche Hilfssysteme gibt es überhaupt? Welche Berufsgruppen beschäftigen sich mit dem Thema Sucht? Wie steht es um Selbsthilfe und welche Selbtshilfegruippen im Bereich Sucht gibt es?"

 Ich habe Was Sie schon immer über Sucht wissen wollten nicht von der ersten bis zur letzten Seite gelesen, sondern darin geblättert und mich dann immer wieder in einen Abschnitt hineingelesen. Und bin dabei ständig von Neuem angeregt worden, selbständig weiter zu denken (und das ist einer der wesentlich Gründe, weshalb ich mich in Bücher vertiefe).

Nehmen wir den Abschnitt mit dem Titel "'Infoholics' oder: Leben im Zeitraffer". Werner Gross geht das Thema (wie überhaupt alle Themen) unaufgeregt und sachlich an, macht darauf aufmerksam, dass in unseren hektischen Zeiten immer weniger Menschen Stille und Ruhe aushalten. "So ist auch der Griff nach dem Smartphone ein Schutzmechanismus, um nicht über sich selbst und etwaige aktuelle Probleme nachdenken zu müssen. Durch die ständig verfügbare Ablenkung muss ich mich nicht mit tieferliegenden u.U. schmerzhaften Themen beschäftigen." Gleichzeitig weist er darauf hin, dass es jeder Generation aufgegeben ist, mit neuen technischen Errungenschaften klar zu kommen – was auch den meisten gelingt.

"Ist das wirklich Sucht?" ist ein anderes Thema, mit dem sich der Autor befasst. Wonach man süchtig wird, ist irreleveant, denn: "Letztendlich kann jede Tätigkeit süchtig entgleisen." Werner Gross sieht die Sucht als ein Grundproblem unserer Konsumgesellschaft, denn deren Leitsatz sei: "Noch mehr, noch grösser, noch besser, noch bequemer." Die Folge davon ist, dass wir uns nicht mehr nach unseren Grundbedürfnissen ausrichten, sondern nach dem, "was uns angeboten oder eingeredet wird." Was nottut, ist "eine gesellschaftliche Rückbesinnung auf Lebenswerte, die ein sinnvolles und lustvolles Leben auch ohne Drogen oder süchtige Verhaltensweisen möglich macht" sowie "eine eindeutige, von allen Experten akzeptierte Begriffsbestimmung der Sucht zu finden." Letzteres ist deswegen nötig, da auch stoffungebundene Süchte das Alltagsleben beeinträchtigen und als Krankheiten anerkannt gehören. 

Beeindruckend an diesem Buch fand ich insbesondere die Fähigkeit des Autors auf knappem Raum Wesentliches darzustellen, denn das ist eine Kunst, wie jeder weiss, der selber schreibt. Und ganz besonders gefallen hat mir, dass in diesem Buch auch viel Witz Platz gefunden hat. So sind den einzelnen Themen jeweils zum Schmunzeln einladende Zitate vorangestellt. Eines meiner liebsten stammt von Wilhelm Busch und leitet die Rubrik "Legale Drogen" ein: "Es ist so mit Tabak und Rum: Erst ist man froh, dann fällt man um."

Werner Gross
Was Sie schon immer über Sucht wissen wollten
Springer-Verlag, Berlin Heidelberg 2016

Mittwoch, 19. Juli 2017

Der Selbstheilungscode

Selbstheilungscode, das klingt nach Wunderheilmittel, doch damit hat das Buch des Neurowissenschaftlers Tobias Esch wenig zu tun. Und mit mysteriösem oder esoterischem Geheimwissen schon gar nicht. Auch ist es kein klassischer Ratgeber oder gar ein medizinisches Nachschlagewerk. Also was ist Der Selbstheilungscode denn dann? "Der Versuch, die Schulmedizin, die Naturheilverfahren und die Komplenetämedizin miteinander zu verknüpfen. Wichtig zu betonen ist, dass es mir um eine erweiterte Perspektive geht, nicht um eine gänzlich andere oder gar konträre beziehungsweise 'alternative'."

Selbstheilung ist ein biologisches Prinzip, denn unser Körper will leben. Und dafür tut er alles, was ihm möglich ist und zumeist automatisch, also ohne unser Dazutun. Doch wir können diese Selbstheilungskräfte auch ganz bewusst unterstützen. Wie das gehen kann, davon (und noch von vielem mehr) handelt dieses Buch.

Der Selbstheilungscode bietet eine ungeheuere Fülle an Informationen. Ich will mich hier auf zwei Aspekte beschränken, über die ich zwar schon einiges gelesen habe, aber eben nicht so. Ich rede von der Achtsamkeit und vom Placebo-Effekt.

"Falls Sie morgens quasi mit den Kollegen duschen, weil Sie beim Shampoonieren schon die Arbeit im Kopf haben, anschliessend die Zähne gemeinsam mit der Klassenlehrerin Ihrer Kinder beim nächsten oder noch einmal beim letzten Elternabend putzen und Ihr Frühstück mit den Kriegs- und Panoramanachrichten aus Radio, Smartphone oder Zeitung vermischen – dann sind Sie eigentlich schon mittendrin im Thema Achtsamkeit." Anders gesagt: "Das Hier und Jetzt ist zwar da – nur wir nicht."

Was also ist zu tun? Am sinnvollsten wäre wohl, Achtsamkeit zu einer Lebenshaltung zu machen. "Was wir sehen und wahrnehmen, hängt von unseren Erfahrungen ab, und die wiederum von dem, worauf wir zu achten gelernt haben. Energy flows, where attention goes. Dabei sind wir nicht einfach nur Opfer der äusseren Umstände, wir können den Fokus immer wieder bewusst neu ausrichten." Dafür ist etwas Disziplin und Geduld vonnöten. Und Übung, viel Übung, möglichst unangestrengte.

Was es auch braucht, ist das Gefühl des Zusammenhangs und der Verstehbarkeit. Anders gesagt: die Überzeugung, der Glaube, dass alles irgendeinen Sinn hat. Tobias Esch nennt es Kohärenzgefühl und Kohärenzsinn, andere nennen es Spiritualität. Sicher, man kann auch ohne auskommen, doch wehe, es kommen grosse Krisen oder grosser Stress auf uns zu.

"Achtsamkeit ist Weg und Ziel zugleich." Genauso wie ein gesunder Lebensstil. ausreichend Bewegung, genügend Entspannung sowie eine gute Ernährung. Dabei gilt: tun kommt von tun. Doch werden wir praktisch, nehmen wir den Atem. "Den Atem als Instrument oder Hilfsmittel zu mehr Achtsamkeit zu benutzen ist deshalb so unschlagbar geeignet, weil er grundsätzlich autonom, aber eben doch auch steuerbar und somit eine Schnittmenge aus unbewussten und bewussten, aus körperlichen und geistigen Anteilen in uns bildet. Ausserdem ist er normalerweise immer und überall verfügbar."

Gemäss dem Dalai Lama sind die drei wichtigsten Grundsätze der tibetischen Medizin: der Glaube des Arztes, der Glaube des Patienten sowie das Karma zwischen den beiden. In der westlichen Welt wird das "Placeboeffekt" genannt und meint, dass unsere Erwartungen und unsere Vorstellungskraft wesentlich vielfältiger wirken als uns bewusst ist. Tobias Esch erläutert das an der berühmt gewordenen Studie des US-amerikanischen Orthopäden Bruce Moseley, bei der dieser die eine  Hälfte einer Patientengruppe operierte und bei der anderen nur so tat als ob.

"Während bei der ersten Gruppe zerstörter Knorpel abgetragen, die Oberfläche geglättet und das Gelenk gespült wurde, bekam die zweite Gruppe lediglich zwei Schnitte am Knie. Stattdessen wurden ihnen auf einem Monitor Bilder von echten Operationen gezeigt, sodass sie davon ausgingen, wirklich operiert zu werden. Beim Heilungserfolg gab es keinen Unterschied zwischen beiden Gruppen, auch zwei Jahre nach der Operation nicht."

Wer nun glaubt, der Placeboeffekt bedürfe der Täuschung, irrt. "Placebos können auch wirken, wenn man sie als solche benennt ...". Es ist die Erwartungshaltung, auf die es ankommt. Und die können wir beeinflussen. "Die Kunst liegt darin, die Sinnhaftigkeit – so offensichtlich sie auch sein mag – dauerhaft in den Alltag zu integrieren, damit sie nicht nach anfänglicher Euphorie vom diebisch grinsenden Schweinehund wieder einkassiert wird."

 Der Selbstheilungscode ist ein engagiertes Plädoyer für die aktive Verknüpfung von Körper und Geist, für eine ganzheitliche Sicht auf den Menschen – ein praktisches, pragmatisches und wunderbar hilfreiches Buch.

Prof. Dr. Tobias Esch
Der Selbstheilungscode
Die Neurobiologie von Gesundheit und Zufriedenheit
Beltz Verlag, Weinheim und Basel 2017

Mittwoch, 12. Juli 2017

Mentally not right

If you're checking out whom to do business with, ask what they do to relax on the weekends. If they say helicopter skiing, walk away, they are mentally not right. The most cognitively brilliant people usually had to sacrifice their emotional selves. They live in a fog of facts rarely creating a new one, just regurgitating everything they've ever learnt and we're supposed to think that's smart. That's a walking Wikipedia not a human being. This also might mean they're not top of the class on the morals front. They feel nothing so they can squeeze you dry without a wisp of remorse.

Ruby Wax: Sane New World

Mittwoch, 5. Juli 2017

Wie geht das eigentlich, das Leben?

Sucht und andere psychische Störungen sind im Grunde nichts anderes als destruktive Antworten auf die Frage: Wie geht das eigentlich, das Leben? Dass Lebensverweigerung keine angemessene Antwort ist, das weiss ich. Und das weiss auch jeder Süchtige.

Um möglichen Missverständnissen gleich vorzubeugen: Das ist kein Buch über Sucht, das ist auch kein Buch über psychische Störungen, denn süchtig und krank sind wir so recht eigentlich alle, nur nicht im selben Ausmass. Und das meint: Hilfe brauchen wir alle. Treffend hat es der Psychiater Mark Vonnegut, der als Jugendlicher mit Schizophrenie diagnostiziert worden war, in einem Brief an seinen Vater, den Schriftsteller Kurt Vonnegut, das war 1985, auf den Punkt gebracht: „We are here to help each other get through this thing, whatever it is.“

Viele Süchte und andere seelische Leiden erledigen sich von selbst, denn das Grundprinzip allen Lebens ist das Streben nach Aufrechterhaltung eines Gleichgewichts. Geist und Seele werden ihr Gleichgewicht finden, wenn sich unser Ego ihnen nicht in den Weg stellt.

In Sachen Therapie meint das: der Süchtige steht sich meist selbst im Wege. Und er hat Mühe, sich helfen zu lassen. Gegen diesen Widerstand, sich helfen zu lassen, hat ein Therapeut ohne eigene Suchterfahrung kaum eine Chance, da viele Süchtige Nicht-Süchtige als Helfer ablehnen, denn, so sagen sie, die wissen ja eh nicht wovon sie reden. Ob diese Süchtigen damit recht haben oder nicht, spielt keine Rolle, es reicht, dass sie es glauben. Denn was sie glauben, bestimmt ihr Tun. Und auch ihr Nicht-Tun.

Das ist ein Buch darüber, dass Therapien oft eher Teil des Problems, als Teil der Lösung sind. Das heisst nicht, dass Therapien nichts nützen. Einerseits bringen sie den Therapeuten Arbeit und Verdienst und machen die Pharmaindustrie reich, andrerseits stabilisieren sie die Gesellschaft, indem sie es gelegentlich schaffen, Patienten wieder funktionstüchtig zu machen und dazu sehen, dass die, bei denen das nicht gelingt, in speziellen Einrichtungen betreut werden.

Wer in einem System, das der seelischen Gesundheit wenig zuträglich ist, nicht funktioniert, ist möglicherweise gesünder, als jemand, der darin floriert. Das meint nicht, dass die Insassen psychiatrischer Kliniken alle gesund sind, das meint, dass es mehr als eigenartig ist, diejenigen als gesund gelten zu lassen, die mithelfen, ein System aufrechtzuerhalten, das viele krank macht. 

Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein“, schreibt Flore Vasseur in Kriminelle Bande. Und: „Absurder könnte es nicht sein: Die Zukunft ganzer Länder wird Leuten anvertraut, die auf den Begriff des Gemeinwohls am allergischsten reagieren.“

Hans Durrer
Wie geht das eigentlich, das Leben?
Anregungen zur Selbst- und Welterkundung

Mittwoch, 28. Juni 2017

Prinz William & Kate Middleton

Als der BBC-Moderator, der die Zuschauer zum Bericht des Senders über die Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton begrüsste, dem Publikum erklärte: "Sie werden sich für den Rest ihres Lebens daran erinnern, wo Sie an diesem Tag waren", brach das Auditorium von Süchtigen und Depressiven im Patientenzuschauerraum in einen Chor sarkastischen Gelächters und erfinderischer, an den Bildschirm gerichteter Beleidigungen und Beschimpfungen aus.

Tom Burgis
Der Fluch des Reichtums

Mittwoch, 21. Juni 2017

Die Macht der Psychotherapie im Neoliberalismus

"Macht und Psychotherapie in einem Atemzug zu nennen, erscheint möglicherweise abwegig", lautet der erste Satz in diesem Buch. Hoffentlich wird das jetzt nicht so etwas Übervorsichtiges, wo man sich auf alle Seiten absichert, denkt es so in mir. Schliesslich heisst es doch im Untertitel, dies sei eine Streitschrift! Ich muss zugegeben, dass ich mir darunter etwas Heftigeres vorgestellt hatte, als diese hoch differenzierte, akademische Auseinandersetzung mit den mir (weitestgehend) nicht zugänglichen Gedanken Michel Foucaults.

Angelika Grubner, geboren 1967, ist eine wissensdurstige Frau. Nicht nur ist sie Psychotherapeutin, diplomierte Sozialarbeiterin und akademische Referentin für feministische Bildung und Politik, darüberhinaus studiert sie derzeit an der Universität Wien auch noch Philosophie. Sie denkt also über ihre psychotherapeutische Tätigkeit hinaus, ist in grösseren Zusammenhängen unterwegs und steht den Bestrebungen, die Psychotherapie "als institutionalisierte Lösung sozialer Probleme insgesamt" zu installieren, skeptisch gegenüber.

Einmal, weil psychische Erkrankung und soziale Lage oft nicht voneinander zu trennen sind, dann aber auch, weil es eine beobachtbare Tendenz gibt, "eine soziale Notlage automatisch als persönliche zu verstehen, welche die Menschen dazu zwingt, sich mit ihrer psychischen Verfasstheit als auslösendes Moment oder Prädisposition ihrer Krise zu beschäftigen."

Unter Neoliberalismus versteht Angelika Grubner einen Kapitalismus ohne wohlfahrtsstaatliche Beschränkung, in dem alles einer marktorientierten Logik zu folgen hat, auch die Psychotherapie. Das zeigt sich bereits in der Art und Weise der Psychotherapie-Ausbildung, die nach Angebot und Nachfrage funktioniert und privat finanziert werden muss.

Neoliberalismus bedeutet eigentlich immer das Recht des von Gier und Selbstvermarktung angetriebenen Rücksichtslosen, verkauft wird uns das Ganze natürlich ganz anders, als individuelle Freiheit und Eigenverantwortung. Unsere Alltagssprache hat sich daran angepasst. "Mit einer Selbstverständlichkeit reden wir davon, dass wir uns 'gut verkaufen', möglichst gut 'präsentieren' und 'vermarkten' sollten. Auch in der psychotherapeutischen Sprache wird der neoliberale Jargon bemüht: 'Zahlt sich das für sie aus?' oder 'Welchen Preis müssen sie dafür zahlen?', 'Wo liegt da ihr Gewinn?', 'Welcher Nutzen ergibt sich aus diesem Tun?'".

Unsere Lebensbereiche sind nicht nur geprägt von der gewinnorientierten Marktlogik, wir haben sie verinnerlicht. "Deutlich ist dies im alltäglichen Sprachgebrauch, wenn wir davon sprechen, wie viel Gefühl in die eine oder andere Beziehung investiert wird."

Der Neoliberalismus stellt den Einzelnen in den Mittelpunkt, alles dreht sich um ihn: wenn es dem Einzelnen gut geht, geht es allen gut, so diese recht primitive Ideologie. Man denke etwa an Steuererleichterungen für die Reichen, die angeblich allen zugute kommen. Da stimmt zwar nachgewiesenermassen nicht, bestimmt aber nach wie vor den gesellschaftlichen Diskurs. Genauso wie Margaret Thatchers Überzeugung, dass es keine Gesellschaft gebe. Angelika Grubner kommentiert die gegenwärtige Lage so: "Da Einzelinteressen oder Bedürfnisse keine Schablonen eines gerechten, tugendhaften oder gar solidarischen gemeinschaftlichen Zusammenlebens kennen, ist umfangreiches Konfliktpotenzial evoziert."

Wir alle unterstehen der herrschenden Gesellschaftsrealität, wir tragen sie mit. Wer aus dem System fällt, wird wieder fit gemacht (oder versorgt) und auch die Psychotherapie hilft da mit, verhält sich also auch politisch und das meint hier: systemerhaltend. Wie es dazu hat kommen können, zeigt die Untersuchung von Angelika Grubner detailliert auf. Darüber hinaus weist sie auf Möglichkeiten hin, wie man sich aus der verinnerlichten neoliberalen Gehirnwäsche befreien könnte. Etwa mit einer Gegenerzählung, "die sich gegen die Verherrlichung des autonomen Subjekts wendet und stattdessen die ko-konstitutive Verstrickung von Subjekt und Gesellschaft hochhält – mit dem Ziel das wirkmächtige Individualitätspositiv der Gegenwart zu erschüttern." Oder, wie Ann Cvetkovich in Depression – a public feeling ausführt, indem man anfängt "to think about depression as a cultural and social phenomenon rather than a medical disease."

Solch hilfreicher Anregungen wegen lese ich Bücher.

Angelika Grubner
Die Macht der Psychotherapie im Neoliberalismus
Eine Streitschrift
Mandelbaum kritik & utopie, Wien 2017

Mittwoch, 14. Juni 2017

Principles before Personalities

Having written a biography of Bill — that is, Bill Wilson, one of the founders of A.A. — Ms. Cheever is in a position to say what the idea of anonymity was intended to do as few are. First and foremost, anonymity was meant to shield those struggling to become sober from the stigma of being an alcoholic, a stigma far more marked 75 years ago when there was little research on alcoholism as a medical condition over which its sufferers had little control.

These are the most common considerations when weighing the reasons for anonymity. But the second part of the ideal, spelled out in A.A.’s 12th Tradition, makes the case for observing anonymity within A.A. itself — and it’s worth noting that there’s little, if any, dissension on this subject.

Unlike the more practical 11th Tradition, aimed at the outer world, the 12th Tradition takes a crack at our far more problematic inner world. Stating (somewhat obliquely) that “anonymity is the spiritual foundation of all our traditions, ever reminding us to place principles before personalities,” it’s about cultivating the often overlooked idea of humility, an excellent means for quieting the now-me-more urges that bedevil addictive people more than their peers.

David Colman: Challenging the Second 'A' in A.A.
The New York Times, May 6, 2011

Mittwoch, 7. Juni 2017

Was uns bei der spirituellen Suche unterstützt

"Die meisten westlichen Menschen haben kein Interesse daran, als traditionelle Priester, Mönche oder Nonnen zu leben; doch viele von uns möchten das Leben in unserer Welt mit einer echten spirituellen Praxis verbinden. Dieses Buch handelt von dieser Möglichkeit", leitet Jack Kornfield seinen Klassiker Frag den Buddha und geh den Weg des Herzens ein.

Jack Kornfield trat nach dem Studium der Asienkunde in ein thailändisches Kloster ein. "Als ich ins Kloster ging, hatte ich gehofft, den Qualen meines Familienlebens und den Schwierigkeiten der Welt zu entkommen, aber natürlich folgten sie mir, wohin ich auch ging. Es dauerte viele Jahre, bis mir klar wurde, dass diese Schwierigkeiten Teil meiner Praxis waren."

Kornfield schlägt vor, unser Dasein als Test zu sehen. Oder anders gesagt: Mit einer Geisteshaltung der Bereitschaft zu Abenteuer und Forschung. Konkret: Unangenehme Erfahrungen gehören zum Leben. Wir können lernen, ihnen konstruktiv zu begegnen, wir brauchen nicht zu ihren Opfern zu werden. Folgende fünf Prinzipien können uns dabei helfen: Loslassen. Die Energie umwandeln. Bei Seite legen. In der Vorstellung ausagieren. Achtsam inszenieren.

Nehmen wir das Loslassen. Das klingt leichter als es ist, denn oft sind wir viel zu stark in etwas verstrickt beziehungsweise haften viel zu sehr an einer Geschichte. Es kann auch sein, dass wir etwas nicht mögen und es deshalb weghaben wollen, doch das ist Abwehr und kein Loslassen. "Nur wenn der Geist im Gleichgewicht und unser Herz von Mitgefühl erfüllt ist, ist echtes Loslassen möglich."
Und was macht man, wenn Geist und Herz von diesem Idealzustand weit entfernt sind? Eine sanftere Version versuchen, das Geschehenlassen. "Lassen Sie zu, dass das, was da ist, kommt und geht wie die Wellen des Meeres."

Frag den Buddha und geh den Weg des Herzens ist voller solcher Hinweise, Anregungen und Ermunterungen. Sie verspüren heftige Wut? Und Sie lassen sie zu, versuchen in sie hineinzuspüren, doch sie geht nicht weg, holt Sie immer wieder ein? Gehen Sie in den Wald und schreien Sie sie raus, hacken Sie Holz oder ziehen Sie sich Turnschuhe an und rennen los. Oder verdrängen Sie die Wut, unterdrücken Sie sie für den Moment, vielleicht ist es besser, sich zu einem späteren Zeitpunkt mit ihr zu befassen.

Anstatt der Wirklichkeit davonzulaufen, können wir lernen, uns mit ihr zu konfrontieren. Und das meint unter anderem, nicht vor unserer eigenen Gier, dem Gefühl von Wertlosigkeit und Grössenwahn davonzulaufen, sondern "uns unserer Langeweile, Ungeduld und Angst zu stellen", damit wir "in Berührung mit uns selbst" kommen.

Sein thailändischer Lehrer Achaan Cha hatte Jack Kornfield in jungen Jahren die Richtung vorgegeben. "Er bot eine Lebensweise, einen lebenslänglichen Pfad des Aufwachens, der Aufmerksamkeit, der Hingabe und der inneren Verpflichtung. Er bot ein Glück, das nicht von irgendwelchen der sich ständig verändernden Bedingungen der Welt abhängig war, sondern allein der eigenen mühsamen und bewussten inneren Verwandlung entsprang."

Der spirituelle Weg ist kein einfacher, er verlangt kontinuierliches Üben. Und dieses hört nie auf, für niemanden, auch nicht für Zen-Meister, was dieser Satz eines weisen Praktizierenden treffend auf den Punkt bringt: "Wenn du wirklich etwas über einen Zen-Meister erfahren willst, dann rede mit seiner Frau."

Frag den Buddha und geh den Weg des Herzens ist ein ungemein hilfreiches, ja, ein wertvolles Buch. Das liegt einmal an den vielen praktischen Ratschlägen, dann aber auch an den zahlreichen  Geschichten, die Jack Kornfield von sich selber und von anderen erzählt. Eine meiner liebsten handelt von Mullah Nasrudin und seiner frustrierenden Suche nach Vollkommenheit.

Ob er nie erwogen habe zu heiraten, wurde Nasrudin von einem Freund gefragt. Doch, doch, erwiderte dieser, vor Jahren habe er in Damaskus eine überaus schöne Frau getroffen, die jedoch keinerlei Sinn für das Spirituelle gehabt habe. Später dann sei er in Isfahan auf eine wiederum sehr schöne, zutiefst spirituelle Frau gestossen, doch bei ihr klappte es leider mit der Kommunikation nicht. "In Kairo schliesslich fand ich sie", erzählte er. "Sie war die ideale Frau, spirituell, reizvoll, gelassen im Umgang mit der Welt, einfach in jeder Himsicht vollkommen." "Ja, und hast du sie geheiratet?", fragte der Freund. "Nein", entgegnete der Mullah, "leider suchte sie den vollkommenen Mann."

Jack Kornfield
Frag den Buddha und geh den Weg des Herzens
Was uns bei der spirituellen Suche unterstützt
Kösel Verlag, München 2017

Mittwoch, 31. Mai 2017

Go into the arts

Go into the arts. I'm not kidding. The arts are not a way to make a living. They are a very human way of making life more bearable. Practicing an art, no matter how well or badly, is a way to make your soul grow, for heaven's sake. Do it as well as you possibly can. You will get an enormous reward. You will have created something. 

Kurt Vonnegut

Mittwoch, 24. Mai 2017

Die grossen Fragen des Lebens

Die grossen Fragen des Lebens sind für mich die drei klassischen: Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Stellt man sie, wird man in aller Regel von Mitmenschen, für die Denken mehr Qual denn Lust zu sein scheint, mit der Aufforderung zurecht gewiesen, sich gescheiter Fragen zuzuwenden, auf die es praktische Antworten gibt. Obwohl ich durchaus Sympathie für diesen Ansatz habe, beschäftigen mich die drei grossen Fragen trotzdem. Und nicht zuwenig..

Dass man unter grossen Fragen auch etwas ganz anderes verstehen kann, als meine drei grossen, zeigt mir David Tripolina, desssen Fragen gerade in Buchform veröffentlicht worden sind. Es handelt sich um ein sogenanntes Ausfüllbuch und das meint, dass da Fragen gestellt werden und nachfolgend Platz freigelassen wird, damit man seine persönlichen Antworten hineinschreiben kann.

Im Vorwort schreibt er unter anderem:
"Beim Nachdenken über mein bisheriges Leben und das, was noch auf mich zukommen würde, ist mir klar geworden, wie sehr ich von den Fragen geprägt wurde, die ich mir und anderen gestellt habe. Mit meiner unstillbaren Neugierde habe ich viel gelernt. Vor allem über mich selbst." 

Das Buch ist geliedert in Themenbereiche und zwar in dieser Reihenfolge: Heute und morgen, Interessen, Stärken und Schwächen, Ziele, Glück, Unglück, Geld und Besitz, Kindheit und Jugend, Beruf und Karriere, Körper, Liebe, Familie, Zukunft, Vergangenheit, Glaube, Krankheiten, Tod, Persönlichkeit und Charakter; Leidenschaften und Hobbys, Freunde, Ethik und Moral, Heimat und Zuhause, Ende.

Zugegeben, die Reihenfolge hat sich mir nicht wirklich erschlossen und die Themenunterteilung so recht eigentlich auch nicht. Zudem finde ich nicht wenige Fragen so uninspirierend wie die von Personalchefs (Frau wie Mann). Etwa: "Wie wünschst du dir dein Leben in fünf Jahren?"

Es gebe keine dummen Fragen, kann man oft hören, und selbstverständlich ist das Blödsinn. "Warst du in deiner Pubertät glücklich?" gehört für mich dazu. Denn so recht eigentlich ist Pubertät ja fast synonym mit unglücklich. Sicher, man könnte jetzt natürlich argumentieren, genau deswegen sei das eben eine gute Frage, denn sie verleite einen dazu, die Pubertät einmal anders zu betrachten.

Wie auch immer: Fragen ist zu stellen eine gute Sache – weil sie das Bewusstsein stärken, sie einen die Welt wacher erleben lassen und weil sie Ausdruck unseres Staunens sind.

Eine der hilfreicheren Fragen in diesem Ausfüllbuch war für mich eine in zwei Teile gestaffelte: "Was kannst du tun, um dich glücklich zu fühlen?" gefolgt von: "Was hält dich davon ab?"

Die grossen Fragen des Lebens
Eine Reise zu dir selbst
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Das aussergewöhnliche Ausfüllbuch
riva Verlag, München 2017

Mittwoch, 17. Mai 2017

Alles hat seinen Sinn

Alles, was geschieht und uns zustösst, hat seinen Sinn, 
doch es ist oft schwierig, ihn zu erkennen.
Auch im Buch des Lebens hat jedes Blatt zwei Seiten:
die eine schreiben wir Menschen selber mit unserem Planen, 
Wünschen, Hoffen, aber die andere füllt die Vorsehung, 
und was sie anordnet, ist selten so unser Ziel gewesen.

Eljâs ebn-e Jussef Nizâmî, 1140/41-1209, persischer Epiker

Mittwoch, 10. Mai 2017

Ten Rules for Being Human

1. You will receive a body.
You may like it or hate it, but it will be yours for the entire period this time around.

2. You will learn lessons.
You are enrolled in a full-time informal school called "life." Each day in this school you will have the opportunity to learn lessons. You may like the lessons or think them irrelevant or stupid.

3. There are no mistakes, only lessons.
Growth is a process of experimentation - trial and error. The so-called "failed experiments" are as much a part of the process as the experiments that 
ultimately "work".

4. A Lesson is repeated until learned.
It will be presented to you in various forms until you have learned it. When you have learned it you can then go on to the next lesson. If you do not learn easy lessons, they become harder. You will know you have learned a lesson when your actions change.

5. Learning lessons does not end.
There is no part of life that does not contain its lessons. Every person, every incident is the universal teacher. If you are alive, there are lessons to be learned.

6. "There" is no better than "here."
Nothing leads to happiness. When your "there" has become a "here," you will 
simply obtain another "there" that again will look better than "here."

7. Others are merely mirrors of you.
You cannot love or hate something about another person unless it reflects 
something you love or hate in yourself.

8. What you create of your life is up to you.
You have all the tools and resources you need; what you do with them is up to you.

9. All your answers lie inside you.
All you need to do is look, listen and trust.

10. You will forget all of this.

Mittwoch, 3. Mai 2017

Jedes Gehirn hat seine eigene Wahrheit

Wir Menschen kommen mit einem unfertigen Gehirn zur Welt, erst durch unsere Lebenserfahrungen wird es gestaltet. Bei anderen Säugetieren ist das anders. So können etwa Zebras nach 45 Minuten bereits rennen, lerne ich in The Brain von David Eagleman. Natürlich ist auch im menschlichen Gehirn manches vorgegeben – Atmung, Weinen, Saugen, Gesichtserkennung sowie die Fähigkeit, eine Sprache zu erlernen. Doch einen genauen Schaltplan gibt es nicht.

Man spricht heutzutage von der Plastizität des Gehirns. Und das meint: Unser Gehirn wandelt sich nicht nur während unserer Kindheit und Jugend, sondern so recht eigentlich unser ganzes Leben lang. So faszinierend und nachvollziehbar ich das finde, ich werde skeptisch, als ich lese: "Im Gehirn eines Kleinkindes bilden sich pro Sekunde bis zu zwei Millionen neue Synapsen, wie die Verbindungen genannt werden." Zwei Millionen Synapsen pro Sekunde? Wie, um Himmels Willen, will man sowas messen? 

Die einzige Konstante sei der Wandel, sagen bekanntlich die Buddhisten. David Eagleman drückt das folgendermassen aus: "Unsere roten Blutkörperchen werden beispielsweise alle vier Monate komplett ausgetauscht, und unsere Hautzellen erneuern sich alle paar Wochen. Innerhalb von rund sieben Jahren wird jedes einzelne Atom in unserem Körper durch ein anderes ersetzt. Rein körperlich sind wir täglich ein anderer."

Auch hier ist mir nicht wirklich klar, wie man überprüfen kann, wie ein Atom durch ein anderes ersetzt wird. Zugegeben, meine Vorstellungskraft ist begrenzt und Biologie habe ich auch nicht studiert. Wie auch immer: Der Grundgedanke des stetigen Wandels leuchtet mir ein. Selbst die Erinnerung ist, wie wir wissen, nicht fix, sondern ausgesprochen kreativ.

Wussten Sie übrigens, dass wir uns ohne Gedächtnis, keine Zukunft vorzustellen vermöchten? "Es dient nicht nur dazu, Vergangenes aufzuzeichnen, sondern auch in die Zukunft zu blicken. Um sich den Strandausflug auszumalen, greift vor allem der Hippocampus auf Bilder aus der Vergangenheit zurück und stellt sie neu zusammen."

Wir sehen die Welt nicht wie sie ist, denn sie besteht nur aus Energie und Materie. Dass unser Gehirn im Laufe von Jahrmillionen gelernt hat, daraus "eine reichhaltige sinnliche Welterfahrung zu formen" ist ein Wunder, das wir uns nach wie vor nicht erklären können.

Doch die Hirnforschung hat uns Einiges über unsere Wahrnehmung gelehrt. Etwa, dass das Gehirn seine eigene Wirklichkeit erzeugt. Man denke ans Träumen, bei dem wir auch mit geschlossenen Augen Bilder sehen.

Wir können nur er-kennen, was wir kennen, hat Goethe einmal geschrieben. David Eagleman bezeichnet das als "Erwartungen sehen". So erkennen wir auf einem Spaziergang ganz automatisch die Dinge auf dem Weg, müssen uns also nicht lange überlegen, was uns unsere Augen zeigen. Aufgrund unserer gesammelten Erfahrungen, "trifft unser Gehirn Annahmen über das, was wir sehen werden."

 Wir sehen die Dinge nicht detailliert, denn unser Hirn nimmt nur einen kleinen Ausschnitt der sichtbaren Welt wahr. Dazu kommt, dass die Zeiterfahrung unseres Gehirns höchst eigenartig ist. So haben viele Menschen die Erfahrung germacht, dass die Zeit in lebensbedrohlichen Situationen langsamer vergeht.

"Unser Gehirn erzählt uns eine Geschichte, und wir nehmen sie ihm ab, egal wie sie aussieht. Ob wir auf einen optische Täuschung hereinfallen, einen Alptraum für wahr halten, Buchstaben als farbig wahrnehmen oder während einer schizophrenen Episode Halluzinationen für real halten – immer nehmen wir unsere Wirklichkeit so wahr, wie das Gehirn sie uns präsentiert." 

Der Mensch sei nicht Herr in seinem eigenen Haus, meinte bekanntlich Sigmund Freud. Anders gesagt: Wir sind meistens auf Autopilot, werden von unseren Unterbewussten regiert. Unterhalb unserer Bewusstseinsschwelle rasen Milliarden elektrischer Signale durch Zellen und lösen chemische Impulse in unzähligen Synapsenverbindugen aus. Und wo bleibt da der freie Wille? "Noch hat die Neurowissenschaft keine Möglichkeit gefunden, die Existenz des freien Willens experimentell zu widerlegen", schreibt David Eagleman.

The Brain ist nicht nur ein spannendes und höchst anschauliches Buch darüber, wie wir Entscheidungen treffen und die Welt wahrnehmen, wer wir sind und wie wir unser Leben lenken, sondern auch ein sehr schön gemachtes, mit ganz wunderbaren Illustrationen versehenes Werk, das einen Preis für exzellente Gestaltung verdient hätte.

David Eagleman
The Brain
Die Geschichte von Dir
Pantheon Verlag, München 2017

Mittwoch, 26. April 2017

Raymond Carver on Drinking

INTERVIEWER
Could you talk a little more about the drinking? So many writers, even if they're not alcoholics, drink so much.
CARVER
Probably not a whole lot more than any other group of professionals. You'd be surprised. Of course there's a mythology that goes along with the drinking, but I was never into that. I was into the drinking itself. I suppose I began to drink heavily after I'd realized that the things I'd wanted most in life for myself and my writing, and my wife and children, were simply not going to happen. It's strange. You never start out in life with the intention of becoming a bankrupt or an alcoholic or a cheat and a thief. Or a liar.
INTERVIEWER
And you were all those things?
CARVER
I was. I'm not any longer. Oh, I lie a little from time to time, like everyone else.
INTERVIEWER
How long since you quit drinking?
CARVER
June second, 1977. If you want the truth, I'm prouder of that, that I've quit drinking, than I am of anything in my life. I'm a recovered alcoholic. I'll always be an alcoholic, but I'm no longer a practicing alcoholic.

From: The Paris Review, Issue 88, Summer 1983

Mittwoch, 19. April 2017

Eine gewisse Balance finden

Die Depression hatte aus Jessica J. Lee einen Menschen gemacht, der sie nicht sein wollte: "entleert und verhärtet." Sie suchte einen Weg, um mit ihrer Verletzung zu leben. "Schwimmen wäre eine Möglichkeit, mit meinen Ängsten zu leben, meinen Alltag zu bestehen. Vor allem hoffte ich, eine gewisse Balance zu finden."

Sie ist streng mit sich, schämt sich für ihr mangelhaftes Deutsch, reagiert immer mal wieder unwirsch, ist ungehalten, ja, wütend über sich selber. "Ich war eine Planerin; der Plan bestimmte, was als Nächstes passierte." Kein Wunder, verliert sie ziemlich regelmässig ihr inneres Gleichgewicht.

Jessica stammt aus dem kanadischen Ontario, ist 28 und geschieden, als sie nach Berlin kommt, um an ihrer Dissertation zu schreiben. Sie will von all den Seen in Stadtnähe zweiundfünfzig durchschwimmen, einen pro Woche, zu jeder Jahreszeit. "Wenn ich arbeite, bin ich langsam und geistesabwesend, in einem anderen Land. Breche ich hingegen zu den Seen auf, bin ich ganz im Hier."

Dann lernt sie Jacob kennen, schwimmt mit ihm und entdeckt in sich "eine Art Wagemut, eine Furchtlosigkeit, nach der ich mich gesehnt hatte." Sie hat Angst vor dieser neuen Liebe, will die Selbstbestimmtheit, die sie nach ihrer Ehe gewonnen hat, nicht aufgeben. "Aber ich tat es. Und danach war ich wütend."

Mit Fahrrad, Zug und Theodor Fontane entdeckt sie das Berliner Umfeld. Und schwimmt schliesslich auch im Wannsee, denn so recht eigentlich hatte sie sich entlegenere und weniger bekannte Seen vorgenommen.

Man lernt Einiges übers Wasser in diesem "Tagebuch einer Schwimmerin". Etwa, dass es sich verändert, dass es sich überall anders anfühlt, dass es unterhalb des Eises die Temperatur von vier Grad hält und "kalt" nach wissenschaftlichen Standards unter elf Grad meint.

Fast noch mehr erfährt man jedoch von Jessicas Vergangenheit. Von ihrem Aufwachsen, von ihrer Ehe, von ihren Stimmungen. Eines Tages stösst sie in der Bibliothek auf einen Satz, den man in einer Studie über Pilze wohl kaum erwarten würde und der sie innehalten lässt: "Freiheit ist die Überwindung der Gespenster einer Spuklandschaft; sie vermag den Spuk nicht auszutreiben, sondern hilft, ihn zu überleben und mit Geschmeidigkeit zu überwinden", schreibt die Anthropologin Anna Tsing. Und Jessica notiert: "Vielleicht war es genau das. Jedes Mal, wenn ich an einen neuen Ort gezogen war, in ein neues Land oder in eine neue Stadt, hatte ich bald schon nur Vergangenes in der Gegenwart gefunden. Es gab eine Wahl: Ziehe weiter oder lerne, mit den Gespenstern zu leben."

Die mir liebste Szene ereignete sich am Gross Glienicker See. Es regnet leicht an diesem Tag, ausser ihr ist niemand am See. Der nasse Sand ist kalt und gibt unter ihren Füssen nach, sodass sie Abdrücke hinterlässt. Der Strand, wo sie steht, gehört zu Berlin, die andere Seite des Sees zu Brandenburg. "Etwas an diesem See, vielleicht die Klarheit des Wassers, vielleicht die Art, wie er so still und bescheiden daliegt am Rand der Stadt, gibt mir die Gewissheit, dass ich ihn liebe. Ich suche den Horizont nach Begründungen oder Zeichen ab, sehe aber nur das dichte Schilf am Ufer – goldene Glanzlichter vor mattbraunem Hintergrund – und das Grau des Wassers. Weder der Tag noch der Ort ist aussergewöhnlich, aber der See mit seinem stillen Ufer ist stoisch und löst so etwas wie Respekt in mir aus."

Jessica J. Lee
Mein Jahr im Wasser
Tagebuch einer Schwimmerin,
Berlin Verlag, München / Berlin 2017

Mittwoch, 12. April 2017

Alcoholism is a terrible disease

The grandfather of a thirteen-year-old boy I'd taken care of since he was a baby asked if he could talk to me before I saw his grandson.
"His mother hung herself last Friday."
The grandfather was bringing up the boy because the mother, whom I had never met, couldn't stop drinking.
"Was she ever able to get any sobriety? Was she ever able to take care of him?" I asked.
"Not really. It's probably a blessing for her that it's over." He never mentioned that the mother his grandson just lost was his daughter.
The boy was very small and said to be retarded because of fetal alcohol syndrome. As soon as I figure out what you should say to thirteen-year-old boy whose mother has just hung herself, I'll let you know.
"I'm sorry about your mom."
"......................................................."
"Alcoholism is a terrible disease."
"..........................................................."
"It's a terrible disease that killed your mother."
"Yeah Doc. That and the rope around her neck."

Prescribing a pill is far and away the quickest way to bring closure to a patient encounter. No prescription hangs in the air begging. Often the patient says, "So, are we done?"
I had no pills for the boy with the hung mother.

Mark Vonnegut, M.D.
Just Like Someone Without Mental Illness Just More So

Mittwoch, 5. April 2017

Kokainmeere

Thomas Fuller berichtete während zehn Jahren für die New York Times aus Südostasien. Zurück in Nordamerika dachte er immer mal wieder an diese Zeit zurück und fragte sich, was er als besonders typisch, ja, als geradezu die Region kennzeichnend empfunden hatte. Die Straflosigkeit. In Asien ist es nämlich oft kein Geheimnis, wer für illegale Abholzungen verantwortlich ist oder wer im Drogenhandel sein Geld macht. Liest man Ana Lilia Pérez' Kokainmeere. Die Wege des weltweiten Drogenhandel, hat man den Eindruck, dass das weltweit gilt.

Die mexikanische Journalistin hat eine beeindrückende Fülle von Informationen über den weltweiten Drogenhandel zusammengetragen. Da werden Schlüsselfiguren von Kartellen namentlich erwähnt, da werden grausamste Praktiken beschrieben, da werden Rauschgifthäfen benannt etc. etc.. Woher weiss die Frau das alles?

Weil ihr "Seeleute und andere Kenner der Materie Zugang zu ihren Kreisen verschafften. Weil sie gegen die omertà, die Schweigepflicht verstiessen, um die Öffentlichkeit wissen zu lassen, wie lang der Arm der Mafia tatsächlich ist." Auch vom Zoll, der Polizei und der Marine hat sie Informationen erhalten.

Kokainmeere. Die Wege des weltweiten Drogenhandels ist ein höchst aufschlussreiches Buch. Sicher, von Kolumbien und Mexiko hat in Sachen Rauschgift jeder (und jede) schon mal gehört. Von Panama ebenso. Doch von Costa Rica? Mit seinem Zugang zum Atlantik und zum Pazifik sei das Land "zu einem wichtigen Umschlagsplatz des weltweiten Drogenhandels geworden", schreibt Ana Lilia Pérez.

Mehr noch: Costa Rica ist offenbar auch "ein Paradies für Zuhälter. Man nennt das Land auch das 'Taiwan Amerikas', weil hier insbesondere der berüchtigte Kindersex-Tourismus blüht. Zu seinen Hauptkunden gehören neben Schweizern und Österreichern vor allem betagte US-Amerikaner, die sich die Reisekosten nach Taiwan sparen wollen."

Die grösste Nachfrage nach Kokain herrscht in den Vereinigten Staaten. An zweiter Stelle steht Brasilien, das gleichzeitig auch Produktionsland und Durchgangsstation ist. "Belém und Manaos, die stark von der Mafia unterwandert sind, spielen wegen ihrer geografischen Lage eine Schlüsselrolle für die Narco-Routen."

Die Drogenindustrie im Amazonasbecken wächst und wächst. Die Grossgrundbesitzer, die den Eingeborenen einst ihr Land raubten, sind heute auch die Rauschgiftbarone. "Erst sind die Fremden in Brasilien eingefallen und nun die Rauschgifthändler", sagt die Nonne und Theologin Mercedes de Budalles Diez.

In weiten Teilen des Amazonasgebiets ist der Fluss der einzige Verkehrsweg. Der Drogenschmuggel ist umso leichter, je mehr Schiffe unterwegs sind. "Meist sind es keine riesigen Mengen, doch sie werden überall versteckt, sogar unter den Bänken der Fahrgäste. Obwohl jeder Bescheid weiss, wird nur höchst selten etwas beschlagnahmt, denn wegen des hohen Schiffsaufkommens ist es unmöglich. alle Schiffe zu kontrollieren."

90 Prozent des globalen Warenaustausch erfolgt heutzutage per Schiff. über die Weltmeere. Die Kontrollen seien geradezu lax, meint Ana Lilia Pérez, was es den bestens organisierten Kartellen erlaube, mehr oder weniger ungehindert ihren Geschäften nachzugehen.

Das Drogengeschäft ist nicht nur eine Wachstumsbranche, sondern auch eine recht sichere Einnahmensquelle. Gewiss, den Anti-Drogen-Einheiten gelingen immer mal wieder spektakuläre Coups. Und ja, die auf Plünderung von Rauschgifttransporten spezialisierten Piraten sind alles andere als ungefährlich. Doch auf das grosse Ganze bezogen, sind das lediglich kleinere Betriebsunfälle.

Dem riesigen Drogengeschäft mit Polizeimassnahmen beizukommen, ist eine Illusion. Viel zu viele Menschen sind darin involviert, freiwillig oder durch Armut, Gewalt und Erpressung gezwungen. Solange Drogen nicht entkriminalisiert werden, wird sich daran nichts ändern.

Ana Lilia Pérez
Kokainmeere
Die Wege des weltweiten Drogenhandels
Pantheon Verlag, München 2016

Mittwoch, 29. März 2017

The Simple Approach to the 12 Steps!

1. There's a power that will kill me.
2. There's a power that wants me to live.
3. Which do I want? (If you want to die, stop here. If you want to live, go on.)
4. Using examples from your own life, understand that selfishness, dishonesty, resentment, and fear control your actions.
5. Tell all your private, embarrassing secrets to another person.
6. Decide whether or not you want to live that way any more.
7. If you want your life to change, ask a power greater than yourself to change it for you. (If you could have changed it yourself, you would have long ago.)
8. Figure out how to make right all the things you did wrong.
9. Fix what you can without causing more trouble in the process.
10. Understand that making mistakes is part of being human (When you make a mistake, fix it, immediately if you can.)
11. Ask for help to treat yourself and others the way you want your higher power to treat you.
12. Don't stop doing 1 through 11, and Pass It On!!
--Author Unknown

Mittwoch, 22. März 2017

Borderline - und nach aussen alles normal!

"Vor drei Jahren war ich bereit, mein Leben zu beenden. Ich hatte lange darüber nachgedacht und war zum Schluss gekommen, dass ich kein Anrecht auf Leben habe. Ich informierte mich, welche Suizidmethode die grösstmögliche Sicherheit auf Erfolg bringe. Ich informierte mich gründlich", schreibt Sanny Regen in Diverse Töne Rot; Borderline – und nach aussen alles normal! Das Semikolon im Titel hat seinen guten Grund: "Das Semikolon vereint die Trennung zum Bisherigen mit dem Fortführen des Eigentlichen. So wurde dieses Satzzeichen zum Symbol der bewussten Lebensführung aller psychisch Erkrankten."

Schwer zu sagen, was Sanny Regen letztlich davon abhielt, sich nicht umzubringen. Was wissen wir schon über unsere Motivationen? Ja, was können wir diesbezüglich schon wissen? Doch werden wir praktisch: Am Tage, als sich Sanny das Leben nehmen wollte, befand sie sich stationär in einer psychiatrischen Einrichtung. Eine Bezugspflegerin sah ihr an, was sie vorhatte. Und erzählte ihr, "was danach passiert, dann, wenn die Angehörigen davon erfahren. Wenn diese nicht verstehen können, wie ein für sie so wertvoller Mensch gehen konnte."

Diverse Töne Rot; Borderline – und nach aussen alles normal! erzählt einerseits vom brutalen, schwer erträglichen Aufwachsen in einem Elternhaus fern jeder Normalität und andererseits von Sannys Umgang mit ihrer Borderline-Krankheit. Kann/soll sie ihrem Freund offenbaren, was wirklich in ihr vorgeht? Ihm, der sich doch bereits von ihr abgestossen fühlt, wenn er nur mit der winzigen Spitze des Eisbergs konfrontiert wird? Mit diesem Buch hat sie es gewagt  –  mit ihrem Freund ist sie immer noch zusammen.

Sie hat Gewaltphantasien, stellt sich vor, wie sie fremde Menschen vor ein Auto schubst, wie sie einem Mann von hinten ein Messer in den Nacken stösst. "Ich bin ein Psycho! Meine Diagnosen haben Namen wie Bulimia Nervosa, bipolare Störung, posttraumatische Belastungsstörung und Borderline-Persönlichkeitsstörung. Im Prinzip bin ich eine wandelnde Störung."

Ihre Ehrlichkeit imponiert, ihre Bestimmtheit ebenso. "Auch wenn die Ärzte sagen, dass man Borderline hat und nicht ist, kann ich mit ganzer Überzeugung sagen, dass ich eine bin. Ob dies nun Veranlagung ist oder nicht, kann mir bis heute kein Therapeut sagen. Dabei ist doch allen klar, dass dies alles bei mir zutrifft."

Borderline zeichnet sich wesentlich dadurch aus, dass die Emotionen der davon Betroffenen oft verrückt spielen und nicht reguliert werden können. Das zeigt sich etwa in extremen und für Aussenstehende völlig unangemessenen Wutanfällen. Es kann sich auch in Selbstverletzungen äussern. "Dass viele (nicht alle) Borderliner sich verletzen, ist das erste, das Nicht-Borderliner erfahren. Danach möchten die wenigsten Weiteres über diese Krankheit wissen."

Damit es nicht dabei bleibt, braucht es Aufklärung. Die wichtigste kommt von den Borderlinern selber, denn sie kennen aus eigener Erfahrung, was "Experten" meist nur aus zweiter Hand wissen und manchmal nicht der Realität, sondern ihrem Raster gemäss interpretieren  –  etwa als die kleine Sanny auf Geheiss ihres Vaters lügt. "Heute sagen mir meine Therapeuten, dass ich aus Angst gehandelt habe, aber in kann dieses Gefühl in meiner Erinnerung einfach nicht finden. Da ist keine Angst, sondern nur die Selbstverständlichkeit, meinem Vater zu gehorchen. Ich hatte weder Angst noch den Weitblick, seine Aussage in Frage zu stellen, und so wusste ich genau, was zu tun war."

Diverse Töne Rot; Borderline – und nach aussen alles normal! ist ein aufwühlendes Buch, das einem die heftige Gefühlswelt von Borderlinern nicht nur nahe bringt, sondern einem klar macht, dass Borderliner durch die Hölle gehen. Sie seien emotionale Brandopfer, hat Marsha Linehan einmal geschrieben. Sanny Regens Schilderungen illustrieren dies höchst eindrücklich  – es ist unfassbar, was sie alles hat über sich ergehen lassen und aushalten müssen. Sie ist eine aussergewöhnlich starke Frau.

"Ich hasse mich. Ich hasse mich, weil ich mich nicht verstehe und jemand anderen, der so wäre wie ich, auch nicht leiden könnte. Einem Fremden kann man jedoch aus dem Weg gehen, bei mir selber ist das unmöglich. Warum schaffe ich es nicht, meinem Freund zu sagen, wie ich empfinde, so, dass es auch bei ihm ankommt? Warum muss ich immer weinen und kann nicht ruhig bleiben? Warum kann ich mich nicht darüber freuen, heute nicht gegen eine Wand geschlagen zu haben, obwohl der Impuls da war? Stattdessen mache ich mir Vorwürfe, meinen Freund mit meinen Aussagen, die der Wahrheit entsprechen, getroffen zu haben."

Veränderung braucht Mut. Sie beginnt mit dem Akzeptieren dessen, was ist. Voraussetzung dafür ist die Konfrontation mit dem, was gewesen ist. Und mit der Gegenwart. Was das konkret heisst, zeigt  Diverse Töne Rot; Borderline – und nach aussen alles normal! bewegend und eindrucksvoll.

So bewundernswert aufrichtig Sanny Regens Aufzeichnungen sind, sie zeugen auch von einem schonungslosen Umgang mit sich selber. Sie lernt zur Zeit, dass es auch anders geht. "Heute denke ich nicht mehr ständig an meine Vergangenheit oder an meinen Tod. Ich suche die Schuld nicht immer nur bei mir und empfinde erstmals wieder Freude daran, anderen Gutes zu tun." Nur weiter so!

Sanny Regen
Diverse Töne Rot;
Borderline – und nach aussen alles normal!
Starks-Sture Verlag, München 2017

Mittwoch, 15. März 2017

Die Wahrheit über weibliche Depression

Weibliche Depression? Gibt es die überhaupt? Gibt es nicht einfach nur Depression, männliche wie weibliche? Das und mehr habe ich mich gefragt, als ich dieses Buch zur Hand nahm. Und erfuhr dann vor allem Grundlegendes über Depressionen, die bei Frauen doppelt so häufig vorkommen wie bei Männern.

"Eine Depression ist ein Symptom, ein Anzeichen dafür, dass an irgendeiner Stelle im Körper eine Unausgewogenheit oder ein Problem besteht, das in Angriff genommen werden sollte." Sie sei eine mentale Erkrankung, doch weder ein ausschliesslich psychologisches noch ein rein neurochemisches Problem, so die Psychiaterin Kelly Brogan.

Konkret: Die mittlerweile landläufige Vorstellung, dass die Depression eine Krankheit sei, die im Kopf entstehe und chemische Antidepressiva das Heilmittel darstelle, hält Kelly Brogan für "meilenweit von der Wahrheit enfernt". Denn Antidepressiva sind gegen Depressionen nicht wirksamer als ein Placebo, ein Scheinmedikament. Doch Placebos wirken, jedenfalls kurzfristig, auf Grund der Erwartungshaltung der Patienten.

Antidepressiva helfen nicht nur nicht gegen die Depression, sie sind potentiell gefährlich. "Das schmutzigste kleine Geheimnis ist die Tatsache, dass Antidepressiva zu den Wirkstoffen gehören, von denen man am schwersten loskommt, schlimmer noch als Alkohol und Opiate." Mehr noch: sie 
führen "bei der Einnahme über einen längeren Zeitraum zu einer chronischen, hartnäckigen und therapieresistenten Depression."

Antidepressiva werden übrigens "nicht nur bei den klassischen Anzeichen einer Depression eingesetzt, sondern bei einem Sammelsurium unterschiedlichster Störungen." Vom prämenstruellen  Syndrom über Zwangsstörungen bis zur Anorexie. Ja sogar bei Arthritis und Migräne. Kurz und gut: die Verschreibung von Antidepressiva ist vor allem lukrativ. 

Nur eben: Entgegen dem, was die Bezeichnung Antidepressivum suggeriert, gibt es keine spezifischen Medikamente gegen die Depression. Doch was ist mit dem Serotonin-Ungleichgewicht, von dem man immer wieder hört? Bewiesen worden ist dieses nicht, doch wie viele falsche Vereinfachungen war (und ist) dieses Modell ein beeindruckendes Ergebnis von Marketing.

Laut Kelly Brogan ist die Depression ein Zustand, der oft von Entzündungsvorgängen ausgelöst wird, und keine chemische Mangelerscheinung. "Der machtvollste Weg zum Gehirn – und zum Seelenfrieden – führt durch den Darm", behauptet sie.

Doch sie schreibt auch: "Ich kann es nicht oft genug wiederholen: Das engmaschige Netz, zu dem Darm, Gehirn, Immun- und Hormonsystem gehören, ist schwer zu entwirren. Solange wir diese komplexen Beziehungen nicht vollumfänglich verstehen, sind wir ausserstande, einer Depression vorzubeugen oder sie wirksam zu behandeln."

Was also ist zu tun? Das Übliche. Also das, was einem der gesunde Menschenverstand sagt: sich richtig ernähren, genügend schlafen, sich bewegen etc. "Kaum hatte ich meine Ernährung komplett umgestellt, bestimmte Nahrungsergänzungsmittel hinzugefügt und begonnen, mich regelmässig zu bewegen und zu meditieren, als meine Symptome dank gesunder Antikörper- und Schilddrüsenwerte völlig verschwanden."

Kelly Brogan plädiert für eine grundlegende, heilsame Veränderung unserer Lebensweise. Dafür erforderlich ist eine neue Sichtweise, die nicht auf Medikamente vertraut, sondern ganzheitlich orientiert ist. Es geht darum, die Verantwortung für den eigenen Körper zu übernehmen. Anregungen und Anleitungen, wie das möglich ist, finden sich in diesem Buch zuhauf.

Dr. med. Kelly Brogan
mit Kristin Loberg
Die Wahrheit über weibliche Depression
Warum sie nicht im Kopf entsteht und ohne Medikamente heilbar ist
Beltz Verlag, Weinheim Basel 2016