Mittwoch, 31. August 2016

Stürme im Gehirn

Jon Palfreman ist emeritierter Professor für Journalismus an der University of Oregon sowie preisgekrönter Wissenschaftsjournalist. In Stürme im Gehirn erzählt er von seiner Parkinson-Erkrankung. Und gleichzeitig die Geschichte dieser Krankheit, welche Ärzte und Wissenschaftler seit zwei Jahrhunderten zu begreifen versuchen.

Am Anfang stand ein leichtes Zittern der linken Hand. Sein Arzt wollte das genauer abklären lassen, Palfreman selber machte sich keine Sorgen, seine Mutter litt die meiste Zeit ihres Lebens an einem ähnlichen Symptom. Als er die Diagnose Parkinson erhält, steht er unter Schock. Und reagiert mit Verdrängung: Zuerst hält er die Diagnose geheim. Dann verleugnet er sie. Und beginnt, sich selber zu bemitleiden.

Doch dann wird er neugierig, will er seiner Krankheit auf den Grund gehen. Und da er Journalist ist, tut er, was Journalisten so tun. Er liest sich ein. Er befragt Betroffene. Und er befragt Forscher. Natürlich die führenden.

Stürme im Gehirn ist einerseits ein Buch für an Medizingeschichte Interessierte und andererseits ein persönlicher Erfahrungsbericht. Mich hat vor allem letzterer in seinen Bann gezogen.

So sehr eine Diagnose auch immer ein medizinisches Problem bezeichnet, die Auswirkungen gehen häufig über das Medizinische hinaus. Als Palfreman sich in einer Parkinson-Selbsthilfegruppe, wie das dort üblich ist, mit dem Datum seiner Diagnose vorstellte, realisierte er, dass er damit etwas Tiefgehendes zugab: "Die Diagnose hatte eine irreversible Veränderung meiner Identität zur Folge. Als ich die Diagnose erfuhr, ging die eine Version von mir zu Ende, und eine andere begann."

Die Menschen, die die Diagnose Parkinson erhalten, reagieren darauf ganz unterschiedlich. Und auch mit der Krankheit leben sie ganz unterschiedlich. Die Beispiele, die Palfreman aufführt, sind eindrücklich.

Die Geschichte von Thomas Graboys ist mir am meisten unter die Haut gegangen. Anfang der 1990er-Jahre ist er ein glücklich verheirateter Arzt, hat zwei Kinder, ist einer der Stars an der Harvard Medical School und dem Brigham and Women's Hospital. 1993 stirbt seine Frau Caroline an Dickdarmkrebs. Dann  bemerkt er, dass sein Körper nicht mehr so funktioniert wie bis anhin. Er merkt es beim Tennisspielen und beim Skifahren. Dazu kommen Schlafstörungen.

"Bald hatte er eindeutige Beweise, dass etwas wirklich nicht in Ordnung war. Er entwickelte einen Tremor und eine gebückte Haltung, die Gleichgewichtsprobleme wuchsen an. Geistige Fehlleistungen und Aussprachefehler nahmen zu. Graboys versuchte seine Krankheit vor Kollegen, Patienten und Freunden und sogar vor der Familie zu verbergen, seine zweite Frau Vicki Tenney eingeschlossen, die er 2002 heiratete."

Als er eines Tages, das war 2003, über den Parkplatz zu seinem Auto ging, rief ihm ein Kollege, der nichts von dem Drama wusste, das sich in Graboys Leben abspielte, zu: "Wer kümmert sich eigentlich um deinen Parkinson?" Graboys, der noch nicht einmal mit Parkinson diagnostiziert worden war, war fassungslos. Sich selber zu betrügen, ging jetzt nicht mehr. 

Jon Palfreman
Stürme im Gehirn
Dem Rätsel Parkinson auf der Spur
Beltz Verlag, Weinheim 2016

Mittwoch, 24. August 2016

Sterblich sein

Atul Gawande ist Facharzt für Chirurgie an einer Klinik in Boston. Während seines Studium lernte er zwar eine Menge, aber nichts über Sterblichkeit. "Wir sollten lernen, Leben zu erhalten, und uns nicht um den Tod kümmern, das war - nach unserer Meinung und nach Meinung unserer Professoren - der Zweck unserer Ausbildung."

Der Tod wird verdrängt, das Sterben wird verdrängt, der Mensch will nicht wahrhaben, was er über sein Schicksal weiss. "Theoretisch wusste ich natürlich, dass meine Patienten sterben konnten, aber jedes Mal, wenn es tatsächlich passierte, kam es mir wie eine unzulässige Ausnahme vor, als seien die Regeln gebrochen worden, nach denen - wie ich glaubte - gespielt wurde. Ich weiss nicht, was genau ich mir unter diesem Spiel vorstellte, aber es waren immer wir, die dabei zu gewinnen hatten."

In der längsten Zeit der Geschichte der Menschheit lebten viele Generationen einer Familie unter einem Dach. Das hat sich geändert. Heutzutage sind Alter und Gebrechlichkeit keine gemeinschaftlichen generationenübergreifenden Aufgaben mehr, sondern werden von spezialisierten Einrichtungen übernommen.

Nein, früher war es nicht besser. Und kaum jemand möchte die Uhr zurückdrehen. "Es wurde zu einer allgemein akzeptierten Möglichkeit, allein und autonom zu leben, so, wie man es wollte. Diese Tatsache sollte gefeiert werden", schreibt Atul Gawande in Sterblich sein. Und er fügt hinzu: "Vielleicht gibt es die Verehrung der Alten nicht mehr; aber an die Stelle ist nicht die Verehrung der Jugend getreten, sondern die Verehrung des unabhängigen Selbst."

Dieses unabhängige Selbst mag ein Ideal sein, Realität ist es nicht. Nach wie vor sind wir aufeinander angewiesen und das zeigt sich spätestens dann, wenn das selbstbestimmte Dasein durch Krankheiten, Gebrechlichkeit und Schwäche unmöglich geworden ist.

In Sterblich sein erzählt Atul Gawande davon, wie Menschen mit den Einschränkungen durch Alter und Krankheit umgehen. Vor allem aber setzt er sich mit der Frage auseinander, wie man ein lebenswertes Leben führen kann, wenn man schwach und gebrechlich ist und nicht mehr für sich selber sorgen kann.

Das hängt unter anderem davon ab, wie viel Zeit wir glauben, zur Verfügung zu haben. "Nicht das Alter ist ausschlaggebend, sondern die Perspektive, der Blickwinkel, die Einstellung zum Leben." Um herauszufinden, was Sterbende sich wünschen, sollte man sie fragen. "Was sind Ihre grössten Ängste und Befürchtungen? Was wollen Sie im Leben noch erreichen? Was ist Ihnen am wichtigsten, worauf können Sie verzichten und worauf keinesfalls?"

Es geht darum, dass Sterbende ihr Leben, im Rahmen des Möglichen, weiterhin selbst gestalten können. Das verlangt, Entscheidungen zu treffen. Und die können natürlich auch falsch sein. Die Frage ist, "welche Fehlentscheidung wir mehr fürchten: die zur Verlängerung von Leiden führt, oder diejenige, die wertvolles Leben verkürzt"?

Wie der Untertitel treffend sagt, ist dies ein Buch über "Würde, Autonomie und eine angemessene medizinische Versorgung". Atul Gawande setzt sich damit anhand von Krankengeschichten auseinander. Auch mit derjenigen seines Vaters. Vor allem an dieser sehr persönlichen Geschichte wird deutlich, eindringlich und höchst berührend, dass es kein Patentrezept für ein gutes Sterben gibt.

Sterblich sein zeigt überzeugend, dass "die Auseinandersetzung mit den Beschränkungen unserer Biologie, mit den Grenzen, die uns von Genen und Zellen und Fleisch und Knochen gesetzt sind" nicht nur lohnt, sondern ausgesprochen hilfreich ist.

Sterblich sein ist ein wichtiges Buch!

Atul Gawande
Sterblich sein
Was am Ende wirklich zählt
Über Würde, Autonomie und
eine angemessene
medizinische Versorgung
S. Fischer, Frankfurt am Main 2016

Mittwoch, 17. August 2016

Ajahn Moskito

Peter Betts, 1951 als Arbeiterkind in West-London geboren, interessiert sich schon früh für den Buddhismus, verliert mit 16 seinen Vater, erhält ein Vollstipendium für Cambridge und studiert dort Theoretische Physik.

In Ajahn Brahm. Der Mönch, der uns das Glück zeigte erzählen Vusi Reuter und Sabine Kroiss nicht nur die Biografie von Peter Betts, der zu Ajahn Brahm wurde, sondern machen die Leser auch mit den Grundkonzepten des Buddhismus bekannt.

So erklären sie etwa, was es mit Karma auf sich hat. "Karma ist weder Strafe noch Belohnung, sondern lediglich die Folge unserer geistigen und physischen Handlungen. Wir sind dafür verantwortlich und tragen letztendlich auch die Konsequenzen, ob wir wollen oder nicht." Und machen darauf aufmerksam, dass man den im abendländischen Kulturkreis häufig gestellten Fragen "Warum ich?", "Warum passiert das mir?" im Buddhismus nur selten begegnet.

"Es gibt keine Gründe für Selbstmitleid, denn jedem Problem, jedem Umstand, der uns dazu verleiten könnte, uns selbst zu bedauern, wird eine Bedeutung zugesprochen und bekommt damit einen Sinn. Ursache und Wirkung: Dem Einzelnen fällt es dadurch viel leichter, selbst schwer zu bewältigende Probleme anzugehen. Das ist kein einfacher, kein bequemer Gedankengang für den westlich geprägten Menschen. Der Buddhismus weist den Weg aus der Opferrolle in die Eigenverantwortung."

Nach dem Studium arbeitet Peter Betts an einer Schule in Devon als Lehrer für Mathematik und Naturwissenschaften. Doch ist da auch der Wunsch nach einem spirituellen Leben. Schliesslich  macht er sich auf nach Thailand, wo er im Waldkloster Wat Pah Pong von Ajahn Chah Aufnahme findet. 

Der Alltag im Waldkloster ist streng. "Das Leben ist karg und fern jeder Romantik. Einfachheit und Reduktion bestimmen den Ablauf." Aufgestanden wird um drei Uhr morgens, Dhamma-Reden von Ajahn Chah während der Nacht können sechs bis sieben Stunden dauern. Das Ziel dabei ist Befreiung und diese ist nur in der Gegenwart möglich. 

Nach ein paar Jahren wechselt Ajahn Brahm, wie er jetzt heisst, in das neu gegründete Wat Pah Nanachat, das "Kloster der vielen Länder", in dem viele Ausländer nach der Waldtradition leben.

Ajahn Brahm empfiehlt, "nicht aus der Vergangenheit zu lernen, sondern aus der Gegenwart: 'The past is un-ifable. You can't if the past'. Es gibt kein 'wenn' in der Vergangenheit. Ajahn Brahm beschreibt sie als Gefängniszelle, deren Tür offen steht. Es steht uns frei, einfach hinauszugehen, aber wir tun es zu selten – wir halten daran fest. Genau darum geht es Ajahn Brahm: um ein innerliches Umschalten. Das befreit von Ballast, richtet unsere Aufmerksamkeit auf den Moment. Genauso schwierig ist es, Gewohnheiten, die man als schlecht oder sogar schädlich erkannt hat, aufzugeben. Auch daran halten wir um der Routine willen und wider besseres Wissen fest."

In Australien baut er zusammen mit anderen das Bodhinyana-Kloster auf. Er schreibt Bücher, versteht, zu unterhalten, macht sich einen Namen. Sein Rat wird gesucht, er jettet um die Welt, gibt Tipps, wie man mit schwierigen Menschen umgehen kann. Und erzählt dabei von Ajahn Moskito, von dem er als junger Mönch in Wat Pah Pong gehört hat. Ajahn bedeutet Lehrer, doch was können uns Moskitos lehren, die im thailändischen Wald doch nichts anderes tun, als die Mönchen beim Meditieren zu stören?

Brahms Lehrer, Ajahn Chah, "kann den Ärger seiner Mönche verstehen, erklärt ihnen aber, dass das Problem mit den Moskitos ein universelles sei. Unangenehm, wie sie nun mal sind, seien sie ein Teil des Lebens und lebten nur ihrer Natur entsprechend. Man müsse lernen, sie zu akzeptieren und sich mit ihnen zu arrangieren."

Ajahn Brahm
Der Mönch, der uns das Glück zeigte
Eine Biografie in Erzählungen
von Vusi Reuter und Sabine Kroiss
mvg Verlag, München 2016

Mittwoch, 10. August 2016

Der beste Weg zum Säufer zu werden

Der beste Weg zum Säufer zu werden, ist mit einem zu leben.

James Lee Burke: Mississippi Jam

Mittwoch, 3. August 2016

Leben mit einer bipolaren Störung

Jessie Close leidet unter manisch-depressiven Zuständen, einer Krankheit, die heute meist als bipolare Störung bezeichnet wird, da die meisten Kliniker und viele Patienten, wie Kay Redfield Jamison in Meine ruhelose Seele schreibt, "den Ausdruck 'bipolare Störung' als weniger stigmatisierend als 'manisch-depressive Krankheit'"empfinden. Für sich selber (sie leidet auch unter dieser Krankheit) hält Jamison 'manisch-depressiv' für angemessener und sie fragt: "Ist der Begriff 'bipolar' wirklich ein medizinisch präziser Begriff und führt die Änderung der Bezeichnung tatsächlich zu einer grösseren Akzeptanz der Erkrankung?"

Jessie Close hat (zusammen mit Pete Earley) in Ich bin mit den Wolken geflogen nicht nur die Geschichte ihrer Krankheit, sondern auch die Geschichte ihrer Familie (eine ihrer älteren Schwestern ist die Schauspielerin Glenn Close) aufgeschrieben.

"Meine Familie brauchte Jahre, um die Tatsache zu verinnerlichen, dass ich mir bei jedem Stimmungsumschwung ein neues Auto, ein neues Haus oder einen neuen Mann zulegte", notiert sie. Und sie hat viele Stimmungsumschwünge.

Eine gewöhnliche Kindheit hatte sie nicht. Sie kam in privilegierten Verhältnissen zur Welt und wuchs teilweise in der Obhut der 'Moral Re-Armament'-Gemeinschaft auf, einer Sekte, zu der ihre Eltern gehörten. Zudem gab es "höchstwahrscheinlich aufseiten der Vorfahren mütterlicherseits" eine genetische Disposition für mentale Erkrankungen.

Emotionale Nähe zu ihrem Vater (einem Arzt, der seinen Patienten gegenüber sehr mitfühlend war, seiner Frau hingegen seine Gefühle nicht zeigen konnte) aufzubauen, ist ihr nie gelungen. Sie fühlt sich von einem Dämon besessen, der sie überallhin begleitet, immer bei ihr ist, sie nie allein lässt.

Die manischen Zustände fühlen sich manchmal gut an. Sie ist dann euphorisch, aktiv und grenzenlos risikofreudig, doch immer lauert da bereits der Absturz, die abgrundtiefe Verzweiflung. "Selbst wenn sich die Manie gut anfühlte, wog sie nie die grauenvollen Depressionen auf, die ihr unweigerlich folgten."

Doch Jessie Close leidet nicht nur unter heftigen und ganz plötzlichen Stimmungsschwankungen, sie trinkt auch übermässig, kokst, tut generell alles, was sie tut, ohne Mass. Es dauert unfassbar lange bis sie Panikattacken, Paranoia, Gedankenflucht, Zerstreutheit und Hypernervosität als das zu erkennen beginnt, was sie häufig sind: Symptome einer mentalen Erkrankung.

"Rückblickend wird mir klar, dass keiner von uns jemals auf die Idee kam, Jessie könnte an einer mentalen Krankheit leiden, obwohl sie zwei Selbstmordversuche hinter sich hatte, ständig in zerstörerischen Beziehungen lebte und sich mit Drogen in eine andere Welt flüchtete. Die Möglichkeit drang einfach nicht bis in unser Bewusstsein vor und war nie Gesprächsthema. Aus unserer Sicht lebte sie auf der Überholspur, ohne Ziel und Selbstdisziplin", so ihre sechs Jahre ältere Schwester Glenn Close.

Sie wird als bipolar diagnostiziert, nimmt Medikamente, hört mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker auf zu trinken, doch der Verzicht auf Alkohol stabilisierte ihre Stimmungen nicht. "Wenn überhaupt, äusserte sich der Wechsel zwischen depressiven und manischen Episoden nun völlig ungehemmt und mit einer neuen, nie dagewesenen Heftigkeit." Doch zum Saufen zurück ist keine Option, es hat zuviel Chaos angerichtet.

Sie geht in eine Klinik, erhält neue Medikamente, lernt zu akzeptieren, dass sie sich genau so entwickelt hat, wie es in ihr angelegt war. "Ich akzeptierte die Tatsache, dass ich eine schwere mentale Krankheit hatte, die immer ein Teil meines Lebens bleiben würde, weil sie ein Teil von mir war."

Jessie Close
Ich bin mit den Wolken geflogen
Zwei Schwestern und die Geschichte einer psychischen Erkrankung
LangenMüller, München 2015