Mittwoch, 28. Dezember 2016

On Quitting and Relapsing

.... nobody who's ever gotten sufficiently addictively enslaved by a Substance to need to quit the Substance and has successfully quit it for a while and been straight and but then has for whatever reason gone back and picked up the Substance again has ever reported being glad that they did it, used the Substance again and gotten re-enslaved; not ever.

David Foster Wallace: Infinite Jest

Mittwoch, 21. Dezember 2016

Louise sucht das Weite

Louise Jacobs, geboren 1982 in Zürich, kommt mit der Schweizer Perfektion nicht zurecht, zieht mit achtzehn nach Berlin, fühlt sich befreit. "In Berlin war ich am richtigen Platz."

Vierzehn Berliner Jahre später fühlt sie sich leer, unendlich leer. Und denkt an das Land ihrer Sehnsucht, den Wilden Westen. In ein Leben als Aussenseiter im Wilden Westen hat sie sich während ihrer Kindheit hinein geträumt. Ich kenne das. Bei mir war es nicht der Marlboro-Mann, bei mir waren es die Indianer.

Und dann, während eines Aufenthalts in Arizona, packt sie die Countrymusik. "Ich fand mein Schicksal in den Songs wieder."

Zurück in Berlin schreibt sie weiter an ihrem Künstlerroman, taucht mit grosser Genugtuung in das Leben und Schaffen von Goya, Klimt, Velázquez, Delacroix und de Kooning ein. Doch sie fühlt sich gehetzt, getrieben von der Angst, dieses Buch, ihr zweites, niemals zu Ende zu bringen.

Doch sie bringt es zu Ende, es wird gedruckt, doch zwei Wochen vor Erscheinen wird das Verlagshaus verkauft und der Vertrieb des gesamten Verlagsprogramms eingestellt. Was sollte sie jetzt tun, sie, die sich in Berlin, als Deutsche unter Deutschen nicht heimisch fühlte? Sie stösst auf Berichte und Auswandererführer, auf Briefe und Geschichten aus der Neuen Welt und diese führen sie wieder zu ihrer Cowboy-Sehnsucht zurück.

Sie macht sich auf nach Montana, erfährt dort die Naturgewalten. "Masslose Wolken mit schwarzen Unterleibern jagten in zwei übereinanderliegenden Schichten nach Osten. Zwischendurch zerriss der Wind die dichte Decke und legte ein Stück blauen Himmel frei, dann schloss sich die Lücke wieder, und Regentropfen zerplatzten auf der Frontscheibe des Wagens, in dem ich sass."

Sie erlebt sich neu, staunt, ist fasziniert, fühlt sich frei und bei sich. "Ich schaute zum Fenster hinaus und fühlte mich still und klar – ein Gefühl, das manche nur in der Meditation erfahren können. Mir reichte Montana."

Sie trifft auf Patrick, sie machen viel zusammen, er macht ihr einen Heiratsantrag, besucht sie in Berlin. "Irgendwann  erzählte er mir, dass er eine Borderline-Diagnose hatte. Er nehme keine Medikamente mehr, sagte er, die hätten ihn nur fett gemacht. Doch immer öfter fing er aus heiterem Himmel an, mit mir die Auseinandersetzung zu suchen."

Sein Verhalten wird zunehmend aggressiver, seine Stimmungsschwankungen heftiger, seine Eifersuchtsanfälle und Wahnvorstellungen häufen sich. "Ich war hilflos, ich konnte mich nicht gegen ihn wehren." Nach neun Monaten Beziehung trennen sie sich. "Es war ein Ende mit Schrecken. Mir wurde in dem Moment bewusst, dass meine Naivität und Abenteuerlust ein für mich bedrohliches Ausmass angenommen hatten."

Keine Vorwürfe an Patrick, keine Schuldzuweisungen; Louise Jacobs sucht den Fehler für das Scheitern ihres Montana-Traums bei sich und genau dies ist es, was Louise sucht das Weite zu einem starken Buch macht. Ihr wird klar, dass sie, um ihren Traum leben zu können, sich selbst ändern muss.

Sie lässt Berlin hinter sich, in Vermont verliebt sie sich, heiratet und lernt an der Cornell University das Hufschmiedehandwerk, die Voraussetzung für ein Leben als Cowboy.

Louise Jacobs hat sich von ihrem Traum nicht abbringen lassen und die Vorstellung vom Cowboy-Leben durch das Cowboy-Leben selbst ersetzt.

Louise sucht das Weite macht Mut aufs Leben!

Louise Jacobs
Louise sucht das Weite
Wie ich loszog, Cowboy zu werden und zu mir selbst fand
Knaur Verlag, München 2016

Mittwoch, 14. Dezember 2016

Wofür es sich zu leben lohnt

Keine Kunst interessiert mich mehr als die Lebenskunst. Und so recht eigentlich ist sie die einzige, von der ich wirklich etwas halte. Kein Wunder also, bin ich Theodore Zeldins Gut Leben. Ein Kompass der Lebenskunst gespannt angegangen, merkte dann jedoch recht schnell, dass der deutsche Titel etwas irreführend ist. Der englische Untertitel trifft es besser: er spricht von einem neuen Weg, die Vergangenheit zu erinnern und sich die Zukunft vorzustellen.

"Die Geschichte ist nicht nur eine Aufzeichnung dessen, was geschehen ist und warum es geschah, sondern regt vor allem die Fantasie an", behauptet Zeldin nicht nur, sondern führt es höchst eloquent vor, indem er uns am Leben und den Gedanken von ganz unterschiedlichen Personen – vom Maler Lucian Freud (1922 - 2011) bis zum Schriftsteller und Politiker Benjamin Disraeli (1804 - 1881) – teilhaben lässt und daraus überaus hilfreiche Folgerungen zieht.

"Die Zwänge des gewöhnlichen Lebens nehmen einen so sehr in Anspruch, dass wir den grundsätzlicheren Problemen der Lebenskunst gewöhnlich ausweichen. Was am wichtigsten ist, wird oft am wenigsten diskutiert. Der Kampf gegen die Zensur ist nie gewonnen, aber die Selbstzensur ist noch heimtückischer."

Er suche nicht nach Lösungen, notiert Zeldin einmal, "sondern nur nach zu erkundenden Wegen." Dabei bemerkt er auch, dass die Glorifizierung und Kommerzialisierung einer kleinen Schar von herausragenden Künstlern den Blick ablenkt von dem, was Kunst auch ist und mehr sein sollte, "nämlich einen wechselseitigen Austausch zwischen Menschen anzuregen, die in verschiedenen Ausschnitten der Wirklichkeit zu Hause sind und unterschiedlich empfinden."

Theodore Zeldin, geboren 1933, lehrte viele Jahre in Oxford Geschichte. Kein Wunder also, liefert er in diesem Werk viel gelehrtes Wissen und orientiert sich dabei ebenso an den grossen Namen, wie er das bei den Kunstdebatten kritisiert. Ausserordentlich anregend ist ihm dabei die Auseinandersetzung mit dem Glauben beziehungsweise den Religionen gelungen. "Es gibt keinen Kampf der Kulturen zwischen Christentum und Islam, sondern nur das Aufeinanderprallen von Vorstellungen, die in jeder dieser beiden Religionen zu finden sind."

Dabei macht er auch klar, dass es bei religiösen Auseinandersetzungen oftmals gar nicht um die Religion geht, sondern um die Frage, ob man bereit und fähig ist, ein chaotisches Leben voller Widersprüche und komplexer Abläufe zu akzeptieren oder auf eindeutige und einfache Anweisungen angewiesen ist.

Was mich ganz unbedingt für dieses Buch einnimmt, ist, dass der Autor nicht einfach akademisch referiert, sondern danach trachtet, Wissen aus der Vergangenheit für sein eigenes Leben zu nutzen. So bezeichnet er etwa instinktive Abneigung als den Hauptgrund, weshalb so viele Menschen einander nicht zu schätzen vermögen. Und obwohl das eine universelle menschliche Reaktion sei, gebe es einen anderen Weg, "eine andere, langsamere Reaktion, die auf der Überzeugung beruht, dass man jedes Mal etwas Neues entdecken kann, wenn sich zwei Menschen in Situationen, Stimmungen, Gesprächen oder Herausforderungen begegnen."

Theodore Zeldin stellt Menschen und Ideen aus verschiedenen Jahrhunderten  und mit ganz unterschiedlichem Hintergrund einander gegenüber, "um so neue Antworten auf die Fragen zu finden, die die gegenwärtigen Bewohner der Erde umtreiben."

Besonders angesprochen hat mich der chinesische Schriftsteller und Dramatiker Lao She (1899-1966), für den Humor "eine Geisteshaltung" war, die es zu kultivieren galt, um das Leben erträglich zu gestalten. "Dazu gehörte, Leute zu beobachten wie ein Tourist, der alles interessant findet." Ein wunderbar hilfreicher Ratschlag, den ich letzthin (ohne ihn allerdings gekannt zu haben) instinktiv praktizierte, als ich am Bangkoker Flughafen beim Warten auf meinen Flug den Gang meiner Mitpassagiere beobachtete. Die Art und Weise des Gehens ist nicht nur ausgesprochen vielfältig, sie lädt auch zum Schmunzeln ein.

"Lebendig zu sein heisst mehr als nur ein Herz zu haben, das schlägt. Es heisst auch, sich bewusst zu werden, wie andere Herzen schlagen und wie andere im Austausch miteinander denken", meint  Zeldin, der mit diesem höchst gelungenen Buch seinen Beitrag leistet, damit wir miteinander ins Gespräch kommen können.

Theodore Zeldin
Gut leben
Ein Kompass der Lebenskunst
Hoffmann und Campe, Hamburg 2016

Mittwoch, 7. Dezember 2016

Vom Helfen Wollen

Es scheint mir, dass ein Mensch, bei dem allerbesten
Willen, unsäglich viel Unheil anstiften kann, wenn
er unbescheiden genug ist, denen nützen zu wollen,
deren Geist und Wille ihm verborgen ist.

Friedrich Wilhelm Nietzsche

Mittwoch, 30. November 2016

On Spirituality

"Someone said to me in Dublin: masses are down, confessions are down, but funerals are up!" She laughs. "Religion. You see, I rebelled against the coercive and stifling religion into which I was born and bred. It was very frightening, and all pervasive. I'm glad it has gone. But when you remove spirituality, or the quest for it, from people's lives, you remove something very precious. Ireland is more secular, but it went to their heads: a kind of hedonism. They're free, yes, but questions come with freedom. What about conscience? Conscience is an essential thing." She didn't see the crash coming, but she knew no good could come of the boom. "It generated an ethos of envy. I'll never forget walking along by St Stephen's Green [Dublin]. There was a big hoarding with an advert on it for a motor car. 'Enjoy the begrudgery,' said the slogan. It was very cynical, but very true. Not a healthy sign."

From Rachel Cooke: "Edna O'Brien: 'A writer's imaginative life commences in childhood'", The Observer, 6 February 2011.

Mittwoch, 23. November 2016

Die richtige Diagnose

"Wie kann das Unsinn sein? Wären dir etwa die Begriffe lieber, die von den Seelenklempnern verwendet werden? 'Psychotisch'? 'Manisch-depressiv'? 'Paranoide Schizophrenie'? Hör mal. Versuch das doch zu verstehen. Damals, als ich noch klein war, bevor irgendjemand in Morristown schon mal was von Sigmund Freud gehört hatte, existierten für uns drei Grundkategorien: Es gab 'irgendwie verrückt', 'verrückt' und 'total durchgeknallt'. Das sind die Begriffe, denen ich traue ...".

Richard Yates: Eine strahlende Zukunft

Mittwoch, 16. November 2016

La Primera Copa

Los que piensan: Una sola copa no me haría daño ... están preparando, están organizando su recaída. Porque una de dos: o una sola copa no nos hace de veras nada, y entonces ¿para qué beberla?; o una sola copa es suficiente para engendrar en nosotros un estado de euforia, y entonces ¿para qué beberla si sabemos que somos alérgicos a una euforia que nos arranca de nosotros mismos y nos convierte en "otro"? Añado: tantos discursos por una sola copa que "no nos hará nada" ...¿no es como imaginarse unos ladrones haciendo planes para robar de un vigiladísimo banco un billete de cinco dólares?

Carlo Coccioli
Hombres en Fuga

Mittwoch, 9. November 2016

Denken heilt!

Dieser Satz aus den Upanishaden ist Albert Kitzlers Denken heilt! vorangestellt: "Man wird wie das, was im eigenen Sinn und Denken herrscht – das ist das immerwährende Geheimnis." Anders gesagt: Wir sind was und wie wir denken.

Albert Kitzler bezeichnet sein neuestes Buch im Untertitel als Philosophie für ein gesundes Leben und hat damit bereits meine Sympathie, denn mit der akademischen Spielart der Philosophie kann ich wenig anfangen. Mir ist es mehr um Gedanken und Einsichten zu tun, die mir helfen, ein qualitativ gutes Leben zu führen. Und so recht eigentlich trifft es ein gesundes Leben noch besser.

Das Gesunddenken, so der Autor, "beruht auf ganzheitlichen Anschauungen und zielt auf eine nachhaltige Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, die uns widerstandsfähiger macht gegen Last und Leid des Alltags und uns lehrt, bewusster, freudvoller und weise mit unserem Leben umzugehen."

Man solle nicht einfach glauben, was er sage, wird von Buddha überliefert, sondern für sich selber prüfen, ob es auch wirklich wahr sei. Dieselbe Haltung nimmt auch Albert Kitzler ein, der mit Denken heilt! "Angebote für Denkwege und Verhaltensweisen, die der Leser für sich prüfen, ausprobieren und mit seinen eigenen Erfahrungen vergleichen kann" vorlegt.

Denken heilt! orientiert sich fast ausschliesslich am Weisheitswesen der Antike in Ost und West. Der Grund liegt darin, so Autor Kitzler, dass bereits damals "alles Wesentliche zur Überwindung seelischen Alltagsleids ausgesprochen worden ist." Das leuchtet mir nur schon deshalb ein, weil ich bei den vielen psychologischen Untersuchungen und Ratgebern, die ich gelesen habe, selten einmal auf etwas gestossen bin, dass ich als neu empfunden hätte. Ausser dem Jargon.

Dass unser Denken Einfluss auf unser Befinden hat, versteht sich eigentlich von selbst. So wird sich einer, der sich von dunklen Phantasien leiten lässt, bestimmt anders fühlen als eine, die sich an der Schönheit der Blumen orientiert. Doch was und wie wir denken, ist nicht einfach Schicksal, denn wir können unsere Gedanken zu einem gewissen Grad steuern.

Das meint nicht, aus positiv mach negativ und umgekehrt. Das meint, wir können lernen, nicht einfach unseren Impulsen oder unserem Bauchgefühl nachzugeben. Und wir können uns entscheiden, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten.

"Sich übermässig auf den Schmerz zu konzentrieren ist ungesundes Denken, sich zu fokussieren auf das, was nun am besten zu tun ist, um den Schmerz zu überwinden, gesundes Denken."

Überzeugend an Denken heilt! ist vor allem, dass Albert Kitzler nicht über praktische Fragen theoretisiert, sondern sie praktisch angeht und das bedeutet unter anderem, dass er sie im grösseren Zusammenhang sieht. Nehmen wir als Beispiel den leidvollen (der beflügelnde ist hier nicht gemeint) Stress, von dem der moderne Mensch glaubt, dass er gleichsam das Kennzeichen der heutigen Zeit sei. Nur eben: Stress ist ein seelisches Leiden und keine Zivilisationskrankheit, es gab ihn schon immer.

Nicht die anderen oder die Umstände verursachen unseren Stress, sondern wir selber. Genauer: unsere Begierden, Wünsche und Vorstellungen. Diese treiben uns an und das ist ja auch ganz in Ordnung so. Problematisch wird es, wenn sie uns überfordern und wir davon loskommen wollen, aber nicht wissen wie. 

Hier nun kann das Gesunddenken eingesetzt werden. Konkret: Es gilt, unsere Wünsche und Antriebe, ja unsere Wertvorstellungen zu hinterfragen: Woher kommen sie? Tun sie uns gut? Sind sie sinnvoll? Würden wir auch so leben, wenn wir nicht mehr lange zu leben hätten? Denn: "Unsere eigenen Lebensziele und die darin zum Ausdruck kommenden Werturteile sind demnach neben unbewussten Anteilen die wesentlichen Ursachen dafür, dass wir uns überlasten und in leidvollen Stress geraten."

Vieles, das uns die Philosophen der Antike und Albert Kitzler raten, gehört in die Abteilung gesunder Menschenverstand. Etwa der vernünftige Rat, Mass zu halten. Oder Aufforderungen wie "Denke weniger an die Zukunft und konzentriere dich auf das Hier und Jetzt", "Denke an den eigenen Tod",  "Denke von Beginn an, dass deine Unternehmung scheitern kann", "Mache dir die Grenzen der eigenen Erkenntnisfähigkeit bewusst".

Nur eben: Denken heilt! erschöpft sich nicht in Kalendersprüchen, sagt nicht einfach kompliziert, was man auch einfach sagen könnte, sondern illustriert anhand zahlreicher Beispiele höchst differenziert "die Stufenfolge von Erkennen des Problems, Entschluss zur Änderung und Üben". Und er gibt praktische Anregungen. Wie übt man etwa 'gesunde' Überlegungen ein? Durch Konzentration, durch Wiederholung, durch Vertiefung. 

Das Ziel ist, sich 'gesunde' Gedanken zur Gewohnheit zu machen. Um dies zu erreichen schlägt Albert Kitzler unter anderem vor, Zitate und Aussprüche, die wir für besonders treffend halten, uns einzuprägen. Und möglichst praktisch umzusetzen. "Lernen, gesund zu denken, ist stets das Bemühen, überlieferte Weisheit mit den eigenen Erfahrungen verschmelzen zu lassen."

Denken heilt! ist ein überaus hilfreiches Buch

Albert Kitzler
Denken heilt!
Philosophie für ein gesundes Leben
Droemer Verlag. München 2016

Mittwoch, 2. November 2016

Getting In Touch With Your Feelings

They neglect to tell you that after the urge to get high magically vanishes and you've been Substanceless for maybe six or eight months, you'll begin to start to 'Get In Touch' with why it was that you used Substances in the first place. You'll start to feel why it was you got dependent on what was, when you get right down to it, an anesthetic. 'Getting In Touch With Your Feelings' is another quilted-sampler-type cliché that ends up masking something ghastly deep and real, it turns out. It turns out that the vapider the AA cliché, the sharper the canines of the real truth it covers.

David Foster Wallace: The Infinite Jest

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Kalin Terzijski: Alkohol

Auf dem Umschlag von Alkohol, bei Ink Press in Zürich erschienen, sind Kalin Terzijski und Dejana Dragoeva als Autoren aufgeführt, doch nur von Kalin Terzijski erfährt man, wer er ist: Ein studierter Mediziner, der einige Jahre als Psychiater gearbeitet hat. Im Prolog beschreibt Dejana Dragoeva ihre Mitarbeit bei diesem Buch so: "Meine 'unsichtbare' Rolle bestand darin, die Linien vorzuzeichnen, auf welchen alle Seiten geschrieben wurden. Die Seiten so zusammenzufügen, dass aus einem verstreuten Puzzle unzusammenhängender Gedanken eine Geschichte sowohl mit einer Story als auch mit einem Plot entstand."

Kajo, der Protagonist der Geschichte, wollte schon als Kind Alkoholiker werden, denn er empfindet das Leben als sinnlos. "So gelangte ich zur diffusen, aber immer stärker werdenden Überzeugung, dass ich Alkoholiker werden musste." Er schildert das als einen bewussten Entscheid, zimmert sich rationale Gründe zurecht und glaubt sie offenbar. "Der Rausch ist der einzige Zustand im Leben, der sich lohnt." 

Ich kann mit solchen wenig inspirierenden Selbstrechtfertigungen, die sich gelegentlich als ziemlich abstruses Loblied auf Alkoholiker lesen ("Die Freiheit des Alkoholikers liegt darin, dass er die Welt nicht ändern will.") nichts anfangen, sie ermüden mich nur; andere Aspekte dieses Buches sprachen mich weit mehr an. Die Schilderungen aus der Psychiatrie etwa, als er "der seriöse, traurige, nette, kühle, grausame Arzt gewesen war, der durch die Alleen zwischen den Baracken der Klinik umherwanderte und versuchte, seine eigene Seele zu retten, indem er seine Hand ängstlich den Seelen der anderen entgegenstreckte. Der von der Welt verlassenen Verrückten."

Als er dann die Medizin, die Familie (von seiner Frau und seinem Kind erfahren wir nicht viel  das ist nicht weiter verwunderlich, Alkoholiker sind fast ausschliesslich mit sich selber beschäftigt) und das sogenannt normale Leben aufgibt, "war ich in den Kreisen der normalen Menschen nicht mehr erwünscht."

Doch was sind normale Menschen? Was ist ein normales Leben? 
"Normal nenne ich aus Gewohnheit jene, die vor allen Angst haben, die anders sind als sie. Es graut ihnen vor dem Scheitern, und deshalb hüllen sie sich in Überheblichkeit ein. In diesen Kreisen  der normalen Menschen  sind Verräter gar nicht willkommen. Verräter nennen die Normalen jene, welche der Idee der Unterwerfung unter den gigantischen Mechanismus  unter die Fleischmühle, in welche lebende, blutige Körper eingehen und unmenschliche Werbegesichter und Autobiografien aus Pappe herauskommen  fremdgegangen sind."

Im Laufe der Geschichte tritt immer wieder die Wahrsagerin Marta auf, deren Rolle sich mir nicht wirklich erschlossen hat. Im Klappentext erfahre ich, sie gebe Kajo via diverser Skype-Gespräche "durch einen manipulierten Zwist mit seinem besten Freund Martin Karbovski seine Würde zurück und den unbändigen Willen, ohne Alkohol zu leben und zu schreiben." Das muss ich überlesen haben.

Wie auch immer, jedenfalls hört Kajo auf zu trinken. Und jetzt beginnen die für mich stärksten Szenen dieses Buches. "Eines Abends sass ich am leeren Tisch. Ich starrte die weisse Wand an und trank nicht. Ich trank einfach nicht. Es war grossartig. Als wäre ich in einer gotischen Kathedrale. Als wäre ich selbst eine gotische Kathedrale. Streng, vernünftig und trocken." Er wird zum Kämpfer. "Ich durchlebte die ungeheuren Schmerzen und die Hölle der Abstinenz. Ich zermalmte sie mit meinem Willen. Und war stolz auf mich selbst. Ich war ein Sieger."

PS: Von den ersten Seiten an sei ihr klar gewesen, dass Alkohol kein Bekenntnisbuch sei, sondern ein Poem, über die eigene Generation, schreibt die 1981 in Sofia geborene und mittlerweile in Zürich lebende Übersetzerin Viktoria Dimitrova Popova im Nachwort. "Das war er, der Roman aus Bulgarien, auf den ich seit der Wende gewartet hatte, der auch mich betraf und erschütterte ...".

Kalin Terzijski
Dejana Dragoeva
Alkohol
INK PRESS, Zürich 2015

Mittwoch, 19. Oktober 2016

Develop a new self-respect

You should not dwell too much on the mistakes, faults, and failures of the past. Be done with shame and remorse and contempt for yourself. With God's help, develop a new self-respect. Unless you respect yourself, others will not respect you. You ran a race, you stumbled and fell, you have risen again and now you press on toward the goal of a better life. Do not stay to examine the spot where you fell, only feel sorry for the delay, the shortsightedness that prevented you from seeing the real goal sooner.

Twenty-Four Hours a Day

Mittwoch, 12. Oktober 2016

Sich auf diesen Augenblick einlassen

Abt Muho, 1968 als Olaf Nölke in Berlin geboren und jetzt mit seiner Frau und seinen drei Kindern im japanischen Antaiji lebend, geht es in seinem Buch Ein Regentropfen kehrt ins Meer zurück um die grossen Fragen unseres Menschseins: Wie wollen wir leben? Und wie wollen wir sterben?  "Es geht dabei um die einzige Frage, die zählt: Bin ich wirklich einverstanden mit dem Leben, wie ich es heute lebe?"

Was mich, abgesehen von der ansprechenden Gestaltung, für dieses Buch einnimmt, ist die einfache Sprache, diese ganz wunderbar klaren Sätze, von denen mich nicht wenige überraschen. Positiv überraschen. "Doch je mehr ein Mensch das Leben bejaht, desto mehr wird er sich vor dem Tod fürchten." Logisch, nicht? Eigenartig, das ich das bis jetzt noch nie so gelesen habe.

Leben ist Leiden, heisst es im Buddhismus. Abt Muho drückt das weniger abstrakt aus: "Du bist unzufrieden, und du weisst nicht, warum". Unzufrieden sind wir, weil wir an unserer eigenen Situation verzweifeln, denn die ist so recht eigentlich fast nie, wie sie unserer Meinung nach sein sollte.

"Weil wir die Welt nicht so sehen wollen, wie sie wirklich ist, leiden wir. Die Dinge kümmern sich nicht darum wie wir sie gerne hätten. Sie sind einfach da. Zur Wirklichkeit erwachen bedeutet, die Blindheit und das Verirren zu erkennen. Die durch sie hervorgerufene Unzufriedenheit zu durchschauen."

Ein Regentropfen kehrt ins Meer zurück ist die Geschichte einer persönlichen Sinnsuche. Seine Mutter starb, als Olaf Nölke noch ein Kind war, das lebensbejahende Christentum seines Grossvaters bot keinen Trost. "Ich spürte keine Sehnsucht nach dem Tod, aber auch keine Lust aufs Leben. Meine Grübeleien führten zu nichts."

In einem christlichen Internat entdeckt und praktiziert er, angestiftet von einem Jugendleiter, die Zen-Meditation. In Antaiji lernt er die harte, japanische Zen-Praxis kennen. "Das Leben dort folgt einer einfachen Gleichung: Ein Tag ohne Arbeit ist ein Tag ohne Essen."

Natürlich gehen auch die Klosterbewohner in Antaiji nicht jeden Tag frohgemut ihrer Arbeit nach, natürlich klagen auch sie darüber, dass sie ihnen immer mal wieder zu viel und zu mühsam sei. "Dabei ist das Problem doch oft gar nicht die Arbeit, sondern unsere Einstellung zu ihr. Arbeit bedeutet nicht nur Last und Frustration. Sie gibt uns auch die Chance, unsere Fähigkeiten zu nutzen und zu vervollkommnen."

Und sie gibt uns, wie das Leben überhaupt, die Gelegenheit, uns in Gleichmut zu üben. Er habe immer gemeint, schrieb der japanische Dichter Masaoka Shiki kurz vor seinem Tod, das Erwachen, von dem im Zen-Buddhismus die Rede ist, bedeute, mit Gleichmut zu sterben. "Welch ein Irrtum: Erwachen bedeutet, mit Gleichmut zu leben."

Den einzelnen Kapiteln sind Zitate des Zen-Meisters Sawaki Kodo (1880-1965) vorangestellt, einem  eigenwilligen Mann, der viele Jahre durch Japan gezogen war und erst, als er sehr krank wurde, sich nach Antaiji zurückzog. Hier zwei Beispiele: "Der Buddhismus ist keine Ideologie. Die Frage, die er stellt, lautet: 'Was fange ich mit mir selbst an?'"; "Lebenspraxis bedeutet, den Ort, an dem du jetzt stehst, zum Paradies zu machen. Lebenspraxis bedeutet, das Himmelreich unter deinen Füssen zu entdecken."

Ein Regentropfen kehrt ins Meer zurück ist ein höchst inspirierendes Buch.

Abt Muho
Ein Regentropfen kehrt ins Meer zurück
Warum wir uns vor dem Tod nicht fürchten müssen
Berlin Verlag, München / Berlin 2016

Mittwoch, 5. Oktober 2016

Glück. Ein Tatsachenroman

Was, um Himmels Willen, hat ein Tatsachenroman über Glück auf einem Blog zum Thema Sucht zu suchen? Nun ja, Glück erhoffen sich ja auch viele Süchtige. Dazu kommt, dass für mich Sucht wenig mit chemischen Substanzen, dafür viel mit einer Lebenshaltung zu tun hat. Und nicht zuletzt: Um von einer Sucht loszukommen braucht es auch Glück. Und nicht zuwenig. Ich weiss wovon ich rede, ich selber hatte dieses Glück.

Robert Kisch, so die Verlagswerbung, sei das Pseudonym eines preisgekrönten Journalisten. Und da fragt man sich natürlich (jedenfalls frage ich mich), weshalb jemand, der einen oder mehrere Preise verliehen bekommen hat und diese Tatsache erwähnt haben will, sich hinter einem Pseudonym versteckt. Nun gut, vielleicht wollte das der Verlag, der Autor selber nicht. Was das Ganze noch etwas eigenartiger macht, ist, dass der Autor sein Pseudonym anlässlich des Erscheinens von Glück gelüftet hat, was für diese Besprechung jedoch ohne Belang ist.

Wie gesagt, Robert Kisch ist Journalist und er tut, was Journalisten meist so tun. wenn sie sich kundig machen wollen – sie interviewen erfolgreiche Menschen. So besucht er etwa einen berühmten Unternehmensberater, der ihm unter anderem erläutert, "dass das Thema Spiritualität im beruflichen Kontext vor zwanzig Jahren undenkbar war und heute eher schon ein Gütesiegel ist." Kisch, der sich an seine Zeit als Angestellter eines Möbelhauses erinnert, hat andere Erfahrungen gemacht – im Möbelhaus war Spiritualität eher ein Schimpfwort.

Glück. Ein Tatsachenroman zeichnet sich wesentlich dadurch aus, dass hier einer nicht nur einfach Leute befragt, sondern das Gesagte jeweils eigenständig und mit Bezug auf eigene Erfahrungen bedenkt und kommentiert. Das finde ich spannend, wenn auch nicht immer verständlich: "Stille ist nicht die Abwesenheit von Krach, denke ich, sondern die Abwesenheit meines Unbewussten." Da ich mir des Unbewussten nicht bewusst bin, kann ich mir seine Abwesenheit auch nicht vorstellen.

Robert Kisch ist ein ständig reflektierender Mann, voll der besten und zu vieler Vorsätze. Vorgenommen hat er sich etwa, sich gedanklich auf sein Ende vorzubereiten, sein Sterben zu erlernen, indem er dankbar ist. Er bemüht sich, strengt sich an, geht höchst bewusst durchs Leben, denkt ohne Unterbruch  – "denke ich" ist die häufigste Wendung in diesem Buch.

Er ist voller Selbst-Ermahnungen. Schweigen will er können. Es gelingt selten. Viel zu viele Gedanken stehen ihm ständig im Weg. Doch er gibt nicht auf. Und manchmal gelingt es ihm. "Aber immer dann, wenn ich es tatsächlich schaffe, ist das, was da ist, genau das, was ich will."

Von einem Physiker, den er dokumentieren will, weil er über den Dingen steht und sein Leben nach dem wirklich Wichtigen ausrichtet, lernt er (und ich), dass das, was diese Welt zusammenhält, Energie ist, "ein Konzept, das man als solches nicht beobachten kann." Er glaube nur, was er sehe, zitiert Kisch ironisch den beliebten Skeptikerspruch. "Ja", sagt der Physiker und lächelt, "aber ich habe noch nie einen Gedanken gesehen."

Bei einem Fest trifft Kisch auf Edina, die ihn von früher kennt. Sie ist verheiratet, die beiden beginnen ein Verhältnis. Er verschweigt ihr, dass er ohne feste Arbeit und Klient beim Arbeitsamt ist. Wohl ist ihm nicht in dieser Beziehung, er führt sie trotzdem weiter, denn so eine Leidenschaft hat er noch nie erlebt. Was dem Autor sehr überzeugend gelingt, ist das Nebeneinander von sehr detaillierten, witzigen und oft selbst-ironischen Schilderungen aus dem Alltag einerseits und seiner spirituellen Suche andererseits.

Glück. Ein Tatsachenroman ist gut erzählt, anregend und reich an hilfreichen Einsichten. Wenn er das tue, was gerade im Moment zu tun sei, so der Unternehmensberater, dann mache ihm das keinen Stress. "Stress entsteht dann, wenn ich daran denke, was noch zu tun ist." Und die Zen-Meisterin erklärt, dass man lernen müsse, das anzunehmen, was ist. "Sonst ist man immer damit beschäftigt zu sagen: So, wie es jetzt ist, passt es nicht. Der Geist möchte immer springen, er möchte es immer anders haben, als das Leben gerade ist."

Robert Kisch
Glück
Ein Tatsachenroman
Droemer Verlag, München 2016

Mittwoch, 28. September 2016

Besser scheitern

Immer versucht.
Immer gescheitert.
Einerlei.
Wieder versuchen.
Wieder scheitern.
Besser scheitern.

Samuel Beckett

Mittwoch, 21. September 2016

Gesetze der Medizin

Der Mediziner und Autor Siddhartha Mukherjee erhielt 2011 den Pulitzer Preis für sein Buch Der König aller Krankheiten: Krebs - eine Biographie. Mit Gesetze der Medizin legt der S. Fischer Verlag nun seine, wie es im Untertitel heisst, Anmerkungen zu einer ungewissen Wissenschaft vor. Das Buch ist auf der Grundlage von Mukherjees TED Talk entstanden. 

Ist die Medizin eigentlich eine Wissenschaft?, fragt sich der Mediziner Mukherjee. Sicher ist, dass die Medizin in den letzten Jahrzehnten mit spektakulären technischen Innovationen aufgewartet hat, doch machen diese noch keine Wissenschaft aus; "sie beweisen lediglich, dass die Medizin wissenschaftlich ist – das heisst, therapeutische Eingriffe basieren auf den rationalen Prinzipien der Pathophysiologie."

Wissenschaft zeichnet sich durch Gesetze aus. Dabei handelt es sich um "Aussagen, deren Wahrheitsgehalt auf wiederholten experimentellen Beobachtungen einiger universeller oder verallgemeinerbarer Naturattribute gründet." Das ist in grossem Ausmass in der Physik der Fall, in kleinerem in der Chemie und in einem wesentlich kleinerem in der Biologie.

Siddhartha Mukherjee macht sich auf die Suche nach Gesetzen der Medizin. Das erste, das er entdeckt, ist dieses: Ein gutes Gespür ist aussagekräftiger als ein schwacher Test.

Was man testet, ist das Eine (wer blöde fragt, kriegt blöde Antworten), wie man das Testresultat interpretiert, das Andere. "Man muss eine Ahnung haben, bevor man Ahnung hat."

Überaus spannend ist Mukherjees Vorgehen. So zeigt er etwa anhand der Astronomie auf, wie Gesetze gefunden werden können. Viele Jahrhunderte hatte das ptolemäische Weltbild Gültigkeit, gemäss dem die Erde im Zentrum des Sonnensystems sass. 1512 wurde es vom kopernikanischen Modell, das die Sonne ins Zentrum der Planeten stellte, abgelöst, nur stellte sich dann heraus, dass die Umlaufbahnen keine exakten Kreise, sondern Ellipsen waren. Darauf gekommen war Kepler, der sich so die Schleifenbewegungen des Mars erklären konnte  er hatte sich an der Ausnahme und nicht an der Regel orientiert.

Doch was hat das alles mit den Gesetzen der Medizin zu tun? Die Medizin orientiert sich am Normalfall anstatt an den Exoten. "Es gibt den Durchschnittsdiabetiker, den typischen Herzschwächepatienten, und den Krebskranken, dessen Reaktion auf eine Chemotherapie dem Standard entspricht. Doch wir wissen wenig über die Ursachen, die dazu führen, dass ein Individuum ausserhalb des normalen Spektrums liegt. Mit Hilfe der 'Normalos' stellen wir Regeln auf – die 'Ausreisser' dagegen fungieren als Portale tieferer Gesetze."

Gesetze der Medizin ist eine wunderbar anregende Lektüre!

Siddharta Mukherjee
Gesetze der Medizin
Anmerkungen zu einer ungewissen Wissenschaft
Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2016

Mittwoch, 14. September 2016

Was vom Helfen übrig bleibt

Geht es um Fragen der Seele, des Gemüts und der Haltung, fühle ich mich bei Romanen (das schliesst Krimis mit ein) meist besser aufgehoben als bei Sachbüchern von einschlägig Diplomierten. Und Katja Lange-Müllers Drehtür zeigt höchst überzeugend auf, warum dem so ist. Selten habe ich intelligenter, reflektierter, pointierter und witziger über das Helfen gelesen.

"Das Bedürfnis, dem Artgenossen beizustehen, das wir mit vielen Tieren teilen, selbst so niederen und unsympathischen wie Wespen oder Ameisen, nannten und nennen neunmalkluge Schwachköpfe Helfersyndrom, als sei das eine multiple, entsprechend komplizierte Krankheit, eine Psycho-Seuche, die nur Exemplare unserer Gattung befällt. Warum zum Henker soll es krank sein, den Menschen gesund sehen zu wollen – oder tot, falls Heilung nicht möglich ist? Und was würde aus der Welt, wenn alle auf dem Gebiet der Medizin Tätigen plötzlich kuriert wären von diesem angeblichen Helfersyndrom, wenn sie es unwiederbringlich verloren hätten?! Katastrophaleres als jede Katastrophe spielte sich ab in den Städten und Dörfern, den Wäldern, Steppen, Wüsten sämtlicher Länder unseres verkommenen Planeten."

Ich will hier nicht die Handlung dieses Buches umreissen, ich will hier nur auf einige Aspekte aufmerksam machen, die meines Erachtens die Lektüre nicht nur lohnen, sondern zu einem intellektuellen Genuss höchster Güte machen. Da ist zunächst einmal die sprachliche Genauigkeit, denn die Autorin macht sich Gedanken über Dinge, die den meisten (ich schliesse mich ein) wohl gar nie auffallen.

" ... Gesundheit, vollkommene, gänzlich beschwerdefreie Gesundheit, die gibt es nicht, schon gar nicht im Gesundheitswesen. 
Gesundheitswesen, wieder so ein blödsinniger Begriff! Was, zum Henker, soll das sein, ein Gesundheitswesen? Lebewesen, ja, die kennen wir. Aber Gesundheitswesen. Wie habe ich mir die vorzustellen?!"

"Krankenschwester, das Wort rührt von den ersten Krankenschwestern her, die ja generell Nonnen, also Ordensschwestern, gewesen waren, und es tönt, als wären sie alle, als wären wir Krankenschwestern alle, zumindest solange wir unseren Beruf ausüben – wieder so ein dämliches Wort – , blutsverwandt mit allen Kranken, die es auf Erden gab, gibt und geben wird. Doch zu den Pflegern sagt niemand Krankenbrüder, obwohl deren Stammes- oder Standesväter ebenfalls dem einen oder anderen katholischen Orden dienten und bis heute dienen ..."

An der Frankfurter Buchmesse wird die Autorin und Krankenschwester Tamara mit Indern bekannt  und in der Folge nach Kalkutta eingeladen, wo sie vor Frauen, auf die Anschläge mit Kochbenzin verübt worden sind, lesen soll. Die Schilderung der Reise und ihrer Ankunft am Flughafen Dum Dum gehört mit zum Lustigsten, was ich je übers Reisen gelesen habe.

"Nach etwa zwei Stunden Fahrt im Schritttempo zwischen ununterbrochen, aber völlig sinnlos hupenden Autos, vorbei an Kühen und Schafen, windschiefen Hütten, diverse Dinge über dem Kopf balancierenden Fussgängern und auf dem Trottoir sitzenden oder gar liegenden Frauen, Männern, Kindern, näherten wir uns wohl der eigentlichen Stadt, denn am Horizont, hinter einem breiten Gürtel von Leuchtschriften, Werbeplakaten, Modegeschäften, Supermärkten, Garküchen, Bretterbuden und Warenstapeln links und rechts der Strasse, ragten hohe, steinerne Gebäude aus dem Dunst ...".

Drehtür erzählt ganz unterschiedliche Geschichten, die unter anderem in Nicaragua, Tunesien, New York und München spielen. Was sie verbindet sind die verschiedenen Arten und Facetten des Helfens mit all seinen Risiken – sei es im Dienste von internationalen Hilfsorganisationen oder beim Füttern von  Katzen am Urlaubsort.

Das Bedürfnis  zu helfen ist womöglich angeboren, wirklich helfen zu können aber eben nichts für "gutwillige, aber realitätsfremde Dilettanten", die Gefahr laufen, ob des schrillen Geschreis traumatisierter Kleinkinder oder des Wahnsinns in den Gesichtern von Gefolterten, selber traumatisiert oder wahnsinnig zu werden.

Drehtür ist weit mehr als gute Literatur, es ist ein überaus cleveres und hilfreiches Buch.

Katja Lange-Müller
Drehtür
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016

Mittwoch, 7. September 2016

Chatter - another kind of drug abuse

The Greeks are all for chatter, and political chatter is the most seductive means of wasting time. Few Greeks read anything but newspapers, though literary coteries abound, usually revolving round the poets. If you ask why there aren't more novelists you are told the political situation makes it dangerous for Greeks to write novels. As so many Greeks have been prepared to die for their political beliefs, I can only feel that they are not prepared to forgo their chatter for the long and arduous stretches of seclusion which the writing of a novel demands. The chatter is amusing, stimulating, till you begin to see it as another kind of drug abuse. Then you long to escape from its clutches.

Patrick White: Flaws in the Glass. A Self-Portrait

Mittwoch, 31. August 2016

Stürme im Gehirn

Jon Palfreman ist emeritierter Professor für Journalismus an der University of Oregon sowie preisgekrönter Wissenschaftsjournalist. In Stürme im Gehirn erzählt er von seiner Parkinson-Erkrankung. Und gleichzeitig die Geschichte dieser Krankheit, welche Ärzte und Wissenschaftler seit zwei Jahrhunderten zu begreifen versuchen.

Am Anfang stand ein leichtes Zittern der linken Hand. Sein Arzt wollte das genauer abklären lassen, Palfreman selber machte sich keine Sorgen, seine Mutter litt die meiste Zeit ihres Lebens an einem ähnlichen Symptom. Als er die Diagnose Parkinson erhält, steht er unter Schock. Und reagiert mit Verdrängung: Zuerst hält er die Diagnose geheim. Dann verleugnet er sie. Und beginnt, sich selber zu bemitleiden.

Doch dann wird er neugierig, will er seiner Krankheit auf den Grund gehen. Und da er Journalist ist, tut er, was Journalisten so tun. Er liest sich ein. Er befragt Betroffene. Und er befragt Forscher. Natürlich die führenden.

Stürme im Gehirn ist einerseits ein Buch für an Medizingeschichte Interessierte und andererseits ein persönlicher Erfahrungsbericht. Mich hat vor allem letzterer in seinen Bann gezogen.

So sehr eine Diagnose auch immer ein medizinisches Problem bezeichnet, die Auswirkungen gehen häufig über das Medizinische hinaus. Als Palfreman sich in einer Parkinson-Selbsthilfegruppe, wie das dort üblich ist, mit dem Datum seiner Diagnose vorstellte, realisierte er, dass er damit etwas Tiefgehendes zugab: "Die Diagnose hatte eine irreversible Veränderung meiner Identität zur Folge. Als ich die Diagnose erfuhr, ging die eine Version von mir zu Ende, und eine andere begann."

Die Menschen, die die Diagnose Parkinson erhalten, reagieren darauf ganz unterschiedlich. Und auch mit der Krankheit leben sie ganz unterschiedlich. Die Beispiele, die Palfreman aufführt, sind eindrücklich.

Die Geschichte von Thomas Graboys ist mir am meisten unter die Haut gegangen. Anfang der 1990er-Jahre ist er ein glücklich verheirateter Arzt, hat zwei Kinder, ist einer der Stars an der Harvard Medical School und dem Brigham and Women's Hospital. 1993 stirbt seine Frau Caroline an Dickdarmkrebs. Dann  bemerkt er, dass sein Körper nicht mehr so funktioniert wie bis anhin. Er merkt es beim Tennisspielen und beim Skifahren. Dazu kommen Schlafstörungen.

"Bald hatte er eindeutige Beweise, dass etwas wirklich nicht in Ordnung war. Er entwickelte einen Tremor und eine gebückte Haltung, die Gleichgewichtsprobleme wuchsen an. Geistige Fehlleistungen und Aussprachefehler nahmen zu. Graboys versuchte seine Krankheit vor Kollegen, Patienten und Freunden und sogar vor der Familie zu verbergen, seine zweite Frau Vicki Tenney eingeschlossen, die er 2002 heiratete."

Als er eines Tages, das war 2003, über den Parkplatz zu seinem Auto ging, rief ihm ein Kollege, der nichts von dem Drama wusste, das sich in Graboys Leben abspielte, zu: "Wer kümmert sich eigentlich um deinen Parkinson?" Graboys, der noch nicht einmal mit Parkinson diagnostiziert worden war, war fassungslos. Sich selber zu betrügen, ging jetzt nicht mehr. 

Jon Palfreman
Stürme im Gehirn
Dem Rätsel Parkinson auf der Spur
Beltz Verlag, Weinheim 2016

Mittwoch, 24. August 2016

Sterblich sein

Atul Gawande ist Facharzt für Chirurgie an einer Klinik in Boston. Während seines Studium lernte er zwar eine Menge, aber nichts über Sterblichkeit. "Wir sollten lernen, Leben zu erhalten, und uns nicht um den Tod kümmern, das war - nach unserer Meinung und nach Meinung unserer Professoren - der Zweck unserer Ausbildung."

Der Tod wird verdrängt, das Sterben wird verdrängt, der Mensch will nicht wahrhaben, was er über sein Schicksal weiss. "Theoretisch wusste ich natürlich, dass meine Patienten sterben konnten, aber jedes Mal, wenn es tatsächlich passierte, kam es mir wie eine unzulässige Ausnahme vor, als seien die Regeln gebrochen worden, nach denen - wie ich glaubte - gespielt wurde. Ich weiss nicht, was genau ich mir unter diesem Spiel vorstellte, aber es waren immer wir, die dabei zu gewinnen hatten."

In der längsten Zeit der Geschichte der Menschheit lebten viele Generationen einer Familie unter einem Dach. Das hat sich geändert. Heutzutage sind Alter und Gebrechlichkeit keine gemeinschaftlichen generationenübergreifenden Aufgaben mehr, sondern werden von spezialisierten Einrichtungen übernommen.

Nein, früher war es nicht besser. Und kaum jemand möchte die Uhr zurückdrehen. "Es wurde zu einer allgemein akzeptierten Möglichkeit, allein und autonom zu leben, so, wie man es wollte. Diese Tatsache sollte gefeiert werden", schreibt Atul Gawande in Sterblich sein. Und er fügt hinzu: "Vielleicht gibt es die Verehrung der Alten nicht mehr; aber an die Stelle ist nicht die Verehrung der Jugend getreten, sondern die Verehrung des unabhängigen Selbst."

Dieses unabhängige Selbst mag ein Ideal sein, Realität ist es nicht. Nach wie vor sind wir aufeinander angewiesen und das zeigt sich spätestens dann, wenn das selbstbestimmte Dasein durch Krankheiten, Gebrechlichkeit und Schwäche unmöglich geworden ist.

In Sterblich sein erzählt Atul Gawande davon, wie Menschen mit den Einschränkungen durch Alter und Krankheit umgehen. Vor allem aber setzt er sich mit der Frage auseinander, wie man ein lebenswertes Leben führen kann, wenn man schwach und gebrechlich ist und nicht mehr für sich selber sorgen kann.

Das hängt unter anderem davon ab, wie viel Zeit wir glauben, zur Verfügung zu haben. "Nicht das Alter ist ausschlaggebend, sondern die Perspektive, der Blickwinkel, die Einstellung zum Leben." Um herauszufinden, was Sterbende sich wünschen, sollte man sie fragen. "Was sind Ihre grössten Ängste und Befürchtungen? Was wollen Sie im Leben noch erreichen? Was ist Ihnen am wichtigsten, worauf können Sie verzichten und worauf keinesfalls?"

Es geht darum, dass Sterbende ihr Leben, im Rahmen des Möglichen, weiterhin selbst gestalten können. Das verlangt, Entscheidungen zu treffen. Und die können natürlich auch falsch sein. Die Frage ist, "welche Fehlentscheidung wir mehr fürchten: die zur Verlängerung von Leiden führt, oder diejenige, die wertvolles Leben verkürzt"?

Wie der Untertitel treffend sagt, ist dies ein Buch über "Würde, Autonomie und eine angemessene medizinische Versorgung". Atul Gawande setzt sich damit anhand von Krankengeschichten auseinander. Auch mit derjenigen seines Vaters. Vor allem an dieser sehr persönlichen Geschichte wird deutlich, eindringlich und höchst berührend, dass es kein Patentrezept für ein gutes Sterben gibt.

Sterblich sein zeigt überzeugend, dass "die Auseinandersetzung mit den Beschränkungen unserer Biologie, mit den Grenzen, die uns von Genen und Zellen und Fleisch und Knochen gesetzt sind" nicht nur lohnt, sondern ausgesprochen hilfreich ist.

Sterblich sein ist ein wichtiges Buch!

Atul Gawande
Sterblich sein
Was am Ende wirklich zählt
Über Würde, Autonomie und
eine angemessene
medizinische Versorgung
S. Fischer, Frankfurt am Main 2016

Mittwoch, 17. August 2016

Ajahn Moskito

Peter Betts, 1951 als Arbeiterkind in West-London geboren, interessiert sich schon früh für den Buddhismus, verliert mit 16 seinen Vater, erhält ein Vollstipendium für Cambridge und studiert dort Theoretische Physik.

In Ajahn Brahm. Der Mönch, der uns das Glück zeigte erzählen Vusi Reuter und Sabine Kroiss nicht nur die Biografie von Peter Betts, der zu Ajahn Brahm wurde, sondern machen die Leser auch mit den Grundkonzepten des Buddhismus bekannt.

So erklären sie etwa, was es mit Karma auf sich hat. "Karma ist weder Strafe noch Belohnung, sondern lediglich die Folge unserer geistigen und physischen Handlungen. Wir sind dafür verantwortlich und tragen letztendlich auch die Konsequenzen, ob wir wollen oder nicht." Und machen darauf aufmerksam, dass man den im abendländischen Kulturkreis häufig gestellten Fragen "Warum ich?", "Warum passiert das mir?" im Buddhismus nur selten begegnet.

"Es gibt keine Gründe für Selbstmitleid, denn jedem Problem, jedem Umstand, der uns dazu verleiten könnte, uns selbst zu bedauern, wird eine Bedeutung zugesprochen und bekommt damit einen Sinn. Ursache und Wirkung: Dem Einzelnen fällt es dadurch viel leichter, selbst schwer zu bewältigende Probleme anzugehen. Das ist kein einfacher, kein bequemer Gedankengang für den westlich geprägten Menschen. Der Buddhismus weist den Weg aus der Opferrolle in die Eigenverantwortung."

Nach dem Studium arbeitet Peter Betts an einer Schule in Devon als Lehrer für Mathematik und Naturwissenschaften. Doch ist da auch der Wunsch nach einem spirituellen Leben. Schliesslich  macht er sich auf nach Thailand, wo er im Waldkloster Wat Pah Pong von Ajahn Chah Aufnahme findet. 

Der Alltag im Waldkloster ist streng. "Das Leben ist karg und fern jeder Romantik. Einfachheit und Reduktion bestimmen den Ablauf." Aufgestanden wird um drei Uhr morgens, Dhamma-Reden von Ajahn Chah während der Nacht können sechs bis sieben Stunden dauern. Das Ziel dabei ist Befreiung und diese ist nur in der Gegenwart möglich. 

Nach ein paar Jahren wechselt Ajahn Brahm, wie er jetzt heisst, in das neu gegründete Wat Pah Nanachat, das "Kloster der vielen Länder", in dem viele Ausländer nach der Waldtradition leben.

Ajahn Brahm empfiehlt, "nicht aus der Vergangenheit zu lernen, sondern aus der Gegenwart: 'The past is un-ifable. You can't if the past'. Es gibt kein 'wenn' in der Vergangenheit. Ajahn Brahm beschreibt sie als Gefängniszelle, deren Tür offen steht. Es steht uns frei, einfach hinauszugehen, aber wir tun es zu selten – wir halten daran fest. Genau darum geht es Ajahn Brahm: um ein innerliches Umschalten. Das befreit von Ballast, richtet unsere Aufmerksamkeit auf den Moment. Genauso schwierig ist es, Gewohnheiten, die man als schlecht oder sogar schädlich erkannt hat, aufzugeben. Auch daran halten wir um der Routine willen und wider besseres Wissen fest."

In Australien baut er zusammen mit anderen das Bodhinyana-Kloster auf. Er schreibt Bücher, versteht, zu unterhalten, macht sich einen Namen. Sein Rat wird gesucht, er jettet um die Welt, gibt Tipps, wie man mit schwierigen Menschen umgehen kann. Und erzählt dabei von Ajahn Moskito, von dem er als junger Mönch in Wat Pah Pong gehört hat. Ajahn bedeutet Lehrer, doch was können uns Moskitos lehren, die im thailändischen Wald doch nichts anderes tun, als die Mönchen beim Meditieren zu stören?

Brahms Lehrer, Ajahn Chah, "kann den Ärger seiner Mönche verstehen, erklärt ihnen aber, dass das Problem mit den Moskitos ein universelles sei. Unangenehm, wie sie nun mal sind, seien sie ein Teil des Lebens und lebten nur ihrer Natur entsprechend. Man müsse lernen, sie zu akzeptieren und sich mit ihnen zu arrangieren."

Ajahn Brahm
Der Mönch, der uns das Glück zeigte
Eine Biografie in Erzählungen
von Vusi Reuter und Sabine Kroiss
mvg Verlag, München 2016

Mittwoch, 10. August 2016

Der beste Weg zum Säufer zu werden

Der beste Weg zum Säufer zu werden, ist mit einem zu leben.

James Lee Burke: Mississippi Jam

Mittwoch, 3. August 2016

Leben mit einer bipolaren Störung

Jessie Close leidet unter manisch-depressiven Zuständen, einer Krankheit, die heute meist als bipolare Störung bezeichnet wird, da die meisten Kliniker und viele Patienten, wie Kay Redfield Jamison in Meine ruhelose Seele schreibt, "den Ausdruck 'bipolare Störung' als weniger stigmatisierend als 'manisch-depressive Krankheit'"empfinden. Für sich selber (sie leidet auch unter dieser Krankheit) hält Jamison 'manisch-depressiv' für angemessener und sie fragt: "Ist der Begriff 'bipolar' wirklich ein medizinisch präziser Begriff und führt die Änderung der Bezeichnung tatsächlich zu einer grösseren Akzeptanz der Erkrankung?"

Jessie Close hat (zusammen mit Pete Earley) in Ich bin mit den Wolken geflogen nicht nur die Geschichte ihrer Krankheit, sondern auch die Geschichte ihrer Familie (eine ihrer älteren Schwestern ist die Schauspielerin Glenn Close) aufgeschrieben.

"Meine Familie brauchte Jahre, um die Tatsache zu verinnerlichen, dass ich mir bei jedem Stimmungsumschwung ein neues Auto, ein neues Haus oder einen neuen Mann zulegte", notiert sie. Und sie hat viele Stimmungsumschwünge.

Eine gewöhnliche Kindheit hatte sie nicht. Sie kam in privilegierten Verhältnissen zur Welt und wuchs teilweise in der Obhut der 'Moral Re-Armament'-Gemeinschaft auf, einer Sekte, zu der ihre Eltern gehörten. Zudem gab es "höchstwahrscheinlich aufseiten der Vorfahren mütterlicherseits" eine genetische Disposition für mentale Erkrankungen.

Emotionale Nähe zu ihrem Vater (einem Arzt, der seinen Patienten gegenüber sehr mitfühlend war, seiner Frau hingegen seine Gefühle nicht zeigen konnte) aufzubauen, ist ihr nie gelungen. Sie fühlt sich von einem Dämon besessen, der sie überallhin begleitet, immer bei ihr ist, sie nie allein lässt.

Die manischen Zustände fühlen sich manchmal gut an. Sie ist dann euphorisch, aktiv und grenzenlos risikofreudig, doch immer lauert da bereits der Absturz, die abgrundtiefe Verzweiflung. "Selbst wenn sich die Manie gut anfühlte, wog sie nie die grauenvollen Depressionen auf, die ihr unweigerlich folgten."

Doch Jessie Close leidet nicht nur unter heftigen und ganz plötzlichen Stimmungsschwankungen, sie trinkt auch übermässig, kokst, tut generell alles, was sie tut, ohne Mass. Es dauert unfassbar lange bis sie Panikattacken, Paranoia, Gedankenflucht, Zerstreutheit und Hypernervosität als das zu erkennen beginnt, was sie häufig sind: Symptome einer mentalen Erkrankung.

"Rückblickend wird mir klar, dass keiner von uns jemals auf die Idee kam, Jessie könnte an einer mentalen Krankheit leiden, obwohl sie zwei Selbstmordversuche hinter sich hatte, ständig in zerstörerischen Beziehungen lebte und sich mit Drogen in eine andere Welt flüchtete. Die Möglichkeit drang einfach nicht bis in unser Bewusstsein vor und war nie Gesprächsthema. Aus unserer Sicht lebte sie auf der Überholspur, ohne Ziel und Selbstdisziplin", so ihre sechs Jahre ältere Schwester Glenn Close.

Sie wird als bipolar diagnostiziert, nimmt Medikamente, hört mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker auf zu trinken, doch der Verzicht auf Alkohol stabilisierte ihre Stimmungen nicht. "Wenn überhaupt, äusserte sich der Wechsel zwischen depressiven und manischen Episoden nun völlig ungehemmt und mit einer neuen, nie dagewesenen Heftigkeit." Doch zum Saufen zurück ist keine Option, es hat zuviel Chaos angerichtet.

Sie geht in eine Klinik, erhält neue Medikamente, lernt zu akzeptieren, dass sie sich genau so entwickelt hat, wie es in ihr angelegt war. "Ich akzeptierte die Tatsache, dass ich eine schwere mentale Krankheit hatte, die immer ein Teil meines Lebens bleiben würde, weil sie ein Teil von mir war."

Jessie Close
Ich bin mit den Wolken geflogen
Zwei Schwestern und die Geschichte einer psychischen Erkrankung
LangenMüller, München 2015

Mittwoch, 27. Juli 2016

Mehr-Mehr-Mehr

Hingabe ist der Schlüssel zu allem. Hingabe ist alles. Hingabe ist Frieden. Mein ganzes Leben lang wollte ich immer nur Mehr-Mehr-Mehr. Nichts war mir je genug. Ich steckte voller Neid und Missgunst. Ich glaubte, alle hätten mehr als ich. Inzwischen weiss ich, dass diese ganze Sucht nach dem Mehr-Mehr-Mehr eine Krankheit ist, eine Täuschung. Wir haben alle schon genug. Wir wissen es nur nicht.

Erica Jong: Angst vorm Sterben

Mittwoch, 20. Juli 2016

Just walk away

Give yourself permission to immediately walk away from anything that gives you bad vibes. There is no need to explain or make sense of it. Just trust what you feel.

Raw for Beauty Community Page

Mittwoch, 13. Juli 2016

La normalidad no basta

El objetivo del psychoanálisis freudiano no es demasiado elevado. El objetivo es hacer que la gente siga siendo normal. Pero la normalidad no basta. Ser únicamente normal no tiene ninguna relevancia; significa la rutina normal de la vida y tu capacidad de hacerle frente. No te da un significado, no te da una transcendencia. No te da una visión de la realidad de las cosas. No te lleva más allá de la muerte. Es, como mucho, una estratagema práctica para aquellos que se han vuelto tan anormales que les resulta imposible hacerle frente a la vida diaria; no pueden convivir con la gente, no pueden trabajar, están destrozados. La psicoterapia les da una cierta entereza. Hace con ellos un paquete. Siguen estando fragmentados; no cristaliza nada en ellos, no nace su espíritu. No llegan a ser felices, sólo son menos infelices, menos desgraciados. 

Osho: Autobiografía de un místico espiritualmente incorrecto
                                       

Mittwoch, 6. Juli 2016

Die Clownmethode

Mit "Wie Sie wahres Selbstvertrauen erwerben" ist das erste Kapitel von Michael Stuhlmillers Die Kunst des spielerischen Scheiterns überschrieben. Tipps und Tricks genügen nicht, man muss lernen bei sich zu sein. Und das meint zuallererst: Nicht dauernd daran zu denken, was wohl die anderen von einem halten.

Das wissen wir so recht eigentlich alle, doch wie macht man das praktisch? Zum Beispiel mit Hilfe des Atems: "Wir schaffen uns Luft, indem wir kräftig Luft holen." Schauspieler praktizieren das vor dem Auftritt, denn so kommt man physisch zu sich, entsteht Selbstvertrauen.

"Der Weg zu wahrem Selbstvertrauen geht über den Körper und die Gefühle", behauptet Michael Stuhlmiller und beginnt deswegen seine Kurse "gerne mit einem Tänzchen. Das lockert nicht nur die Stimmung, sondern verschafft allen Teilnehmern die Möglichkeit, Atem zu schöpfen."

Dass man mittels mentaler Einsichten sein Verhalten selten ändern kann, haben womöglich alle schon erlebt. In Stresssituationen versagen regelmässig auch die besten Vorsätze und positivsten Affirmationen. Was also ist zu tun im Konflikt?

"Während sich unser Gegenüber mit hochrotem Kopf in einem Zustand der Auflösung befindet, können wir ihm helfen, seine Achse wieder zu stabilisieren. Das machen wir mithilfe der Zwillingstechnik, also indem wir alles, was er tut, verdoppeln und wiederholen."

Die Kunst des spielerischen Scheiterns ist voller praktischer Hinweise, wie wir uns zentrieren können, damit wir bei uns und möglichst unabhängig von äusseren Ereignissen bleiben. Hier einer der für mich nützlichsten: "Ich habe es mir angewöhnt, stets aufmerksam zu sein, ob ich noch meine Füsse wahrnehme – und damit den Kontakt zum Boden – indem ich ab und zu die Zehen bewege. Sie können davon ausgehen, wenn Sie Ihre Füsse vergessen haben, dauert es nicht mehr lange, bis Sie auch Ihre innere Achse verlieren."

Ziel der Clownmethode ist es, eine stabile innere Achse zu bilden, denn mit einer solchen sind wir imstande, Druck auszuhalten und brauchen ihm nicht auszuweichen. Manchmal gelingt es auch, einen vermeintlichen Nachteil in einen Vorteil zu verwandeln. Dann nämlich, wenn wir einen Perspektiven-Wechsel erfahren.

Hilfreich dabei ist das Prinzip "Legen Sie nicht gleich los". Das kann man üben. Läutet etwa das Telefon, springen Sie nicht gleich auf, sondern lassen es drei oder vier Mal klingeln, bevor Sie antworten. Nicht das Telefon, sondern Sie selber sollen bestimmen, wie Sie sich verhalten wollen.

Auch wenn Michael Stuhlmiller in Die Kunst des spielerischen Scheiterns viele hilfreiche  Techniken vorstellt, so geht es ihm letztlich um Grundsätzliches: "Die Clownmethode als Lebensstil." Für ihn ist der Clown nämlich "ein Verwandler, der dafür sorgt, dass wir unsere Sicht aufs Leben ins Positive verwandeln und uns dabei mit innerer Freude und Heiterkeit verbinden."

Dass der Clown sich ganz unbedingt als Verwandler eignet, ergibt sich übrigens auch daraus, dass für ihn die Welt insgesamt beseelt ist. "Er macht keinen Unterschied zwischen Mensch, Handlung und Objekt und ähnelt damit einem Schamanen. Für ihn befindet sich alles in einem ständigen Wechselspiel, das die unterschiedlichsten Dinge miteinander verwebt."

Darüber staunt er. Und wer staunt, verbindet sich mit sich und der Welt. "Staunen führt uns zu der Erkenntnis, dass das, was uns bewegt, auch andere bewegt."

Michael Stuhlmiller
Die Kunst des spielerischen Scheiterns
Wahres Selbstvertrauen gewinnen mit der Clownmethode
Kailash Verlag, München 2016

Mittwoch, 29. Juni 2016

Meine ruhelose Seele

"Solange ich denken kann, war ich auf erschreckende, wenngleich oft auch auf wundersame Weise Stimmungen unterworfen. Nachdem ich als Kind äusserst emotional und als junges Mädchen quirlig und lebhaft gewesen war, wurde ich in der späteren Adoleszenz zunächst schwer depressiv und verfing mich dann, mit meinem Eintritt ins Berufsleben, heillos in den Zyklen der manisch-depressiven Krankheit", schreibt die Psychiatrieprofessorin Kay Redfield Jamison im Prolog zu ihrem Bericht über ihre bipolare Störung.

Aus Not und intellektueller Neigung beginnt sie ihre Stimmungsschwankungen zu erforschen. Herausgekommen ist dabei Meine ruhelose Seele, ein hervorragend und spannend geschriebenes Werk, das Oliver Sacks treffend wie folgt charakterisierte: "Mutig, brillant, wundervoll – dieses Buch sucht in der Literatur über manische Depressionen seinesgleichen."

Kay Redfield Jamison beginnt ein Medizinstudium in Los Angeles und im schottischen St. Andrews (wo es "horizontal schneit", wie ihr Tutor sagte, der wie viele seiner englischen Landsleute glaubte, "dass halbwegs akzeptables Wetter, von der Zivilisation ganz zu schweigen, dort endete, wo Schottland beginnt"), wechselt dann aber zur Psychologie.

Ihr ist klar, dass sie etwas gegen ihre Stimmungsschwankungen unternehmen muss. Vor der Wahl entweder in psychiatrische Behandlung zu gehen oder ein Pferd zu kaufen, entscheidet sie sich fürs Pferd. Zudem lernt sie, klinische Diagnosen zu stellen, sieht jedoch keinen Zusammenhang zwischen den eigenen Problemen und dem in den Lehrbüchern beschriebenen manisch-depressiven Krankheitsbild.

"Wenn ich heute daran zurückdenke, kann ich diese Ignoranz, dieses Leugnen einfach nicht begreifen. Allerdings stellte ich fest, dass mir der Umgang mit psychotischen Patienten weniger ausmachte als den meisten meiner Kommilitonen."

Besonders eindrücklich beschreibt sie ihren Widerstand, die Krankheit zu akzeptieren. "Die psychologischen Probleme haben sich letztlich bei meinem langen Widerstand gegen das Lithium als sehr viel bedeutsamer erwiesen als die Nebenwirkungen. Ich wollte einfach nicht wahrhaben, dass ich Medikamente brauchte. Ich war förmlich süchtig nach meinen wechselnden Stimmungen; ich war süchtig nach ihrer Intensität, nach der Euphorie, nach der Sicherheit, in der man sich wiegt, und nach ihrer ansteckenden Wirkung auf andere."

Dazu kam, dass sie verinnerlicht hatte, was ihr als Kind beigebracht worden war. Dass "man gewisse Dinge einfach durchstehen müsse, dass man sich nur auf sich selbst verlassen dürfe und andere nicht mit seinen Problemen belästigen solle." Dagegen kamen während langer Zeit auch die besten Einsichten nicht an.

Dann verliebt sie sich, der Mann versteht sie, doch es kommt anders als erhofft. Er stirbt im Alter von vierundvierzig an einem schweren Herzanfall, sie ist damals zweiunddreissig. Sie vergräbt sich in die Arbeit, verbringt ein Forschungsjahr in England, verliebt sich wieder, reduziert in Absprache mit ihrem Psychiater das Lithium und erlebt das Leben neu. "Ich empfand das Schöne, aber auch das Traurige stärker."

Schliesslich lernt sie ihren heutigen Mann kennen, sie sind sehr verschieden, doch: "Die Liebe ist wie das Leben sehr viel seltsamer und weit komplizierter als die Erziehung einem weismachen wollte." Ist also die Liebe die Lösung? Ein Allheilmittel ist sie zwar nicht, doch kann sie "wie eine sehr starke Medizin wirken. Wie John Donne geschrieben hat, ist sie nicht so rein und abgehoben wie man vielleicht einst geglaubt und gewünscht hat, aber sie dauert fort und sie wächst."

Meine ruhelose Seele ist ein tief bewegendes und grossartiges Buch.

Kay Redfield Jamison
Meine ruhelose Seele
Die Geschichte einer bipolaren Störung
mvg Verlag, München 2014

Mittwoch, 22. Juni 2016

Stress. Ein Lebensmittel

Stress gehört zu den Wörtern, die klar negativ konnotiert sind. Und weil dem so ist, gibt es natürlich auch die andere Position, die den Stress positiv definiert. Diese vertritt Urs Willmann, Wissenschaftsredakteur bei der Wochenzeitung Die Zeit, der von sich selbst sagt, er sei ein Energie-Junkie, der leidenschaftlich arbeitet und extreme sportliche Herausforderungen sucht, am liebsten beim Marathonlauf oder in den Bergen.

Schreibt nun ein solcher Mann ein Buch mit dem Titel Stress. Ein Lebensmittel, so kann man davon ausgehen, dass es sich dabei um ein Loblied auf ein Gefühl handeln wird, dass wohl die meisten als eher nicht so toll, ja als unangenehm empfinden.

Nur eben, vielen wird es wohl ähnlich gehen wie mir: sie haben noch nie wirklich darüber nachgedacht und einfach nachgeplappert, was man gemeinhin so sagt, auf Englisch natürlich, also: Stress, no good!

Urs Willmann sieht das ganz anders, findet Stress nicht nur belebend, sondern gesund (wie immer: in der rechten Dosis) und geradezu überlebenswichtig. Forscher aus den unterschiedlichsten Wissensdisziplinen "liefern neue Erkenntnisse, die belegen, wozu Stress in der Lage ist: Er macht uns gesund, glücklich und stark, er verlängert das Leben."

Mir gefällt, dass es dieses Buch gibt. Einmal, weil Stress zu Unrecht einen einseitig negativen Ruf geniesst. "Mutter Natur gab uns die Stressreaktion, um uns zu helfen, nicht um uns zu töten", wird der Stanford-Dozent Firdaus Dhabhar zitiert. Vor allem aber, weil Autor Willmann das Thema so ungeheuer breit abhandelt.

Wo der Mann nicht alles Stress sieht! So lese ich etwa: "Die Handlung eines Kriminalromans liefert uns fast immer eine Parallele zur Stressreaktion." Und ich erfahre, wie Stanley Kubrick ihn sich in Shining zunutze machte. Und lerne, dass die unterschiedlich hohen Türme der toskanischen Stadt San Gimignano womöglich auf stressauslösende Familienfehden zurückgehen.

So recht eigentlich gibt es nichts, was der Autor nicht in Verbindung zu Stress bringt. Und natürlich hat er dafür meine volle Sympathie. Als ich vor Jahren die Dokumentarfotografie entdeckte, sah ich auch plötzlich allüberall Zusammenhänge, die mir bis dahin vollkommen entgangen waren.

Etwas Mühe hatte ich jedoch mit all den sogenannt wissenschaftlichen Untersuchungen, die der Autor anführt. Ich habe noch nie verstanden, wie jemand sich auf die Auswertung von Fragebogen oder Antworten von Probanden glaubt verlassen zu können, denn dies setzt ja seitens der Befragten ein Bewusstsein über eigene unbewusste Vorgänge voraus, das so recht eigentlich gar nicht existieren kann.

Doch was ist eigentlich Stress genau? "Stress ist das, was Stresssysteme aktiviert". Das ist zunächst einmal weder gut noch schlecht, es ist einfach so. Doch das bringt uns nicht weiter, denn dem Menschen ist aufgegeben, sich zu verhalten, er muss sich also positionieren. Urs Willmanns Position ist: "Wir halten den Stress für einen Feind statt für eine Möglichkeit, uns gegen Gefahren zu wehren."

Die zahlreichen Belege (das Buch ist auch eine ungeheure Fleissarbeit), die er für seine These, dass Stress ein unverzichtbares Lebensmittel ist, anführt, sind nicht nur überzeugend, sondern stimulieren auch, seine wohltuende Wirkung am eigenen Leib zu erfahren, denn "Stress hat das Zeug zum Lebenselixier".

Urs Willmann meint, dass Stress sogar gegen Drogensucht helfen kann. "Wer im Sport, bei der Arbeit oder in der wohltuenden Hektik der Vorfreude Adrenalin und Endorphine ausschüttet, aktiviert wie der Junkie und der Trinker das Belohnungssystem. Um nachhaltig eine zerstörerische Sucht zu bekämpfen, kann man sich daher getrost ein bisschen süchtig machen: nach der Arznei aus dem körperlichen Drogenschrank." Ein guter und einleuchtender Gedanke, der jedoch möglicherweise übersieht, dass zerstörerische Süchte eher selten mit einleuchtenden Gedanken zu bezwingen sind.

Urs Willmann
Stress. Ein Lebensmittel
Pattloch Verlag, München 2016

Mittwoch, 15. Juni 2016

Wie das Gehirn heilt

Der Forscher und Autor Norman Doidge berichtet in Wie das Gehirn heilt von den neuesten Erkenntnissen aus der Neurowissenschaft. Lange Zeit ging man davon aus, dass das Gehirn sich im Gegensatz zu anderen Organen nicht selbst reparieren und, dass wenn Funktionen einmal verloren waren, diese nicht wiederhergestellt werden können. Doch dem ist nicht so.

Im Jahr 2000 erhielt Eric Kandel den Nobelpreis für Physiologie/Medizin für den Nachweis, dass die Verbindungen zwischen den Nerven beim Lernen zunehmen. In der Folge zeigten viele weitere Untersuchungen, "dass mentale Aktivitäten nicht nur ein Produkt des Gehirns sind, sondern es auch formen."

Das Gehirn ist neuroplastisch und das heisst, es ist "in der Lage, die Art und Weise, wie es Aktivitäten und mentale Erfahrungen aufnimmt und verarbeitet, selbständig zu verändern." Praktisch bedeutet das, dass Geist, Gehirn und Körper zusammenarbeiten müssen, um eine Heilung (ein "Ganz Machen") zustande zu bringen.

Wie das Gehirn heilt versammelt Geschichten von ganz unterschiedlichen Menschen, die ihr Gehirn verändert haben und in sich Fähigkeiten entdecken konnten, von denen sie bis anhin nichts gewusst hatten. "Aber das eigentliche Wunder sind weniger die Techniken, die unser Gehirn nutzt, als vielmehr der Weg, auf dem es sich im Laufe von Jahrmillionen entwickelt hat, als es ausgefeilte neuroplastische Fähigkeiten und einen Geist herausbildete, der seinen eigenen einzigartigen Wiederherstellungs- und Wachstumsprozess regieren kann."

Unter den Geschichten findet sich etwa die des Psychiaters und Schmerzexperten Michael Moskowitz, der schon oft sein eigenes Versuchskaninchen gewesen ist und dabei herausgefunden hat, dass das Gehirn den Schmerz abschalten kann. Das widerspricht zwar unserem gesunden Menschenverstand, gemäss dem der Schmerz aus dem Körper kommt. Doch unser Gehirn ist nicht einfach nur der passive Empfänger von Signalen. 

Vielmehr bestimmt das Gehirn wie viel Schmerz wir empfinden. Ist ein Gewebe geschädigt, werden Schmerzsignale über das Nervensystem gesendet, die jedoch zuerst einige Kontrollschranken im Rückenmark passieren müssen, bevor sie im Gehirn ankommen. "Die Signale überwinden die Kontrollen nur, wenn das Gehirn dazu seine Erlaubnis gibt, nachdem es beurteilt hat, ob die Signale wichtig genug sind, um durchgelassen zu werden."

Anders gesagt: Das Gehirn kann die Erlaubnis verweigern, also die Kontrollschranken schliessen und damit das Schmerzsignal blockieren. Und zwar "indem es Endorphine ausstösst, Betäubungsnittel, die unser Körper erzeugt, um Schmerzen zu unterdrücken."

Sind wir aktiv, lernen zum Beispiel etwas Neues, hat das Auswirkungen auf unser Gehirn: verschiedene Neuronengruppen werden miteinander verdrahtet. Sind wir hingegen passiv, werden die entsprechenden Verbindungen geschwächt. Auch fürs Gehirn gilt also: Wer rastet, der rostet. Und ebenso: Übung macht den Meister, denn es ist "eine konstante mentale Anstrengung nötig", damit das Gehirn dauerhaft lernt, bestimmte Schmerzen auszuschalten oder zu stärken.

Nehmen wir einen Schlaganfallpatienten, der erfolglos versucht, seinen gelähmten Arm zu benutzen und sich stattdessen auf seinen funktionierenden Arm verlässt. Damit lässt er die Schaltkreise im Gehirn, die seinen gelähmten Arm steuern, unbenutzt und so verkümmern diese. Um dem entgegenzuwirken, steckte der Neuroplastiker Edward Taub den gesunden Arm des Patienten in Gips und trainierte dann den gelähmten Arm. "Der Gips legte den 'guten' Arm lahm, sodass sich der Patient nicht auf ihn stützen konnte und nun Schritt für Schritt den gelähmten Arm einsetzte. Die Technik funktioniert sogar Jahre nach dem Schlaganfall."

Höchst aufschlussreich und anregend ist auch die Geschichte von Moshé Feldenkrais, der zur Auffassung kam, dass das somatische und das psychische Ich nicht voneinander getrennt werden können. Unter anderem lehrte er, dass viele Bewegungsprobleme und die damit verbundenen Schmerzen die Folge schlechter Gewohnheiten sind. Und was man sich angewöhnt hat, kann man sich auch abgewöhnen, denn bei einem Bewegungsproblem gibt es auch immer eine Komponente des Gehirns und diese ist beeinflussbar.

Neben der Bewegung können auch Licht, Wärme oder Elektrizität die Strukturen unseres Gehirns verändern, denn dieses heilt sich selbst, sofern wir bereit sind und uns bemühen, die Bedingungen dafür zu schaffen. Die Fallbeispiele in Wie das Gehirn heilt überzeugen und stimmen optimistisch.

Norman Doidge
Wie das Gehirn heilt
Neueste Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft
Campus Verlag, Frankfurt am Main 2015