Mittwoch, 29. Juli 2015

Die Macht des Guten

Als im März 2008 Tibeter in Lhasa und anderen tibetischen Städten gegen die kommunistische Regierung protestierten und diese ihre Armee auf die Demonstranten schiessen und viele Mönchen verhaften liess, reagierte der Dalai Lama wie folgt:

"Ich habe die chinesischen Beamten visualisiert, ihren Ärger, ihren Argwohn und die sonstigen negativen Gefühle auf mich genommen und ihnen dafür Liebe, Mitgefühl und Vergebung zukommen lassen. Das löst zwar nicht unbedingt die Probleme, aber für mich war es sehr wichtig, um innerlich ruhig zu bleiben."

Auf Brutalität mit Mitgefühl zu reagieren, klingt schon fast übermenschlich, doch wenn das Ziel ist, ruhig zu bleiben, weil man sich mit ruhigem Gemüt leichter tut, Lösungen zu finden oder Gegenmassnahmen zu ergreifen, lohnt sich die Anstrengung.

Ärger ist kein guter Ratgeber. Das wissen wir alle. Doch Ärger schadet uns auch. Weil er "die Gesundheit untergräbt, weil er das Immunsystem schwächt." Doch Ärger, etwa über Ungerechtigkeiten, kann uns auch motivieren, uns gegen diese zu wehren.

Gefühle sind weder gut noch schlecht. Wie wir mit ihnen umgehen, ist entscheidend. Nehmen wir die Angst: sie kann uns vor unüberlegtem Handeln schützen, sie kann uns aber auch lähmen.

"Wir bestimmen nicht selbst, wann bei uns Ärger und Angst und in welcher Stärke aufkommen, aber wir haben sehr wohl Einfluss darauf, was wir tun, wenn wir unter dem Einfluss solcher Gefühle stehen. Wer ein inneres Frühwarnsystem aufgebaut hat, so der Dalai Lama, der hat an dieser Stelle eine Wahl, und diese Fähigkeit gilt es auszubilden."

Denke ich an den Dalai Lama, denke ich ganz automatisch an Tibet und an Religion. Und lerne bei Daniel Coleman, dass es dem Dalai Lama um mehr als Religion geht, ja, dass "seine Ethik des Mitgefühls auf keine Religion oder Ideologie oder irgendeine bestimmte Glaubensrichtung" gründet. Für den Dalai Lama ist der Mensch von Natur aus mitfühlend.

"Kleine Kinder", sagt er, "reagieren nicht auf die Stellung, die Bildung oder das Bankguthaben, das einer hat, sondern auf das Lächeln in seinem Gesicht."

Buddha regte bekanntlich seine Anhänger an, nicht blind zu glauben, was er sagte, sondern selber zu forschen und  zu experimentieren. "Das ist doch ein sehr wissenschaftliches Denken", sagte der Dalai Lama. "Wir können Buddha als indischen Wissenschaftler der Antike betrachten."

Obwohl der Dalai Lama an wissenschaftlichen Erkenntnissen sehr interessiert ist, ist er keineswegs blind wissenschaftsgläubig. "Wissenschaft ist für ihn nur einer der möglichen Wege zum Erfassen der Realität und wie jede andere Erkenntnismethode durch ihre eigenen Annahmen und ihre eigene Methodik begrenzt."

Sein Denken und seine Weltsicht ergänzen die Wissenschaft, indem sie Akzente setzen, die das Gemeinsame und Gemeinschaftliche betonen. So definiert sich etwa geistige Gesundheit in der westlichen Psychiatrie, gemäss Lewis L. Judd, dem ehemaligen Direktor des National Institute of Mental Health der USA, "hauptsächlich als die Abwesenheit psychischer Symptome." Für den Dalai Lama zählen jedoch auch Qualitäten wie Weisheit und Mitgefühl zu den Kriterien für geistige Gesundheit.

Als er einmal von einem Journalisten gefragt wurde, ob aus ihm auch ein Wissenschaftsphilosoph hätte werden können, meinte der als Kind von Bauern Geborene: "Also, um ganz ehrlich zu sein, wenn man mich nicht als Dalai Lama erkannt hätte, wäre ich ein Bauer." Ein weiser und mitfühlender, möchte man da hinzufügen.

Mitgefühl zeigt sich im Handeln. Und dieses impliziert, "dass man sich gegen Missstände wendet und zum Beispiel Unrecht anprangert und sich für den Schutz der Menschenrechte engagiert."

Der Dalai Lama engagiert sich für eine andere, menschen- und lebensfreundlichere Bildung als die, welche wir derzeit haben und in immer grösseren Unterschieden zwischen Reich und Arm mündet. "Wer in diesem System aufwächst, erfährt nicht viel über die Wichtigkeit der inneren Werte. Fortschritt, Geld und materialistische Werte scheinen Vorrang zu haben."

Sein Rat?
"Behalten Sie Ihre hohen Bildungsmassstäbe bei, aber vollständig kann Bildung nur sein, wenn sie auch etwas von Herzenswärme vermittelt."

Daniel Coleman
Die Macht des Guten
Der Dalai Lama und seine Vision für die Menschheit
O.W.Barth Verlag, München 2015

Mittwoch, 22. Juli 2015

De-Automatization

You are not supposed to do big things. Eating, taking a bath, swimming, walking, talking, listening, cooking your food, washing your clothes - de-automotize the process. Remember the word de-automatization; that is the whole secret of becoming aware.

Osho
The Book of Wisdom

Mittwoch, 15. Juli 2015

Die Krankheit Langeweile

"Wo endet die Party und wo beginnt der Absturz? Eva und Henry teilen die gleichen Vorlieben. Alkohol, viel Alkohol, noch mehr Alkohol ..." so beginnen die Verlagsinformationen zu Anne Philippis Giraffen und ich frage mich, soll ich das wirklich lesen? und bin dann ganz überrascht (und dann doch wieder nicht, denn Rogner & Bernhard ist ein wirklich guter Name im Verlagsgeschäft ... obwohl, wie kann man nur, ums Himmels Willen, "Megaseller" [Helene Hegemann] auf den Umschlag setzen ...), nein, nicht wie gut Anne Philippi schreibt (wer für die FAZ, Vogue und Vanity Fair geschrieben hat, von der darf man erwarten, dass sie konventionell gut schreibt und das tut sie auch), sondern, weil sie treffend auf den Punkt bringt, was Sucht wesentlich ausmacht ... dass man die Langeweile ("etwas wirklich Schlimmes, eine tödliche Krankheit") nicht erträgt und Verantwortung scheut ("Ich will Reissaus nehmen können. Zu jedem Zeitpunkt.")

"Denial is not a river in Egypt", heisst es bei den Anonymen Alkoholikern. Im heutigen Berlin definiert sich gekonntes Verdrängen so: "Die Sucht, das war nicht die Tablette. Die Pille, die Tinktur, die Verzauberung durch Valium, als ich mir den Arm brach, das Erlebnis einer psychedelischen Erweckung, als ich Tetrazykline schluckte. Die Sucht, das war Christiane F., ihre schlampigen Haare, ihr hartes Berlin, das ich niemals hätte ertragen können."

Bei den Anonymen Alkoholikern (AA) landet Eva übrigens auch einmal. Im Anschluss an einen wenig erhebenden Besuch bei einer Koabhängigkeitsgruppe, wo man (eine wunderbar komische Szene) nicht miteinander spricht, sondern die Probleme in den Raum redet, ins Nichts. 

Bei den AAs geniesst Eva die Aufmerksamkeit. "Es ist schön, wenn mir dreissig Augenpaare folgen, nur weil ich vom Saufen vom letzten Wochenende erzähle. Ich gebe Gas, ich mach weiter, ich erfinde noch ein paar Koksmärchen, krasse Abstürze, Überdosen, die ich nie genommen habe ...".

Eva und Henry fliegen mit Easyjet (schon das signalisiert, dass es die beiden mit dem Neuanfang ernst meinen .. ich meine das nur halb-ernst) nach Olbia, wo es zu meiner Verblüffung offenbar Stierkampf gibt. In Sardinien trifft Eva dann auch auf die Giraffe, die sie in Berlin schon einmal beobachtet hat ... und die Geschichte nimmt eine recht unerwartete Wende, die hier jedoch nicht verraten werden soll ...

Besonders angetan haben es mir die Schilderungen der Therapeuten Dr. Müller und Dr. Heinrich. Müller hatte seine eigenen Speed-Erfahrungen gemacht, weshalb ihm Eva auch mehr glaubt als Heinrich, den sie so schildert: "Er sass da mit dickem Bauch und grauem Bart, er war der Typ, der Zwanzigjährige im Zug anglotzte, aber der Meinung war, man solle den Körper, den physischen Körper, aus der Therapie weglassen. Er hatte natürlich unrecht."

Ganz wunderbar auch Evas Reaktion auf Dr. Müller, den sie unter anderem fragte, "woher die Kontrolle käme, wenn man sie dringend brauchte. Dr. Müller zuckte mit den Schultern. 'Kontrolle ist ein bürgerliches Konzept', sagte er und danach rief ich Dr. Müller nicht mehr an. Mit solchen Abstraktionen konnte ich nicht umgehen."

"Giraffen" ist kein Sucht-Buch. Es ist auch kein Bekenntnis-Buch mit anschliessender Läuterung. Es ist einfach eine gut und spannend erzählte Geschichte, mit nützlichen Einsichten für Süchtige und nicht ganz so Süchtige, die länger als die meisten auf ein gemachtes Bett und andere ihnen zusagende Umstände warten, bevor sie selber aktiv werden. "Ich fühlte mich immer wohler in anderer Leute Zuhause, ich habe bis heute keine Idee, wie ein Zuhause geht ... Ich setzte mich in gemachte Nester, ich schleifte meine Klamotten dorthin und legte mich in fremde Betten. Das lag mir, darin war ich gut."

Anne Philippi
Giraffen
Roman
Rogner & Bernhard, Berlin 2015

Mittwoch, 8. Juli 2015

Looking for Miracles

I go straight to Perry Street AA. Tonight, the speaker is talking about how people in recovery are always looking for this big, dramatic miracle. How we want the glass of water to magically rise up off the table. How we overlook the miracle that there is a glass at all in the first place. And given the universe, isn't the real miracle that the glass doesn't just float up and away?

Augusten Burroughs
Dry. A Memoir

Mittwoch, 1. Juli 2015

Der Marshmallow-Test

Walter Mischel, geboren 1930 in Wien und im Alter von acht Jahren mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten nach New York geflohen, hat sich sein Leben lang eine gesunde Skepsis über die Aussagekraft psychologischer Tests bewahrt. Unter anderem auch deswegen, weil er kurz nach der Ankunft in Amerika einen Intelligenztest – auf Englisch – absolvieren musste und dabei (wenig überraschend, würde man meinen) schlecht abschnitt.

Mischel ist klinischer Psychologe. Seine Forschungen wurden angetrieben von der Idee, dass es sich bei der Fähigkeit, sofortige Belohnungen zugunsten künftiger Resultate aufzuschieben, um eine kognitive Kompetenz handelt, die man erwerben kann.

Berühmt geworden ist er durch den Marshmallow-Test. „Meine Studenten und ich stellten die Kinder vor die Wahl zwischen einer Belohnung (etwa einem Marshmallow), die sie sofort bekommen konnten, und einer grösseren Belohnung (zwei Marshmallows), für die sie jedoch – bis zu zwanzig Minuten – warten mussten.“

Die Forscher stellten fest, dass je länger Vier- oder Fünfjährige warten konnten, desto besser kamen sie als Erwachsene mit Frustrationen und Stress zurecht. Das hätten viele vermutlich auch ohne Forschungen gewusst.

Die Frage ist: Ist die Fähigkeit zur Selbstkontrolle genetisch vorgegeben? Oder können wir sie uns aneignen? Die wenig überraschende Antwort ist ein typisch akademisches Sowohl-als-Auch. „Die meisten Prädispositionen sind bis zu einem Grad 'vorprogrammiert', aber sie sind auch flexibel, form- und veränderbar.“

Unser Gehirn lässt sich in ein heisses, emotionales System (das limbische System) und ein kühles, kognitives System unterteilen. Das heisse System „reagiert reflexartig, ohne nachzudenken und emotional, was dazu führt, dass es unwillkürlich ganz schnell die Konsumlust erhöht, die Aufmerksamkeit steigert oder impulsive Handlungen auslöst.“ Das kühle System sitzt im präfrontalen Kortex und „ist kognitiv, komplex und schwerer zu aktivieren.“

Die beiden Systeme stehen in einer Wechselbeziehung zueinander. „In dem Masse, wie die Aktivität des einen zunimmt, sinkt die des anderen.“ Problematisch ist das bei andauerndem Stress, denn dieser „beeinträchtigt die Funktionstüchtigkeit des präfrontalen Kortex, der viele Dinge entscheidend beeinflusst – nicht nur auf Marshmallows zu warten, sondern auch die Highschool und das Studium abzuschliessen, länger bei einem Job zu bleiben, Bürointrigen durchzustehen, Depressionen zu vermeiden, Beziehungen aufrechtzuerhalten und keine Entscheidungen zu treffen, die intuitiv richtig zu sein scheinen, sich aber bei näherer Betrachtung als unvernünftig erweisen.“

Vieles von dem, was Walter Mischel und die vielen Kollegen, die er zitiert (und die wie er selbst meist in Harvard oder Stanford lehren und offenbar häufig weltweit führende Experten oder sonstwie herausragend sind) herausgefunden haben, scheint einigermassen banal. „Kurzum, wenn Kinder früh im Leben positive Erfahrungen machen, steigert sich dadurch ihre Bereitschaft und ihre Fähigkeit, Ziele beharrlich zu verfolgen, optimistische Zukunftserwartungen zu entwickeln und mit Frustrationen, Misserfolgen und Verlockungen fertigzuwerden, die unvermeidlich sind, wenn sie heranwachsen.“

Doch immer wieder weist er eben auch auf enorm hilfreiche Forschungsergebnisse hin, die die Lektüre dieses Werkes höchst lohnenswert machen. Etwa dass Menschen, die sich selbst häufig die Warum-Frage stellen, sich damit keinen Gefallen tun, weil dies dazu führt, dass es ihnen dann meist schlechter geht. Oder dass Menschen, die es schaffen, ihre Gefühle aus Distanz zu betrachten, damit ein Ereignis kognitiv neu bewerten können.

Wir können die Fähigkeit zum Aufschub lernen. Indem wir Strategien entwickeln, um schmerzliche Emotionen abzukühlen. Etwa indem wir tief einatmen, unsere Gedanken umlenken, an langfristige Ziele denken, uns 'Wenn-dann'-Pläne aneignen und das Grundprinzip nicht aus den Augen verlieren: „Das 'Jetzt' abkühlen, das 'Später' erhitzen.“

Doch so wichtig die Fähigkeit zur Selbstkontrolle auch ist, „es sind die Ziele selbst, die uns motivieren und uns leiten. Und sie bestimmen massgeblich, ob wir mit unserem Leben glücklich und zufrieden sind.“

Walter Mischel
Der Marshmallow-Test
Willensstärke, Belohnungsaufschub und die Entwicklung der Persönlichkeit
Siedler Verlag, München 2015