Mittwoch, 26. November 2014

Lebensweisheiten

Das Leben schickt uns ständig Botschaften  und sieht dann gemütlich zu und lacht sich einen darüber ab, dass wir unfähig sind, aus ihnen schlau zu werden.

Im Rückspiegel beobachtete er kurz darauf die anderen beiden, die wild herumfuchtelnd über dem Verletzten standen und aufgeregt darüber diskutierten, was zum Teufel sie jetzt tun sollten. So hatten sie es sich wohl nicht vorgestellt.
Vielleicht sollte er wenden. Und ihnen sagen, dass genau so das Leben war – nichts als eine lange Abfolge von Ereignissen, die nicht so liefen, wie man es sich ursprünglich vorgestellt hatte.
Zum Teufel damit. Entweder kamen sie selbst dahinter oder eben nicht. Die meisten Menschen kapierten es nie.

Jedes Mal, wenn man dachte, man hätte es geschnallt, zeigte einem die Welt eine lange Nase und wechselte auf ihre eigene Spur zurück, wurde wieder unergründlich.

James Sallis: Driver

Mittwoch, 19. November 2014

Über Perfektionismus

Ein Perfektionist strebt Perfektion nicht an, weil er sich an der Vollkommenheit erfreut, sondern weil es ihm um die damit verbundene Unangreifbarkeit geht. Perfektionismus ist ein Vermeidungsverhalten: Wer perfekt arbeitet, kann weder getadelt noch kann ihm gekündigt werden.

Raphael M. Bonelli

Mittwoch, 12. November 2014

Diagnose: schwere Depression

Auf den ersten Seiten dieses Erfahrungsberichts fragt sich der Autor, warum Depressionen in Deutschland ein Tabu seien, und warum Schwäche "in einem menschlich oft so schwachen Land" ein Tabu sei. Dass Depressionen in Deutschland ein Tabu sind, ist mir angesichts der Ratgeber-Literatur neu, dass sie mit Schwäche gleichzusetzen ist, ebenso. Dann steht da auch noch, dass "Psychotherapien heute noch immer kaum akzeptiert" seien – und ich wunderte mich, mit wem Oliver Polak eigentlich Umgang pflegt, denn in meiner Wahrnehmung dominieren die verschiedensten Formen der Psychotherapie die Hilfsangebote für seelische Leiden geradezu. Ja, sie sind so allgegenwärtig, dass die Aussage, sie seien "heute noch immer kaum akzeptiert" womöglich ein Hinweis darauf ist, dass Oliver Polak in einer etwas sehr eigenen Welt lebt.

Er ist übergewichtig, voller Selbsthass, voller "Angst zu versagen, Angst, im Selbstmitleid zu ertrinken", fühlt sich antriebslos, leidet an Depressionen. Und landet in der Psychiatrie. Sehr gekonnt, die Szene, in der er seiner Mutter, in deren Welt psychische Erkrankungen nicht existieren, das erklärt. Und wie sie darauf reagiert. Sein Verhältnis zu ihr ist offenbar generell nicht ganz unproblematisch.

Er ist wütend auf alle und alles, und das schliesst ihn selber mit ein. Weder mag er sein Publikum noch andere Comedians und hat auch sehr eigene Vorstellungen davon, was gute Comedie ist. Das liest sich anregend und aufklärend.

Auch mit Deutschland hat Oliver Polak so seine Mühe, denn da werde, sobald man erwähne, dass man jüdisch sei, "einfach alles und noch viel mehr in den Holocaustmixer geworfen". Aha, und weshalb entscheidet er sich dann für einen Buchtitel wie Der jüdische Patient?

Sein Humor ist nicht mein Ding, seine Offenheit hingegen schon. Und die Udo Jürgens-Geschichte, die hier nicht verraten werden soll, ist so schön, dass nur schon sie allein die Lektüre dieses Buches lohnt.

Wie wir alle, so wehrt sich auch Oliver Polak gegen Veränderungen. Und wie bei allen, die viel nachdenken, steht ihm sein Verstand im Weg. "Sie missbrauchen Ihren Verstand. Sie reden und reden und reden. Sie reden so gerne!" Das meint nicht, dass er weniger reden soll. Das meint, dass er dort reden soll, wo es ihm bekommt  auf der Bühne etwa oder wenn er seiner Freundin sagen will, was er für sie empfindet.

In der Psychodramasitzung erklärt die Therapeutin, worum es geht. "Ich möchte, dass Sie aufwachen und nicht weglaufen vor Ihrem Leben. Dass Sie Verantwortung übernehmen. Fehlerfreundlichkeit ist das Stichwort." Zu akzeptieren, dass wir nicht perfekt sind und es auch gar nicht sein sollen, darum geht es.

Oliver Polak
Der jüdische Patient
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014

Mittwoch, 5. November 2014

Wie wir unsere Welt konstruieren

Träume? Was können wir darüber schon wissen? Ich jedenfalls erinnere mich fast nie an meine Träume, doch als ich in Stefan Kleins Träume. Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit las, dass Menschen über 55 in Schwarz-Weiss und nicht in Farbe träumen, fragte ich mich sogleich, und intensiv, ob dem wirklich so ist (ja) und wie das zu erklären ist. Das Kino hat die Traumwelt verändert, schreibt Klein. Genauer: die Schwarz-Weiss Filme haben wir Filmzuschauer auf die Szenen der Nacht (obwohl die farbig waren) übertragen.

Träume. Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit ist voll solch faszinierender Einsichten. Wussten Sie etwa, dass Blinde visuell träumen, also im Schlaf Bilder sehen? Aus der Erinnerung können diese Bilder nicht kommen, denn schliesslich kamen diese Menschen blind auf die Welt. Woher also dann?

Das Sehen entsteht nicht allein aufgrund der Wahrnehmung der Augen. Nur ein winziger Teil der 10 Milliarden Bit, die pro Sekunde auf den Netzhäuten eintreffen, gelangt ins Bewusstsein. "Offenbar löscht das Gehirn erst den grössten Teil des Bildes, um sich dann aus anderen Quellen ein neues zu schaffen. Fast 40 Prozent des Grosshirns befassen sich denn auch mit dem Verarbeiten visueller Informationen." Und wie geht das? "Lange dachte man, dass Bilder entstehen, indem die Assoziationsfelder die Rohinformation aus der primären Sehrinde geschickt zusammensetzen –
  wie ein Maler, der Linie für Linie, Fläche für Fläche, Farbe für Farbe sein Kunstwerk aufbaut." Doch das stimmt nicht, die Bilder sind nämlich schon da.

Wenn wir sehen, erinnern wir uns. Doch wie sollen sich Blinde an Bilder erinnern, die sie gar nie gesehen haben? "Bei vielen Blinden sind nur die Augen oder die primäre Sehrinde beschädigt, während die Assoziationsfelder funktionieren. Sie können deshalb visuelle und auch räumliche Vorstellungen haben. Weil sich die Imagination aber erstaunlich weit von der Wahrnehmung abkoppeln kann, funktioniert sie selbst dann, wenn ein Mensch niemals mit seinen Augen gesehen hat." Und das meint: die Augen sind nur Auslöser, es ist der Hirn, das sieht.

Stefan Klein bemüht das Beispiel der amerikanischen Schriftstellerin Helen Keller, die nicht nur blind, sondern auch taub war, jedoch sowohl einen Kristall als auch eine Rose beschreiben konnte und im Traum Geräusche wahrnahm. Wie ist das möglich? Es ist das Gehirn, das Bilder und Töne hervorbringt. Und damit unsere Wirklichkeit konstruiert.

"Wachen ist nichts anderes als ein traumartiger Zustand, der sich in einem Rahmen bewegt, den die Sinne ihm setzen", meint der aus Kolumbien stammende Hirnforscher Rodolfo Llinás, eine klare Trennung von Wach- und Traumzustand ist demnach illusorisch. Ich jedenfalls gehe meist auf Autopilot durchs Leben. Und Paul McCartney hörte die Melodie von "Yesterday" zum ersten Mal im Schlaf.

Von Verfolgungsjagden, Sex, dem Fallen und der Erfahrung, etwas immer wieder vergeblich zu versuchen, haben die meisten von uns schon geträumt. Kaum jemand träumt jemals davon, vor dem Computer zu sitzen oder zu lesen. Ich selber träume oft davon, Prüfungen noch einmal bestehen zu müssen – Traumdeuter werden die Prüfung als Symbol für einen tieferliegenden Konflikt sehen, das ist jedoch reine Spekulation.

Was Stefan Klein dazu zu sagen hat, scheint mir wesentlich hilfreicher: "Wir versuchen ständig, Gefühle durch Ereignisse zu erklären, indem wir sie als eine Reaktion auf das begreifen, was uns zustösst. Wenn wir uns ärgern, suchen wir den Grund darin, dass uns jemand schlecht behandelt hat. Und wer guter Stimmung ist, sieht die Ursache in einem Erfolgserlebnis, einer netten Begegnung –
 oder in der Sonne, die plötzlich durch den deutschen Novemberhimmel bricht."

Woher unsere Gefühle genau kommen, sei es im Wachzustand, sei es im Schlaf, wissen wir nicht wirklich. Was wir für die Wahrnehmung der Aussenwelt halten, so Stefan Klein, sei zum grössten Teil in unseren Köpfen entstanden. "Mit Gefühlen verhält es sich genauso. Wir konstruieren uns eine emotionale Realität – und machen dann die Umwelt für unsere Empfindungen verantwortlich."

Träume. Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit ist weit mehr als ein sachkundiger Text über Träume  – es ist ein überaus anregendes Buch darüber, wie unsere Welt-Wahrnehmung funktioniert, im wachen wie auch im schlafenden Zustand.

Stefan Klein
Träume. 
Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014