Mittwoch, 25. Dezember 2013

Trockene Alkoholiker

Trockene Alkoholiker führen ein Leben auf zwei Ebenen -- ein, erst mal, ganz normales, in dem plötzlich, scheinbar ganz von selbst, Dinge gelingen, die man im Suff immer ersehnt hat, und in dem man plötzlich mit Schwierigkeiten umgehen kann, die früher im Alkohol ersäuft wurden. Aber möglich ist das nur für den, der immer weiß, daß dieses Leben auf sehr dünnem Eis abläuft. Immer nur ein Glas vom Rückfall. in die alte Scheiße entfernt, besonders dann, "wenn es dir zu schlecht geht beim Nichtsaufen oder wenn es dir zu gutgeht beim Nichtsaufen".

Herhaus hatte es einmal fast drei Jahre lang im Alleingang versucht, ohne ständige Erinnerung durch andere an die zweite Ebene der nur schlummernden, nie wieder heilbaren Krankheit. Er ist damals gescheitert. Inzwischen hat er gelernt, daß es nicht damit getan ist, ein "Leben als Trockenleiche" zu führen, daß für einen Alkoholiker Nichttrinken radikale Lebensänderung bedeutet -- ehrliche, ständige Kleinarbeit an sich und im Alltag. "Stagnation in der Sucht heißt Rückfall", weiß der Autor.

Die "Begabung in täglicher Genauigkeit", die Herhaus von sich als Schriftsteller verlangt -- wir trockenen Alkoholiker brauchen sie alle zum Leben. Es ist unser Vorteil gegenüber Traumtänzern und Lebenslügnern jeder Art, daß wir es uns auf den Tod nicht leisten können, dies auch nur einen Augenblick zu vergessen.

Horst Zocker über Ernst Herhaus: Kapitulation
Copyright @ Der Spiegel, 26.09.1977

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Die Sache reif werden lassen

Charlotte stand betroffen. Sie war geistreich genug, um schnell einzusehen, dass jene Recht hatten; aber das Getane widersprach, es war nun einmal so gemacht; sie hatte es recht, sie hatte es wünschenswert gefunden, [...] sie verteidigte ihre kleine Schöpfung [...]. Sie war bewegt, verletzt, verdriesslich; sie konnte das Alte nicht fahren lassen, das Neue nicht ganz abweisen; aber entschlossen wie sie war, stellte sie sogleich die Arbeit ein und nahm sich Zeit, die Sache zu bedenken und bei sich reif werden zu lassen.

Johann Wolfgang von Goethe
Die Wahlverwandtschaften

Mittwoch, 11. Dezember 2013

Das Ende der Welt, wie wir sie kennen

"Mein Vater starb, weil er zuviel trank. Sechs Jahre zuvor war meine Mutter gestorben, weil sie zuviel getrunken hatte. Ich trank zuviel. Der Apfel fällt nicht sehr weit vom Stamm." So beginnt Robert Goolrick seine "Scenes from a Life", wie es im Untertitel der englischen Originalausgabe heisst.

Die Figur aus der Literatur, der sich seine Mutter am ähnlichsten sah, war Lady Brett Ashley aus Fiesta: "Weil ich an die Art glaube, wie sie gelebt hat. Du ruinierst erst dein eigenes Leben, und dann, ganz langsam, ruinierst du auch die Leben all derer um dich herum." Einfacher und direkter lässt sich kaum sagen, was der Alkohol mit den Menschen, die ihm verfallen sind, und ihren Nächsten, anrichtet.

Wir lesen von der despotischen Grundschullehrerin Mrs. Lackman, vom Schicksal des kleinen, rothaarigen Bauernjungen, der sich vom Drogendealer zum erfolgreichen Bauunternehmer wandelte, von Elizabeth Taylors lavendelfarbenen Augen, vom sturen Bruder, der sein Essen erst essen will, wenn ihm die Mutter sagt: "Iss dein Mittagessen, Cowboy" ...

Bei Goolricks dreht sich alles um die Cocktailstunde und ums Abendessen, die Eltern waren nicht nur gut darin, Partys zu geben, sondern auch auf Partys zu gehen und nach Hause fuhr man, wenn man noch nicht zu betrunken zum Autofahren war.

Im Alter von einundreissig beginnt Robert "sehr viel zu trinken. Der Alkohol verlieh mir die Kraft, die Gesellschaft anderer zu ertragen, die Last meiner selbst zu ertragen."

Er beginnt, sich zu ritzen, versucht sich umzubringen, landet in einer Klinik. Der eine Krankenhausflügel war für die Alkoholiker, der andere für die Verrückten, er landete bei den Verrückten: "... wir hatten eine Menge Selbstmitleid und ebenso viel Mitleid mit den anderen. Irgendwie besass der Wahnsinn anderer Menschen eine greifbarere Realität als unser eigener, und so beschissen es auch uns selbst gehen mochte, so waren wir doch immer wieder berührt davon, wie unglaublich erbärmlich es anderen in ihrem Leben ging." Roberts Diagnose ist Anhedonie, die Unfähigkeit, Genuss zu empfinden.

Die Geschichten der meisten Leute in der Klinik "verliefen nicht linear, ihre Depression war diffus, unspezifisch und schrecklich, bedeutete einfach Tag für Tag Angst und Furcht und Unruhe."

Eine Mit-Patientin, Psychiaterin, Mitte dreissig, hübsch, wirkte nicht besonders depressiv, doch hatte sie bereits dreimal versucht, sich umzubringen, begann eines Abends über Volleyball und Sucht zu sprechen:"Die Sache mit Alkoholikern und Drogenabhängigen ist, dass sie kein Gefühl für Grenzen haben, kein Gefühl dafür, wo Schluss ist ... Deshalb werden sie überhaupt Alkoholiker und Drogenabhängige. Sie wissen nicht, wo und wann sie aufhören müssen ... Volleyball ist ein ganz einfaches Spiel ... Achtet mal darauf, wenn ihr den Ball, sagen wir, in die linke Seite des Spielfeldes schlagt, dann wird der typische Drogenabhängige dem Ball hinterher laufen. Er wird sein Feld verlassen und dem Ball folgen. Alle werden das tun. Wir können sie schlagen."
Niemand glaubt ihr, doch alle hören ihr zu, weil sie so überzeugt davon ist. Und sie gewinnen das Spiel. Es ist ein Rätsel, niemand kann es sich erklären.

Darüber, dass Robert in der Klapsmühle war (er nimmt an, dass nur seine Grossmutter davon wusste), wurde nicht gesprochen, darüber, dass er als vierjähriges Kind von seinem betrunkenen Vater vergewaltigt wurde (die Mutter sah zu, die Grossmutter wusste davon), wurde auch nicht gesprochen, es wurde einfach weiter gemacht "bis es ihnen gleichgültig geworden war, noch zu lesen oder sich anständig anzuziehen oder sich die Fussnägel zu schneiden oder sich gegen ihren Alkoholismus, Krebs und Schmutz, die Baufälligkeit und die Ratten im Haus zu wehren, wie haben sie weitergemacht?".

"Das Ende der Welt, wie wir sie kennen" ist ein beklemmendes und bewegendes Buch.

Robert Goolrick
Das Ende der Welt, wie wir sie kennen
btb Verlag, München 2013

Mittwoch, 4. Dezember 2013

Wie Wir Sterben Lernen

"... wenn man erst einmal fünfzig war, gab es kein Entrinnen vor der Tatsache, dass man eine einfache Fahrkarte für eine Nonstopfahrt zur Endhaltestelle hatte", heisst es in Kate Atkinsons Das vergessene Kind (Knaur Taschenbuch, 2010). Und wenn man wie ich gerade sechzig geworden ist, gilt das umso mehr. Für den dreiundvierzig Jahre alten Christian Schüle beginnt diese Nonstopfahrt zur Endhaltestelle hingegen schon bei der Geburt und so recht eigentlich ist das auch logisch, philosophisch gesehen zumindest (er hat Philosophie und Politische Wissenschaft studiert), doch gleichzeitig eben auch ziemlich lebensfremd, denn so empfindet niemand, und vor allem kein Kind.

"Wie Wir Sterben Lernen" ist ein ärgerliches Buch, denn da deckt einer mit ganz vielen Worten und ausufernder Beredsamkeit zu, was letztlich nur stumm hingenommen werden kann. Der Autor begräbt wortreich, was durch Andeuten und Auslassen erhellt gehört. Und natürlich habe ich trotzdem einiges gelernt, allerdings weniger übers Sterben Lernen, als über den Zeitgeist.

Mit dem im Titel angedeuteten Thema hat dieser Essay übrigens wenig zu tun. Stattdessen wimmelt es von Behauptungen wie: "Der Zeitgenosse will Trost im Diesseits, weil ihn ein Jenseits nicht mehr überzeugt. Diese Beobachtung ist keine empirisch belastbare Wahrheit, sie ist eine Tendenz."

Der Text wird unterbrochen durch sogenannte Introspektionen. In der ersten lese ich: "Seit jeher lebe ich in der Vorstellung, mir meinen eigenen Tod nicht vorstellen zu können. Deswegen kann ich ihn auch nicht fürchten. Was ich fürchte, sind die Umstände meines Sterbens." Ich kann nicht fürchten, was ich mir nicht vorstellen kann? Nun ja, gegen Gefühle kommt der Verstand halt selten an. "Klaus Heuser musste lächeln: Gefühle lenken zu wollen, war natürlich das Aussichtsloseste unter der Sonne." (Hans Pleschinski: Königsallee, C.H. Beck, München 2013).

Der Erkenntnisgewinn in Sachen Sterben-Lernen ist gering: "Sterben zu lernen heisst, gut zu leben ... In gewisser Weise wäre die Kunst des guten Sterbens die konsequente Bejahung des Schicksals. Diese Bejahung bedeutet allerdings kaum, dem sich in den Körper hineinfressenden Schmerz bei der Verrichtung seines Werks tatenlos zuzusehen." Mit anderen Worten: Christian Schüle argumentiert für ein selbstbestimmtes Leben. Und für ein selbstbestimmtes Sterben. Dass das nicht alle wollen, findet er nachvollziehbar und verständlich, "dennoch dräut, als Mahnung am Horizont, der Satz des Sigmund Freud: 'Wenn du das Leben aushalten willst, richte dich auf den Tod ein.'"

Gestört hat mich insbesondere die andauernde Bezugnahme auf die Gegenwart. Ständig ist da vom Zeitgenossen die Rede, ganz so, als ob die heutige Zeit speziell aussergewöhnlich wäre ("Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte vollzieht gegenwärtig die spätmoderne Dienstleistungsgesellschaft die Trennung der traditionellen Einheit von Tod, Bestattung und Trauer durch die Entkopplung von Topos und Memoria."), ja, als ob die Heutigen ganz anders sterben würden als das bisher der Fall gewesen ist. In einem gewissen Sinne stimmt das ja auch (und der Autor führt das ausgiebig aus), doch andrerseits ist das natürlich Humbug, denn sterben tut jeder und jede seit jeher immer noch ganz allein.

Christian Schüle fühlt sich "gezwungen, jeden freien Augenblick zu nutzen und jede frei werdende Zeiteinheit sofort mit einer neuen Tätigkeit zu belegen." Genug Zeit hat er nie. Und er schliesst hellsichtig: "Erst wer Zeit als Vorlauf zum Tod wahrnimmt, erkennt ihren wahren Wert. Oder andersherum: Erst wer den Lebenswert der Zeit erkennt, kann sie bewusst wahrnehmen. Ohne Zeit ist Freiheit und Selbstbestimmung nicht möglich – das ist das Verhängnis des Zeitgenossen im Sog seiner Gegenwart."

"Die kulturelle Evolution der vergangenen Jahrhunderte hat das Individuum zum Individualisten gemacht und zu einem Regime der Selbstherrlichkeit geführt (...) Das christliche Menschenbild geht notwendig von der Gottesverfügung aus, das Menschenbild der Gegenwart hingegen von dessen Selbstverfügung." Dieser Selbstverfügung redet Schüle das Wort und das stört mich, ich sehe darin vor allem (aber nicht nur) ein sich über die Massen wichtig nehmendes Ego, doch bin ich weit davon entfernt, zu behaupten, dies sei die Quintessenz dieses Essays, dafür ist er zu differenziert. Zudem findet er auch immer wieder meine Zustimmung. Und ganz besonders diese Erkenntnis: "Das Hinnehmenkönnen, das Nichtleistenkönnen, ist eine ebenso immense Fähigkeit wie das Leistenkönnen. Vielleicht ist es sogar die höchste Fähigkeit eines sich selbst bewusst seienden Lebens."

Christian Schüle
Wie Wir Sterben Lernen
Ein Essay,
Pattloch Verlag, München 2013

Mittwoch, 27. November 2013

Jürgen Leinemann, 1937-2013

"Leinemann hatte seinen Dämon, das war der Alkohol. Er hat unter dem Pseudonym Horst Zocker im SPIEGEL darüber geschrieben, unvergessliche Texte. Er hat eine politische Theorie darauf aufgebaut und in einem Buch veröffentlicht. "Höhenrausch" - Politiker sind so, wie sie sind, weil sie süchtig nach Politik sind. Ich weiß nicht genau, ob das stimmt, aber es ist die einzige umfassende Theorie über den Menschen in der Politik, und schon das ist ein Verdienst. Wenn ich manche Politiker so sehe, denke ich, dass Leinemann vielleicht doch recht hat." (Dirk Kurbjuweit, Der Spiegel, 11.11.2013).

Von Horst Zocker gibt es auch ein Buch: "betrifft: Anonyme Alkoholiker - Selbsthilfe gegen die Sucht", erschienen im C.H. Beck Verlag in München. Jürgen Leinemann hat es mir, 1989 war das, geschickt. Ich war damals Herausgeber einer Journalismus-Buchreihe und wollte Leinemann als Autor gewinnen. Wenn ich nach der Lektüre immer noch ein Buch mit ihm machen wolle, dann gerne, sagte er mir am Telefon. Ich wollte, und noch viel mehr als zuvor: es ist für mich ein lebensentscheidendes Buch gewesen. "Unser" Buch erschien dann 1990 unter dem Titel: "Nur Nicht Weiter So!" im Schweizer Verlagshaus in Zürich. Das sollte dann auch mein Motto werden.

Hans Durrer, November 2013

Mittwoch, 20. November 2013

Plötzlich ein Sorgenkind

Der erste Eindruck: Diese Anonyma kann schreiben, wirklich gut schreiben. Und sie weiss zu erzählen, versteht, wie man eine Geschichte zu strukturieren hat, um den Leser/die Leserin nicht zu verlieren.

Anonyma und ihr Mann sind Akademiker, Doppelverdiener und führen einen Turbo-Lebensstil. Eines Tages kommt ihre Tochter Lenja von der Grundschule nach Hause, schaut die sie begrüssende Mutter kaum an und flüstert nach einiger Zeit: "Mein Leben ist scheisse. Ich will nicht mehr leben." Der Mutter wird übel, "eine körperliche Ahnung von Unglück".

Bis zum ihrem fünften Lebensjahr war Lenja "ein unbekümmertes und mutiges Mädchen, eine kreative Bummlerin mit einem sonnigen Gemüt" gewesen, dann kam sie in die Schule, weil sie sich in der Kita langweilte und innerhalb eines Jahres verwandelte sich die Kleine in ein unglückliches Schulkind. Was war geschehen?

Vater und Mutter sind mit ihren eigenen Leben beschäftigt: "Unsere Jobs liessen es nicht zu, dass einer von uns jeden Mittag am Schultor stehen sollte. Dabei blieb es. Auch als sich die Mahnungen in den Schulheften und Wutanfälle häuften. Wir glaubten, dass es allen Eltern so erging ...". Das heisst jedoch nicht, dass ihnen das Schicksal ihrer Tochter egal ist. Ganz im Gegenteil. Sie begeben sich mit Lenja auf eine ernüchternde Diagnose-Odyssee: "... damals war ich noch der Meinung, dass eine Expertin vielleicht unerwartete Zusammenhänge erkennen könnte, die ich als Mutter übersehe. (Eine dämlich-naive Einstellung, die ich im Lauf unseres Testmarathons irgendwann hinter mir lassen konnte.)".

Die Mutter sucht nach Ursachen, liest einschlägige Bücher und kommt zum Schluss: "Es hilft weder meiner Tochter noch mir, wenn ich jetzt unterschwellig nach der Quelle fahnde. Im Gegenteil. Im Moment leidet sie an den Symptomen und nicht an den Auslösern." Überzeugend zeigt Anonyma auf, wie sich das Schicksal von Lenja auf die ganze Familie auswirkt, sie in Beschlag nimmt, ihren Alltag bestimmt.

Lenja wird Ritalin empfohlen, doch die Gründe, die dagegen sprechen, überzeugen die Mutter weit mehr. Hilfe findet sie stattdessen bei den Gedanken des Hirnforschers Gerald Hüther, bei dem es nicht einfach um die Kinder geht, die nicht funktionieren. "Es geht genauso um Eltern und Lehrer, die nur noch funktionieren."

Immer wieder schaut Anonyma zurück, fragt sich, ob sie und ihr Mann etwas Wichtiges übersehen haben. Und natürlich gab es da Situationen, die sie stutzig gemacht haben, doch die sie dann verdrängt hat. "Vielleicht, weil sich schon damals eine Vorahnung von Kummer in mein Gefühl mischte, ohne dass ich es weiter hätte benennen können." Andrerseits: "Was war zuerst da? Lenjas eigenwilliges Wesen oder die Aufmerksamkeitsstörung?"

Was ganz besonders für dieses Buch spricht, ist die Einbettung des Familienschicksals (und der Auseinandersetzung damit) in den gesellschaftlichen Kontext. "Der erste Blick am Morgen und der letzte vor dem Einschlafen gelten nicht mir, die im selben Bett neben ihm liegt, oder den Kindern, sondern dem Display des Organizers." Dazu kommen die Konfrontation mit dem Berufsalltag, ständig wechselnden pädagogischen Heilsversprechen, überforderten Lehrkräften, Medizinern und und und ....

Eine der für mich bewegendsten Passagen in diesem differenzierten, selbstkritischen und einfühlsamen Buch handelt von dem misslungenen Versuch der Mutter, ihrer Tochter die Angst vor der Schule "mit objektiven Argumenten auszureden. Denn damit sagte ich ihr im Grunde nichts anderes, als dass ihr eigenes Gefühl sie trügt. Dass sie es nicht haben darf. Stattdessen hätte ich ihre Angst ertragen, mit ihr fühlen müssen. Ich hätte diese Furcht nicht wegschieben dürfen. Wie sollte sie Selbstvertrauen entwickeln, wenn sie den eigenen Empfindungen misstraute? (Nur weil ich es genauso mache? Und auf diese Weise die grössten Fehler meines Lebens begangen habe ...)"

Anonyma
Plötzlich ein Sorgenkind
Aus dem Leben einer aufmerksamkeitsgestörten Familie
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2013

Mittwoch, 13. November 2013

Olivier Ameisen, 1953-2013

Zur Erinnerung an 
Olivier Ameisen 
25. Juni 1953 - 18. Juli 2013


"Das Ende meiner Sucht" von Olivier Ameisen ist ein unbedingt lesenswertes Buch, das davon berichtet, wie der Autor, ein erfolgreicher Arzt und Wissenschaftler, seinen Weg aus der Alkoholabhängigkeit gefunden hat. Dabei hat Ameisen eine aussergewöhnliche Entdeckung gemacht, die bisher von den meisten im Bereich der Suchtherapie Tätigen nicht zur Kenntnis genommen wird. Dies erstaunt nicht, denn radikal neuen Erkenntnissen sind immer schon Steine in den Weg gelegt worden. Doch der Reihe nach:

Olivier Ameisen ist Alkoholiker und hat so ziemlich alles versucht, was an gängigen Angeboten zur Suchtbekämpfung vorhanden ist - Psychopharmaka, Rational Recovery, Meetings der Anonymen Alkoholiker (AA), Aufenthalte in Entzugskliniken - zudem betrieb er Sport und Yoga, doch nichts davon hielt ihn für längere Zeit vom Trinken ab. Dies lag nicht daran, dass er zuwenig motiviert war. So schreibt er:

"Das Konzept von Rational Recovery (RR) sprach mich sehr an. Die zentralen Voraussetzungen sind, dass Alkoholismus keine biologische Erkrankung ist, sondern ein Verhaltensproblem, das der Betroffenen mit seinen eigenen mentalen Ressourcen überwinden kann. Nach meiner Erfahrung erwiesen sich jedoch die "innere Macht", die bei RR eine so grosse Rolle spielt, und die "grössere Macht" (das hat der Autor falsch verstanden oder es ist ein Übersetzungsfehler, die AA-Literatur spricht von einer "höheren", nicht von einer "grösseren" Macht) der AA als ohnmächtig angesichts der überwältigenden Macht meines von Angst getriebenen Verlangens nach Alkohol. Entweder fehlte es mir entschieden an Willenskraft und/oder Spiritualität, oder meine Form des Alkoholismus hatte eine fundamentale biologische Komponente, die man mit Medikamenten würde angehen müssen."

Olivier Ameisen hat, wie viele Alkoholiker, sein Leben lang an Unzulänglichkeitsgefühlen gelitten und war sich "vorgekommen wie ein Hochstapler, der demnächst enttarnt werden würde. Schon lange bevor ich mit dem Trinken angefangen hatte, hatte ich Therapien gemacht. Ehrlich gesagt, hatten sie bei meinen Ängsten nicht viel geholfen." Sprach er mit Medizinern oder mit AAs über seine Ängste, meinten sie meist, diese würden verschwinden, wenn er mit dem Saufen (die deutsche Übersetzung spricht dauernd vom "Trinken", doch was Ameisen tat, war ganz klar "saufen") aufhöre. Doch dem war nicht so. "Ich litt an Ängsten, lange bevor ich Alkoholiker wurde. Aber alle, die mich wegen meiner Alkoholsucht behandelten, ignorierten diesen Punkt, wie oft ich ihn auch wiederholte."

Das Saufen wurde, trotz vieler dramatischer Versuche gegenzusteuern, schlimmer; die Abstürze wurden dramatischer - er brach sich Rippen und Handgelenk (für einen begabten Pianisten wie Ameisen eine ganz besondere Katastrophe) - , verfügte aber immer über genügend privilegierte Verbindungen, um jeweils wieder glücklich aus dem Schlamassel herauszukommen. Dabei gehört es zu den Stärken dieses Buches, dass es ungeschminkt benennt, was es zu benennen gilt: "Die Wahrheit ist, dass kein Abhängiger/keine Abhängige so viel Zeit zum Entzug bekommt, wie er oder sie braucht, sondern nur so viel, wie er oder sie sich leisten kann," Und: "Da es keine bewährte Therapie gibt, liegt der Hauptnutzen einer Entzugsklinik darin, dass sie dem Süchtigen die dringend nötige Pause vom Alkohol oder einer anderen Substanz oder Verhaltensweise bringt." Sicher, das auch, doch den wirklichen Hauptnutzen hat der Klinikbetreiber, für den der Entzug oft einfach nur ein Geschäft ist. Wer nachliest, wie Ameisen aus der Klinik Clear Spring ("das Ritz unter den Entzugskliniken") verwiesen wird, weil seine Versicherung die 500 US-Dollar pro Tag nicht mehr zahlte, hat diesbezüglich keine Illusionen mehr.

Es ist ein Wunder, dass Ameisen aus seiner Abwärtsspirale schliesslich herausfindet. Dass er es schafft, hat mit ganz verschiedenen Faktoren zu tun, doch entscheidend damit, dass er durch einen Artikel in der New York Times auf ein Medikament namens Baclofen stiess, welches das Craving unterdrückt. "Verlangen oder Craving ist ein schwer fassbarer Begriff, weil er körperliche, emotionale und mentale Symptome umfasst, die in Wellen über Stunden und Tage hinweg auftreten. Für mich war es eine brutale Tatsache des Lebens. Im schlimmsten Fall, das haben Forschungen gezeigt, ist das Verlangen nach einem Suchtmittel wie der Hunger eines verhungernden Menschen: Die gleichen Hormone werden freigesetzt und die gleichen Gehirnregionen aktiviert. Das Nationale Institut für Alkoholmissbrauch und Alkoholismus (National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism, NIAAA) hat festgestellt, dass das Verlangen nach Alkohol sogar schlimmer sein kann als Hunger oder Durst und dass, wenn der Alkoholismus den Betroffenen im Griff hat, das Gehirn Alkohol als lebensnotwendig ansieht."

Baclofen, ein Mittel, das gegen Muskelkrämpfe verschrieben wurde, soll das Craving unterdrücken können? Ameisen hat es im Selbstversuch getestet, und ja, es hat gewirkt. Ein paar wenige Ärzte haben es bisher an Patienten ausprobiert, und ja, es hat gewirkt. Nein, nicht bei allen. Denn auch wenn man, wie Ameisen das tut, Abhängigkeit als eine biologische Krankheit versteht, muss ein Patient zuallererst immer noch ausreichend mit dem Saufen aufhören wollen. Zudem: 12-Schritte-Programme und andere Verhaltenstherapien wird es nach wie vor brauchen, denn diese sind vor allem nach 6 bis 18 Monaten Abstinenz am wirksamsten. (Wie Mark Twain bekanntlich sagte: Mit Rauchen aufhören, sei überhaupt kein Problem, er habe es schon Hunderte von Malen gemacht.).

Fazit: eine in vielerlei Hinsicht empfehlenswerte Lektüre, nicht zuletzt, wegen Sätzen wie diesen: "Mir war seit Langem klar, dass Alkoholiker und andere Abhängige nicht mit dem üblichen Mass an Mitgefühl und Fürsorge rechnen können, wenn sie medizinische Hilfe brauchen." Und: "Die Wahrheit lautet, dass meine Mutter und meine Geschwister nichts hätten tun können, um mich von meinem schweren Alkoholismus zu heilen, Was ich von ihnen brauchte und was die Angehörigen aller Suchtkranken nur so schwer in einer Weise geben können, dass der Suchtkranke es annehmen kann, waren Liebe und Mitgefühl."

Dr. Olivier Ameisen
Das Ende meiner Sucht
Verlag Antje Kunstmann, München 2009

Mittwoch, 6. November 2013

Borderline Ratgeber

Was am Umschlagbild ins Auge fällt, ist die Titelanhäufung des Autors, sie soll wohl für Kompetenz stehen, mich selber macht sie eher skeptisch: ich sehe darin nichts anderes als einen Beleg dafür, dass der Autor institutionell legitimierte Anerkennung geniesst. Das Buch ist übrigens unter Mitarbeit von Sabrina Weber-Papen entstanden und wer mit den Gepflogenheiten akademischer Buchproduktion nicht ganz unvertraut ist (ich habe selber während fünf Jahren einen akademischen Buchverlag geleitet), wird aus dem Hinweis schliessen, dass Frau Weber einen nicht unbeträchtlichen Teil dieses Buches verfasst hat. Zugegeben, ich kann mich natürlich irren, doch wie auch immer: Borderline ist ein gutes und nützliches Buch. Das liegt wesentlich daran, dass es klar und gleichzeitig differenziert daher kommt, eine Kombination, die eher selten ist.

 Bei Borderline handelt es sich um eine Persönlichkeitsstörung, die sich unter anderem durch tief verwurzelte und sehr starre Verhaltens- und Denkmuster auszeichnet. Die Ursache der Störung sei zu einem Drittel genetisch, zu zwei Dritteln Umwelt, lese ich und frage mich, wie man zu einer solchen Behauptung kommt, wenn doch, und auch das steht im Buch, die genetischen Risikofaktoren "bisher noch weitgehend ungeklärt sind."

Eine höchst nützliche Frage, um eine Borderline-Störung zu diagnostizieren, findet sich im Kästchen auf Seite 60: "Passiert es Ihnen immer wieder, dass Sie wie aus heiterem Himmel oder wegen Nichtigkeiten in eine starke Anspannung geraten, die Sie als äusserst unangenehm empfinden und die Sie keinem bestimmten Gefühl wie Wut oder Furcht zuordnen können?" Natürlich ist es mit dieser Frage alleine nicht getan, natürlich muss da unter anderem auch eine eingehende Untersuchung stattfinden, um körperliche Erkrankungen auszuschliessen, doch dass 90 Prozent der Borderline-Patienten einen solchen Zustand sehr genau kennen, ist ein recht deutlicher Hinweis.

"Borderline kommt selten allein", unter diesem Titel weist Frank Schneider auf psychische Erkrankungen hin, die zusätzlich zur Borderline-Störung auftreten können. Zu den häufigsten gehört die Schlafstörung. Verbreitet sind auch Depressionen, Angststörungen, die posttraumatische Belastungsstörung, Substanzmissbrauch oder -abhängigkeit, Essstörungen und ADHS; all diesen räumt der Autor beträchtlichen Platz ein. Mir scheinen die Abgrenzungen recht willkürlich und die Überlappungen offensichtlich, so ist etwa eine Suchtkrankheit ohne Angststörung nicht wirklich vorstellbar.

Die Wirksamkeit von Psychotherapie, schreibt Schneider, sei "für die meisten psychischen Erkrankungen, und so auch für die Borderline-Erkrankung, nachgewiesen." Wirklich? Bei Suchtkrankheiten jedenfalls nicht.

Psychischen Störungen ist eine geringe Frustrations- beziehungsweise Stresstoleranz gemeinsam. In der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT) geht man diese unter anderem mit sogenannten Skills an. Besonders eingeleuchtet hat mir dabei diese Bemerkung: "Gemeinsam ist den Skills zur Krisenbewältigung in Hochstressphasen, dass sie intensiv sind und häufig sinnesbezogen (z.B. auf einer Chilischote kauen oder Ammoniak riechen)." Neben der DBT kommt auch die Schemafokussierte Therapie (SFT), die Übertragungungsfokussierte Therapie (TFP) sowie die Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) häufig zur Anwendung. "Voraussetzung jeder Therapie und oberste Maxime während der Behandlung ist stets das 'Überleben' des Patienten in der Therapie und in den möglichen Krisen."

Eingegangen wird auch auf die Behandlung mit Medikamenten, die psychosoziale Behandlung sowie auf die Angehörigen und Freunde von Borderline-Patienten. Und das durchgängig auf verständliche und informative Art und Weise. "Borderline' ist ein Buch, das seinen Untertitel "Der Ratgeber für Patienten und Angehörige" auch wirklich verdient.

PS: Ich will diesen Ratgeber auch deswegen empfehlen, weil sich darin einer meiner Lieblingssätze findet: "You can't stop the waves, but you can learn to surf". Zugeschrieben wird er Jon Kabat-Zinn.

Prof.Dr.Dr.med. Frank Schneider
Borderline
Der Ratgeber für Patienten und Angehörige
Herbig Gesundheitsratgeber
F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München 2013

Mittwoch, 30. Oktober 2013

Kalt erwischt

"Am schlimmsten ist die Überzeugung, dass es nie wieder aufhört." So beginnt dieses Buch und ich bin sofort drin. Schade nur, dass sich die anfängliche Spannung schon bald einmal verliert.

Im November 2006 unternimmt Heide Fuhljahn eine Pressereise nach Norwegen. Ihr Freund hat sich gerade von ihr getrennt, sie geht einmal in der Woche zur Psychotherapie, schläft schlecht und fühlt sich weder dem Leben noch ihrer journalistischen Aufgabe gewachsen: "Ich verstehe kaum ein Wort, obwohl mein Englisch ganz gut ist. Aber nicht, wenn es um Fischfang geht, um seine wissenschaftlichen, sozialen und politischen Dimensionen." Sie hat Angst, fühlt sich unter Druck, denkt jeden Tag an Selbstmord, nimmt Beruhigungsmittel und bleibt "trotz der hohen Dosis in einer nicht enden wollenden Panikattacke stecken." Als sie sich später Fotos von dieser Reise ansieht, sieht sie sich strahlend lächeln, kann sie nicht den geringsten Hinweis auf ihr damaliges Martyrium entdecken.

"Meistens wachte ich früh um sechs Uhr auf – und schon war der Tag gelaufen." Alles ist ihr zu mühsam, auf nichts hat sie Lust. "Alles, was ich tat, wurde nur noch danach bewertet, wie sehr es mich erschöpfte." Auch lesen mag sie nicht mehr, jedenfalls nichts Anspruchsvolles. "Mein Nicht-lesen-Können empfand ich als persönliches Versagen, es war mir nicht klar, dass es eine Nebenwirkung der Depression war."

In der Klinik teilt sie ihr Zimmer mit der siebzigjährigen Burgunde, die sie mit einem detaillierten Redefluss überflutet, dem sie sich ausgeliefert fühlt. Heute nicht mehr, hält sie dazu fest, heute würde sie in einer solchen Situation sagen: "Ich möchte mich im Moment nicht unterhalten." Oder: "Ich möchte gern lesen." Nur eben: auch Heide Fuhljahn leidet an detaillierter Redseligkeit. Muss der Leser/die Leserin wirklich wissen, dass sich der Psychologe mit "Hallo, ich bin Dr. Müller" vorstellt oder was genau bei der Eintrittsuntersuchung in der Klinik vorgefallen ist: "... haute sie mir mit einem Hämmerchen aufs Knie, das zu ihrer Zufriedenheit reflexhaft zuckte. Danach strich sie mir über Arme und Beine und fragte: 'Fühlen Sie das?'"

Beim Satz: "Meine Depression begann in meiner Kindheit" merkte ich, wie sich in mir Unwillen regte. Nicht schon wieder die Kindheit, stöhnte es da in mir. Und umso mehr bei solchen Sätzen: "Im Grunde war ich schon immer depressiv. Immer heisst: bereits in der Zeit vor dem Tod meiner Mutter. Doch letztlich weiss ich nur wenig von meinen ersten neun Lebensjahren ...". Das geht uns wohl allen so, weshalb man sich auch mit Spekulationen über die eigene Kindheit zurückhalten sollte.

"Neben meinen Depressionen und meinen Essstörungen leide ich auch an einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung, unter Medizinern als Borderline-Störung bekannt." Es spricht für die Autorin, dass sie bei ihren Ausführungen immer wieder auf die vielen Überlappungen der psychischen Störungen hinweist, dass sie in eingeschobenen Interviews Spezialisten befragt und dass sie sich traut, Wünsche zuzugeben, die man wohl kaum anders als unreif (doch sind das Wünsche nicht fast immer?) nennen kann: "Noch heute, mit neununddreissig Jahren, sehne ich mich nach einer Bilderbuchfamilie, nach stabilen Verhältnissen."

"Kalt erwischt" bestätigte bei mir den Eindruck, dass psychischen Störungen, von der Depression bis zu Borderline, von der Sucht bis zur Neurose, gemeinsam ist, dass die darunter leidenden Menschen ständig mit den Bedingungen des menschlichen Lebens hadern, dass sie die Realität (und damit auch sich selber) nicht akzeptieren können. Heide Fuhljahn hat für sich einen Weg gefunden, der möglicherweise auch für andere funktionieren könnte: "Meldet sich die Depression doch einmal, dann weiss ich mir zu helfen. Ich streiche alles, was nicht unbedingt sein muss, gönne mir Ruhe, stehe zu meinen Gefühlen und versuche, mir meine Bedürfnisse zu erfüllen. Die Frage ist nicht mehr: Was muss ich?, sondern: Was brauche ich? Ich verzichte dann darauf, E-Mails zu schreiben oder Staub zu saugen. Ich weiss: Das kann ich immer noch tun, wenn es mir wieder besser geht. Nur kein Druck."

Heide Fuhljahn
Kalt erwischt
BRIGITTE-Buch im Diana Verlag
Diana Verlag, München 2013

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Psychoanalytische Interpretationen

Stephen Grosz berichtet in diesem Buch, dessen englischer Titel (The Examined Life. How we lose and find ourselves) mich neugieriger macht als der deutsche, von seiner Arbeit als Psychoanalytiker. Es sei ein Buch über Veränderung, schreibt er im Vorwort, und da Veränderung und Verlust eng zusammenhängen, durchziehe Verlust dieses Buch. Weshalb ihm auch ein inspirierendes Zitat von Andre Dubus II vorangestellt ist: "Wir gewinnen, wir verlieren, und wir müssen uns um Dankbarkeit bemühen, aber auch darum, von ganzen Herzen anzunehmen, was nach dem Verlust noch bleibt vom Leben."

Ich bin mir gar nicht sicher, ob, wie der Autor behauptet, Verlust wirklich das Hauptthema dieses Buches ist, mein Eindruck war das jedenfalls nicht, denn dazu sind die Geschichten viel zu unterschiedlich.

Die erste Geschichte handelt von Peter, einem siebenundzwanzigjährigen Statiker, der versucht hatte, sich umzubringen. Peter schwankte zwischen zwei Extremen, Mitmachen oder radikaler Bruch, ein Muster, dem er auch in seiner Analyse treu blieb: er brach die Analyse ab. Zwei Monate später erhält der Analytiker ein Schreiben von Peters Verlobter: Peter habe sich umgebracht. Weitere sechs Monate später findet Grosz auf seinem Anrufbeantworter eine Nachricht von Peter, er sei nicht tot, ob er vorbei kommen könne. Die Erklärung? Das Schreiben seiner Verlobten hatte er selber verfasst. Er hatte den Drang zu schockieren, so der Analytiker.

"Die Frau, die nicht lieben wollte" ist nicht nur eine Sammlung von ganz verschiedenartigen Fallgeschichten, der Leser (und die Leserin) erfahren auch, wie der Analytiker Grosz das Verhalten der Beteiligten interpretiert. Joshua etwa, der nach der Geburt seines Sohnes zu einer Prostituierten geht, doch mit ihr keinen Sex hat. Er wolle sie davon überzeugen, mit der Prostitution aufzuhören, wolle ihr einen Platz in der Welt verschaffen, sagt er. Er würde wie eine Mutter klingen, die über ihr Baby rede, meint dazu der Analytiker. Und: "Joshua war einsam. Mehr noch: Er war eifersüchtig auf die Nähe, die Frau und Sohn miteinander verband. Da er keine Möglichkeit sah, daran teilzunehmen, konnte Joshua auch seinen Platz als Vater nicht finden, eine Unfähigkeit, die für ihn war, als ob ihn seine Frau verliesse. Was er fröhlich eine Dummheit genannt hatte, war in Wirklichkeit also ein Racheakt."

Ein weiterer Patient, Philip, war ein notorischer Lügner, der für die Leute, die er belog, kein Mitgefühl aufbringen konnte. Dazu Grosz: "Philips Lügen waren kein Versuch, sich Vertrauen zu erschwindeln - auch wenn sie manchmal dazu führten. Lügen waren seine Art, Nähe zu bewahren, wie er sie kannte, seine Art, an der Mutter festzuhalten." Natürlich klingt diese Schlussfolgerung ohne die dazugehörige Geschichte ziemlich absurd. Neugierig geworden? Also dann: die dazugehörige Geschichte ("Über Geheimnisse") lesen.

Mich haben Grosz' Interpretationen und Folgerungen nicht immer überzeugt. In der Phantasie einer jungen, unverheirateten Frau, die sich vorstellt, beim Umdrehen des Wohnungsschlüssels würde die ganze Wohnung explodieren, sieht er etwas Gesundes am Werk: "Einen Moment lang machte ihr diese Phantasie Angst, doch die Angst bewahrte sie letztlich vor dem Gefühl der Einsamkeit." Im Falle einer anderen jungen Frau, die sich nicht entscheiden konnte, führt er das auf verlorene Gefühle aus der Kindheit zurück.

Die Geschichten in diesem Band sind nicht gerade alltäglich (da schildert etwa einer ein Haus in Frankreich, das ihm in allen Lebensumständen Sicherheit gewähre und dann erfährt man, dass es das Haus gar nicht gibt) und sie sind sehr kurz, er wollte sich auf das Wesentliche konzentrieren, meinte der Autor in einem Interview. Bei einer der Geschichten lässt sich das Wesentliche sogar mit dem Titel zusammenfassen: "Je seriöser die Fassade, desto mehr ist zu verbergen."

Stephen Grosz
Die Frau, die nicht lieben wollte
und andere wahre Geschichten über das Unbewusste
S. Fischer, Frankfurt am Main 2013

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Vingt-quatre heures

Je vous assure: il ne s'agit que de commencer. Ensuite, vous serez aidés par des gens comme vous exactement et qui ont connu les mêmes problèmes que vous (...) Surtout pas de grandes résolutions, pas d'engagements définitifs à l'égard de vous-même, Ne vous jurez pas de ne jamais boire. Rien que d'y penser, on est pris de panique. Dites-vous seulement: je ne toucherai pas à l'alcool pendant vingt-quatre heures. C'est tout. Vingt-quatre heures. Ne pensez pas à un moment de plus.

Joseph Kessel
Avec les Alcooliques Anonymes

Mittwoch, 9. Oktober 2013

Live Through This

"We're all damaged. Every one of us. Everything can be traced back to that moment where we realized, as small children, that things were absolutely not okay. My moment was realizing - at about age three - that the grown-ups around me didn't believe me. I've had lifelong issues with not being believed. And within my own reality, looking back. I wasn't. I was always scolded for pretending to be in pain. If I fell and hurt myself. I was told time and time again that I should stop trying so hard to get attention."
This happens to be the first paragraph from the foreword by Amanda Palmer ... and I've felt immediately hooked. And even more so when I read her last paragraph:
"So.
Take pen to paper, take sharpie to body, take fingers to ukulele, take phone-camera to bathroom to mirror to naked body. Just make something, anything. And make something not to become known to the world - but to become known to yourself.
The only way is fucking through.
Believe me."

"Live Through This", writes Sabrina Chap in her preface, "is a collection of visual and written essays by women artists who have dealt with self-destruction, and lived to tell the story." While each woman has her own answer, this book is not meant as an answer but an offer for discourse, "as a way to help women begin to understand the potential in the power of their self-destructive acts." After briefly wondering whether males like me are allowed to read this work, I started with the first story - and was disappointed. The first sex the protagonist had wasn't terribly great (whose was?), she played with the idea of killing herself (although that seemed completely unrelated to losing her virginity) and later on became a sexologist. It is of course possible (and probable) that this lady experienced quite some suffering in her life but she definitely lacks the talent to convey it.

The first text that gripped me ("It had been 72 hours since my lover left me alone with my brain, and slowly I tried to be me again.") was "Fighting Fire with Acid Rain", an illustrated story on coming down by Cristy C. Road who "will possibly venture into the world of art galleries, but would much rather not think too much about the future."

And then there is "Total Disaster: Sketching Sanity" by Fly who states that "drawing and writing have always helped me to focus, relax and situate myself within constantly shifting, sometimes scary but always captivating environments." From her I learned (not for the first time but it is good to be reminded) that people's "individual imbalances are so varied that it's really important not to just apply one formula to everybody."

From the "Slash an' Burn"-piece by Inga M. Muscio: "Joe B., Liz and I had ongoing and historically entrenched vendettas, not unlike Bosnia, Serbia and Croatia. Nick was our Switzerland. He was the only person in the family who offered peace and laughter on a guaranteed basis. I adored him." I've never come across a more peculiar, and funny, idea of Switzerland.

"My family wrote stories, painted pictures. Art was a simple act of survival and survival was an art form for us" I read in Silas Howard's "Friends as Heroes" and of course she then had all my attention, and it was well-deserved.

And. then there was the captivating text by an anonymous Brooklyn-based dancer, choreographer, and dance educator. And, "Creating Your Own World" by Swoon who felt cursed because a lot of people around her were spiraling out of control. "Writing and drawing helped me access my core and deal with a lot of emotions as a teenager." And, Nan Goldin's "Self-Portraits." And ...

At the end of the book there are some very direct questions that get very varied answers, some of them truly original. For instance, to "What do you do when you're feeling self-destructive?", Nicole Blackman says: "Take a nap." That is really good advice, see also this link here, although, given that this is supposed to be a book "on creativity and self-destruction", I wonder whether it would qualify as creative ...

Live Through This
On Creativity and Self-Destruction
Edited by Sabrina Chap
Seven Stories Press, New York 2012

Mittwoch, 2. Oktober 2013

Über Neurosen

... ich habe meine Defizite als zu mir gehörig begriffen und sie, wenn auch notgedrungen, akzeptiert. Wenn ich meine Restlebenszeit darauf verwenden würde, mir meine Neurosen abzutrainieren, bliebe kaum noch Zeit für andere Sachen. Beispiel Höhenangst. Anstatt eine mehrjährige Therapie anzutreten, meide ich Berge und hohe Gebäude, geht auch.

Heinz Strunk
In Afrika

Mittwoch, 25. September 2013

Exilkubaner & Therapie

Ja, ich habe einen Therapeuten. Nein, es hat nicht geholfen.

Auf keinen Fall kann ein Therapeut die Verwicklungen der chronischen, von Müttern sanktionierten Untreue des Latino-Mannes auflösen. Das ist nicht nur ein Stereotyp. Ich wünschte, das wäre es. Wissen Sie, was meine kubanische Grossmutter in Union City sagt, wenn ich ihr erzähle, dass mein Mann mich betrügt? "Bueno, kämpfe härter um ihn, mi vida." Wie soll mir ein Therapeut dabei helfen? Dein Mann betrügt dich, und diese traditionellen Frauen, die eigentlich deine Verbündeten sein sollten - die geben dir die Schuld. "Na gut", sagt abuelita mit rauer Stimme und schwerem Akzent, während sie an ihrer schlanken Virginia saugt, "hast du zugenommen? Achtest du auch darauf, dass du gut aussiehst, wenn du dich mit ihm triffst, oder gehst du in diesen Jeans? Wie ist dein Haar? Hoffentlich nicht wieder zu kurz. Bist du schon wieder fett?"

Meine Therapeutin, eine Nicht-Latina mit eleganten Schals, glaubt, meine Probleme beruhten auf Dingen wie "der narzisstischen Persönlichkeitsstörung" meines Vaters, ihre Diagnose für die Art und Weise, in der er alles im Leben auf sich selbst, Fidel Castro und Kuba bezieht. Sie war noch nie in Miami. Wenn sie schon mal da gewesen wäre, würde sie begreifen, dass alle Exilkubaner jenseits der fünfundvierzig genau so sind wie Papi.

Alisa Valdes-Rodriguez: Dirty Girls Social Club

Mittwoch, 18. September 2013

the buddha & the borderline

Wow, this is a fantastic book! This is how I felt already after the first few pages. ... because of sentences like: "We hold each other for an hour and kiss, and since we've discovered each other at NA, where it's often easy to mistake honesty for sanity ...". And: "In my life, relationships are like rubber bands. They stretch and snap back so many times, but eventually something breaks and there's no way to repair the damage." And: "... the only way I know to stay afloat - to survive - is to find a saviour. Bennet, as it turns out, has a bit of a saviour complex."

What Kiera Van Gelder describes here is how borderlines feel in relationships. I've never read anything on borderline that felt more authentic than Kiera's the buddha & the borderline. She calls herself a recovering drug addict and alcoholic, goes to 12-step meetings almost every day but feels that she doesn't get better. Then a doctor tells her that she suffers form borderline personality disorder (BPD). She feels relief that she has "a real illness rather than just being a terminal failure."

"There is no question that the diagnosis fits. I have all the symptoms: I have chronic feelings of emptiness and an unstable sense of self, I'm suicidal and self-harming, and I frantically avoid abandonment and rejection no matter what the cost. My relationships are stormy and intense, and my perceptions can shift between black and white at the drop of a hat. My emotions are out of control, I freak out when stressed, and others often find my anger inappropriate."

Kiera undergoes a fundamental shift when she comes across Marsha Linehan's insights that confirm what she already knows: that borderlines are emotional burn victims, that they are in a living hell, even when they look okay.

How Kiera Van Gelder puts into words this living hell is remarkable, impressive, and most convincing. Also, and this is an achievement in itself, this book is a very funny read. Again and again I burst out laughing, and I often felt that the absurdity of human existence can probably only be met with humour.

The absurdity of human existence? But hey, this is a book about human suffering! Yes, it is and it is heartbreaking what borderlines have to put up with. Yet the buddha and the borderline is much more - it is a tale about the human condition for borderlines aren't different from 'normal people' in what they feel and do, it is the intensity that makes the difference - they feel much more intense, their mood changes are unexpected and abrupt, and their reactions often inappropriately extreme.

In order to control her impulsive relationship behaviours Kiera decides to try online dating for it might, she reasons, "provide some artificial boundaries." Creating a profile is her first challenge, she works on it all day at the office. "The next morning I rush to work, hoping to have dozens of messages from intrigued and handsome men." Well, not exactly for her inbox is empty but she has been 'winked' at twice by overweight men her father's age ... but then she meets Taylor who looks around her studio where every book and pencil and teacup is in its proper place: "'You seem pretty stable to me,' Taylor comments, 'Working. Paying your bills. I haven't noticed you changing much this past week. Things can't be that bad.' 'I've done a lot of therapy,' I say. Should I also mention that I'm always fairly good at the beginning and that it's when I get attached that all the hell breaks loose?"

Dealing with borderlines is a huge challenge, not least because they can't deal with the slightest criticism, to them it is like being punched in the face. For they have to be perfect, everything has to be perfect. To deal with imperfection seems simply not possible. Not always of course but definitely too often ...

There is no doubt, borderlines live on planets of their own. "I still feel like I'm being stabbed when Taylor forgets to make eye contact with me in social groups or when he doesn't respond to an email or voice mail promptly, and it doesn't help that my definition of prompt and his are drastically different." Nevertheless, since, as the buddhists say, the only permanent thing is change, also borderlines, and their close ones, can and do change. "Taylor comments that although I'm still often triggered, my times of upset are shorter. I lose my bearings for a day or two, not a month. And I no longer declare that our relationship is over every time I feel neglected."

Is there a bottom with BPD? Yes, there is, writes Kiera. For her it was anger, "justified, self-righteous anger", an incredible motivator, as not only borderlines know. "I'm so pissed off that I become determined to fight - for my survival, and for my borderline brothers and sisters. We do not deserve to be trapped in hell. It isn't our fault."

She becomes familiar with DBT (Dialectical Behavior Therapy) skills, learns about the importance of "validation": "It means recognizing someone else's feelings, behaviors, and thoughts as legitimate, no matter how problematic or dysfunctional they may appear to be." What DBT ideally should help to make possible is radical self-acceptance.
She also discovers a type of Buddhism that "actually sounds a lot like the DBT skills for change" and finally moves to a meditation centre. "Ironically, the word 'borderline' has become the most perfect expression of my experience - the experience of being in two places at once: disordered and perfect."

 A most helpful book, I highly recommend it..

Kiera Van Gelder
the buddha & the borderline
a memoir
my recovery from borderline personality disorder 
through dialectical behavior therapy, buddhism and online dating
New Harbinger Publications, Inc, Oakland, California 2010
www.newharbinger.com

Mittwoch, 11. September 2013

Sieben Gründe nicht zu trinken

Der Anteil der Sucht bleibe immer der gleiche, habe ich mal gehört. Und es hat mir eingeleuchtet. Ich interpretiere den Satz so: Wer süchtig ist, wird das auch bleiben. Das ist jedoch keineswegs resignierend gemeint. Sondern: Wer akzeptiert, dass er süchtig ist, kann sich entscheiden, etwas dagegen zu tun. Er/sie kann sich entscheiden, der Sucht nachzugeben oder ihr nicht nachzugeben. Und wenn man ihr nun nicht nachgeben will, wie tut man das? Indem man den Drang, sich zuzudröhnen, auszuhalten lernt. Oder indem man sich ablenkt. Oder indem man, anstatt sich voll laufen zu lassen, sich was Süsses gönnt, spazieren geht, Sport macht.

Das ist reine Symptombekämpfung, wird der eine oder die andere sagen, entscheidend jedoch sei, den Grund für die Sucht zu finden. Mal angenommen, man habe den vermeintlichen Grund gefunden (von der Mutter im Kindesalter vernachlässigt worden; Versagensangst; Lebensangst etc.), was hilft einem das?

Es gibt genau sieben Gründe, weshalb jemand säuft (sich der Realität/dem Leben verweigert): Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag. Die selben sieben Gründe eignen sich auch dazu, die Realität/das Leben willkommen zu heissen.

Hans Durrer, 2013
http://12-schritte-suchtbehandlung.blogspot.ch/
 

Mittwoch, 4. September 2013

Alcohol Therapy

Most alcoholics have no confidence in therapists who are themselves not alcoholics. In their view such therapists do not know what they are talking about for they have not experienced what alcohol actually does. Sure, they might have read books, have talked to a lot of patients, have seen a lot of misery but still, they do not know, not really, so what could they possibly tell me, many alcoholics will ask.

The point is not whether alcoholics who think like that are right or wrong. The point is that quite some alcoholics do think like that. And therapy that deserves its name has to take that into account.

Hans Durrer, 2013
http://12-step-addiction-treatment.blogspot.ch/ 

Mittwoch, 28. August 2013

Dem Leben entfremdet

Aufzeigen wolle er, so Arno Gruen auf den ersten Seiten dieses Buches, dass die Geschichte der grossen Zivilisationen die Geschichte der Unterdrückung unserer empathischen Natur sei. "Dadurch  verlieren wir die ursprüngliche, jedem Menschen gegebene Fähigkeit in der Wirklichkeit zu leben."

Die Frage "Wer bin ich?" sei ersetzt worden durch "Was bin ich?", doch "Was ich bin, hat fast nichts damit zu tun, wer ich bin." Was ich bin hat zu tun mit Macht und Status und damit, wie ich mich in den Augen der anderen präsentiere. Dabei geht es um Anerkennung und Leistung. Bei der Frage wer ich bin geht es hingegen um eine ständige Konfrontation mit sich selbst und seinem Tun. Und das beinhaltet das Akzeptieren von Gefühlen der Unzulänglichkeit, der Hilflosigkeit, Angst und Verzweiflung.

Auch wenn die Humanwissenschaften heute noch lehrten, dass die auf Macht und Herrschaft aufgebauten 'grossen Zivilisationen' das Menschliche erst hervorgebracht hätten, die bestimmenden Faktoren unserer Evolution seien Kooperation und Empathie, führt Gruen aus. Ja, so recht eigentlich sei es umgekehrt: der Mensch habe sich nicht von primitiver Aggression zu zivilisierter Konfliktlösung entwickelt, erst die Einführung und Durchsetzung des Konzepts 'Besitz' habe dazu geführt, dass kooperative und gesellschaftliche Sozialbeziehungen sich aufzulösen begannen.

Arno Gruen zitiert aus vielen Büchern, und dabei auch aus J.M. Coetzees "Warten auf die Barbaren", wo dieser fragt, weshalb es für uns unmöglich geworden ist, "in der Zeit zu leben, wie die Fische im Wasser, wie die Vögel in der Luft, wie die Kinder." Gruen kommentiert das so: "Damit deutet er darauf hin, dass authentisch-empathisches Erleben nicht möglich ist in einer Kultur, die einerseits den Verstand verherrlicht, andererseits ihn problematisch macht, indem sie von Geburt an unser Gefühlsleben verkümmern lässt."

Ein Grund, weshalb wir nicht wahrnehmen können, was wirklich ist, ist der Gehorsam. Und den Gehorsamskulturen ist es eigen, dass sie Herrschaft und Besitz zementieren. Paradoxerweise erwarten wir von denen die Erlösung, die von unserem Gehorsam am meisten profitieren.

Gruen weist auf Forschungen hin, gemäss deren nur etwa 30 Prozent in frühen Jahren Liebe und Zärtlichkeit in grösserem Umfang erfahren haben und folgert: "Wenn Erwachsene als Kinder selbst durch ein Bewusstsein geformt wurden, das Liebe einschränkte und Macht über sie zum Zweck der Beziehung machte, dann werden sie selbst, wenn sie Eltern sind, ihre Kinder dazu benötigen, ihre eigenen Unsicherheiten und Demütigungen zu bewältigen." So sehr das einleuchtet (und auch meine Sympathie hat), mir ist schleierhaft, wie solche Forschungergebnisse zustande kommen können. Wie  will man bloss messen, wie viel Liebe jemand in seiner Kindheit erfahren hat? Nicht zuletzt, weil ja das Gedächtnis bekanntlich ungemein kreativ und anpassungsfähig ist.

Ich fand besonders Gruens Ausführungen über den Gehorsam ausgesprochen inspirierend. "Unser Gehorsam, eine Folge der Identifikation mit dem Aggressor und Unterdrücker, bringt Menschen immer wieder dazu, trotz Rebellion, weiter nach Autorität zu suchen." Gibt es keinen Ausweg aus diesem Teufelskreis? Doch, meint Gruen, sofern wir "den Prozess der Selbstentfremdung unterbrechen, uns selbst mit all unseren Schwächen und unserem Selbst annehmen und die Schwächen anderer respektieren, dann können wir uns selbst und andere wieder lieben lernen."

Arno Gruen
Dem Leben entfremdet
Warum wir wieder lernen müssen zu empfinden
Klett-Cotta, Stuttgart 2013

Mittwoch, 21. August 2013

Piet C. Kuiper: Seelenfinsternis

Diesem Werk ist ein einfühlsames Geleitwort des Herausgebers der Reihe "Geist und Psyche" (von Nina Kindler 1964 begründet), Willi Köhler, vorangestellt, der unter anderem festhält: "Zu allen Zeiten waren Depressive, oder Melancholiker, wie sie früher hiessen, unbequem, denn sie erinnerten ihre Mitmenschen an die Widersprüche und Gebrechlichkeiten der Welt. Moderne Psychologen sind sogar der Auffassung, Depressive seien die einzigen Realisten, weil sie die Welt sehen, wie sie ist, und mit diesem Blick kann man nur schwer leben." Der Autor von Seelenfinsternis, Piet C. Kuiper, ehemaliger Professor für Allgemeine Psychopathologie und Klinische Psychiatrie an der Universität Amsterdam, drückte es in seinem Vortrag an den Lindauer Psychotherapie-Wochen so aus: "Es kann niemals Licht werden, wenn wir uns nicht der Wahrheit stellen, dass wir von tiefster Finsternis bedroht sind."

Eines Nachts muss er aufstehen, er verliert das Bewusstsein und schlägt rückwärts auf den Boden. Als er aufwacht, verdrängt er den Vorfall, er will nicht krank sein. Er leidet unter Kopfweh, dann wiederum empfindet er seinen Kopf als voller Watte, hat den Eindruck, er sehe nicht mehr wirklich, fühlt sich beständig müde. Sein Internist diagnostiziert eine Virusinfektion.

"In meinem Leben vollzog sich allmählich eine eigenartige Veränderung. Die Intensität meines Erlebens wurde schwächer. Die innere Melodie erklang nicht mehr, Erlebnisse verloren an Bedeutung." Er kann nicht mehr malen (im Buch finden sich zahlreiche eindrückliche Beispiele seines Maltalents), verliert das Interesse an Kriminalromanen und Philosophie; er schläft viel, fühlt sich energie- und antriebslos. Er nimmt ein Mittel gegen Wahnvorstellungen. Weder Antidepressiva noch Antipsychotika helfen, Schlafmittel lösen Verwirrung aus. Trotz seines unerträglichen Zustandes denkt er nicht an Selbstmord. "Ich fürchtete mich viel zu sehr vor dem Tod. Dann würde ich vor Gott erscheinen müssen, und der würde mich in die ewige Verdammnis stossen."

Es folgt ein Aufenthalt in der Klinik, gefolgt von eineinhalb Jahren zu Hause und einem zweiten Klinikaufenthalt. Der Gedanke,alles verpfuscht zu haben, verfolgt ihn. Er landet in einer eigentlichen Schuldhölle: "Ich hatte auch meinem Jugendfreund recht gegeben, der mir geschrieben hatte: 'Du hast in Deinem Leben nur an Dich selbst gedacht, nur Dich selbst gesehen, und andere hast Du Deinen Interessen und Deinen Vergnügungen geopfert.'"

Besonders eindrücklich und bewegend sind die Stellen, in denen er über sein inneres Ringen, seinen Widerstand und Kampf gegen seine Schuldgefühle und Selbstvorwürfe berichtet: "Ein Übermass an Schuldgefühlen kann dazu führen, dass man die vielen Gaben, die man nicht genutzt hat, betrauert und dadurch die Zeit, die noch vor einem liegt, vertut und so ein Schicksal auf sich herabbeschwört, das dem des Alkoholikers gleicht, der zu argumentieren pflegt: Ich höre nicht auf zu trinken, denn dann hätte ich schon eher aufhören können."

Was ihm schlussendlich hilft, ist Tylciprin, ein Medikament, von dem er selber mit Nachdruck abgeraten hatte. Und was ihm auch hilft: sich auf das Hier und Jetzt zu beschränken und zu handeln. "Ich tat das, was auf der Hand lag, was andere gern wollten und was ich selbst gern tat. Ich schaute nicht nach innen, fragte mich nicht, wie es in meiner Seele aussah. Es gibt keinen Weg zu sich selbst als den über andere Menschen und über Aktivitäten."

Piet C. Kuiper
Seelenfinsternis
Die Depression eines Psychiaters
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2010

Mittwoch, 14. August 2013

Die mächtigste Droge der Welt

Diesem eindrücklichen, informativen und gut lesbaren Werk ist ein Geleitwort des Nachtschatten-Verlegers Roger Liggenstorfer vorangestellt, in dem er unter anderem Paracelsus zitiert: "Alle Dinge sind Gift, auf die Dosis kommt es an!" und das Buch treffend mit diesen Worten zusammenfasst: "Dieser reichhaltige erste Band einer geplanten Trilogie besticht auch als eigenständiges Werk. Er zeigt die lange Geschichte des Alkohols, das Verhältnis zum Trinken in verschiedenen Kulturen und Gesellschaften und die Beziehung zur Religion auf spannende und eindrückliche Art. Und nicht zuletzt erzählt er auch von den berühmtesten Trinkern: ein Stelldichein der aussergewöhnlichsten Säufer und Trinkerinnen aus allen Gesellschaftsschichten. Ich wünsche bei der Lektüre dieses berauschenden Buches viel Spass und Erkenntnisgewinn und bin mir sicher, dass die Leserin, der Leser danach die mächtigste Droge der Welt mit neuen Augen sehen werden."

Der Autor, der 1963 in Wien geborene Wolfgang P. Schwelle, der Handels-., Politik- und Kommunikationswissenschaften studiert hat:, schreibt zur Verbreitung des Alkoholtrinkens: "... überall dort, wo Alkohol nicht verboten ist, wird er konsumiert. Und überall dort, wo er das ist, ebenso."
 Gemäss der WHO haben geschätzte 76 Millionen ein massives Alkoholproblem. Das meint aber eben auch, dass etwa drei Viertel der Alkohol-Konsumenten mit der Droge ganz gut umgehen können. Trotzdem: "De facto ist der Alkohol unzweifelhaft die mit sehr grossem Abstand am häufigsten konsumierte sowie zugleich unterm Strich auch die gefährlichste Droge der Welt." Das liegt nicht zuletzt daran, dass unter den Folgen unkontrollierten Trinkens nicht nur die Trinker, sondern auch alle anderen, die mit ihnen zu tun haben, zu leiden haben.

Gegliedert ist das Buch in 5 Kapitel. Und die sind 1) Die Geschichte des Alkohols, 2) Alkohol und Religion, 3) Alkohol und Gesellschaft, 4) Berühmte Trinker und 5) Und übrigens ... wo auf die Frage eingegangen wird, ob Tiere eigentlich Alkohol trinken.

Ich will hier auf das Kapitel über berühmte Schriftsteller und das Trinken (es gibt auch Kapitel über Musiker und Komponisten, Sportler, Schauspieler, Politiker ...) etwas näher eingehen. Ein Alkoholnebel liege über der Weltliteratur, behauptet der Hanser-Verleger und Schriftsteller Michael Krüger. Dass Scott Fitzgerald gesoffen hat, oder Hemingway, das war mir bekannt, dass jedoch Goethe sich "angeblich immer die Hände vor Freude gerieben hat, wenn eine neue Weinlieferung eintraf", war mir neu, wie auch, dass Friedrich Schiller, "von manchen Autoren als schwerer, von anderen als mässiger Trinker" bezeichnet worden sei. Auch Shakespeare soll ein Trinker gewesen sein, allerdings kein schwerer. Überrascht hat mich auch, dass Patricia Highsmith aussergewöhnlich hohe Mengen von Alkohol konsumiert hat: Erwähnt werden aber auch die Schriftsteller, die trocken geworden sind und George Bernard Shaw, der jede Form des Alkoholkonsums ein Leben lang ablehnte: "Ich brauche keine Stimulanzien, ich brauche viel eher Sedativa."
Bei den Schweizer Schriftstellern fehlt übrigens Max Frisch, der in seinem Entwurf zu einem dritten Tagebuch schrieb:"Dass ich Alkoholiker sei, habe ich früher schon gesagt. Jetzt ist es keine Koketterie mehr. Nur in einer Klinik gelingt der völlige Entzug."

Es ist nun aber eben nicht so, dass dieses Buch einfach unsere Neugier befriedigt ("Wusste gar nicht, dass der oder die auch ..."), vielmehr bietet es ganz unterschiedliche und äusserst vielfältige Aufklärung über Alkohol. So weist der Autor etwa darauf hin, dass es "dieser Wunsch nach einer gelegentlichen Auszeit von all den Problemen, von der oft als brutal empfundenen Wirklichkeit und von der durchrationalisierten Nüchternheit des modernen Lebens" ist, weshalb der Gebrauch (und das schliesst den Missbrauch ein) von Alkohol wohl kaum je verschwinden wird. Übrigens: Die Inuit sind, bis die europäischen Eroberer kamen, ohne Drogen ausgekommen. "Freilich nicht, weil sie so diszipliniert und gesundheitsbewusst waren, sondern weil dort, wo sie leben, auf Grönland und im hohen Norden Kanadas, einfach nichts wächst, was als Droge hätte herhalten können."

"Alkohol. Die mächtigste Droge der Welt" ist uneingeschränkt zu empfehlen. Weil der Autor etwas zu sagen hat, dies differenziert tut und zudem unterhaltsam zu schreiben weiss. Und weil er Humor hat. So ist ein Kapitel überschrieben mit "Von Auguryo bis Zivjeli". "Auguryo" sagt man auf Somalisch für Prost. Und jetzt raten Sie mal was "Zivjeli" heisst? Prost natürlich, auf Serbokroatisch.

Wolfgang P. Schwelle
Alkohol
Die mächtigste Droge der Welt
Band 1
Geschichte, Religion, Gesellschaft und Kurioses
Nachtschatten Verlag, Solothurn 2013

Mittwoch, 7. August 2013

The Eden Express

Having grown up in the '60s, I instinctively decided to like this book when coming across these sentences in the foreword to the 2002 edition: "We truly didn't know that drugs were bad for you. How could we have known for sure that drugs weren't good? For many of us experiencing with drugs was more a matter of covering all the bases in a search for what might be helpful and positive. Getting high or escaping was not the point." That rings so true that I'm astonished that I haven't read, seen or realised that before. Like Vonnegut, I subscribed to R.D. Laing's view that insanity was essentially a sane reaction to an insane society. And, I still think that there is quite something to it. At the same time, however, I find Vonnegut's assertion that "there is nothing good about being mentally ill except that it gave me a strong and undiluted desire to not be mentally ill" thoroughly convincing.

Mark Vonnegut went to Swarthmore, graduated with a B.A. in religion, moved with friends to a remote farm in British Columbia: "It was really Eden, there was no other way to describe it." And then, from out of nowhere, something changed: "I began to wonder if I was hurting the trees and found myself apologizing. Each tree began to take on personality. I began to wonder if any of them liked me. I became completely absorbed in looking at each tree and began to notice that they were ever so slightly luminescent, shining with a soft inner light that played around the branches."

More and more, Mark is acting strangely. There are times when he is scared and shaking, he is going nuts. "Most people assume it must be very painful for me to remember being crazy. It's not true. The fact is, my memories of being crazy give me an almost sensual glee. The crazier I was, the more fun remembering is." No, this is not a plea for craziness for the sentences that follow read: "I don't want to go nuts again, I'd do anything to avoid it. Part of the pleasure I derive from my memories comes from how much I appreciate being sane now ... It's regrets that make painful memories. When I was crazy I did everything just right." It's not least for insights like these that I'm fond of this book.

So how did the people around Mark cope with his craziness? "After a while a reasonable routine for dealing with me was worked out. A twenty-four-hour watch was set, sharp and dangerous objects were put away, and things calmed down a little. There was some talks about hospitals ... a lot of telephoning ... And then along came Warren. Actually we went to see him. Warren was a holy man of sorts who was supposed to drive the evil demons out of me or maybe just talk me down or at least come up with some explanation for what was wrong with me." Warren's "therapy" is a disaster, Mark is worse off than he was before. "Warren himself was hauled off to the nut house a few weeks after I was."

In a nutshell: Mark had lost control of his life. "The simplest way to describe it is that my stress tolerance had been whittled down to nothing in a process that went back far beyond the time when everyone got so interested in the appropriateness of my actions."

The second time at the hospital, Mark learns that he has schizophrenia and that it is probably genetic, biochemical, and curable. At first he's doubtful "that there was any medical problem. It was all politics and philosophy. The hospital bit was just grasping at straws when else failed." He however gradually starts to realise that the problem was indeed biochemical and that proved to be  tremendously helpful (Thorazine was the solution for him), not least because no one was to blame anymore.

In sum: a compelling insider's account of insanity, and valuable help for understanding the sixties.

From the afterword:
The clinical definition of schizophrenia has been changed since the book came out. Today, Mark Vonnegut would be very likely be classified as manic depressive.

Mark Vonnegut
The Eden Express
A Memoir of Insanity
Seven Stories Press, New York 2002

Mittwoch, 31. Juli 2013

Allen Frances: Normal

Allen Frances ist emeritierter Professor für Psychiatrie und Verhaltensforschung und lehrte an der Duke University; als Koautor war er an der Entwicklung der psychiatrischen Standardwerke DSM-III und DSM-IV massgeblich beteiligt. Das vorliegende Buch, so der Verlag, sei "ein kenntnisreiches Plädoyer für das Recht, normal zu sein."

Nun ja, normal, wer kann schon sagen, was das ist, das ist doch relativ, sieht jeder wieder anders. Sicher, stimmt schon, irgendwie, aber eben nur irgendwie. Wen dieses schwammige Irgendwie zu wenig befriedigt, wer es lieber etwas differenzierter hat, der ist gut beraten, zu Allen Frances' Normal zu greifen.

Ist Burnout eine Krankheit, ist ADHS eine Krankheit? 
Kommt ganz drauf an, wen man fragt, denn es gibt keinen biologischen Test, der Normalität nachweisen könnte. Das heisst, dass es nur subjektive Diagnosen gibt und diese sind naturgemäss fehlerhaft. Und häufig von Profitinteressen motiviert. Da wären zum Beispiel die Pharmafirmen: "Die Pathologisierung oder Krankheitserfindung ist die hohe Kunst, psychiatrische Krankheiten zu verkaufen, weil sie der effizienteste Absatzmarkt für lukrative Psychopharmaka sind." Und da wären auch noch die vielen Therapeuten, die sich Arbeit beschaffen müssen.

Für Allen Frances ist klar: "Wir glauben viel zu viel an Pillen und setzen viel zu wenig Vertrauen in die Resilienz, die Zeit und die Homöostase." Für diejenigen, die wie ich den Begriff Homöostase nicht kennen: es handelt sich dabei um "das Grundprinzip allen Lebens ... das Streben nach Aufrechterhaltung eines Gleichgewichts".

"Für Normalität gibt es keine Norm", behauptet Frances. Und: "Kulturelle Universalien sind Ausnahmen". Wirklich? Das sehen nicht alle so. Und offenbar glaubt Frances selber das auch nicht so ganz, sonst könnte er nicht ein paar Seiten weiter schreiben, dass trotz der kulturellen Unterschiede, was als normales Verhalten gelte, die spezifischen psychischen Störungen bemerkenswert einheitlich seien. "Demenz, Psychosen, Manien, Depressionen, Panikattacken, Ängste, Zwangsstörungen und die verschiedenen Persönlichkeitsstörungen wurden zu allen Zeiten und an allen Orten beschrieben und sind auch heute Gegenstand epidemiologischer Studien überall auf der Welt." Zudem: "Ganz offensichtlich weisen wir Menschen viel mehr Übereinstimmungen als Unterschiede auf, und gerade dort, wo es um die Definition von Normalität und psychischer Störung geht, ähneln wir einander sehr."

Eine zutreffende Diagnose, so Frances, könne ein Leben retten, eine falsche eines ruinieren. Und das Buch liefert denn auch eindrückliche Beispiele. Nur eben: auch wenn die Diagnose einer seelischen Störung zutreffend ist, heisst das noch lange nicht, dass deswegen die Krankheit geheilt werden kann, denn aus ganz vielen Diagnosen lassen sich nicht notwendigerweise konkrete, erfolgsversprechende Handlungsanleitungen ableiten.

Was als psychische Störung gilt, unterliegt auch dem Zeitgeist. So war etwa Schizophrenie die Modediagnose der Sechzigerjahre. Heute ist es, gemäss Frances, der Autismus, die bipolare Störung, ADHS sowie die schizoaffektive Störung.

"Nomal" ist ein äusserst lehrreiches Buch. So lernen wir etwa, dass die Araber die moderne Psychiatrie erfunden haben. Oder dass der 'europäische Hippokrates' Thomas Sydenham im 17 Jahrhundert meinte, dass, was Krankheit sei, in der Praxis und von den Patienten gelernt werden könne: "'Bisweilen', soll er gesagt haben, 'erwies ich der Gesundheit meines Patienten und meinem eigenen Ansehen den besten Dienst, indem ich gar nichts tat.'" Und wir erfahren, wie viel wir dem Systematisierer Carl von Linné zu verdanken haben, denn es ist nicht zuletzt die sorgfältige Beobachtung und das kluge Klassifizieren, das uns viele einleuchtende Erklärungen lieferte. Und wir lesen von Philippe Pinel, dem Vater  der Psychiatrie, dem es im 19. Jahrhundert gelang, "die Mehrheit der Gesellschaft davon zu überzeugen, dass seelische Krankheiten völlig natürliche Ursachen haben, nicht anders als die Krankheiten des Körpers."

Wir leben in einer Zeit des Gesundheitswahns und sehen oft Krankheiten, wo keine sind. Sicher: Dass etwa Alkoholismus mittlerweile (von vielen, aber noch lange nicht allen) als Krankheit und nicht mehr als moralisches Versagen verstanden wird, ist eindeutig ein Fortschritt. Doch gleichzeitig gilt: Ein Wutanfall ist keine psychische Störung, Vergesslichkeit im Alter ist keine Demenz, und Leidenschaft ist nicht gleichzusetzen mit Abhängigkeit. 

Allen Frances
Normal
Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen
Dumont, Köln 2013

Mittwoch, 24. Juli 2013

Partnerbeziehung & Borderline

Der ersten gut fünfzig Seiten dieses Buches befassen sich mit der Frage, was das eigentlich ist, eine Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS), es wird kurz auf Therapiemöglichkeiten eingegangen und  Empfehlungen zum Umgang mit Personen, die unter BPS leiden, werden gegeben. Dabei werden auch immer wieder Zitate eingefügt, unter anderen dieses hier "Ich empfinde, also bin ich", das irrtümlicherweise Descartes zugeschrieben wird, nur eben: Descartes hat was ganz anderes gesagt, nämlich 'cogito ergo sum', auf Deutsch: 'Ich denke, also bin ich'.

Etliche Merkmale der BPS, so die Autorin Sonja Szomoru, wie etwa Impulsivität, stürmische Beziehungen, Identitätsunsicherheit oder Stimmungsinstabilität, "haben in abgeschwächter Form Ähnlichkeit mit den in der Pubertät entstehenden Problemen von Jugendlichen. Grundsätzlich geht es in dieser Phase um die Etablierung einer Kernidentität. Jener Prozess ist im Normalfall mit dem Ende der Pubertät grösstenteils abgeschlossen – einer Borderline-Persönlichkeit indes gelingt es nicht, eine beständige Kernidentität zu entwickeln."

Ab Seite sechzig geht es dann zum eigentlichen Thema des Buches, der Partnerbeziehung. Treffend bemerkt die Autorin: "Im Grunde kann man sagen, dass eine Beziehung zu einer Borderline-Persönlichkeit wie jede andere Beziehung beginnt – mit dem Unterschied, dass alles fantastischer, wundervoller, eindeutiger, tiefer, schillernder farbiger und vielversprechender ist. Das gilt nicht nur für den Anfang, sondern für jede Phase der Beziehung, in der die für die BPS typische Idealisierung stattfindet." Nur eben: die Idealisierung hat ein Pendant, die Abwertung, und die kommt genauso heftig daher. Zwischentöne gibt es nicht, alles ist entweder/oder beziehungsweise schwarz/weiss. Übrigens: Bordis "tragen ihre destruktiven Seiten meistens nicht nach Aussen, sondern leben diese nur mit den engsten Bezugspersonen aus, und hinterlassen dadurch in ihrer Umgebung einen normalen Eindruck."

Doch ist eine Beziehung mit einer emotional instabilen Person, die es ständig und ganz unerwartet hin und her schlägt, überhaupt möglich? Falls aus eigenem Antrieb ein Therapiewille und das diesbezügliche Durchsetzungsvermögen entsteht, dann ja, meint Sonja Szomoru.

Partner von Borderlinern haben oft das Gefühl, sie würden gar nicht als eigenständige Person wahrgenommen, sondern nur inbezug auf die Bedürfnisse des Bordi. Sonja Szomoru schreibt dazu: "Sie sind meist vollkommen mit sich und ihrer momentanen Betrachtung der Welt befasst. Sie können den Menschen als Ganzes nicht erfassen." Man kann sich unschwer vorstellen, dass das dem Selbstbewusstsein der Partner nicht gerade förderlich ist.

Sonja Szomoru hat ein Buch geschrieben, das auf vielfältige Art nachdenklich macht: Ist eigentlich jeder, der versucht, einen Bordi zu verstehen, bereits ein Co-Abhängiger? Dieser Eindruck drängt sich einem nach der Lektüre auf. Oder: Wie kommt es, dass eine Trennung von einem Borderliner so speziell schwierig ist? Weil Partner wie Bordi miteinander durch ganz aussergewöhnliche Höhen und Tiefen, die Normalos so nicht kennen, gegangen sind.

Partnerbeziehung als Brutstätte von Borderline ist voll nützlicher Anregungen und Hinweise für Menschen, die einen Borderliner als Partner haben. Und verweist dabei auch auf das 12-Schritte Programm der Anonymen Alkoholiker. Selten ist mir so deutlich geworden, dass Bordis und ihre Partner in ganz unterschiedlichen Welten leben. "Die Welten bleiben besser getrennt", wird eine Frau mit ausgeprägter BSP und viel Therapieerfahrung zitiert. Es sei denn, meint Sonja Szomoru, man lernt Grenzen zu ziehen, "um einander besser zu verstehen."

Partnerbeziehung als Brutstätte von Borderline ist ein wichtiges Buch, weil es klar macht, dass Partner durch ihre Co-Abhängigkeit häufig die Ausprägung der Borderline-Störung eher unterstützen oder gar verstärken als sie handhabbar zu machen. Handhabbar wird sie aber erst dann, wenn der Bordi die Störung akzeptiert und anfängt, sich gegen sie zu wehren.

Sonja Szomoru
Partnerbeziehung als Brutstätte von Borderline
Borderline-Persönlichkeiten und das Leid ihrer Angehörigen
Starks-Sture Verlag, München 2013

Mittwoch, 17. Juli 2013

On Zazen

Zazen is not about destroying our thoughts or doing away with our subjective points of view. It's about how to deal with thoughts and views mindfully. In zazen, mindfulness, thoughts, and views all become simple and quiet because we are concentrated on just one thing, not many. At that time, mindfulness becomes very pure and clean, and our view becomes unified. When mindfulness, thoughts, and views all work together as one, this is zazen.

Dainin Katagiri
We have to say something
Manifesting Zen Insight

Mittwoch, 10. Juli 2013

Ausgesoffen

Ein Nietzsche-Zitat ist diesem Buch vorangestellt:
"Der Schlüssel zu einem erfüllten Leben liegt darin,
das Unumgängliche zu wollen und dann das Gewollte
zu lieben."

Ausgesoffen beschreibt eindrücklich, wie sich Bernd Thränhardt gegen Nietzsches Ratschlag gewehrt und wie er dann schlussendlich kapituliert hat. Er erzählt unter anderem von seinem Aufwachsen, seiner Liebe zu Büchern und weist darauf hin, dass wir nicht als unbeschriebene Blätter zur Welt kommen: "Opa musste ein Lebemann und Hallodri gewesen sein, neben seiner Frau hatte er mehrere Freundinnen. Eine Art Familienerbe, das ich später fortsetzen würde." Und: "mein Vater war ein unduldsamer, manchmal cholerischer Mensch, ich habe sein Temperament geerbt."

So sehr es einleuchtet, dass ein Süchtiger seine Geschichte erzählt, muss ich wirklich wissen, dass er mit zwei Frauen zusammen im Bett war? Oder dass er offenbar stolz darauf ist, mit Schlagersängern wie Patrick Lindner oder Nino de Angelo bekannt zu sein? Zudem: Es ist befremdlich, dass einer, der mit den Namen von Prominenten (von Boris Becker bis zu Uschi Glas) nur so um sich schmeisst, mit Namen, die man erfahren sollte (der Musiker, der mit einem Buch über seine überwundene Kokainsucht Erfolg hat, doch nach wie vor kokst), sich jedoch zurückhält. Klar doch, die rechtlichen Gründe, doch die notwendige Aufklärung (und ein Buch über Sucht sollte genau das sein) bleibt da eben auf der Strecke.

Er geht zur Entgiftung in eine private Klinik, säuft weiter. "Ich trank nicht mehr, um mich zu belohnen, in Stimmung zu bringen oder meine Nervosität einzudämmen; ich trank, weil ich ein Säufer war." Er lässt sich in eine zweite Privatklinik einweisen, für fünf Tage, weil er ein Buch über Genuss (?!) fertigstellen will: "Hauptsache ich war wieder arbeitsfähig. Nichts anderes zählte. Kein Gedanke an Sucht oder gar an Therapie und Abstinenz."

Wie alle Alkoholiker, wollte Bernd Thränhardt keiner sein. Ein Alkoholproblem zu haben, klang akzeptabler. Er versucht es mit kontrolliertem Trinken und merkt, dass das nur an "Tagen ohne Probleme, Belastungen und Erschütterungen, in denen mich meine Freundin nett und liebevoll behandelte, und meine Auftraggeber allesamt dankbar und zahlungswillig waren" funktionierte. "Leider war der Grossteil meiner Tage, war das Leben eben nicht so. Kränkungen, Enttäuschungen und Niederlagen gehörten unverzichtbar dazu. An diesen Tagen zerriss mich die Gier nach Alkohol, die von den abendlichen Bieren eher angefacht als eingedämmt wurde."

Er landet auf der Suchtstation eines städtischen Krankenhauses, wo er die Erfahrung machte, dass unter den Leidensgenossen schnell eine grosse Vertrautheit entstand: ".... fiel es mir im Raucherraum leichter, offen über meine Schwächen, Probleme und Ängste zu reden als im Arztzimmer. Eine Erfahrung, die ich später in Selbsthilfegruppen fortsetzen sollte." Als Leser denkt man, aha, jetzt hat er es also geschafft, doch nein, kaum ist er aus der Klinik raus, beginnt er wieder zu saufen.

Mit 44 zieht er wieder bei seinen Eltern ein, schläft in seinem Jugendzimmer und bricht nachts in den elterlichen Weinkeller ein, "... der Alkohol hatte mein Leben verwüstet, und mir gelang es nicht, von ihm zu lassen." Doch dann kapituliert er, "endgültig", schreibt er, doch wirklich endgültig immer noch nicht bis er ...  doch will ich hier nicht das ganze Buch rekapitulieren  ...

Hilfe findet Bernd Thränhardt auch bei den Anonymen Alkoholikern (AA), von denen er sich jedoch nach einigen Jahren wieder trennt: sie wirkten auf ihn zu ideologisch, zu religiös geprägt, zu wenig das Individuelle berücksichtigend. Ich teile zwar seine Aversion gegenüber den AA-Hardlinern, doch dass das Individuelle bei den 12-Schritten auf der Strecke bleibt (und womöglich bleiben muss), hat seinen Sinn und Zweck, denn was alle Alkis verbindet, ist bekanntlich, dass sie alle glauben, ganz anders als alle anderen zu sein.

Bernd Thränhardt
Ausgesoffen
Mein Weg aus der Sucht
Ullstein Verlag, Berlin 2013

Mittwoch, 3. Juli 2013

Changed people

Like a tree, I must be pruned of a lot of dead branches before I will be ready to bear good fruit. Think of changed people as trees that have been stripped of their old branches, pruned, cut, and bare. But through the dark, seemingly dead branches flows silently, secretly, the new sap, until with the sun of spring comes new life. There are new leaves, buds, blossoms, and fruit, many times better because of the pruning. I am in the hands of a Master Gardener, who makes no mistakes in His pruning.

Twenty-Four Hours a Day

Mittwoch, 26. Juni 2013

Sich zu helfen wissen

In grossen Gefahren gibt es keinen besseren Gefährten als ein wackeres Herz; und sollte es schwach werden, so müssen die benachbarten Teile ihm aushelfen. Die Mühseligkeiten verringern sich dem, der sich zu helfen weiss. Man muss nicht dem Schicksal die Waffen strecken, denn da würde es sich vollends unerträglich machen. Manche helfen sich gar wenig in ihren Widerwärtigkeiten und verdoppeln solche, weil sie sie nicht zu tragen verstehen. Der, welcher sich schon kennt, kommt seiner Schwäche durch Überlegung zu Hilfe, und der Kluge besiegt alles, sogar das Gestirn.

Baltasar Gracián
Hand-Orakel und Kunst der Weltklugheit

Mittwoch, 19. Juni 2013

Fräulein Jacobs funktioniert nicht

Louise Jacobs stammt aus einer begüterten Familie und von ihr wird erwartet, dass sie funktioniert, doch sie funktioniert nicht: "Ich stamme aus einer Welt, in der ich nie gut genug war ...". Sie leidet an Legasthenie: "Meine Eltern verhandelten mit jedem Lehrer, jedem Direktor um mein schulisches Weiterkommen." Sie muss zur Therapie. Als sie elf ist ("Überall lag therapeutisches Spielzeug. Nichts war zufällig, alles war zur Analyse eingerichtet."), wird in den Akten vermerkt, sie leide unter Realitätsverlust.

Cowboy will sie werden, mit Pferden und in der Natur ist ihr wohl, als Mädchen fühlt sie sich nicht und wird auch immer mal wieder als Junge wahrgenommen. Mit vierzehn war sie "wütend auf alles und umgeben von Menschen, die nur das Beste für mich wollten."

"Ich war so gut, wie ich war, und nur in der Schweiz war das nicht gut genug." Sie will weg. Und sie stösst auf Camus und begreift, dass sie auf der gleichen existenziellen Suche ist, wie er es gewesen ist ("... für Camus war es die Suche nach dem Vater. Ich suchte nach Freiheit."). Sie darf weg, nach Amerika, an die Vermont Academy ("Sie entsprach am wenigsten der Schweizer Hochkultur."), verliebt sich in einen Mitschüler, doch als dieser Sex mit ihr will, will sie nicht: "Er sah mich an, und ich sah ihn an und dachte, du kennst mich doch gar nicht, du weisst nichts über mich. Ich bin ein Cowboy auf einem Wildpferd, du kannst mich nicht besitzen, niemals."

Louise beginnt sich zu verändern, wird magersüchtig. stürzt sich in die Arbeit, wird eine gute Schülerin. "Ich war süchtig nach Anerkennung, doch wenn ich die Anerkennung bekam, bedeutete sie mir nichts."

In Wyoming scheint sich ihr Problem, nicht essen zu können, in Luft aufgelöst zu haben. Warum blieb sie nicht dort? Weil sie den Mut nicht hatte, sie dem Ruf ihrer Eltern, nach Hause zu kommen, nachgab. Sie war noch nicht an ihrem persönlichen Tiefpunkt angelangt.

Sie geht nach Sevilla, um Spanisch zu lernen. Nach ihrer Rückkehr nach Zürich wiegt sie noch 39 Kilo. "Mit der Entscheidung, mich in eine Klinik zwangseinzuweisen, haben mir meine Eltern am Ende das Leben gerettet." Louise landet in der Psychiatrie, in Littenheid, wo sie sich dagegen wehrt, von den Therapeuten beherrscht zu werden. Es gehe darum, meinte einer der Therapeuten, seinen "Ängsten zu begegnen, um sie überwinden zu können." Louise hat ganz unterschiedliche Ängste: Angst, ihren Eltern zu widersprechen, Angst kräftig und stark zu werden, Angst, gesund zu werden. Und sie betont: "Die grösste Schwierigkeit, von einer psychischen Krankheit abzulassen, besteht darin, auf die Aufmerksamkeit und die scheinbare Anteilnahme von Ärzten und Therapeuten verzichten zu müssen."

Therapie ist auch immer ein Machtkampf zwischen Therapeut und Patient. Während der Therapeut die Schwachstelle des Patienten zu eruieren versucht, tut der Patient alles, um genau das zu verhindern. Louises Schwachpunkt (und gleichzeitig ihre Stärke) ist ihr Ehrgeiz, der Schlüssel zu ihrer Genesung ihre Ehrlichkeit, zuallererst sich selber gegenüber.

"Fräulein Jacobs funktioniert nicht" zeigt eindrücklich (differenziert, anschaulich, aufrichtig darum bemüht, genau hinzuschauen und keine Schuldzuweisungen vornehmend), wie eine junge Frau, privilegiert, doch mit schwierigen Karten, versucht, ihren eigenen Weg zu gehen.

Louise Jacobs
Fräulein Jacobs funktioniert nicht
Als ich aufhörte, gut zu sein
Knaur Verlag, München 2013