Mittwoch, 21. Dezember 2011

Alk

Ein gut geschriebenes, informatives und witziges Buch, bei dem ich ab und zu Tränen gelacht habe. Zum Beispiel bei diesem Abschnitt hier:

„Szene: Entgiftungsstation, Sitzungszimmer. Alle Patienten zusammengetrommelt, Auftritt dreier Abgeordneter einer Shg. (Selbsthilfegruppe). Das Dreigestirn bestand aus einer Frau und zwei Männern, von denen einer original aussah wie Spencer Tracy. Die Frau stellte sich vor als seit 16 Jahren trocken, sah dafür aber einen Hauch zu verquollen aus und hatte – wie später die Patienten aus der ersten Reihe berichteten – eine Fahne. Spencer Tracy sprach geordnet, appellierte an alle, unbedingt eine Shg zu besuchen, egal welche, Hauptsache Shg, obwohl er, Spencer, schon seit Jahren nicht mehr hingehe, aber es helfe enorm weiter. Danach erzählte er, wie das Verhältnis zu seiner Geschiedenen so läuft; man sei noch weiterhin befreundet, aber eigentlich melde sie sich nur noch bei ihm, wenn sie Geld brauche. Der Dritte ergriff das Wort und schilderte seinen Werdegang. Das heisst: vermutlich war es sein Werdegang. Denn dem Dialekt nach stammte er aus einem bisher unerforschten Teil der Eifel und war definitiv nicht zu verstehen bis auf die Brocken 'Führerschein' und 'Führerschein weg'.
Nach zwei Stunden torkelten wir zurück auf die Station. Manche waren empört über das Trio, andere für die sofortige Verleihung eines Kleinkunst-Preises.“

Simon Borowiak ist ein durch Erfahrung Gestählter, er weiss, wovon er schreibt – und genau deshalb lohnt sich die Lektüre. Und weil er schreiben kann. Und gute Vorschläge macht. So mag er zum Beispiel das Wort „Krankheitseinsicht“ nicht. Stattdessen plädiert er für „ALK-Bewusstsein.“ Der Unterschied? Bei „Krankheitseinsicht“ assoziiert er „ins Direx-Zimmer gerufen werden, Geständnis mit hängendem Kopf und Brief an die Eltern“. Und: „Auch durfte ich in Therapien erleben, wie kurzfristig entgleiste Hobby-Trinker so lange mit diesem Schlagstock traktiert wurden, bis sie mit gebrochener Stimme zugaben Alkoholiker zu sein (Was sie – wie die Zeit zeigte – gar nicht waren)“. Bei „ALK-Bewusstsein“ denkt er hingegen an Worte wie positiv, aktiv, selbstbestimmt und Entwicklung.

À propos ALK-Bewusstsein, unter diesem Titel hält Borowiak fest: „Ich habe nie davon gehört, dass jemand eine Zahnarztpraxis verlassen und – vor Schmerzen zusammengerollt wie ein saurer Hering – gerufen hätte: 'Der Arzt spinnt! Ich hab doch niemals eine Wurzelentzündung!'“ Besser kann man gar nicht illustrieren, worin ein Grundproblem der Alkoholsucht liegt, der Verleugnung.

Wer gegen seinen Alkoholismus angehen will, dem stehen keine Patentrezepte zur Verfügung. Das dürfte mittlerweile bekannt sein. In Borowiaks Worten: „Die erfolgreiche Behandlung ist russisches Roulette ...“ Das kommt der Wahrheit (wenn es sie denn geben sollte) ziemlich nahe.

In „Alk“ werden übrigens auch vielfältige Begriffe geklärt. Zum Beispiel „Komorbidiät“. Das meint: „Was war früher da – Ei oder Henne? Depression oder Sucht?“ Oder anders gefragt: Was ist die Hauptmeise und was die Kollateral-Meise? Manche Therapeuten glauben offenbar, solches unterscheiden zu können ...

Fazit: ein vergnügliches und lehrreiches Buch.

Simon Borowiak
Alk
Fast ein medizinisches Sachbuch
Wilhelm Heyne Verlag, München 2007

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