Mittwoch, 19. Juli 2017

Der Selbstheilungscode

Selbstheilungscode, das klingt nach Wunderheilmittel, doch damit hat das Buch des Neurowissenschaftlers Tobias Esch wenig zu tun. Und mit mysteriösem oder esoterischem Geheimwissen schon gar nicht. Auch ist es kein klassischer Ratgeber oder gar ein medizinisches Nachschlagewerk. Also was ist Der Selbstheilungscode denn dann? "Der Versuch, die Schulmedizin, die Naturheilverfahren und die Komplenetämedizin miteinander zu verknüpfen. Wichtig zu betonen ist, dass es mir um eine erweiterte Perspektive geht, nicht um eine gänzlich andere oder gar konträre beziehungsweise 'alternative'."

Selbstheilung ist ein biologisches Prinzip, denn unser Körper will leben. Und dafür tut er alles, was ihm möglich ist und zumeist automatisch, also ohne unser Dazutun. Doch wir können diese Selbstheilungskräfte auch ganz bewusst unterstützen. Wie das gehen kann, davon (und noch von vielem mehr) handelt dieses Buch.

Der Selbstheilungscode bietet eine ungeheuere Fülle an Informationen. Ich will mich hier auf zwei Aspekte beschränken, über die ich zwar schon einiges gelesen habe, aber eben nicht so. Ich rede von der Achtsamkeit und vom Placebo-Effekt.

"Falls Sie morgens quasi mit den Kollegen duschen, weil Sie beim Shampoonieren schon die Arbeit im Kopf haben, anschliessend die Zähne gemeinsam mit der Klassenlehrerin Ihrer Kinder beim nächsten oder noch einmal beim letzten Elternabend putzen und Ihr Frühstück mit den Kriegs- und Panoramanachrichten aus Radio, Smartphone oder Zeitung vermischen – dann sind Sie eigentlich schon mittendrin im Thema Achtsamkeit." Anders gesagt: "Das Hier und Jetzt ist zwar da – nur wir nicht."

Was also ist zu tun? Am sinnvollsten wäre wohl, Achtsamkeit zu einer Lebenshaltung zu machen. "Was wir sehen und wahrnehmen, hängt von unseren Erfahrungen ab, und die wiederum von dem, worauf wir zu achten gelernt haben. Energy flows, where attention goes. Dabei sind wir nicht einfach nur Opfer der äusseren Umstände, wir können den Fokus immer wieder bewusst neu ausrichten." Dafür ist etwas Disziplin und Geduld vonnöten. Und Übung, viel Übung, möglichst unangestrengte.

Was es auch braucht, ist das Gefühl des Zusammenhangs und der Verstehbarkeit. Anders gesagt: die Überzeugung, der Glaube, dass alles irgendeinen Sinn hat. Tobias Esch nennt es Kohärenzgefühl und Kohärenzsinn, andere nennen es Spiritualität. Sicher, man kann auch ohne auskommen, doch wehe, es kommen grosse Krisen oder grosser Stress auf uns zu.

"Achtsamkeit ist Weg und Ziel zugleich." Genauso wie ein gesunder Lebensstil. ausreichend Bewegung, genügend Entspannung sowie eine gute Ernährung. Dabei gilt: tun kommt von tun. Doch werden wir praktisch, nehmen wir den Atem. "Den Atem als Instrument oder Hilfsmittel zu mehr Achtsamkeit zu benutzen ist deshalb so unschlagbar geeignet, weil er grundsätzlich autonom, aber eben doch auch steuerbar und somit eine Schnittmenge aus unbewussten und bewussten, aus körperlichen und geistigen Anteilen in uns bildet. Ausserdem ist er normalerweise immer und überall verfügbar."

Gemäss dem Dalai Lama sind die drei wichtigsten Grundsätze der tibetischen Medizin: der Glaube des Arztes, der Glaube des Patienten sowie das Karma zwischen den beiden. In der westlichen Welt wird das "Placeboeffekt" genannt und meint, dass unsere Erwartungen und unsere Vorstellungskraft wesentlich vielfältiger wirken als uns bewusst ist. Tobias Esch erläutert das an der berühmt gewordenen Studie des US-amerikanischen Orthopäden Bruce Moseley, bei der dieser die eine  Hälfte einer Patientengruppe operierte und bei der anderen nur so tat als ob.

"Während bei der ersten Gruppe zerstörter Knorpel abgetragen, die Oberfläche geglättet und das Gelenk gespült wurde, bekam die zweite Gruppe lediglich zwei Schnitte am Knie. Stattdessen wurden ihnen auf einem Monitor Bilder von echten Operationen gezeigt, sodass sie davon ausgingen, wirklich operiert zu werden. Beim Heilungserfolg gab es keinen Unterschied zwischen beiden Gruppen, auch zwei Jahre nach der Operation nicht."

Wer nun glaubt, der Placeboeffekt bedürfe der Täuschung, irrt. "Placebos können auch wirken, wenn man sie als solche benennt ...". Es ist die Erwartungshaltung, auf die es ankommt. Und die können wir beeinflussen. "Die Kunst liegt darin, die Sinnhaftigkeit – so offensichtlich sie auch sein mag – dauerhaft in den Alltag zu integrieren, damit sie nicht nach anfänglicher Euphorie vom diebisch grinsenden Schweinehund wieder einkassiert wird."

 Der Selbstheilungscode ist ein engagiertes Plädoyer für die aktive Verknüpfung von Körper und Geist, für eine ganzheitliche Sicht auf den Menschen – ein praktisches, pragmatisches und wunderbar hilfreiches Buch.

Prof. Dr. Tobias Esch
Der Selbstheilungscode
Die Neurobiologie von Gesundheit und Zufriedenheit
Beltz Verlag, Weinheim und Basel 2017

Mittwoch, 12. Juli 2017

Mentally not right

If you're checking out whom to do business with, ask what they do to relax on the weekends. If they say helicopter skiing, walk away, they are mentally not right. The most cognitively brilliant people usually had to sacrifice their emotional selves. They live in a fog of facts rarely creating a new one, just regurgitating everything they've ever learnt and we're supposed to think that's smart. That's a walking Wikipedia not a human being. This also might mean they're not top of the class on the morals front. They feel nothing so they can squeeze you dry without a wisp of remorse.

Ruby Wax: Sane New World

Mittwoch, 5. Juli 2017

Wie geht das eigentlich, das Leben?

Sucht und andere psychische Störungen sind im Grunde nichts anderes als destruktive Antworten auf die Frage: Wie geht das eigentlich, das Leben? Dass Lebensverweigerung keine angemessene Antwort ist, das weiss ich. Und das weiss auch jeder Süchtige.

Um möglichen Missverständnissen gleich vorzubeugen: Das ist kein Buch über Sucht, das ist auch kein Buch über psychische Störungen, denn süchtig und krank sind wir so recht eigentlich alle, nur nicht im selben Ausmass. Und das meint: Hilfe brauchen wir alle. Treffend hat es der Psychiater Mark Vonnegut, der als Jugendlicher mit Schizophrenie diagnostiziert worden war, in einem Brief an seinen Vater, den Schriftsteller Kurt Vonnegut, das war 1985, auf den Punkt gebracht: „We are here to help each other get through this thing, whatever it is.“

Viele Süchte und andere seelische Leiden erledigen sich von selbst, denn das Grundprinzip allen Lebens ist das Streben nach Aufrechterhaltung eines Gleichgewichts. Geist und Seele werden ihr Gleichgewicht finden, wenn sich unser Ego ihnen nicht in den Weg stellt.

In Sachen Therapie meint das: der Süchtige steht sich meist selbst im Wege. Und er hat Mühe, sich helfen zu lassen. Gegen diesen Widerstand, sich helfen zu lassen, hat ein Therapeut ohne eigene Suchterfahrung kaum eine Chance, da viele Süchtige Nicht-Süchtige als Helfer ablehnen, denn, so sagen sie, die wissen ja eh nicht wovon sie reden. Ob diese Süchtigen damit recht haben oder nicht, spielt keine Rolle, es reicht, dass sie es glauben. Denn was sie glauben, bestimmt ihr Tun. Und auch ihr Nicht-Tun.

Das ist ein Buch darüber, dass Therapien oft eher Teil des Problems, als Teil der Lösung sind. Das heisst nicht, dass Therapien nichts nützen. Einerseits bringen sie den Therapeuten Arbeit und Verdienst und machen die Pharmaindustrie reich, andrerseits stabilisieren sie die Gesellschaft, indem sie es gelegentlich schaffen, Patienten wieder funktionstüchtig zu machen und dazu sehen, dass die, bei denen das nicht gelingt, in speziellen Einrichtungen betreut werden.

Wer in einem System, das der seelischen Gesundheit wenig zuträglich ist, nicht funktioniert, ist möglicherweise gesünder, als jemand, der darin floriert. Das meint nicht, dass die Insassen psychiatrischer Kliniken alle gesund sind, das meint, dass es mehr als eigenartig ist, diejenigen als gesund gelten zu lassen, die mithelfen, ein System aufrechtzuerhalten, das viele krank macht. 

Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein“, schreibt Flore Vasseur in Kriminelle Bande. Und: „Absurder könnte es nicht sein: Die Zukunft ganzer Länder wird Leuten anvertraut, die auf den Begriff des Gemeinwohls am allergischsten reagieren.“

Hans Durrer
Wie geht das eigentlich, das Leben?
Anregungen zur Selbst- und Welterkundung

Mittwoch, 28. Juni 2017

Prinz William & Kate Middleton

Als der BBC-Moderator, der die Zuschauer zum Bericht des Senders über die Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton begrüsste, dem Publikum erklärte: "Sie werden sich für den Rest ihres Lebens daran erinnern, wo Sie an diesem Tag waren", brach das Auditorium von Süchtigen und Depressiven im Patientenzuschauerraum in einen Chor sarkastischen Gelächters und erfinderischer, an den Bildschirm gerichteter Beleidigungen und Beschimpfungen aus.

Tom Burgis
Der Fluch des Reichtums

Mittwoch, 21. Juni 2017

Die Macht der Psychotherapie im Neoliberalismus

"Macht und Psychotherapie in einem Atemzug zu nennen, erscheint möglicherweise abwegig", lautet der erste Satz in diesem Buch. Hoffentlich wird das jetzt nicht so etwas Übervorsichtiges, wo man sich auf alle Seiten absichert, denkt es so in mir. Schliesslich heisst es doch im Untertitel, dies sei eine Streitschrift! Ich muss zugegeben, dass ich mir darunter etwas Heftigeres vorgestellt hatte, als diese hoch differenzierte, akademische Auseinandersetzung mit den mir (weitestgehend) nicht zugänglichen Gedanken Michel Foucaults.

Angelika Grubner, geboren 1967, ist eine wissensdurstige Frau. Nicht nur ist sie Psychotherapeutin, diplomierte Sozialarbeiterin und akademische Referentin für feministische Bildung und Politik, darüberhinaus studiert sie derzeit an der Universität Wien auch noch Philosophie. Sie denkt also über ihre psychotherapeutische Tätigkeit hinaus, ist in grösseren Zusammenhängen unterwegs und steht den Bestrebungen, die Psychotherapie "als institutionalisierte Lösung sozialer Probleme insgesamt" zu installieren, skeptisch gegenüber.

Einmal, weil psychische Erkrankung und soziale Lage oft nicht voneinander zu trennen sind, dann aber auch, weil es eine beobachtbare Tendenz gibt, "eine soziale Notlage automatisch als persönliche zu verstehen, welche die Menschen dazu zwingt, sich mit ihrer psychischen Verfasstheit als auslösendes Moment oder Prädisposition ihrer Krise zu beschäftigen."

Unter Neoliberalismus versteht Angelika Grubner einen Kapitalismus ohne wohlfahrtsstaatliche Beschränkung, in dem alles einer marktorientierten Logik zu folgen hat, auch die Psychotherapie. Das zeigt sich bereits in der Art und Weise der Psychotherapie-Ausbildung, die nach Angebot und Nachfrage funktioniert und privat finanziert werden muss.

Neoliberalismus bedeutet eigentlich immer das Recht des von Gier und Selbstvermarktung angetriebenen Rücksichtslosen, verkauft wird uns das Ganze natürlich ganz anders, als individuelle Freiheit und Eigenverantwortung. Unsere Alltagssprache hat sich daran angepasst. "Mit einer Selbstverständlichkeit reden wir davon, dass wir uns 'gut verkaufen', möglichst gut 'präsentieren' und 'vermarkten' sollten. Auch in der psychotherapeutischen Sprache wird der neoliberale Jargon bemüht: 'Zahlt sich das für sie aus?' oder 'Welchen Preis müssen sie dafür zahlen?', 'Wo liegt da ihr Gewinn?', 'Welcher Nutzen ergibt sich aus diesem Tun?'".

Unsere Lebensbereiche sind nicht nur geprägt von der gewinnorientierten Marktlogik, wir haben sie verinnerlicht. "Deutlich ist dies im alltäglichen Sprachgebrauch, wenn wir davon sprechen, wie viel Gefühl in die eine oder andere Beziehung investiert wird."

Der Neoliberalismus stellt den Einzelnen in den Mittelpunkt, alles dreht sich um ihn: wenn es dem Einzelnen gut geht, geht es allen gut, so diese recht primitive Ideologie. Man denke etwa an Steuererleichterungen für die Reichen, die angeblich allen zugute kommen. Da stimmt zwar nachgewiesenermassen nicht, bestimmt aber nach wie vor den gesellschaftlichen Diskurs. Genauso wie Margaret Thatchers Überzeugung, dass es keine Gesellschaft gebe. Angelika Grubner kommentiert die gegenwärtige Lage so: "Da Einzelinteressen oder Bedürfnisse keine Schablonen eines gerechten, tugendhaften oder gar solidarischen gemeinschaftlichen Zusammenlebens kennen, ist umfangreiches Konfliktpotenzial evoziert."

Wir alle unterstehen der herrschenden Gesellschaftsrealität, wir tragen sie mit. Wer aus dem System fällt, wird wieder fit gemacht (oder versorgt) und auch die Psychotherapie hilft da mit, verhält sich also auch politisch und das meint hier: systemerhaltend. Wie es dazu hat kommen können, zeigt die Untersuchung von Angelika Grubner detailliert auf. Darüber hinaus weist sie auf Möglichkeiten hin, wie man sich aus der verinnerlichten neoliberalen Gehirnwäsche befreien könnte. Etwa mit einer Gegenerzählung, "die sich gegen die Verherrlichung des autonomen Subjekts wendet und stattdessen die ko-konstitutive Verstrickung von Subjekt und Gesellschaft hochhält – mit dem Ziel das wirkmächtige Individualitätspositiv der Gegenwart zu erschüttern." Oder, wie Ann Cvetkovich in Depression – a public feeling ausführt, indem man anfängt "to think about depression as a cultural and social phenomenon rather than a medical disease."

Solch hilfreicher Anregungen wegen lese ich Bücher.

Angelika Grubner
Die Macht der Psychotherapie im Neoliberalismus
Eine Streitschrift
Mandelbaum kritik & utopie, Wien 2017

Mittwoch, 14. Juni 2017

Principles before Personalities

Having written a biography of Bill — that is, Bill Wilson, one of the founders of A.A. — Ms. Cheever is in a position to say what the idea of anonymity was intended to do as few are. First and foremost, anonymity was meant to shield those struggling to become sober from the stigma of being an alcoholic, a stigma far more marked 75 years ago when there was little research on alcoholism as a medical condition over which its sufferers had little control.

These are the most common considerations when weighing the reasons for anonymity. But the second part of the ideal, spelled out in A.A.’s 12th Tradition, makes the case for observing anonymity within A.A. itself — and it’s worth noting that there’s little, if any, dissension on this subject.

Unlike the more practical 11th Tradition, aimed at the outer world, the 12th Tradition takes a crack at our far more problematic inner world. Stating (somewhat obliquely) that “anonymity is the spiritual foundation of all our traditions, ever reminding us to place principles before personalities,” it’s about cultivating the often overlooked idea of humility, an excellent means for quieting the now-me-more urges that bedevil addictive people more than their peers.

David Colman: Challenging the Second 'A' in A.A.
The New York Times, May 6, 2011

Mittwoch, 7. Juni 2017

Was uns bei der spirituellen Suche unterstützt

"Die meisten westlichen Menschen haben kein Interesse daran, als traditionelle Priester, Mönche oder Nonnen zu leben; doch viele von uns möchten das Leben in unserer Welt mit einer echten spirituellen Praxis verbinden. Dieses Buch handelt von dieser Möglichkeit", leitet Jack Kornfield seinen Klassiker Frag den Buddha und geh den Weg des Herzens ein.

Jack Kornfield trat nach dem Studium der Asienkunde in ein thailändisches Kloster ein. "Als ich ins Kloster ging, hatte ich gehofft, den Qualen meines Familienlebens und den Schwierigkeiten der Welt zu entkommen, aber natürlich folgten sie mir, wohin ich auch ging. Es dauerte viele Jahre, bis mir klar wurde, dass diese Schwierigkeiten Teil meiner Praxis waren."

Kornfield schlägt vor, unser Dasein als Test zu sehen. Oder anders gesagt: Mit einer Geisteshaltung der Bereitschaft zu Abenteuer und Forschung. Konkret: Unangenehme Erfahrungen gehören zum Leben. Wir können lernen, ihnen konstruktiv zu begegnen, wir brauchen nicht zu ihren Opfern zu werden. Folgende fünf Prinzipien können uns dabei helfen: Loslassen. Die Energie umwandeln. Bei Seite legen. In der Vorstellung ausagieren. Achtsam inszenieren.

Nehmen wir das Loslassen. Das klingt leichter als es ist, denn oft sind wir viel zu stark in etwas verstrickt beziehungsweise haften viel zu sehr an einer Geschichte. Es kann auch sein, dass wir etwas nicht mögen und es deshalb weghaben wollen, doch das ist Abwehr und kein Loslassen. "Nur wenn der Geist im Gleichgewicht und unser Herz von Mitgefühl erfüllt ist, ist echtes Loslassen möglich."
Und was macht man, wenn Geist und Herz von diesem Idealzustand weit entfernt sind? Eine sanftere Version versuchen, das Geschehenlassen. "Lassen Sie zu, dass das, was da ist, kommt und geht wie die Wellen des Meeres."

Frag den Buddha und geh den Weg des Herzens ist voller solcher Hinweise, Anregungen und Ermunterungen. Sie verspüren heftige Wut? Und Sie lassen sie zu, versuchen in sie hineinzuspüren, doch sie geht nicht weg, holt Sie immer wieder ein? Gehen Sie in den Wald und schreien Sie sie raus, hacken Sie Holz oder ziehen Sie sich Turnschuhe an und rennen los. Oder verdrängen Sie die Wut, unterdrücken Sie sie für den Moment, vielleicht ist es besser, sich zu einem späteren Zeitpunkt mit ihr zu befassen.

Anstatt der Wirklichkeit davonzulaufen, können wir lernen, uns mit ihr zu konfrontieren. Und das meint unter anderem, nicht vor unserer eigenen Gier, dem Gefühl von Wertlosigkeit und Grössenwahn davonzulaufen, sondern "uns unserer Langeweile, Ungeduld und Angst zu stellen", damit wir "in Berührung mit uns selbst" kommen.

Sein thailändischer Lehrer Achaan Cha hatte Jack Kornfield in jungen Jahren die Richtung vorgegeben. "Er bot eine Lebensweise, einen lebenslänglichen Pfad des Aufwachens, der Aufmerksamkeit, der Hingabe und der inneren Verpflichtung. Er bot ein Glück, das nicht von irgendwelchen der sich ständig verändernden Bedingungen der Welt abhängig war, sondern allein der eigenen mühsamen und bewussten inneren Verwandlung entsprang."

Der spirituelle Weg ist kein einfacher, er verlangt kontinuierliches Üben. Und dieses hört nie auf, für niemanden, auch nicht für Zen-Meister, was dieser Satz eines weisen Praktizierenden treffend auf den Punkt bringt: "Wenn du wirklich etwas über einen Zen-Meister erfahren willst, dann rede mit seiner Frau."

Frag den Buddha und geh den Weg des Herzens ist ein ungemein hilfreiches, ja, ein wertvolles Buch. Das liegt einmal an den vielen praktischen Ratschlägen, dann aber auch an den zahlreichen  Geschichten, die Jack Kornfield von sich selber und von anderen erzählt. Eine meiner liebsten handelt von Mullah Nasrudin und seiner frustrierenden Suche nach Vollkommenheit.

Ob er nie erwogen habe zu heiraten, wurde Nasrudin von einem Freund gefragt. Doch, doch, erwiderte dieser, vor Jahren habe er in Damaskus eine überaus schöne Frau getroffen, die jedoch keinerlei Sinn für das Spirituelle gehabt habe. Später dann sei er in Isfahan auf eine wiederum sehr schöne, zutiefst spirituelle Frau gestossen, doch bei ihr klappte es leider mit der Kommunikation nicht. "In Kairo schliesslich fand ich sie", erzählte er. "Sie war die ideale Frau, spirituell, reizvoll, gelassen im Umgang mit der Welt, einfach in jeder Himsicht vollkommen." "Ja, und hast du sie geheiratet?", fragte der Freund. "Nein", entgegnete der Mullah, "leider suchte sie den vollkommenen Mann."

Jack Kornfield
Frag den Buddha und geh den Weg des Herzens
Was uns bei der spirituellen Suche unterstützt
Kösel Verlag, München 2017