Donnerstag, 18. Januar 2018

"Ich habe aufgehört, weil ich frei sein wollte."

David Sedaris: Ich war volle 25 Jahre am Stück high. So war es auch mit dem Alkohol. Sogar als es nicht mehr so lustig war. Vielleicht hätte ich es früher geschafft, davon loszukommen, aber ich war davon überzeugt, dass ich die Drogen und den Alkohol brauche – um schreiben zu können. Ich hatte so viele Aufträge und musste mich an enge Fristen halten, also war es erforderlich, rund um die Uhr zu schreiben. Abends betrunken zu sein ist eine Sache. Aber morgens um zehn Uhr schon einen sitzen zu haben ist noch mal was anderes. Das war ein regelrechter Weckruf.
ZEITmagazin: Über welche Mengen reden wir?
Sedaris: Ich bin kein Riesenkerl, also fünf Bier auf leeren Magen machen mich schon fertig. Dann folgte ein großes Glas Scotch, meist wurden daraus zwei, dann drei. Danach kamen die Drogen, ich war high, bis ich umkippte. Um davon loszukommen, musste ich meinen Lebensrhythmus ändern, und so begann ich damit, morgens zu schreiben. Nie abends.
ZEITmagazin: Und wie war es mit den harten Drogen?
Sedaris: Ich war komplett abhängig von Crystal Meth Es ging mir so dreckig, ich klaute es von meinen Freunden und war über Tage am Stück wach. Wenn ich heute meine Tagebücher aus der Zeit lese, dann sehe ich, dass ich verrückt war. Meine Rettung: Mein Dealer ist zum Glück irgendwann einfach weggezogen. Da hatte ich keine Quelle mehr. Die Genesung war nicht mal mein Verdienst, aber sie änderte mein Leben. Heute findest du innerhalb weniger Stunden einen neuen Lieferanten, aber damals, 1978, war die Droge nicht so einfach zu bekommen. Von Crystal Meth loszukommen war eins der schwierigsten Dinge, die ich je durchlebt habe.
ZEITmagazin: Wie haben Sie es körperlich geschafft?
Sedaris: Ich habe von einem auf den anderen Tag aufgehört. Ein Tag ohne Drink folgte dem anderen und so weiter. Mit dem Rauchen war es genauso. Ich habe aufgehört, weil ich frei sein wollte. Ich wollte überall hingehen können, egal wann. Das macht das Reisen so viel einfacher. Ich konnte mir viele Jahre gar nicht vorstellen, ohne eine Zigarette in der Hand zu schreiben. Daran denke ich jetzt überhaupt nicht mehr. Ich kann jetzt überall schreiben, im Flugzeug, im Wartezimmer. Ich sage nicht, dass es gut ist, was ich schreibe, aber so gelingt es mir.
ZEITmagazin: Rückblickend, hatten Sie keine Angst, Drogen zu nehmen?
Sedaris: Nein, ich habe alles ausprobiert. Das meiste bereue ich nicht. Aber Kokain habe ich bereut: das ganze Geld, das draufgegangen ist! Heroin habe ich nur einmal genommen, um jemanden zu beeindrucken. Wenn jemand mir gesagt hätte, du wirst high, wenn du deine Fingernägel rauchst – ich hätte das versucht.
ZEITmagazin: Fühlten Sie sich als jemand Besonderes, weil Sie von Ihrer Abhängigkeit losgekommen sind?
Sedaris: Es war jetzt nichts, was andere nicht auch geschafft haben. Viele Leute schmeißen ihre Gewohnheiten über Bord und fangen neu an. So gesehen war ich niemand Besonderes, und es war gut, mir darüber im Klaren zu sein.

Aus: Die ZEIT Nr. 03/2018

Mittwoch, 3. Januar 2018

Keeping the balance of mind

An image often used to describe the practice of insight is that of walking a tightrope.

As we are walking the tightrope, it becomes clear that the one thing we must pay attention to is balance, maintaining perfect poise. While walking on the tightrope, different things come whizzing by us, different sights, and sounds, emotions, ideas, and realizations. If these are pleasant, the conditioned tendency of mind is to reach out, trying to hold onto them, trying to make them stay. If the sights and sounds are unpleasant, the tendency of mind is to reach out in aversion, trying to push them away. In both cases we reach out, and in the reaching, lose our balance and fall.

Both the positive and the negative reactions are equally dangerous. Anything at all, however glorious or terrifying, which causes us to lose the perfect balance of mind, makes us fall. So we work again and again to develop a mind which doesn't react with clinging or condemning, attachment or aversion, to any of these objects. Developing a mind which clings to nought, to absolutely nothing, just allowing it all to come and pass away.

Joseph Goldstein: The Experience of Insight: A Natural Unfolding

Mittwoch, 27. Dezember 2017

True to ourselves

This above all: to thine own self be true, 
and it must follow as the night the day, 
thou canst not then be false to any man
William Shakespeare

To thine own self be true. A grounding statement for those of us who get caught up in the storm of needs and feelings of others.

Listen to the self. What do we need? Are those needs getting met? What do we feel? What do we need to take care of our feelings? What are our feelings telling us about ourselves and the direction we need to go?

What do want to do or say? What are our instincts telling us? Trust them, even if they don't make sense or meet other people's rules or expectations.

Sometimes, the demands of other people and our responsibilities toward others can create a tremendous complicated mess.

We can even convince ourselves that people-pleasing, going against our nature and not being honest, is the kind, honest thing to do.

Not true. Simplify. Back to basics. Let go of the confusion. By honoring and respecting ourselves, we will be true to those around us, even if we displease them momentarily. To thine own self be true. Simple words describing a powerful task that can put us back on track.

Chuck D., 2017

Mittwoch, 20. Dezember 2017

Werde, wer du wirklich bist

Der Titel Werde, wer du wirklich bist suggeriert, dass wir so recht eigentlich noch nicht wir selber sind, dass es etwas in der Tiefe unseres Selbst gibt/geben muss, das ausgegraben und hervorgeholt werden sollte: Das Wahre Selbst.

"Wir sind für die Transzendenz, für endlose Horizonte gemacht, aber unser kleines Ego steht uns normalerweise im Weg – bis wir seine kleinlichen fixen Ideen durchschauen und uns endlich auf die Suche nach einer tieferen Wahrheit machen. Es ist wohl wie bei der Suche nach Diamanten. Wir müssen tief schürfen und zögern doch, schrecken womöglich davor zurück (...) Wir haben uns immer davongestohlen, haben uns davor gedrückt, erwachsen zu werden und uns ernsthaft auf die Suche nach unserem Wahren Selbst zu machen."

Doch was soll das sein, dieses Wahre Selbst? Für Richard Rohr, geboren 1943, ist es die Seele und das Falsche Selbst unser Ego. Über letzteres, das meist der Anerkennung, der Bestätigung durch andere bedarf, sagt der Trappistenmönch Thomas Merton: "Wenn ihr nur gelernt habt, erfolgreich zu sein, ist euer Leben wahrscheinlich sinnlos."

Doch was ist die Seele? Nichts anderes als unsere angeborene Identität, ist Richard Rohr überzeugt, und diese ist schwer zu fassen, was auch "die Klugheit des ursprünglich griechischen Wortes Psyche (Seele) offenbart: Psyche bedeutet wörtlich 'Schmetterling'". Kein Wunder also, entzieht sie sich unserem Zugriff. 

Das Wahre Selbst muss, im Gegensatz zum Falschen Selbst, weder erarbeitet noch verdient werden. "Es ist ein für alle Mal Gnade, für uns alle und für alle Zeit, ohne Ausnahme. Sie steigen nicht zu Ihrem Wahren Selbst auf. Sie fallen hinein, weshalb ich Ihnen dazu rate, das Fallen nicht ganz zu vermeiden."

Das Falsche Selbst besteht aus Äusserlichkeiten. Aussehen, Erfolg, berufliche und soziale Stellung etc., also das, wofür wir uns halten und von dem wir gleichzeitig wissen, dass das nicht alles sein kann, dass da etwas fehlt beziehungsweise etwas ganz grundsätzlich nicht stimmt in 'der Welt.' "'Die Welt' in der Bibel ist ein System wechselseitiger Schmeichelei und ständiger Belohnung des Falschen Selbst."

Immer mehr Bewohner dieser 'Welt' empfinden mehr als nur ein Unbehagen angesichts der Tatsache, dass immer weniger immer reicher und immer mehr immer ärmer werden. Viele gescheite (und weniger gescheite) Ökonomen, Soziologen und Schriftsteller haben nachdenklich machende Bücher darüber geschrieben, was "unser" System alles falsch macht   einige bleiben auf der Strecke, andere,, sofern sie es vermögen, unterziehen sich einer Therapie. "Eine gute Therapie verhilft Ihnen zu Strategien, wie Sie in einer Welt überleben, die voll von Erscheinungsformen des Falschen ist, also in der öffentlichen Welt von Wirtschaft, Politik, Unterhaltung und Leistungssport." 

Die geistliche Beratung, die dem Franziskanerpater Richard Rohr (der Therapie nicht etwa ablehnt, sondern auch mit ihr arbeitet) näher steht, ist grundsätzlicher  hier geht es um eine völlige Neuausrichtung des Selbst. Seine Argumenation – wenig überraschend – gründet hauptsächlich auf biblischen Quellen (und macht einem damit auch den Reichtum der Bibel zugänglich), aber eben nicht nur. Auch Katharina von Siena, Ken Wilber, Flannery O'Connor, C.G. Jung, Bill Wilson und andere kommen zu Wort. 

So sehr ich mit des Autors zentraler Botschaft einig gehe ("Sobald Sie wissen, dass Leben und Tod nicht zweierlei sind, sondern Teil eines Ganzen, werden Sie anfangen, die Wirklichkeit auf eine ganzheitliche, nicht aufgespaltene Weise zu sehen, und aus dieser Veränderung ergibt sich alles andere."), hat mich seine Argumentation oft irritiert. Da schreibt kein Zweifler, sondern ein fest Glaubender ("Wer lebt? Das Göttliche Selbst, das immer gelebt hat, jetzt aber Sie mit einschliesst"), was natürlich nicht gegen ihn spricht, doch bei mir sofort Skepsis hervorruft, denn niemand (und das schliesst die Verfasser der Bibel mit ein) kann verlässliche Angaben über die Ewigkeit (falls es sie denn geben sollte) machen.

Nichtsdestotrotz: Werde, wer du wirklich bist ist nicht nur ein höchst anregendes, sondern ein notwendiges Buch   für Menschen, die sich wirklich mit ihrem Leben auseinandersetzen wollen. "Vielleicht ist Ihnen schon aufgefallen, dass die grossen Meister wie Jesus und Buddha, der heilige Franziskus, sämtliche Teresas (die von Ávila, Lisieux und Kalkutta), Hafis, Kabir und Rumi allesamt wesentlich mehr vom Sterben reden, als wir es gern hätten. Sie alle wissen: Wenn wir die Kunst des Sterbens und Loslassens nicht früh erlernen, werden wir viel zu lange an unserem Falschen Selbst festhalten  bis es uns umbringt."

Richard Rohr
Werde, wer du wirklich bist
Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2017

Mittwoch, 13. Dezember 2017

Angst selbst bewältigen

Wird ein Autor auf dem Buchumschlag mit seinem akademischen Titel vorgestellt, wird damit Sachkompetenz suggeriert, die auch durchaus vorliegen mag, wobei man sich natürlich fragen kann, was einen Mediziner zu Ratschlägen bei Angstproblemen befähigen sollte, da doch Angst so recht eigentlich keine Krankheit ist, sondern zum Leben gehört. 

Anders gesagt: Medizinische Kenntnisse drängen sich bei Angststörungen nur insofern auf, als die Abgabe von Psychopharmaka angezeigt sein mag. Für das Allermeiste, das Dietmar Hansch in diesem umfangreichen Buch aufführt, genügt der gesunde Menschenverstand. Da dieser jedoch eher selten ist, sind die vielfältigen Informationen (inklusive der medizinischen!), die man in diesem gut lesbaren Werk findet, zweifellos für viele hilfreich.

Der Autor tut, was Akademiker so gemeinhin tun. Er geht zurück in die Geschichte, trifft Unterscheidungen, sucht nach Ursachen und Definitionen. Doch darüber hinaus bietet er auch praktische Anleitungen. Gleich zu Beginn hält er Grundlegendes fest. Nämlich: "Das entwicklungsgeschichtlich junge Denken ist schwach gegenüber den alten Instinkten." Und: "Bewusstes Lernen und wiederholte Verhaltensveränderungen führen zu einem Umbau der materiellen Strukturen unseres Gehirns." Ich stehe zwar diesem Glauben an mentale Einflussmöglichkeiten skeptisch gegenüber, doch andererseits: Was bleibt uns anderes übrig, als daran zu arbeiten? Und überhaupt: Das Gehirn zu trainieren, schadet vermutlich nicht.

Dietmar Hansch ist nicht nur Medizinier, sondern auch Psychotherapeut mit verhaltenstherapeutischer Ausrichtung und leitet den Schwerpunkt Angsterkrankungen an der Privatklinik Hohenegg in Meilen am Zürichsee. Er unterscheidet Panikstörungen, Agoraphobie (Platzangst), soziale Phobie sowie generalisierte Angst und weist gleichzeitig darauf hin, dass es da natürlich Überlappungen gibt sowie dass die Ursachen äusserst vielfältig sein können. Klar macht er unter anderem, dass es ein Leben ohne Leid, Stress und unangenehme Gefühle nicht gibt. Wie also damit umgehen? Dagegen zu kämpfen, hält er für keine gute Idee, denn dadurch steigern wir das Leid nur. Ihm aus dem Weg zu gehen, ist auch nicht zu empfehlen, denn es wird uns wieder einholen. "Wenn wir es achtsam annehmen, können wir es aushalten. Wenn wir durch das Leid hindurch handeln, können wir es verhindern und persönlich wachsen."

Ich staune, wie vielfältig und verstörend sich Ängste zeigen können. So wunderte ich mich etwa über Panikattacken im Schlaf und las dann: "Nun, wie für so vieles haben wir dafür im Detail keine sichere Erklärung. Aber immerhin kann man einige Überlegungen anstellen, die eine gewisse Plausibilität haben." Es ist diese unprätentiöse und nüchterne Haltung, die mir dieses Buch sympathisch macht sowie die Tatsache, dass der Autor auch zeigt, wie er selber mit irritierenden Gefühlen umgeht: Man lese den Abschnitt "Gewöhnung hat zwei Gesichter" (Seiten 348 ff.).

Wussten Sie übrigens, was eine Psychose von einer Neurose unterscheidet? "Bei Neurosen ist das Problem die Quantität. 'Neurotiker' haben nichts, was 'Normalos' nicht auch haben, nur eben von einigem zu wenig oder zu viel: zu wenig Antrieb und zu viel Niedergeschlagenheit (Depression) und zu wenig Selbstsicherheit und zu viel Angst (Angsterkrankungen). Bei Psychosen dagegen ist das Problem die Qualität. 'Psychotiker' haben Sachen, die 'Normalos' nicht haben, z.B. Wahnvorstellungen oder das Hören imperativer Stimmen. Überdies treten die psychotischen Symptome längerfristig auf und nicht nur innerhalb kurzer Phasen extremer Erregung."

"Das Praxisbuch", so der Untertitel, hält, was es verspricht: Es bietet eine Fülle an Material und viele nützliche Übungen. Ja, so recht eigentlich könnte/sollte man das Leben als ein einziges, grosses Übungsfeld betrachten, denn auf einer solchen Grundlage akzeptiert man die Dinge, wie sie nun mal sind und versucht möglichst clever mit ihnen klarzukommen. "Life is difficult", lautet der erste Satz in M. Scott Pecks "The road less travelled". Wer das wirklich begreift, für den wird das Leben eine Herausforderung und nicht etwas, das gefälligst anders sein sollte.

Dietmar Hansch ist es damit zu tun, unseren Geist zu stärken, damit er "gegen die Gewalt starker Wellen von Angst oder anderen negativen Gefühlen" gewappnet ist. "Die methodischen Grundprinzipien, auf denen dieses Buch beruht, sind seit Jahrtausenden bewährt." Es empfiehlt sich, mit diesem Buch zu arbeiten. Und zwar in den Phasen, in denen es einem gut beziehungsweise ausreichend gut geht. 

Fazit: Lehr- und hilfreich.

Dr. med. Dietmar Hansch
Angst selbst bewältigen
Das Praxisbuch
Knaur Menssana, Münchern 2017

Mittwoch, 6. Dezember 2017

Just for Today

Just for today I will try to live through this day only, and not tackle my whole life problem at once.

Just for today I will be happy. This assumes to be true what Abraham Lincoln said, that "most folks are as happy as they make up their minds to be."

Just for today I will adjust myself to what is, and not try to adjust everything to my own desires. I wiil take my "luck" as it comes, and fit myself to it.

Just for today I will try to strengthen my mind. I will study. I will learn something useful. I will not be a mental loafer. I will read something that requires effort, thought and concentration.

Just for today I will exercise my soul in three ways; I will do somebody a good turn, and not get found out; if anybody knows of it, it will not count. I will do at least two things I don't want to do - just for exercise. I will not show anyone that my feelings are hurt; they may be hurt, but today I will not show it.

Just for today I will be agreeable. I will look as well as I can, dress becomingly, talk low, act courteously, criticize not one bit, not find fault with anything, and not try to improve or regulate anybody but myself.

Just for today I will have a programme. I may not follow it exactly, but I will have it. I will save myself from two pests: hurry and indecision.

Just for today I will have a quiet half hour all by myself, and relax. During this half hour, sometime, I will try to get a better perspective of my life.

Just for today I will be unafraid. Especially I will not be afraid to enjoy what is beautiful, and to believe that as I give to the world, so the world will give to me.

Mittwoch, 29. November 2017

Endlichkeit & Augenblick

"Leben und Tod kommen immer im Paket –  das eine erhält man nicht ohne das andere", leitet Frank Ostaseski, Mitbegründer des ersten Zen-Hospizes in den USA, seinen Ratgeber Die fünf Einladungen ein. Der Untertitel verdeutlicht, worum es ihm geht Was wir vom Tod lernen können, um erfüllt zu leben. 

Wir alle wissen, dass wir einmal sterben werden. Die gängigste Art und Weise, damit umzugehen, ist die Verdrängung, manchmal retten wir uns auch in den Humor – auf die Frage: Wie seine Einstellung zum Tod sei?, antwortete Woody Allen einmal: Ich bin total dagegen – , die vermutlich wenigsten setzen sich ernsthaft damit auseinander. Frank Ostaseski, massgeblich beeinflusst von Elisabeth Kübler-Ross und Stephen Levine, plädiert für Letzteres.

"Ohne den Tod als Mahner neigen wir dazu, das Leben für etwas Selbstverständliches zu halten, und verlieren uns häufig in der endlosen Jagd nach Bedürfnisbefriedigung. Wenn wir den Tod öfter im Bewusstsein haben, klammern wir uns nicht mehr so sehr am Leben fest." Anders gesagt: Das Leben ist ein Wunder, das jeden Moment stattfindet. Weshalb denn auch die erste von Frank Ostaseskis Einladungen lautet: "Warte nicht."

Das einzig Beständige ist bekanntlich der Wandel. Obwohl wir das wissen, leben wir nicht gemäss dieser Wahrheit. Das ist nicht nur erstaunlich, sondern so recht eigentlich unerklärlich, denn wenn wir wirklich genau hinschauen, werden wir feststellen, dass es gar nichts anderes gibt als diesen Wandel. Wer erkennt, dass er/sie vergänglich ist und seine/ihre Lebensumstände im Fluss sind, wird eine Übereinstimmung mit dem Gesetz von Wandel und Werden erleben.

Es ist überaus hilfreich, "Zuflucht in der Vergänglichkeit zu suchen. Also nicht in der Erwartung, dass sich die Dinge so entwickeln, wie wir es erhoffen oder befürchten, sondern in der Tatsache, dass sie sich auf jeden Fall ändern, ob wir das nun wollen oder nicht."

Was wir vom Tod lernen können, um erfüllt zu leben erzählt ganz viele Geschichten, die dieses "Warte nicht" (wie auch die anderen Einladungen Frank Ostaseskis) eindrücklich illustrieren. Mich haben viele von ihnen angeregt, meine Aufmerksamkeit auf diesen ständigen Wandel zu richten – indem ich mich etwa auf das Pumpen des Herzens und das Ein- und Aus-Atmen konzentrierte sowie mir (recht erfolglos) zu vergegenwärtigen versuchte, dass bei einem erwachsenen Menschen jede Sekunde 50 Millionen Zellen absterben und fast genau so viele neu entstehen. Aber eben nur fast, denn der erwachsene Mensch baut nach und nach ab.

Das Leben gehört konfrontiert. Vorbehaltlos. Frank Ostaseski zeigt an vielen Beispielen, wie das geht. Dabei gibt er nicht den über der Sache stehenden Experten, sondern zeigt sich auch mit seinen Schwächen. Das ist überaus sympathisch, auch wenn es manchmal etwas gar lieb und nett zu und her geht. So fühlte er sich nach einer schweren Herzoperation unattraktiv wie auch nicht mehr liebenswert und machte sich darüber hinaus Sorgen, man würde ihn vergessen. "Glücklicherweise war ich von Menschen umgeben, die mich trotz alledem liebten. Mein Name wurde überall in den buddhistischen Zentren auf die Altäre gesetzt, und meine Freunde und Schüler chanteten meinen Namen bei ihren Gebeten und Praktiken."

So einleuchtend und nützlich ich viele seiner Ausführungen finde, bescheiden ist der Mann nicht, der als "Der bedeutendste Vertreter der Hospizarbeit" auf dem Buchumschlag vorgestellt wird. Sicher, das mag der Verlag zu verantworten haben, doch er lobt sich auch gerne selber. "Im Jahre 2004 gründete ich das Metta Institute zur Förderung achtsamer, mitfühlender Sterbebegleitung. Ich brachte grosse Lehrer zusammen, darunter Ram Dass, Norman Fischer, Rachel Naomi Remen und andere, die einen Lehrkörper von Weltklasse bildeten." Weltklasse in Sachen Sterbegleitung?

Irritierend fand ich überdies des Autors festen Glauben "an unser grundlegendes Gutsein als Menschen" (grundlegend ist meines Erachtens eher unser unbedingter Lebenswille) sowie seine Überzeugung, die Wahl der Worte würde auch unser Handeln bestimmen. "Meine Freundin Rachel Naomi Remen drückt dies besser aus als jeder andere, wenn sie schreibt: 'Helfen, Reparieren und Dienen sind drei unterschiedliche Arten, die Welt zu verstehen. Wenn du hilfst, siehst du das Leben als etwas Schwaches. Wenn du reparierst, siehst du das Leben als etwas Zerbrochenes. Wenn du dienst, siehst du das Leben als etwas Ganzheitliches. Reparieren und Helfen mag Aufgabe des Egos sein, Dienst ist die Aufgabe der Seele."

Eine der für mich bewegendsten Geschichten in diesem Buch ereignete sich anlässlich eines Workshops, den Frank Ostaseski in Berlin leitete. Eine Frau meldete sich: "Ich habe Ihnen zugehört, als Sie über Vergebung sprachen. Aber mein Vater war Gefangener in den Konzentrationslagern, und ich kann seinen Mördern nicht vergeben. Mein Herz ist wie aus Eis." Stille. Eine andere Frau meldete sich: "Mein Herz ist auch wie aus Eis. Es fühlt sich an wie ein Stein. Mein Vater war Nazi-Offizier und als Wachmann in den Lagern. Ich weiss, dass er Menschen getötet hat. Ich kann ihm nicht vergeben." Wiederum Stille. Dann bahnten sich die beiden Frauen den Weg durch den grossen Sitzungssaal mit 250 Menschen und umarmten sich wortlos.

Die fünf Einladungen: Was wir vom Tod lernen können, um erfüllt zu leben ist ein höchst empfehlenswerter Ratgeber, reich sowohl an praktischen Anregungen als auch an erstaunlichen und berührenden Geschichten, die das Leben geschrieben hat.

Frank Ostaseski
Die fünf Einladungen
Was wir vom Tod lernen können, um erfüllt zu leben
Knaur Menssana, München 2017