Mittwoch, 22. November 2017

Eine Reise ins Leben

Ich gehe dieses Buch voreingenommen an. Einerseits kommt es mir vor, dass es zur Zeit gerade gar viele Bücher zum Thema 'Wie uns die Angst vor dem Tod zu leben lehrt' gibt, andererseits kann ich mir nicht recht vorstellen, was mir eine (im Vergleich zu meinen fortgeschrittenen Alter) noch recht junge (1981 geborene) Frau über das Leben und den Tod beibringen soll. Doch waren diese Bedenken bereits nach den ersten paar Seiten von Eine Reise ins Leben oder wie ich lernte, die Angst vor dem Tod zu überwinden wie weggeblasen. 

"Alle meine Lebensjahre hindurch habe ich gelernt, mir Dinge angeignet, mich weitergebildet, ich habe mich aufgerappelt, nach jedem Schicksalsschlag und jedem Schmerz, immer wieder, und das soll das Ergebnis sein? Der Tod? Nein, damit finde ich mich nicht ab. Ich kann nicht. Und das ist ein Problem. Ich kann nämlich nicht mehr schlafen. Ich kann mich nicht entspannen. Ich kann mich nicht loslassen."

Sie tut, was sie tun kann und beginnt, "sich mit dem eigenen Sterben zusammenzudenken." Sie besucht das Leichenschauhaus, den Vortrag eines Kriminalbiologen und setzt sich mit der Beerdigung von Helmut Schmidt auseinander. Sie tut, was Journalisten eben so tun – sie recherchiert. 

Dabei stösst sie auch auf die Top-Ten-Liste der gefragtesten Lieder bei Beerdigungen. 2015 stand 'Time  To Say Goodbye' von Sarah Brightman auf Platz 1 und 'Air Suite Nr. 3 von Johann Sebasian Bach auf Platz 10. Saskia Jungnikl kommentiert: "Ein paar davon kann ich nachvollziehen, so wie Bach, die meisten davon nicht. Ich finde ja 'Here comes the Sun' von George Harrison schön oder auch 'Happy days are here again' von Charles King. Doch beide höre ich lieber jetzt gleich und lebend, als zu wissen, dass sie dann alle anderen hören, während ich tot bin."

Da die meisten Menschen an einer Krankheit sterben, beschliesst Saskia Jungnikl etwas für ihre Gesundheit zu tun. Sie  geht ins Fitnesscenter und merkt, Sport kann gut tun. Auch überlegt sie sich, reich zu werden sowie einen Wohnortswechsel vorzunehmen, denn ihre Internet-Recherchen haben ergeben, dass Reiche länger leben und die Lebenserwartung geografisch variert.

Ich fühlte mich sofort in dieses mit viel Witz und Humor geschriebene Buch hineingezogen, doch so gelungen der Einstieg ist, die Autorin verliert sich leider bald und immer mal wieder, erzählt vom Geburtstag der Mutter auf der Rax, einem Berg in Österreich, von ihrer Heirat und vom Umziehen, gibt Tipps für Trauernde und äussert allerlei Allerweltsgedanken, die uns allen hin und wieder durch den Kopf gehen und nicht weiter bringen. "Die schönen und glücklichen Momente muss man sich selbst schaffen. Es gibt keine ausgleichende Gerechtigkeit, die sich von selbst einstellt."

Glücklicherweise findet sie immer wieder zurück, setzt sich mit Philosophen auseinander, zitiert Studien, sie sie alle ernst zu nehmen scheint, listet skurille Todesfälle auf, plädiert dafür, sich zu öffnen und über das zu reden, was einen wirklich beschäftigt und und und ... mir gefällt diese wunderbare vielfältige Mischung aus Banalem, Durchdachtem und manchmal wenig Durchdachtem. So zitiert sie etwa eine Studie der Mayo-Klink, gemäss welcher "vor allem die 65- bis 80-jährigen Teilnehmer von einem Intervalltraining profitiert hatten", woraus Saskia Jungnil schliesst: "In Sardinien etwa werden die Menschen auch deswegen so alt, weil sie in Bergdörfern oft auf und ab steigen müssen – Intervalltraining wie aus dem Lehrbuch." Anzufügen wäre: Im bolivianischen La Paz (Höhenlage zwischen 3 200 bis 4 100 Meter) ist das hingegen nur zu empfehlen, wenn man den Schwindel nicht scheut.

Eine Reise ins Leben oder wie ich lernte, die Angst vor dem Tod zu überwinden thematisiert auch, wie aus der Angst vor dem Tod ein Geschäft gemacht wird: "Die medizinische Überversorgung von Menschen am Lebensende ist ein Milliardenmarkt. Ein Drittel der Gesundheitskosten entsteht allein im letzten Lebensjahr. Ein Drittel!" Und überhaupt: "Wenn eine Gesellschaft das Altern als Krankheit versteht, wie soll sie dann gelassen und würdevoll altern?"

Meine persönlichen Highlights sind das Kapitel "Lebe", eine starke, intensive Schilderung vom Laufen, sowie diese ganz unspektakuläre Schilderung (bei der es nicht um den Champagner geht!), die schön illustriert, dass sich Zeit zu nehmen das wohl beste Mittel gegen die laufend weniger werdende Lebenszeit ist. "Ich nehme eine Flasche Champagner, die seit Monaten im Kühlschrank liegt, und mache sie auf. Ich habe keinen Anlass. Nur den Moment. Ich sitze auf der Couch, ohne Handy, ohne Fernsehen, ohne Buch oder Zeitschrift. Ich trinke und sitze und schmecke und spüre in mich hinein."

Saskia Jungnikl
Eine Reise ins Leben oder wie ich lernte, 
die Angst vor dem Tod zu überwinden 
Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2017

Mittwoch, 15. November 2017

Die Weisheit eines Yogi

Sadhguru, geboren im südindischen Mysore als Sohn eines Arztes und einer Hausfrau, war ein neugieriges Kind, das die Schule öde fand, und lieber auf eigene Faust die Welt erkundete. Und sich wohl nicht zuletzt deswegen zu einem sehr eigenständigen Denker entwickelt hat.

Die Frage nach dem Was und Warum hat ihn nie interessiert, ihn beschäftigte immer nur das Wie. Er lernte, "einfach ohne jedes Motiv hinzuschauen", eine Fähigkeit, die heute in der Welt fehlt. Und er begriff, dass wie er sein Leben leben wollte, in seiner Hand lag.

Ursprung und Basis jeder menschlichen Erfahrung liegt in unserem Inneren. "Jede menschliche Erfahrung ist zu hundert Prozent von uns selbst geschaffen." Und das bedeutet, das wir unser Schicksal selber gestalten.

Als ein Teilnehmer einer internationalen Konferenz über Armut auf der Erde, provokativ fragte: "Wieso versuchen wir überhaupt, solche Probleme zu lösen? Ist das nicht alles der göttliche Wille?" antwortete Sadhguri: "Tja, wenn jemand anders stirbt oder hungrig ist, muss es wohl der göttliche Wille sein. Aber wenn Ihr eigener Magen leer ist, wenn ihr eigenes Kind an Hunger stirbt, werden Sie doch etwas unternehmen, oder etwa nicht?"

Sadhguru ist praktisch unterwegs, theoretische Überlegungen hält er für wenig relevant, persönliche Verantwortlichkeit ist ihm zentral. "Bei Verantwortlichkeit geht es schlicht um deine Fähigkeit, bewusst zu reagieren. Wenn du beschliesst: 'Ich bin verantwortlich', dann besitzt du diese Fähigkeit; wenn du beschliesst: 'Ich bin nicht verantwortlich', dann besitzt du sie nicht."

Das ist nicht einfach eine Wort- oder Gedankenspielerei, das ist eine Realität, denn: "Sobald du dich verantwortlich fühlst, wirst du unweigerlich Möglichkeiten erkunden, mit der Situation umzugehen. Du wirst nach Lösungen suchen. Wenn du diese Haltung häufig einnimmst, verbessert sich kontinuierlich deine Fähigkeit, deine Lebenslage zu gestalten."

Jeder Mensch, so Sadhguru, lebe ständig in einem Zustand des Mangels. Nichts sei ihm genug, immer wolle er mehr. Sein wahres Bedürfnis sei jedoch grenzenlose Ausdehnung. "Die meisten Menschen sind sich der Natur ihrer Sehnsucht nicht bewusst. Wenn diese einen unbewussten Ausdruck annimmt, sprechen wir von Gier, Bestreben, Ehrgeiz. Findet unsere Sehnsucht hingegen einen bewussten Ausdruck, nennen wir das Yoga."

Im Yoga geht es um Selbstharmonisierung. Wie man diesen bewussten Weg der Selbstentdeckung und Selbstfindung geht, erläutert Sadhguru im zweiten Teil dieses Buches. Dabei stellt er auch Sadhanas (Übungen) vor, die ich wunderbar hilfreich finde. Hier ein Beispiel:

"Setze dich einige Minuten vor eine Pflanze, zum Beispiel einen Baum. Erinnere dich daran, dass du das einatmest, was er Baum ausatmet, und das ausatmest, was der Baum einamet. Auch wenn das keine bewusste Erfahrung darstellt, kannst du so eine geistige Verbindung zu diesem Baum herstellen. Du kannst das mehrmals täglich wiederholen. Nach einigen Tagen wirst du dich allmählich mit allem, was dich umgibt, auf eine neue Weise verbinden. Das wird nicht auf einen einzelnen Baum beschränkt sein."

Die Weisheit eines Yogi ist nicht nur ein eindrücklicher Augenöffner, sondern auch eine überzeugende praktische Anleitung für ein bewusstes und selbstbestimmtes Leben.

Sadhguru
Die Weisheit eines Yogi
Wie innere Veränderung wirklich möglich ist
O.W. Barth, München 2017

Mittwoch, 8. November 2017

Death of a Policeman

On Tuesday, 26 January 2010, one day before the opening of the World Economic Forum (WEF) in Davos, Switzerland, Markus Reinhardt, 61, the head of police of the Swiss canton of Graubünden and chief of security at the WEF, was found dead in his hotel room. He had killed himself with his service weapon.

Markus Reinhardt had had "an alcohol problem" for quite some years, his superiors knew about it. His direct boss, the director of the Department of Justice, Barbara Janom Steiner, stated during a press conference: "His alcohol problems never affected his work".

Now the media became active in their typical fashion.

The Tages-Anzeiger in Zurich interviewed Roberto Zalunardo, the Secretary General ad interim of the Association of Swiss Police Chiefs, who said that these chiefs are under a lot of pressure, that it is very lonely at the top and that they need of course to be able to deal with all that. The reader was left with the impression that the ones who were not able to deal with this kind of pressure might turn to alcohol.

Then, the Aargauer-Zeitung interviewed the former chief of police of the Canton Aargau, Léon Borer, who said that Reinhardt's "alcohol problem" had been known for several years and that "the man could have been saved". How this could have been accomplished, he did not elaborate on.

And then, on 19 February 2010, the Tages-Anzeiger ran a story that challenged the view of Reinhardt's boss, Janom Steiner, that his alcoholism had not affected his job performance by citing several incidences - he had shown up intoxicated at work, had driven his car under the influence of alcohol, he was involved in a car accident and had seen to it that there were no offical records etc. etc.

But let me stop here. For we all know this kind of story, don't we? The government officials give you their lines, some brave journalists make efforts to unmask what they perceive to be a cover-up, and sometimes the truth does prevail ...

For more, go here

Mittwoch, 1. November 2017

Der Natur und sich selbst begegnen

Amy Liptrot ist auf den Orkneyinseln aufgewachsen, einer vom Meer umtosten, windgepeitschten Inselgruppe im Norden von Schottland zwischen Nordsee und Atlantik. Der Hof der Eltern liegt auf der Hauptinsel, auf demselben Breitengrad wie Oslo und Sankt Petersburg. Der Vater leidet an Depressionen und landet zeitweise in der Psychiatrie, die Mutter rettet sich in den Glauben, sie selber flüchtet nach London und in den Alkohol. "Ich trank, bis ich wie tot vor mich hin stierte."

Ihr Trinken wird von Jahr zu Jahr schlimmer. "Das Trinken ergriff von mir Besitz. Während andere arbeiteten und auf Pubabende verzichteten, um die nächste Stufe hinaufzuklettern, leerte ich Bierdosen am Telefon und unterdrückte das Geräusch beim Öffnen, während ich von unerfüllten Ambitionen erzählte."

Sie unternimmt ernsthafte Versuche mit dem Trinken aufzuhören, jedes Mal hält sie etwa einen Monat durch. Schliesslich beschliesst sie, das Trockenwerden an die erste Stelle zu stellen. Sie gibt  ihren Job auf, geht zum Arzt und wird an die örtliche Drogenberatung weiterverwiesen. In der Therapie, die auf dem Programm der Zwölf Schritte der Anonymen Alkoholiker (AA) basiert, lernt sie unter anderem: "Ich werde meine Leben lang anfällig bleiben für Rückfälle und andere Formen von Sucht."

Das Entzugsprogramm ist hart, die wenigsten schaffen es. Sie lernt: Jedes Verlangen ist temporär, immer geht der Drang zu trinken vorüber. Die Gruppengespräche sind hilfreich. "Zu hören, wie Leute im Gefängnis gelebt hatten, in Krankenhäusern, unter fahrendem Volk, in Grossfamilien in Russland oder in Stepney Green zeigte mir Erfahrungswelten, die Lichtjahre entfernt waren von denen mediengesättigter Hochschulabsolventen und ihrem Genörgel auf Twitter."

Sie schafft den Entzug, doch das ist nicht das Ende, sondern erst der Anfang, denn wirklich schwierig ist es, trocken zu bleiben. Sie merkt, dass London nicht mehr richtig ist, sie geht zurück nach Orkney, dahin, wo sie sich nie zugehörig gefühlt hat – und wird wieder zum mürrischen Teenager. Doch sie trinkt nicht und weiss, dass jedes Mal, wenn sie darauf verzichtet, obwohl ihr danach ist, sie neue Nervenbahnen im Gehirn stärkt.

 Sie beschliesst, einen Winter auf Papay zu verbringen, einer der kleinsten bewohnten Inseln im äussersten Norden von Orkney, sechseinhalb Kilometer lang, gut anderthalb Kilometer breit, 70 Einwohner. "Es ist ein Trugschluss zu glauben, Insulaner könnten 'allem entfliehen': An einem so kleinen Ort müssen wir mit unseren Nachbarn mehr Kontakt pflegen als in der Stadt. Im Grossen und Ganzen kommen wir gut miteinander aus."

Die Nachrichten auf der Insel drehen sich ums Wetter, nicht um Politik. Auch wenn sie es gelegentlich vermisst, "zu sehen und gesehen zu werden, und das Gefühl, dicht am Zentrum des Geschehens zu sein", gibt es in Papay jeden Tag einen Moment, an dem ihr das Herz aufgeht. "Wenn ich mich umdrehe zum Beispiel, das Gesicht in den Nordwind halte und den Küstensaum betrachte, an dem ich gerade entlanggelaufen bin. Ich sehe Schwärme von Stärlingen, Hunderte einzelne Vögel, die sich zu fliessenden geometrischen Gebilden formieren und umformieren, um ihre Feinde auszturicksen, und einander folgen, um einen sicheren Platz für die Nacht zu finden."

Von einer Sucht zu genesen, bedeutet mit sich und seiner Umwelt ins Gleichgewicht zu kommen. Dafür ist innere Sammlung nötig und diese ist nicht für alle gleich, den einen helfen AA-Treffen, anderen Meditation und Amy Liptrot tut es vor allem gut, sich in der Natur zu bewegen (man kann das natürlich auch alles abwechselnd tun). "In Bewegung zu sein, beruhigt mich. Mein Körper ist beschäftigt und mein Geist frei."

Sie beginnt sich für Astronomie zu interessieren, geht nachts raus um Sterne zu gucken, lernt Dinge, die ihr gefallen, zum Beispiel, "dass sich peripheres Sehen am besten dazu eignet, in weite Ferne zu sehen – weil ein Gegenstand mitunter verschwindet, wenn man ihn direkt ansieht." Indem sie die Welt kennenlernt, lernt sie sich selber kennen. Es ist eine echte Bereicherung, an Amy Liptrots vielfältigen Entdeckungen teilhaben zu dürfen.

Sie setzt sich auch intensiv mit den Zwölf Schritten der AA auseinander, obwohl sie sich hauptsächlich auf ihre eigenen Therapieformen  Wandern und Schwimmen – verlässt. Sie weiss jetzt, dass Trinken keine Probleme löst und dass 'trocken zu werden' kein Moment ist, "nach dem alles besser wird, sondern ein andauernder, langsamer Prozess des Wiederaufbaus, mit regelmässigen Rückschritten, Schwankungen und Versuchungen." 

Sich dem Leben zu stellen, erfordert Mut. Nachtlichter ist ein höchst eindrückliches Dokument dieses Mutes.

Amy Liptrot
Nachtlichter
btb Verlag, München 2017

Mittwoch, 25. Oktober 2017

CLEAN: Sucht verstehen und überwinden

"Ein revolutionärer Erklärungsansatz und neue Chancen für die Therapie", verspricht der Untertitel von CLEAN: Sucht verstehen und überwinden und natürlich bin ich skeptisch, wenn der behauptete revolutionäre Erklärungsansatz dann auch noch auf der New York Times-Bestsellerliste landet, denn die New York Times und ihre Leser sind eher dem Bewahren (dem Establishment) und weniger der Revolution zuzurechnen.

Neugierig machte mich hingegen die Autorin, denn diese war früher selbst heroin- und kokainabhängig – und für Menschen, die ihre eigene Sucht zum Stillstand gebracht haben, habe ich ein offenes Ohr. Zudem: CLEAN: Sucht verstehen und überwinden erzählt nicht einfach die Geschichte von Maia Szalavitz, sondern berichtet auch von vielfältigen Erkenntnissen aus mehr als 25 Jahren Suchtforschung.

Wer versuche, Sucht präzise zu beschreiben, entdecke schnell, dass die meisten Erklärungen unwissenschaftlich seien, schreibt sie  mir selber ist solche Wissenschaftsgläubigkeit fremd. Maia Szalavitz versteht unter Sucht "ein fehlangepasstes Bewältigungsverhalten, das trotz andauernder negativer Folgen beibehalten wird" und führt aus: "Das Problem mit der heutigen Einstellung zur Sucht besteht darin, dass wir die Bedeutung des Lernens ignorieren und versuchen, die Sucht als medizinische Störung oder moralisches Versagen abzustempeln, obwohl das unpassend ist, und dass wir den runden Pflock ignorieren, den wir in das quadratische Loch getrieben haben."

Es ist beeindruckend, wie viel Wissen (nicht nur über Sucht, sondern über ganz viele seelische Schwierigkeiten) Maia Szalavitz zusammengetragen hat. So erfährt man unter anderem, dass es in Ungarn und Finnland mehr Depressive (inklusive hoher Suizidraten sowie viel Alkoholmissbrauch) gibt als anderswo, aus genetischen Gründen. Zudem ist ungemein berührend, wenn sie von ihrem eigenen Aufwachsen berichtet. "Das Wort 'intensiv' beschrieb nicht nur äusserst genau, wie ich die Welt wahrnahm; es war zudem eines der Adjektive, die andere am häufigsten benutzten, um mich oder mein Verhalten zu beschreiben. Als Teenager kämpfte ich ständig um mehr Lockerheit."

In den USA bildet das 12-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker (AA) den Kern der Therapie der meisten Drogenprogramme. Obwohl die 12-Schritte, die Maia Szalavitz als christliche Suchttherapie charakterisiert, ihr halfen, die ersten fünf Jahre ihrer Genesung durchzustehen, ist sie keine Befürworterin des Programms. "Es gefiel mir nicht, dass Menschen gezwungen wurden, 'ganz unten' zu landen, und dass Moral und Medizin vermischt wurden." Nun ja, die Lösung findet sich im AA-Spruch, den sie auch selber zitiert: "Nimm, was dir gefällt, und lass den Rest liegen."

CLEAN: Sucht verstehen und überwinden richtet sich hauptsächlich an nordamerikanische Leser, denn nur dort gibt es die institutionalisierte 12-Schritte-Therapie, zu der auch Straftäter von Richtern verdonnert werden können. Solcher Zwang dürfe weder Mittelpunkt des Entzugs noch Teil einer professionellen Behandlung sein, meint die Autorin. Recht hat sie, obwohl man sich fragen kann, weshalb denn Zwang einen so ausschliesslich schlechten Ruf hat  ohne inneren oder äusseren Druck (das verstehe ich unter Zwang) wird wohl kaum jemand sein Verhalten ändern.

Maia Szalavitz' Hochachtung vor Studien und Experten, die das ganze Buch durchzieht, finde ich befremdlich. "Niemand würde einem Gehirnchirurgen trauen, dessen einzige 'Ausbildung' darin bestand, dass ihm ein Tumor entfernt wurde. Ebenso dürfen wir nicht glauben, dass ein ehemaliger Süchtiger ein Experte ist." Derart Äpfel mit Birnen zu vermischen (eine Operation, die auch ausgeprägte handwerkliche Fähigkeiten verlangt, ist wohl kaum mit einem Beratungsgespräch zu vergleichen), ist schon recht abstrus, nicht zuletzt, da die Autorin selber mit Hilfe ehemaliger Süchtiger genesen ist. Auch scheint sie die Medizin für eine Wissenschaft zu halten, doch obwohl diese mit wissenschaftlichen Methoden arbeitet, ist sie es nicht (siehe auch: Gesetze der Medizin).

CLEAN: Sucht verstehen und überwinden wehrt sich gegen Stigmatisierung und plädiert für neurologische Vielfalt. Neurologische Unterschiede, die etwa zu Autismus oder anderen diagnostizierbaren 'Störungen' führen, verdienen genauso unseren Respekt wie alle anderen Unterschiede zwischen Menschen. "Wenn wir das Verlangen und den Drang, die bei Süchtigen fehlgeleitet werden, in die richtige Richtung lenken, sind die Ergebnisse erstaunlich."

Maia Szalavitz
CLEAN: Sucht verstehen und überwinden
Ein revolutionärer Erklärungsansatz
und neue Chancen für die Therapie
mvgverlag, München 2017.

Mittwoch, 18. Oktober 2017

"Heute setz ich mir den Todesschuss"

Sieberts haben einen Sohn, der ihnen Ehre macht, und einen, der für den Vater "auf deutsch gesagt: gestrauchelt ist". Als eine erträgliche Balance können Sieberts das nicht empfinden. Herr Siebert hat als Kabelverleger in Postschächten angefangen und wurde dann Beamter im Telegraphenamt.

Sein durch diese Steigerung angehobenes Selbstgefühl und das Behagen an seinem Ältesten, der Medizin studiert, sind versickert in dem Kummer um Manfred. Manfred, der Manni genannt wird und in den Erzählungen seiner Mutter "mein Jenner" heißt, ist heroinsüchtig.

Sieberts wohnen jetzt im Kadettenweg in Berlin-Lichterfelde. Aus der Afrikanischen Straße im Wedding sind sie weggezogen, weil sie sich wegen Manni schämten. Anfang der Siebziger, sagt der Vater, gab's ja noch kein Massensterben in den U-Bahn-Toiletten, da stand noch nicht der Tote des Tages in der BZ.

Manni, fanden seine Eltern, war als Schande einzig. "Herr Siebert", haben welche aus dem Haus gesagt, "so 'n Neubau hat Ohren, wie wär's denn mit Dämmplatten?" Der Manni, sagt Siebert, hat ja infernalisch kotzen müssen. Der ist laut gestorben; und damit er nicht wegmacht, haben wir die Feuerwehr gerufen. Und die Feuerwehr hat sich ihre Wichtigkeit auch nicht nehmen lassen. Die machte aus dem Retten eine Veranstaltung, welche Zuschauer anzieht, damit sie die vertreiben kann.

Wenn der Manni die Etagen runtergetragen wurde, waren die Wohnungstüren schon um jenen Spalt geöffnet, den das eingeklinkte zweite oder dritte Glied der Sicherungskette noch so diskret macht wie ein Astloch.

Einmal, als die Trage auf die Schiene des Feuerwehrwagens gesetzt wurde, schrie jemand aus einem unerleuchteten Parterrefenster: "Schade um jede Mark, die der Staat für deine Erhaltung ausgibt!"

Frau Siebert glaubte, die Katastrophe sei ihr auf die Stirn geschrieben. Sie fühlte sich immer zwischen einem Spalier aus Blicken. Sie geriet in einen Beziehungswahn, in dem jedes Wort, welches die Kassiererin von Bolle mit einer Kundin wechselte, von Manni handelte. Frau Siebert mied dann die angestammten Läden in den umliegenden Blocks. Für ein Brot fuhr sie schließlich zwei Stationen mit der U-Bahn.

Einer von Frau Sieberts Brüdern ist mit zwanzig in Rußland gefallen. Ihre Mutter habe dessen Sterben bildlich immer vor sich gehabt. Sie habe Jahre später plötzlich beim Sonntagskaffee noch geweint, weil sie den Jungen liegen sah. Damals sind aber viele so geendet, sagt Frau Siebert, das war ja Krieg für alle. Das waren Mütter von Soldaten, was für Frau Siebert ein schuldfreies Unglück ist. Es ist ein Unglück, mit dem Frau Siebert manchmal würde tauschen wollen, obwohl Manfred Siebert nicht gestorben ist, sondern über sieben Jahre dem Tod nur öfters nahe war.

Die Fortsetzung findet sich hier

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Innehalten

So recht eigentlich sagt der Titel "Innehalten" schon alles, denkt es so in mir, bevor ich das Buch überhaupt aufgeschlagen habe, und bin dann positiv überrascht, wie viel man dazu noch sagen kann.

Von Martin Heidegger habe ich einmal gelesen, dass er darüber gestaunt habe, dass es tatsächlich etwas gibt und nicht vielmehr nichts. Daran fühlte ich mich erinnert, als ich bei Fleur Sakura Wöss auf diese Sätze stiess: "... dass das Konkrete, Materielle, das, was ist, nur eine Seite darstellt. Das, was nicht ist, kann jedoch genauso wichtig, manchmal sogar wichtiger sein. Heute, in der Zeit des 'Alles ist möglich', sind wir an einem Punkt angelangt, an dem wir für unser Überleben dem Leeren und den Zwischenräumen unsere Aufmerksamkeit schenken sollten. Wir brauchen eine Revolution der Leere."

Warum können wir so schwer innehalten?, fragt die Autorin. Es ist dies keine abstrakte Frage, sie stellt sie sich selber, denn sie tanzt auf allen Hochzeiten, funktioniert, macht Karriere, ist vom selben Anerkennungsbedürfnis getrieben wie wir alle. "Ich konnte nicht mehr stehen bleiben. Irgendwo sind mir die Zischenräume abhanden gekommen, in denen ich Zeit gehabt hätte, mich zu fragen: 'Werde ich von meinen Bildern und Vorstellungen getrieben, und habe ich tatsächlich noch die Zügel in der Hand?'"

"Immer wieder innehalten: täglich, wöchentlich, jährlich, lebenslang" ist ein Kapitel überschreiben und das fasst so recht eigentlich zusammen, worum es in diesem Buch geht. Fleur Sakura Wöss führt diesen Gedanken an ganz vielen konkreten Beispielen aus. Die Anleitungen reichen von "Einmal um den Block gehen" über "Büro-Yoga" zu "Eine Woche 'Almhütte'", zu der sie notiert:

"Ich hatte kein Programm und keinen Plan, und doch hatte mein Tag eine Form. Ich sass im Schaukelstuhl und sah stundenlang in die Natur hinaus. Es entwickelte sich ein Gefühl des Bei-mir-Seins, des Im-Moment-Seins, einer tiefen inneren Stille, die durchwegs eine Art Meditation war – 24 Stunden lang. Aus dem Nichtstun hatte sich ein vollkommen anderes Lebensgefühl gebildet. Ich überliess mich völlig dem Moment und dem, was sich von selbst anbot."

Was Fleur Sakura Wöss hier beschreibt, ist so recht eigentlich das Gegenteil des hyper-aktiven Lebens, das unsere Zeit kennzeichnet. Keine Karriereziele sind hier gefragt, niemand muss wissen, wo er sich in fünf Jahren sieht, nur die Gegenwart gilt es zu erfahren.

Es geht nicht um Spektakuläres in diesem Buch, es geht um Alltägliches. Den wahren Rhythmus wiederzufinden, zum Beispiel, wozu gehört, Pausen zu machen. Doch was offensichtlich scheinen mag, ist vielen Menschen eben doch nicht wirklich klar. "Gerade Menschen in der Wirtschaft, die an Schaltstellen sitzen und für das (Arbeits-)Leben vieler Menschen verantwortlich sind, sollten zuerst ihr eigenes Leben in den Griff bekommen."

Das scheint mir allerdings etwas arg idealistisch gedacht. Sicher, das Coaching von Führungskräften ist in Mode und auch populär, doch Manager, die ihr eigenes Leben im Griff haben, funktionieren nicht mehr so gierig und rücksichtslos wie Manager im kapitalistischen System eben zu funktionieren haben. Zugespitzt gesagt: Zen zu üben (oder zu unterrichten), um des wirtschaftlichen Erfolges Willen, verkennt, worum es im Zen geht.

Nichtsdestotrotz: Innehalten ist ein gelungenes und hilfreiches Buch, reich an praktischen Hinweisen, die uns anleiten, gegenwärtiger und damit wesentlicher zu werden. 

Fleur Sakura Wöss
Innehalten
Zen üben, Atem holen, Kraft schöpfen
Kösel Verlag, München 2017.