Mittwoch, 16. August 2017

Mit Achtsamkeit gegen die Sucht

"Die Buddhisten gehen davon aus, dass der menschliche Geist, das Gehirn, falsch eingestellt ist – etwa so wie ein Uhrwerk, das zu schnell oder zu langsam läuft. Egal wie vernünftig oder geistig fit wir sind: Wir beschäftigen uns viel zu viel mit unserer gesellschaftlichen oder beruflichen Stellung, mit Gedanken an Krankheit und Alter, verzehren uns nach allen möglichen materiellen Dingen oder ärgern uns über unsere Fehler und Schwächen oder die anderer Leute", schreibt der englische Wissenschaftsjournalist James Kingsland in Die Hirnforschung auf Buddhas Spuren. Wie Meditation das Gehirn und das Leben verändert.

Doch was tut man, wenn einen das nicht befriedigt, man da raus will? Zuallerst gilt es, zuzugegeben, dass der Satz "Das Leben ist kein Ponyhof und am Ende bist du tot", nicht nur stimmt, sondern wahr ist. Solch illusionslose Grundehrlichkeit befreit, denn es sind die Illusionen, die uns gefangen nehmen.

Dass das Gehirn formbar ist, ist für Neurowissenschaftler heute ein Gemeinplatz – ihre Forschungen haben bestätigt, was meditierende Buddhisten schon lange wussten. Man spricht von der Plastizität des Gehirns und das meint die Fähigkeit des Gehirns "sich durch Lernprozesse, Erfahrungen und den Erwerb neuer Fähigkeiten immer wieder neu zu vernetzen und seine Strukturen umzugestalten." Anders gesagt: Wer glücklich sein will, kann das lernen.

Charakteristisch für den Menschen ist sein zerstreutes Gehirn. Auch wenn wir uns auf sogenannt Wichtiges zu konzentrieren versuchen, schweifen unsere Gedanken oft ab. Eine Studie von Psychologen der Harvard University ergab, "dass sich erstaunliche 47 Prozent bei dem, was sie gerade tun, ablenken lassen – mit einer einzigen Ausnahme: Beim Sex beträgt die Ablenkungsrate lediglich 10 Prozent."

Solche Ablenkungen tragen dazu bei, dass wir uns unzufrieden fühlen. Anders gesagt: Zerstreuung ist die Ursache für Unglücklichsein. Regelmässiges Meditieren sowie das Einhalten einer strikten Verhaltens- und Denkdisziplin können dem entgegenwirken und dem Wohlbefinden förderlich sein.

Besonders einleuchtend fand ich James Kingslands Ausführungen zum Achtsamkeitstraining, bei dem es wesentlich darum geht, die Menschen neugierig zu machen. So sollen Drogensüchtige ihre Neugier darauf richten, wie sich Sucht und Gier anfühlen. "Dieser Wechsel der Betrachtungsweise, die Dinge nicht mehr 'persönlich zu nehmen', sondern sie leidenschaftslos zu betrachten und sich nicht davon vereinnahmen zu lassen, ist das Grundlegende am Achtsamkeitstraining."

Vom Zerstreuungsmodus in den Achtsamkeitsmodus zu wechseln (und damit stress- und angstfreier zu leben), lässt sich üben. Vielfältige Anregungen dazu finden sich in diesem gut geschriebenen und informativen Buch, das nicht zuletzt überzeugend aufzeigt, dass je realistischer und nüchterner man die Welt wahrzunehmen bereit ist, desto eher das Leben gelingen kann.

James Kingsland
Die Hirnforschung auf Buddhas Spuren. 
Wie Meditation das Gehirn und das Leben verändert
Beltz Verlag, Weinheim Basel 2017

Mittwoch, 9. August 2017

Say how we really feel

I do know that we all want to be happy and we spend a great deal of our lives hunting for the key. No matter how powerful or successful we get, we still can't figure out how to deal with a mind that keeps us up at night, driving us to exhaustion. This isn't just for those who are considered mad, it's for all of us. I wish we could just come out and say how we really feel; I know I'd be so relieved.

Ruby Wax: Sane New World

Mittwoch, 2. August 2017

Ich atme ein, ich atme aus

Es gibt Bücher, die kann man schlecht besprechen. Im Sinne von kritisch würdigen, meine ich. Jedenfalls geht es mir so. Doch man kann solche Bücher vorstellen. Vor allem, wenn sie einem gefallen. Und das möchte ich hier mit Danny Penmans Ich atme ein, ich atme aus tun.

So recht eigentlich sagen der Titel Ich atme ein, ich atme aus und der Untertitel Das Geheimnis der Achtsamkeit schon ziemlich alles, dachte es so in mir, als ich den Buchumschlag anschaute. Doch das war, bevor ich mich damit befasste.

Der Meditationslehrer Danny Penman beginnt sein Büchlein (122 Seiten, kleinformatig, grosse Schrift, wenig Text, zahlreiche Illustrationen) mit der Schilderung eines Gleitschirmflugs, bei dem er abstürzte und nur überlebte, weil er es unter Aufbietung aller Willenskräfte schaffte, zu atmen und deswegen wach zu bleiben.

Doch weshalb soll atmen eine Kunst sein? Wir tun es doch alle, und ständig, und ohne uns gross darum zu kümmern. Weil es etwas anderes ist, wie eine Maschine zu funktionieren, als bewusst zu funktionieren. "Wir atmen 22 000 Mal am Tag. Wie viele dieser Atemzüge nimmst du bewusst wahr?"

"Die Kunst des Atmens besteht darin, auf ganz bestimmte Weise der Atmung Aufmerksamkeit zu schenken. Das ist das Geheimnis der Achtsamkeit und so alt wie die Meditation selbst."

Ich habe das schon oft versucht, häufig unter Anleitung, und fühlte mich meist innert kürzester Zeit gelangweilt. Ich vermute, ich habe nie wirklich verstanden, worauf es dabei ankommt. Als ich jetzt bei Danny Penman lese – "Es geht darum, sich zu verbinden und das Leben in all seiner chaotischen Schönheit zu umarmen – mit all den Fehlern und Macken, die du eben mitbringst." – , geht mir für einen Moment ein Licht auf. Es komme darauf an, solche Momente länger werden zu lassen, habe ich mit vor Jahren aufnotiert.

Wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Und so sehr uns Gewohnheiten helfen, viele Dinge automatisch zu machen und dafür Zeit für Nützlicheres und Interessanteres zu haben, sie können auch zu Fallen und wir zu Automaten werden. "Aber Gewohnheiten sind keine Frage des Schicksals, es sei denn, wir erlauben ihnen, genau das zu sein."

Ich atme ein, ich atme aus ist ein hilfreiches Büchlein, das auch Meditationsanleitungen und nützliche Ratschläge gibt. "Vermutlich bist du heute 36 Minuten damit beschäftigt, dir Sorgen zu machen (das tun die meisten Menschen). Warum gehst du stattdessen nicht lieber an die frische Luft und nimmst ein paar iefe Atemzüge?" Kaum hatte ich dies gelesen, habe ich genau das gemacht. Ntürlich hat es gut getan.

Vor allem aber ist Ich atme ein, ich atme aus eine Aufforderung zum Staunen. Es gilt, die Neugier, die wir als Kinder empfunden haben, wieder hervorzuholen. Spielerische Anregungen dazu bietet dieses grafisch schön gestaltete Werk.

Danny Penman
Ich atme ein, ich atme aus
Kösel Verlag, München 2017

Mittwoch, 26. Juli 2017

Was Sie schon immer über Sucht wissen wollten

Der Titel ist unserem Marketing-Zeitalter geschuldet, soll also nicht wörtlich genommen werden. Er suggeriert, dass man in diesem Buch so recht eigentlich alles zum Thema Sucht finden wird – und so ist es denn auch. Was Sie schon immer über Sucht wissen wollten ist überaus inhaltsreich und informativ, ein umfassendes Nachschlagewerk zu so ziemlich allen denkbaren Aspekten rund um die Sucht.

Der Autor Werner Gross ist niedergelassenener Psychotherapeut und Coach und beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit dem Thema Sucht. Mit diesem Buch, so die Verlagsinformation, wendet er sich an Betroffene, Angehörige und Freunde, Selbsthilfegruppen, Berater in Suchtberatungsstellen und -kliniken, Psychotherapeuten, Berater und Ärzte. Schwer vorstellbar, wer da noch fehlen könnte. 

Im Vorwort lese ich, wovon das Buch handelt: "Aber was genau ist eigentlich Sucht? Was für Auswirkungen hat sie auf die Betroffenen? Wie und in welchen (Lebens-)Bereichen zeigt sie sich? Was sind die wichtigsten Suchtkriterien? Wie entwickelt sich Sucht – und wo sind die Übergänge vom normalen zum süchtigen Verhalten? Ab wann spricht man von Missbrauch? Wo beginnt die Abhängigkeit, die Sucht? Was ist die Gemeinsamkeit zwischen den veschiedenen Formen der Sucht – und wo sind die Unterschiede?"

Doch es geht auch noch um andere Fragen. "Wo finde ich (oder mein süchtiger Angehöriger) Hilfe? Welche Hilfssysteme gibt es überhaupt? Welche Berufsgruppen beschäftigen sich mit dem Thema Sucht? Wie steht es um Selbsthilfe und welche Selbtshilfegruippen im Bereich Sucht gibt es?"

 Ich habe Was Sie schon immer über Sucht wissen wollten nicht von der ersten bis zur letzten Seite gelesen, sondern darin geblättert und mich dann immer wieder in einen Abschnitt hineingelesen. Und bin dabei ständig von Neuem angeregt worden, selbständig weiter zu denken (und das ist einer der wesentlich Gründe, weshalb ich mich in Bücher vertiefe).

Nehmen wir den Abschnitt mit dem Titel "'Infoholics' oder: Leben im Zeitraffer". Werner Gross geht das Thema (wie überhaupt alle Themen) unaufgeregt und sachlich an, macht darauf aufmerksam, dass in unseren hektischen Zeiten immer weniger Menschen Stille und Ruhe aushalten. "So ist auch der Griff nach dem Smartphone ein Schutzmechanismus, um nicht über sich selbst und etwaige aktuelle Probleme nachdenken zu müssen. Durch die ständig verfügbare Ablenkung muss ich mich nicht mit tieferliegenden u.U. schmerzhaften Themen beschäftigen." Gleichzeitig weist er darauf hin, dass es jeder Generation aufgegeben ist, mit neuen technischen Errungenschaften klar zu kommen – was auch den meisten gelingt.

"Ist das wirklich Sucht?" ist ein anderes Thema, mit dem sich der Autor befasst. Wonach man süchtig wird, ist irreleveant, denn: "Letztendlich kann jede Tätigkeit süchtig entgleisen." Werner Gross sieht die Sucht als ein Grundproblem unserer Konsumgesellschaft, denn deren Leitsatz sei: "Noch mehr, noch grösser, noch besser, noch bequemer." Die Folge davon ist, dass wir uns nicht mehr nach unseren Grundbedürfnissen ausrichten, sondern nach dem, "was uns angeboten oder eingeredet wird." Was nottut, ist "eine gesellschaftliche Rückbesinnung auf Lebenswerte, die ein sinnvolles und lustvolles Leben auch ohne Drogen oder süchtige Verhaltensweisen möglich macht" sowie "eine eindeutige, von allen Experten akzeptierte Begriffsbestimmung der Sucht zu finden." Letzteres ist deswegen nötig, da auch stoffungebundene Süchte das Alltagsleben beeinträchtigen und als Krankheiten anerkannt gehören. 

Beeindruckend an diesem Buch fand ich insbesondere die Fähigkeit des Autors auf knappem Raum Wesentliches darzustellen, denn das ist eine Kunst, wie jeder weiss, der selber schreibt. Und ganz besonders gefallen hat mir, dass in diesem Buch auch viel Witz Platz gefunden hat. So sind den einzelnen Themen jeweils zum Schmunzeln einladende Zitate vorangestellt. Eines meiner liebsten stammt von Wilhelm Busch und leitet die Rubrik "Legale Drogen" ein: "Es ist so mit Tabak und Rum: Erst ist man froh, dann fällt man um."

Werner Gross
Was Sie schon immer über Sucht wissen wollten
Springer-Verlag, Berlin Heidelberg 2016

Mittwoch, 19. Juli 2017

Der Selbstheilungscode

Selbstheilungscode, das klingt nach Wunderheilmittel, doch damit hat das Buch des Neurowissenschaftlers Tobias Esch wenig zu tun. Und mit mysteriösem oder esoterischem Geheimwissen schon gar nicht. Auch ist es kein klassischer Ratgeber oder gar ein medizinisches Nachschlagewerk. Also was ist Der Selbstheilungscode denn dann? "Der Versuch, die Schulmedizin, die Naturheilverfahren und die Komplenetämedizin miteinander zu verknüpfen. Wichtig zu betonen ist, dass es mir um eine erweiterte Perspektive geht, nicht um eine gänzlich andere oder gar konträre beziehungsweise 'alternative'."

Selbstheilung ist ein biologisches Prinzip, denn unser Körper will leben. Und dafür tut er alles, was ihm möglich ist und zumeist automatisch, also ohne unser Dazutun. Doch wir können diese Selbstheilungskräfte auch ganz bewusst unterstützen. Wie das gehen kann, davon (und noch von vielem mehr) handelt dieses Buch.

Der Selbstheilungscode bietet eine ungeheuere Fülle an Informationen. Ich will mich hier auf zwei Aspekte beschränken, über die ich zwar schon einiges gelesen habe, aber eben nicht so. Ich rede von der Achtsamkeit und vom Placebo-Effekt.

"Falls Sie morgens quasi mit den Kollegen duschen, weil Sie beim Shampoonieren schon die Arbeit im Kopf haben, anschliessend die Zähne gemeinsam mit der Klassenlehrerin Ihrer Kinder beim nächsten oder noch einmal beim letzten Elternabend putzen und Ihr Frühstück mit den Kriegs- und Panoramanachrichten aus Radio, Smartphone oder Zeitung vermischen – dann sind Sie eigentlich schon mittendrin im Thema Achtsamkeit." Anders gesagt: "Das Hier und Jetzt ist zwar da – nur wir nicht."

Was also ist zu tun? Am sinnvollsten wäre wohl, Achtsamkeit zu einer Lebenshaltung zu machen. "Was wir sehen und wahrnehmen, hängt von unseren Erfahrungen ab, und die wiederum von dem, worauf wir zu achten gelernt haben. Energy flows, where attention goes. Dabei sind wir nicht einfach nur Opfer der äusseren Umstände, wir können den Fokus immer wieder bewusst neu ausrichten." Dafür ist etwas Disziplin und Geduld vonnöten. Und Übung, viel Übung, möglichst unangestrengte.

Was es auch braucht, ist das Gefühl des Zusammenhangs und der Verstehbarkeit. Anders gesagt: die Überzeugung, der Glaube, dass alles irgendeinen Sinn hat. Tobias Esch nennt es Kohärenzgefühl und Kohärenzsinn, andere nennen es Spiritualität. Sicher, man kann auch ohne auskommen, doch wehe, es kommen grosse Krisen oder grosser Stress auf uns zu.

"Achtsamkeit ist Weg und Ziel zugleich." Genauso wie ein gesunder Lebensstil. ausreichend Bewegung, genügend Entspannung sowie eine gute Ernährung. Dabei gilt: tun kommt von tun. Doch werden wir praktisch, nehmen wir den Atem. "Den Atem als Instrument oder Hilfsmittel zu mehr Achtsamkeit zu benutzen ist deshalb so unschlagbar geeignet, weil er grundsätzlich autonom, aber eben doch auch steuerbar und somit eine Schnittmenge aus unbewussten und bewussten, aus körperlichen und geistigen Anteilen in uns bildet. Ausserdem ist er normalerweise immer und überall verfügbar."

Gemäss dem Dalai Lama sind die drei wichtigsten Grundsätze der tibetischen Medizin: der Glaube des Arztes, der Glaube des Patienten sowie das Karma zwischen den beiden. In der westlichen Welt wird das "Placeboeffekt" genannt und meint, dass unsere Erwartungen und unsere Vorstellungskraft wesentlich vielfältiger wirken als uns bewusst ist. Tobias Esch erläutert das an der berühmt gewordenen Studie des US-amerikanischen Orthopäden Bruce Moseley, bei der dieser die eine  Hälfte einer Patientengruppe operierte und bei der anderen nur so tat als ob.

"Während bei der ersten Gruppe zerstörter Knorpel abgetragen, die Oberfläche geglättet und das Gelenk gespült wurde, bekam die zweite Gruppe lediglich zwei Schnitte am Knie. Stattdessen wurden ihnen auf einem Monitor Bilder von echten Operationen gezeigt, sodass sie davon ausgingen, wirklich operiert zu werden. Beim Heilungserfolg gab es keinen Unterschied zwischen beiden Gruppen, auch zwei Jahre nach der Operation nicht."

Wer nun glaubt, der Placeboeffekt bedürfe der Täuschung, irrt. "Placebos können auch wirken, wenn man sie als solche benennt ...". Es ist die Erwartungshaltung, auf die es ankommt. Und die können wir beeinflussen. "Die Kunst liegt darin, die Sinnhaftigkeit – so offensichtlich sie auch sein mag – dauerhaft in den Alltag zu integrieren, damit sie nicht nach anfänglicher Euphorie vom diebisch grinsenden Schweinehund wieder einkassiert wird."

 Der Selbstheilungscode ist ein engagiertes Plädoyer für die aktive Verknüpfung von Körper und Geist, für eine ganzheitliche Sicht auf den Menschen – ein praktisches, pragmatisches und wunderbar hilfreiches Buch.

Prof. Dr. Tobias Esch
Der Selbstheilungscode
Die Neurobiologie von Gesundheit und Zufriedenheit
Beltz Verlag, Weinheim und Basel 2017

Mittwoch, 12. Juli 2017

Mentally not right

If you're checking out whom to do business with, ask what they do to relax on the weekends. If they say helicopter skiing, walk away, they are mentally not right. The most cognitively brilliant people usually had to sacrifice their emotional selves. They live in a fog of facts rarely creating a new one, just regurgitating everything they've ever learnt and we're supposed to think that's smart. That's a walking Wikipedia not a human being. This also might mean they're not top of the class on the morals front. They feel nothing so they can squeeze you dry without a wisp of remorse.

Ruby Wax: Sane New World

Mittwoch, 5. Juli 2017

Wie geht das eigentlich, das Leben?

Sucht und andere psychische Störungen sind im Grunde nichts anderes als destruktive Antworten auf die Frage: Wie geht das eigentlich, das Leben? Dass Lebensverweigerung keine angemessene Antwort ist, das weiss ich. Und das weiss auch jeder Süchtige.

Um möglichen Missverständnissen gleich vorzubeugen: Das ist kein Buch über Sucht, das ist auch kein Buch über psychische Störungen, denn süchtig und krank sind wir so recht eigentlich alle, nur nicht im selben Ausmass. Und das meint: Hilfe brauchen wir alle. Treffend hat es der Psychiater Mark Vonnegut, der als Jugendlicher mit Schizophrenie diagnostiziert worden war, in einem Brief an seinen Vater, den Schriftsteller Kurt Vonnegut, das war 1985, auf den Punkt gebracht: „We are here to help each other get through this thing, whatever it is.“

Viele Süchte und andere seelische Leiden erledigen sich von selbst, denn das Grundprinzip allen Lebens ist das Streben nach Aufrechterhaltung eines Gleichgewichts. Geist und Seele werden ihr Gleichgewicht finden, wenn sich unser Ego ihnen nicht in den Weg stellt.

In Sachen Therapie meint das: der Süchtige steht sich meist selbst im Wege. Und er hat Mühe, sich helfen zu lassen. Gegen diesen Widerstand, sich helfen zu lassen, hat ein Therapeut ohne eigene Suchterfahrung kaum eine Chance, da viele Süchtige Nicht-Süchtige als Helfer ablehnen, denn, so sagen sie, die wissen ja eh nicht wovon sie reden. Ob diese Süchtigen damit recht haben oder nicht, spielt keine Rolle, es reicht, dass sie es glauben. Denn was sie glauben, bestimmt ihr Tun. Und auch ihr Nicht-Tun.

Das ist ein Buch darüber, dass Therapien oft eher Teil des Problems, als Teil der Lösung sind. Das heisst nicht, dass Therapien nichts nützen. Einerseits bringen sie den Therapeuten Arbeit und Verdienst und machen die Pharmaindustrie reich, andrerseits stabilisieren sie die Gesellschaft, indem sie es gelegentlich schaffen, Patienten wieder funktionstüchtig zu machen und dazu sehen, dass die, bei denen das nicht gelingt, in speziellen Einrichtungen betreut werden.

Wer in einem System, das der seelischen Gesundheit wenig zuträglich ist, nicht funktioniert, ist möglicherweise gesünder, als jemand, der darin floriert. Das meint nicht, dass die Insassen psychiatrischer Kliniken alle gesund sind, das meint, dass es mehr als eigenartig ist, diejenigen als gesund gelten zu lassen, die mithelfen, ein System aufrechtzuerhalten, das viele krank macht. 

Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein“, schreibt Flore Vasseur in Kriminelle Bande. Und: „Absurder könnte es nicht sein: Die Zukunft ganzer Länder wird Leuten anvertraut, die auf den Begriff des Gemeinwohls am allergischsten reagieren.“

Hans Durrer
Wie geht das eigentlich, das Leben?
Anregungen zur Selbst- und Welterkundung